Mein dünner Freund Andrej

Liebeserklärung an St. Petersburg und seinen letzten Hungerkünstler

Sabine Riedel

Ich habe Russland schon immer geliebt. Liebte Rachmaninow, die süsse Melancholie seiner Klavierkonzerte. Sah das Tiefgründige in den Augen von Jurij Schiwago und fuhr mit ihm durch die Puderzuckerlandschaft eines russischen Winters. Ich kannte Russland nicht, aber ich wusste: Ich liebte es. Und eines Tages fuhr ich tatsächlich hin. Der Kommandoton,
in dem eine uniformierte Russin bei der Passkontrolle «Dokumenti!» schnarrte, hätte mich warnen sollen, aber noch summte in meinen Ohren der Silberklang dieser wunderbaren Frauennamen, Namen wie Sinaida Alexandrowna und Nastassja Filippowna, der mich bei meiner Lektüre von Turgenjew und Dostojewskij verzaubert hatte. Ich war nach Russland gekommen, um Russisch zu lernen. Und ich war nach Petersburg gekommen, weil ich zu viele Gedichte von Brodskij gelesen hatte und mich nicht sattsehen konnte an Nathan Altmans Porträt der Achmatowa, diesem schönen Tatarengesicht mit der aristokratisch modellierten Nase.

Es war Winter, und das ist wirklich nicht die beste Zeit, sich mit Petersburg anzufreunden. Das Wetter in dieser Stadt ist unberechenbar und launisch wie ein von seinem Gouvernantengeschwader verhätschelter Zarewitsch. An einem Tag steht man zähneklappernd an der Haltestelle und fragt sich, was wohl zuerst kommt: der Kältetod oder der Trolleybus. Am nächsten Tag setzt der Himmel sein graues Gesicht auf, Seewind jagt um die Hausecken, Tauwetter flutet Strassen und Hinterhöfe, die zumeist nichts anderes sind als ein Mosaik aus Kratern, gewaltig und tief, als wären sie von der Artillerie der Wehrmacht in den Asphalt gestanzt. Dann wirbelt wieder Ostwind die Coffee-to-go-Pappbecher und leeren Plastikflaschen durch die Prospekte und Pereuloks der Stadt. Wenn ich an solchen Tagen den Newskij entlangging, hatte ich keinen Blick für die Bronzepferde auf der Anitschkow-Brücke, für die barock verspielte Fassade des Stroganow-Palastes. Ich hatte nur Augen für das Eis, das viele Zentimeter dick das Trottoir bedeckte. Ich bewunderte die jungen Russinnen, die sich in ihren Stiefeletten auf bleistiftdünnen Absätzen auf dem Eis bewegten wie junge Elevinnen der nahen Waganowa-Akademie. Ich bewegte mich auf dem Eis wie ein angeschossenes Tier. Zitternd, zaudernd, vorsichtig einen Fuss vor den anderen setzend, schlich ich über diesen Boulevard und fragte mich, warum in Reiseführern, die nicht müde werden, die Schönheit dieser schönsten Strasse in der schönsten Stadt der Welt zu rühmen, nie vom Winter die Rede ist. 

Vielleicht war meine Vorsicht der Fehler. Ich fiel, landete auf dem Rücken, Schmerz schoss heiss durch meinen rechten Arm. Schon stürmten Passanten auf mich zu, drängten sich seitlich an meinem hilflosen Körper vorbei. Immer gewaltiger wurde der Strom, der gerade noch rechtzeitig abbremste, um sich vor mir zu teilen. Ich hob den Blick und erkannte die dreckige Sohle schwerer Stiefel, die jetzt mit breitem, gegrätschten Schritt über das Hindernis in Form eines Menschen setzten. Was hatte ich erwartet? Dass sich jemand zu mir herunterbeugen und mir die Hand reichen würde? 

Anfänglich machte ich auch den Fehler, abends durch die Strassen der Stadt zu schlendern, wobei das Schlendern sehr schnell die Form einer Flucht annahm. Alle zehn Minuten hielt ein Wagen mit kreischenden Bremsen, und ein Seitenfenster wurde heruntergekurbelt. Zunächst missverstand ich dieses Manöver, näherte mich dem Wagen und beugte mich hinunter zum Fenster. Ich war eine Touristin aus dem Westen, geschult im Effizienzdenken, und betrat nie eine unbekannte Stadt ohne Stadtplan. Ich dachte, ich sollte den Einheimischen von meinen Ortskenntnissen profitieren lassen. Ich verstand es als eine bescheidene Fraternisierungsgeste, als meine persönliche vertrauensbildende Massnahme zum Wohle zweier Völker, die sich über Generationen hinweg mit Argwohn und vollem Waffenarsenal auf Abstand gehalten hatten. Aber die Männer hatten ihre eigenen Vorstellungen von völkerverbindenden Gesten.

«Kommst du mit, nach Hause?», fragte der Mann nicht gerade in freundlichem Ton und musterte mich. 

