Maschinenkinder

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Die Historische Reportage - von 1932

Egon Erwin Kisch

«Eine genügt», sagt der Arzt. Wir haben um die Erlaubnis gebeten, einige Krankheitsgeschichten abschreiben zu dürfen. «Wozu einige? Die Fälle sind im Grunde alle gleich.» Er deutet ringsumher auf die Betten in der Schanghaier Tuberkuloseklinik. Aus unentwickelten Kinderkörpern dringt roter Husten. «Alle sind Fabrikarbeiterinnen, sie haben die gleiche Anamnese und den gleichen Befund. Wozu brauchen Sie einige Krankheitsgeschichten? Eine genügt.» 

Sie genügt wirklich: Tsai-Bi, Mädchen, achtzehn Jahre alt, aus der Provinz Tschekiang stammend, kam vor sieben Jahren mit ihren Eltern nach Schanghai. Arbeitet in Textilfabriken seit ihrem elften Lebensjahr. Erste Menses vor zehn Monaten (im Alter von siebzehn Jahren), die nächste drei Monate später, beide Male geringe Mengen hellen, dünnen Blutes. Später hat sich die Periode nicht wiederholt. In der Fabrik arbeitet Patientin dreizehn Stunden täglich, abwechselnd einmal Nachtschicht, einmal Tagschicht, ausser einer Urlaubswoche im Winter. Vater starb vor fünf Jahren an schleimig-blutigem Durchfall (wahrscheinlich Dysenterie). Mutter lebt und war bisher gesund, leidet in letzter Zeit aber an Husten mit Auswurf. Auch eine Schwester leidet an Husten. Keine sicher festgestellte Tuberkulose in der Familie.

 

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