«Njet», sagte ich. 

«Wieso njet?», fragte er. 

Seine Stimme klang jetzt weniger unfreundlich als erstaunt. 

«Wieso njet? He, wieso njet?»

Dann gab der Fahrer Gas, der Beifahrer reckte seinen Kopf weit aus dem Fenster, und in das Spektakel des unter der abrupten Beschleunigung aufheulenden Motors hinein rief er: «Bljad! Bljad!» 

Weil sich das Manöver noch einige Male wiederholte, begriff ich sehr bald die Bedeutung dieses Wortes, das zu einem Vokabular gehörte, das sich die Dozentinnen an meiner Schule weigerten, uns zu lehren. Ich fand, es war ein Fehler. Das Vokabular der Strasse kann eine Waffe sein, und ich hätte gerne ein Wort gewusst, mit dem ich dieses «Bljad!» hätte parieren können. 

Es war Andrej, den ich Wochen später kennenlernen sollte, der mich aus dieser Sprachlosigkeit befreite.

«Was treibst du dich auch abends allein auf der Strasse herum», murrte meine Vermieterin. Das Sprachinstitut hatte mir ein Zimmer in der Wohnung von Valentina Stepanowna zugewiesen. Valentina Stepanowna war zweimal verheiratet gewesen, aber die Männer waren ihr unter nicht ganz geklärten Umständen abhandengekommen. Sie hatte eine Tochter, die sie in die ehemalige Speisekammer verbannt hatte, weil sie die zwei Zimmer ihrer Altstadtwohnung an Studenten wie mich vermietete. Ihre Tochter war Ende zwanzig, noch immer unverheiratet und verbrachte einen grossen Teil ihrer Zeit damit, sich die Nägel zu lackieren und auf den Sprachstudenten zu warten, der sie aus ihrer Speisekammerexistenz erlösen würde. 

Valentina Stepanowna lebte hinter einem Vorhang, der eine Ecke des Flurs gleich im Eingangsbereich als ihr Hoheitsgebiet markierte. Sie lebte auf sehr kleinem Raum, aber komfortabel. Hier war alles, was sie brauchte: ein Bett, ein Fernseher, ein schnurloses Telefon mit Ladestation und ein Kühlschrank. Es war ein Kühlschrank Marke Siemens, ein grosszügiges Abschiedsgeschenk eines deutschen Sprachstudenten fortgeschrittenen Alters. Jeden Abend hatte Valentina Stepanowna die hinter Töpfen und Kasserollen versteckte Flasche Armjanskij Konjak aus ihrem Küchenschrank geholt und dem Deutschen und sich grosszügig eingeschenkt. Und während sie die deutsch-russische Völkerfreundschaft hochleben liessen, so stellte ich mir vor, hatte der Zaubertrunk seine Wirkung entfaltet: Und vor dem vom Konjak getrübten Auge des Deutschen mussten kurz die im Alltagsleben verborgenen Reize seiner Wirtin aufgeglimmt haben. 

So lebte Valentina Stepanowna in ihrer Portiersloge und wachte über Kommen und Gehen. Nichts entging ihrer Aufmerksamkeit. Erhielt ich einen Anruf, stürmte sie ohne anzuklopfen in mein Zimmer, gab mir wortlos das schnurlose Telefon, ging resolut wie ein Dekabristenweib in meinem Zimmer auf und ab und stoppte die Zeit. Nach dem Telefonat
setzte sie die gestoppte Zeit ins Verhältnis zu den Stromeinheiten, die das Gerät verbrauchen würde, um sich wieder aufzuladen. «Das bezahlst du mir», rief sie und stürmte hinaus, zurück auf ihren Beobachtungsposten in der Portiersloge. 

Ich war nicht sehr glücklich in Petersburg. Ganz Russland ist eine einzige offene psychiatrische Anstalt, hatte mich eine Freundin vor meiner Abreise gewarnt. Ich hatte das übertrieben gefunden und fand es auch jetzt noch übertrieben, aber so viel hatte ich verstanden: Der grandiose Versuch, im Laboratorium des Imperiums einen neuen Menschen zu schaffen, den Homo Sovieticus, war gescheitert. Das Ergebnis dieses Experiments, das mir auf der Strasse, in der Metro, in Geschäften begegnete, war nicht besser als ein Westler. Der postsowjetische Mensch war nur anders, und vor allem hatte er schlechte Manieren. 

Der Grad des postsowjetischen Sittenfalls zeigte sich besonders deutlich beim Einsteigen in den Trolleybus, wobei «einsteigen» ein Mass an Zivilisiertheit suggeriert, das dem tatsächlichen Vorgang nicht gerecht wird. Die Menschen kämpften sich die hohen Stufen hinauf, die Hände zu Fäusten geballt, die Arme angewinkelt, mit den Ellbogen die Flanken sichernd. Es war ein Kampf, der jeden radikal vereinzelte. Es machte keinen Unterschied, ob man Mann oder Frau war, Russe oder Ausländer: Die Eroberung des Trolleybusses negierte jede Nationalität, jeden Altersunterschied, jede Geschlechterzugehörigkeit. Auf den Stufen
eines Trolleybusses wurde jeder dem andern zum Feind. 

Die Stunden, die ich in meiner Sprachschule verbrachte, waren die Stunden, in denen ich beinahe glücklich war. Das Spracheninstitut der Staatlichen Universität von Sankt Petersburg befindet sich im Smolnij-Kloster im Osten der Stadt, jenem von Rastrelli konzipierten Barock-ensemble, in dem vor der Revolution deutsche und französische Lehrer den Geist höherer Töchter zum Leuchten brachten – wie Diamantschleifer die stumpfe Textur eines Rohdiamanten. 

Jeden Morgen passierte ich die in grellem Weiss und Türkisblau strahlende Auferstehungskathedrale, vor der schon die ersten Touristenbusse mit laufendem Motor standen. Ich durchquerte den kleinen Park und betrat den langgestreckten Zellentrakt. Meine Schule mit ihrem verspielt barocken, heiteren Interieur war das Rückzugsgebiet der Kultiviertheit. Hier hatte die Höflichkeit überlebt, als hätten die Räume hinter dem Fensterglas, das so alt war, dass man bei genauem Hinsehen die Lufteinschlüsse entdecken konnte, den Sprachduktus einer vergangenen Zeit konserviert. Und wenn die Japaner, die man, auch ohne sie zu sehen, an ihrem schlurfenden Gang erkannte, und die amerikanischen Studenten mit ihren hochtourigen Stimmen hinter den Türen ihrer Klassenzimmer
verschwunden waren und es plötzlich ganz still wurde auf den langen Korridoren, konnte man mit ein wenig Phantasie das Rascheln knöchellanger Taftröcke vernehmen. 

Die meisten Dozentinnen waren in jenem gewissen Alter, in dem russische Frauen anfangen, ihr Haar tizianrot zu färben. Sie hielten wenig von westlicher Pädagogik mit ihrer verlogenen Egalität von Schüler und Lehrer. Sie konnten sehr streng sein, dann wurde ihr Ton schneidend, als kommandierten sie nicht eine Schar mehr oder weniger motivierter Sprachschüler, sondern ein Strafbataillon am Belomorkanal. Über einen Schüler, der ihren Unterricht durch fortgesetztes Schweigen sabotierte, konnte sich eine Dozentin dermassen echauffieren, dass sie ihre oft beachtliche Körpermasse aus ihrem Sessel hinter dem Pult hochstemmte und an das Fenster trat, wo sie vermutlich einen stummen Dialog hielt mit dem Schicksal, das sie an diesen Ort verbannt hatte. Die Fenster unserer Unterrichtszelle waren auch im Winter die meiste Zeit geöffnet, weil der Funktionär, der irgendwo an geheimer Stelle in der Stadt das Binnenklima in Wohnungen und Amtsräumen regelte, es wieder einmal zu gut meinte. Nach ein paar Minuten wandte sich die Dozentin wieder der Klasse zu, und ihre traurigen Augen fahndeten nach einem Schüler, der brav kyrillische Buchstaben in sein Heft malte, hingebungsvoll und mit heiligem Ernst wie ein Bibelkopist. Gäbe es auch nur einen unter all den Südkoreanern, Japanern, Franzosen und Deutschen, der sich ernsthaft um die Sprache Puschkins bemühte, die Liebe dieser Patriotin wäre ihm sicher. 

Jeden Tag fürchtete ich mich vor dem Unterrichtsende, vor dem Moment, da ich die Schule verlassen würde, diesen Ort der Herzlichkeit und des gerechten Zorns. Denn nun wartete die Fahrt im Trolleybus auf mich. Der Bus zuckelte langsam den Suworowskij Prospekt hinunter, legte sich quietschend in die Rechtskurve, bog auf den Ploschad Wosstanija ein, passierte den Moskauer Bahnhof, um endlich, wie jeden Tag, im Nachmittagsstau auf dem Newskij mit einem kurzen Ruck, der die Köpfe der vor sich hin dösenden Passagiere synchron nach hinten warf, stehenzubleiben. Wir standen zwanzig, dreissig Minuten, ohne dass wir uns der nächsten Haltsstelle auch nur einen Zentimeter genähert hätten. Meine Mitpassagiere verzogen keine Miene. Die eben noch bei der Erstürmung des Trolleybusses so muntere Meute sass da in kollektiver Reglosigkeit. 

Ich staunte wieder über die Russen, über diese augenscheinlich grenzenlose Duldsamkeit. Aber warum wunderte ich mich? Der Stau, sagte ich mir, ist nur die neuzeitliche Version der Schlange. Der erzwungene Stillstand in der Überflussgesellschaft ist nur die Fortsetzung des Schlangestehens in der Defizitgesellschaft. Für Generationen von Russen war das Warten Teil ihrer Alltagskultur gewesen, und Worte wie stojats w otscheridi (in der Schlange stehen) oder defizitnij towar (Defizitware) gehörten zu den Vokabeln, die ich gleich in einer der ersten Unterrichtsstunden gelernt hatte, auch wenn es keine Defizitware mehr gab, sondern alles im Überfluss vorhanden war – auch der Müll auf Strassen und Hinterhöfen und im trüben Wasser der Kanäle, die sich so malerisch durch die Stadt winden.

Malerisch waren auch die Fassaden der Altstadt, und man erkannte noch immer unter der Russschicht und den Spuren der Verwahrlosung den Repräsentationswillen jener Bourgeoisie, welche die Sowjetideologie unter all ihren Feinden zum Feind Nummer eins geadelt hatte. Hinter diesem Dekor aus Pilastern, Stuckornamenten und Balkone schulternden Karyatiden konnte der ahnungslose Westtourist auf den Komfort eines gehobenen Lebensstils schliessen. Das war natürlich ein grosser Irrtum, und eines Tages lernte ich die Realität hinter der pittoresken Fassade kennen. 

Denn eines Tages traf ich Andrej, und von nun an würde ich vieles mit anderen Augen sehen.

Andrej lebte in einer dieser Gemeinschaftswohnungen, in welche die Bolschewiki die Wohnungen des Bürgertums verwandelt hatten. Die Kommunalka, so die Ideologie, wäre die Zuchtstätte des neuen Menschen, wäre die kleinste Zelle in einem Erziehungssystem, wo ein rigides Regelwerk und die allgegenwärtig drohende Denunziation den Menschen zum
Homo Sovieticus zurechtschleifen würden. 

Die Denunziation war inzwischen ausser Mode gekommen, und angesichts der überall im Land zu beobachtenden Lockerung der Sitten war es nicht verwunderlich, dass auch der Küchen-, Badbenutzungs- und Putzplan mit einer gewissen postsowjetischen Nachlässigkeit gehandhabt wurde. 

Immerhin hatte die Tradition des Schuhwechsels überlebt. Man streifte noch an der Türschwelle die Strassenschuhe ab, schlüpfte in ein Paar Tapotschki, als wollte man den Zarenpalast mit seinem empfindlichen Intarsienboden besichtigen. Die Pantoffeln waren ausgetreten, und weil die Füsse jedes Besuchers in diesen deformierten Tapotschki keinen Halt fanden, nahm er sofort den typischen Kommunalka-Gang an: einen schurrenden, steten Bodenkontakt haltenden Gang, mit dem er eine Spur in die Schicht aus Staubflusen zog, die den Boden des Korridors bedeckte. 

Zur Gemeinschaft der Kommunalka, in der mein Freund Andrej zu jener Zeit wohnte, gehörte eine Katze, die auf den Namen Susja hörte, oder vielmehr nicht hörte, denn eine Katze hat nun einmal nicht die Sklavennatur eines Männchen machenden Hundes. Susja demonstrierte ihren Freiheitswillen, indem sie mal dem einen, mal einem anderen Bewohner miauend um die Beine strich, und niemand wäre auf die Idee gekommen, ihr das Nachtasyl am Fussende eines Bettes oder auf einem Stapel frisch gewaschener Wäsche streitig zu machen. Sie war eine Hauskatze, und die Aussenwelt präsentierte sich ihr nur in Gestalt verfetteter Tauben, die gurrend auf dem Fenstersims vor dem Küchenfenster auf und ab trippelten. 

Die meisten Bewohner der Gemeinschaftswohnung lernte ich nie kennen. Offenbar gingen sie einer Arbeit nach, die sie weit mehr forderte als die einem Westler vertraute Angestelltenexistenz. 

Anders Tatjana: Sie hatte ihre Arbeit in einem Kindergarten, wo sie mit unermüdlichem Klavierspiel eine wilde Kindermeute zu graziösen Tänzen zu animieren suchte, schon vor Jahren aufgegeben. So war sie zur Hüterin der Gemeinschaftswohnung geworden. Klingelte es unerwartet an der Tür, rief sie mit drohender Stimme: «Kto tam?» Wer da? Als erwartete ein Russe grundsätzlich von überraschenden Besuchen nichts Gutes. Tatjana hatte tizianrotes Haar und aus erster Ehe eine Tochter, die von einer Karriere als Schauspielerin träumte. Tochter Anja war Anfang zwanzig, aber teilte sich noch immer mit ihrer Mutter und Oleg, dem amtierenden Freund Tatjanas, ein Zimmer. 

Oleg war Bildhauer und ein Opfer der postsowjetischen Bilderstürmerei. Da in der neuen Zeit mehr Denkmäler abgerissen als neue errichtet wurden, war er arbeitslos. Manchmal kamen seine Bildhauerfreunde zu Gast. Sie drängten sich dankbar um den Küchentisch, auf dem
dicht an dicht die Schüsseln mit dampfenden Kartoffeln, marinierten Pilzen und eingelegten Gurken standen, und nach 200 Gramm Wodka sah die im Pastellton der untergehenden Sonne eingefärbte Welt jenseits des Küchenfensters sehr freundlich aus. Oleg kam in Fahrt, der Abstand zwischen den Trinksprüchen wurde immer kürzer, schon erhob er sich wieder, in der linken Hand das Gläschen balancierend, mit der rechten Hand Susja vom Tisch stossend, die zwischen den Schüsseln herumtänzelte und mit der Pfote in der Salatschüssel nach einem Gürkchen angelte. Fauchend sprang die Katze vom Tisch, und Oleg rief, in Abwandlung der
alten Losung «Lenin lebte, lebt – und wird leben»: «Freunde, wir waren Bildhauer, sind Bildhauer und werden Bildhauer bleiben.»

An guten Tagen machte Oleg Plow. Die guten Tage waren die Tage, an denen er endlich den Lohn für seine gelegentliche Schwarzarbeit auf einer der vielen Baustellen der Stadt erhalten hatte. Mit einem Hühnchen in der Hand, das er auf dem Markt erbeutet hatte, stand er in der Küche, zufrieden und stolz wie ein Jäger, der einen Zwölfender erlegt hat. Weil er ein grosszügiger Mensch war, lud er Andrej und mich ein, an seinem Glück teilzuhaben. Plow ist ein usbekischer Eintopf. Das Rezept war eines der wenigen Dinge, die Oleg bei seiner Flucht aus Usbekistan gerettet hatte, als das Gift des wieder erwachenden Nationalismus den ethnischen Russen Oleg ausser Landes gejagt hatte. 

Oleg entkorkte eine Flasche Isabella, süssen moldawischen Rotwein (für die Frauen), legte eine Flasche Wodka ins Eisfach (für die Männer), Tatjana kochte Reis, und ich schnippelte Karotten. Die Stimmung war gut, mit jedem Glas Isabella wurde sie noch besser, und auch ich verlangte bald nach einem zweiten Teller Plow. Hin und wieder sprangen Andrej und Oleg von ihren Stühlen auf, wie auf ein geheimes Zeichen, und liefen hinaus, um eine Pjotr Pervij zu rauchen. Sie standen im Treppenhaus und führten vermutlich ihre Männergespräche. 

Manchmal stritten sie, und wenn sie lauter als üblich sprachen, ging es immer um das Militär. Mit Schaudern erinnerte sich Andrej an seine Militärzeit, welche die meisten Russen, Männer wie Oleg, als Schule der Mannwerdung feiern. Für Männer wie Oleg klang der Exerzierschritt
einer Männerkohorte wie Musik, Männer wie Oleg ertrugen heldenhaft die Folterrituale der berüchtigten Dedowtschina. Sie wärmten sich am Geist des Männerbündischen, an diesem Einer-für-alle-und-alle-für-einen-Gedanken, und ihren Fusslappen, die das Militär statt Strümpfen ausgab, entschwebte abends ein identischer würziger Geruch. 

Anders als Oleg hatte Andrej gelitten. Aber er hatte überlebt – dank den Lebensmittelsendungen seiner Mutter und dank den Büchern, die er in einer in Kasernennähe gelegenen Bibliothek ausleihen konnte. 

Tatjana, Anja und ich sassen unterdessen mit geröteten Wangen auf dem Küchendiwan, führten unsere Frauengespräche und beobachteten Susja, die das gekappte Ende einer Karotte über den Linoleumboden kickte. Das Radio lief. Russischer Pop, von Andrej abschätzig Popsa genannt, schwebte durch die Küche, und die süsssauren Aromen einer Herzschmerzrhapsodie vermengten sich mit dem Odeur eines usbekischen Eintopfs. Deutlich vernahm ich das schrille Solo des Wasserhahns, der schon seit einer halben Stunde ununterbrochen lief. In zwei Stunden, wenn es Zeit wäre, dass die Frauen sich um den Abwasch kümmerten, wäre das Wasser von einem knalligen Rostrot zu einem brauchbaren blassen Roséton herabgedimmt. 

Es war inzwischen vier Uhr morgens, und ich war offensichtlich die Einzige, die müde war. Das war nicht erstaunlich, denn die Frauen der Kommunalka standen nie vor ein Uhr mittags auf. Der Lebensrhythmus der Frauen war merkwürdig verschoben, als lebten sie in einer anderen, weit entfernten Zeitzone. Sie hatten es versäumt, ihre innere Uhr dem Zeittakt einer neuen Ordnung anzupassen, einer Ideologie anzupassen, die Wohlstand und lebenslanges Glück dem in Aussicht stellt, der als Zeichen seines guten Willens noch im Morgengrauen aus dem Bett findet. 

Die Frauen liebten russische Serials, noch mehr liebten sie die schlecht synchronisierten Seifenopern brasilianischer Provenienz. Sie folgten andächtig der immer gleichen Dramaturgie aus Kabale und Liebe in diesem fernen Brasilien, in dem alle Menschen reich und schön waren. Wir sollten auswandern, seufzten dann Mutter und Tochter im Duett. Dummerweise waren sie Patrioten. Und Patrioten verlassen nicht einfach ihr Land. Sie liebten Russland (das schönste Land der Welt), und sie liebten Petersburg (die schönste Stadt der Welt). Ihre Liebe zu Russland hatte nichts gemein mit dem aggressiven Nationalismus eines politischen Wirrkopfs wie Schirinowskij. Es war ein freundlicher, schläfriger Patriotismus, der zu nichts verpflichtete und die Frauen von der Anstrengung freisprach, eine fremde Sprache lernen zu müssen. 

Rodina – eto rodina, Heimat ist Heimat, sprachen die isabellaseligen Frauen bei unseren nächtlichen Küchensitzungen. Der Morgen guckte mit aschfarbenem Auge in unsere Küche, Tatjana versenkte die Teller im roséfarbenen Spülwasser, und Oleg beugte sich hinunter zur unteren Tür des Küchenschranks, um hinter Schüsseln, Pfannen und dem Zehnlitersack Trockenfutter für Susja seine Gitarre hervorzuholen. Alte russische Volkslieder, Chansons, die Galgenlieder der Gefangenen – sie kannten sie alle, und mit einer Freude, die mir gänzlich fremd war, weil ich nicht ein einziges deutsches Volkslied kannte, stimmten Andrej, Tatjana und Anja ein. «Was für ein trauriges Land», sagte plötzlich Oleg. Er stellte seine Gitarre zur Seite. Er seufzte und sah mich mitleidig an. «Was für ein trauriges Land», sagte Oleg, «das seine Lieder vergessen hat.»

 

Ich mochte die Intimität dieser Küchengesellschaft, es war die gute Seite des Kommunalkalebens. Die schlechten Seiten: das war die Rottönung der Badewanne, verursacht durch den hohen Rostgehalt des Wassers, das waren die Haare unklarer Herkunft im Waschbeckengrund, war das Lauern vor der Badezimmertür, das Lauern darauf, dass das Geräusch des gurgelnd abfliessenden Wassers auf das baldige Ende des ausgedehnten Schaumbads hoffen liess, in das sich Anja nach jedem Streit mit ihrer Mutter flüchtete.

Das Zimmer Andrejs war klein und hatte vermutlich nicht mehr als die neun Quadratmeter, die einst einem Sowjetbürger zustanden. Es war trapezförmig, und der ungewöhnliche Grundriss, der übereilten Wandziehung in revolutionärer Zeit geschuldet, hätte manchen Bewohner, der sich mit viel Gepäck und eigenen Möbeln einquartierte, vor Probleme gestellt. Aber mein Freund Andrej hatte keine eigenen Möbel. Das Zimmer war ausgefüllt von der Präsenz dreier Möbelstücke, deren Besitzer vielleicht verstorben oder vor langer Zeit vom bolschewistischen Furor enterbt worden waren. Es gab einen Diwan von neobarocker Üppigkeit, dessen stark exponierte Sprungfedern einem Schlafenden wie zornige Kinderfäuste in die Rippen boxten. Vor dem Diwan stand ein Bügelbrett, das mal als Ess-, mal als Schreibtisch diente. Gegenüber, in einem Winkel des Trapezes, lehnte ein dreibeiniger Schrank, dessen Standfestigkeit bei jedem allzu kraftvollen Aufschwenken eines Türflügels in Gefahr geriet. 

Mein Freund Andrej besass fast nichts. Was er besass, besass er in einfacher Ausfertigung: einen Teebecher, einen Teelöffel aus rostfreiem Stahl, ein Feuerzeug, einen alten Wasserkocher. Er besass ein Paar Hosen und ein Paar Schuhe – Importware aus China, angebliches Kunstleder mit dünner Gummisohle, die nach spätestens drei Monaten derart deutliche Spuren der Materialermüdung zeigten, dass Andrej – ansonsten ein Verächter der Wegwerfmentalität – sie im Müllschlucker der Kommunalkaküche entsorgte, wo sie rumpelnd durch fünf Stockwerke fielen. 

Mein Freund Andrej war, wie so viele Bewohner Piters, aus der Provinz gekommen, aus einer nicht gerade kleinen Stadt kurz vor dem Ural, eine 24-Stunden-Zugreise von Petersburg entfernt. Er war das einzige Kind eines pensionierten Provinzfürsten der Kommunistischen Partei, den seine Untertanen achteten, weil er den Asphaltierungsgrad im Strassennetz ihrer Stadt entscheidend erhöht hatte. Er war alles andere als ein typischer Apparatschik gewesen, auch dafür mochten ihn seine Untertanen. Er war unbestechlich und lebte, anders als so mancher Vertreter der Nomenklatura, bescheiden mit Frau und Sohn in einer Zwei-Zimmer-
Wohnung. In dieser typischen Chruschtschowka wurde jeden Abend das Wohnzimmer zum elterlichen Schlafzimmer und jeden Morgen wieder zum Wohnzimmer umgruppiert, während Andrejs Mutter den Schlafgeruch zum weit geöffneten Fenster hinausfächelte. 

Es war keine schlechte Kindheit: Die Kinder der benachbarten Chruschtschowkas bildeten Banden und ergötzen sich an ihren Kriegsspielen – und die Babuschkas bezogen ihre Beobachtungsposten hinter den Fenstern und verfolgten aufmerksam wie Generäle die Truppenbewegungen. Abends kam ein müder, aber glücklicher Andrej nach Hause und präsentierte stolz seine Kriegsverletzungen. Er hatte eine Mutter, die ihren einzigen Sohn liebte, mehr, als es manchen Männern gut tut, weil sie später für die Frauenwelt verloren sind. Und er hatte einen Vater, der Humor besass und immer guter Laune war, denn er war überzeugt, in dieser bipolaren Welt auf der besseren Seite zu stehen. 

Auch als sich abzeichnete, dass der Westen als Sieger aus der Schlacht der Ideologien hervorgehen würde, blieb Andrejs Vater seiner Überzeugung treu und suchte Trost in den Werken von Marx / Engels / Lenin. Traurig sah er, wie die Haare seines Sohnes immer länger wurden. Die Grundsatzdiskussionen zwischen Vater und Sohn nahmen an Schärfe zu und konnten längst nicht mehr den Nachbarn jenseits der dünnen Wände verborgen bleiben. 

Andrej trieb sich im Kreis der örtlichen, längst vom KGB infiltrierten Bohème herum. Hier herrschte eine fast schon familiäre Atmosphäre, man verhöhnte die Losungen der Partei, schmeckte das süsse Gift der Subversion, und Joints minderer Qualität wanderten brüderlich von Hand zu Hand.

Andrej liebte seine Eltern. Das machte es nicht leichter. Gefangen zwischen Loyalität und ideologischem Dissens wie zwischen zwei rotierenden Mühlsteinen, würden sie ihn in ihrer steten Bewegung irgendwann zermahlen. 

Die Rettung hiess: Petersburg. Petersburg hiess damals noch Leningrad, und Andrej erkaufte sich seine Eintrittskarte, die Propiska, indem er sich für zwei Jahre als Bauarbeiter verpflichtete. Er hatte nicht gerade das, was die Russen «goldene Hände» nennen, aber er würde diese Zeit schon überstehen, ohne sich die Hände so sehr zu ruinieren, dass sie für ein Leben als Künstler nicht mehr taugten. 

Er kam in der Perestroika-Phase, als sich der Systembruch gerade warmzulaufen begann. Es waren schwere Zeiten: Das Sortiment in den staatlichen Lebensmittelläden wurde immer kärglicher. Die Preise, der neuen Logik von Angebot und Nachfrage gehorchend, schnellten in die Höhe. Spekulanten mit ihrem Hasardeurspiel der künstlichen Verknappung lieferten einen Vorgeschmack auf die Mechanismen eines liberalisierten Marktes … Und es muss Momente gegeben haben, da sich Andrej nach Mamas Cholodez (mit Knoblauch gewürzte, gelierte Schweinefüsse) und ihren hühnereiergrossen Pelmeni sehnte. 

Andrej war arm und würde arm bleiben. Er liess die Haare weiter wachsen und bändigte seine naturkrause Mähne mit dem breiten Gummiband von Mamas Einweckgläsern. Während sich unter den Neureichen das aus dem Westen importierte Labelbewusstsein etablierte, trug Andrej seine No-Name-Kluft. Er trug sie selbstverständlich wie der Bisnesman seinen Cashmeremantel und die weisse Plastiktasche, in der er alles für einen Künstler Bedeutungsvolle verwahrte (eine Schachtel Pjotr Pervij, Feuerzeug, Buch, Notizbuch, Kugelschreiber), selbstbewusst, als wäre sie eine Aktentasche aus Kalbsleder. 

Ohne dass es ihm zur Posse geriet, deutete Andrej seine Armut zum Akt der Askese um, seine Besitzlosigkeit zum Triumph des freien Willens. 

Er war ein unpolitischer Mensch. Systeme kamen und kollabierten im toten Winkel seiner Aufmerksamkeit. Die Politikerprosa erschien ihm systemübergreifend wie kosmisches Rauschen, das als Kommentar zu seinen Alltagsnöten nicht taugte. Und wie er als jugendlicher Provinzrebell die Losungen des Kommunismus verlacht und das Pathos der Maiparaden nur im Wodkarausch ertragen hatte, misstraute er jetzt den Glücksversprechen des Konsumismus. Materieller Besitz, sofern es nicht Bücher waren, war ihm Ballast und hätte sein Etappendasein in wechselnden Petersburger Gemeinschaftsquartieren nur unnötig beschwert. 

Er war ein Systemverweigerer, weniger aus ideologischer Überzeugung, sondern aus der Einsicht heraus, dass er zum Angestellten nicht taugte. Eine Woche im Büro wäre sein geistiger Tod gewesen. Er besass nicht die Qualitäten der Neuen Russen, besass weder Geschäftssinn noch Skrupellosigkeit. Und über die richtigen Beziehungen zur letzten Funktionärselite des Komsomol, aus der sich während der Jelzin-Herrschaft der neue Geldadel rekrutiert hatte, verfügte er auch nicht. 

Gelegentlich war er bei den Neureichen zu Gast, geduldet, wie einst die höfische Gesellschaft den Narren an ihrer Speisetafel geduldet hatte. Nach zwei Jahren Zwangsarbeit auf Petersburger Baustellen spielte Andrej inzwischen in einem Folkloreensemble, das gelegentlich für die Hochzeitsfeier eines Neuen Russen verpflichtet wurde. Das Ensemble kostümierte sich nostalgisch, die Männer trugen hochgeschlossene Russenkittel mit kurzem Stehkragen, die Frauen schwingende Röcke und ihre langen Haare zu Zöpfen geflochten. Andrej hockte auf einem Schemel, seine schweren Bauarbeiterfinger tanzten erstaunlich wendig auf den Knöpfen der Gamoschka, und die Lerchenstimmen der Frauen brachen sich am kalten Glanz der Marmorwände. Andrej wirkte geistesabwesend, seine Augen schienen wie nach innen gekehrt, als wollten sie den Blickkontakt meiden mit all den vergoldeten Löwenköpfen aus dem Hause Versace, die ihn von jeder Vase, jeder Tasse und jedem Spiegelrahmen anstarrten. 

 

Die Erwerbsbiografie Andrejs war die eines Gelegenheitsarbeiters, lückenhaft und von häufigen Wechseln der Arbeitsstelle gezeichnet. Sie erinnerte mich an das Leben von Joseph Brodskij. Nicht ohne Stolz sah ich meinen Freund Andrej in der Tradition der sowjetischen, durch Armut und Repression geadelten Poeten. Er war der Letzte von ihnen, der Letzte in der Ahnengalerie der grossen Dissidenten. 

Mit fünfzehn war Brodskij eines Wintermorgens «ohne ersichtlichen Grund», wie er in seinen «Erinnerungen an Leningrad» schreibt, mitten im Unterricht aufgestanden und hatte, umflutet von einem vagen Glücksgefühl, seinen «melodramatischen Abgang» durch das Schultor genommen. Danach hatte er im lockeren Wechsel als Fräser in einem Rüstungsbetrieb, als Helfer in der Leichenhalle eines Krankenhauses gearbeitet, und in den Intervallen zwischen zwei gesellschaftlich unverdächtigen Tätigkeiten schrieb er Gedichte. Einer wie Brodskij taugte nicht zum Helden der Arbeit, er verweigerte sich dem Ehrenkodex einer neuen
Arbeiteraristokratie, und weil das Mass an demonstrierter geistiger Unabhängigkeit in den Augen eines repressiven Systems die Grenze zur Subversion überschritt, büsste der spätere Nobelpreisträger sein «Parasitentum» mit fünf Jahren Zwangsarbeit im hohen russischen Norden. 

Das postsowjetische System war natürlich permissiver oder auch nur gleichgültiger und verzieh einem Staatsbürger wie Andrej das Erratische seiner Erwerbsbiografie. Eine Weile arbeitete er in einem Kindergarten und verschwendete sein Talent im Dienst musikalischer Früherziehung. Als Hausmeister kehrte er den von der Russluft gefärbten Schnee und nach der Schneeschmelze die Reste westlicher Importwaren zusammen: leere Colaflaschen und zertretene Marlboropackungen. Ich glaube, er war der einzige Mann, der diese niedere Dienstleistung versah. Auf den Strassen von Petersburg sah ich nur Frauen, die mit ihrem Besen aus Birkenreisig die Hinterlassenschaften der Passanten zusammenschoben – als wäre das Aufräumen ausschliesslich eine Angelegenheit der Frauen.

Andrej kannte keinen beruflichen Ehrgeiz. Er war entschlossen, sein Leben der Kunst zu widmen. Zunächst versuchte er es mit Musik. Er studierte eine Weile Jazz. Dann schrieb er sich in der Universität ein, las die Werke der grossen Philosophen und beeindruckte seine Professoren durch die analytische Tiefe seines Denkens. Eingeschüchtert durch die Brillanz seines Geistes, erliessen sie ihm einen Teil der Abschlussprüfungen und händigten ihm sein Diplom aus. Andrej verstaute das Stück Pappe im dreibeinigen Schrank seines Kommunalka-Zimmers und suchte eine neue Herausforderung.

Er entdeckte das Schreiben und erwählte den toten Daniil Charms zu seinem Lehrmeister: den freundlichen Provokateur, der das Pathos entlarvt und Autoritäten demaskiert, der mit der Musik des Gelächters über die Fanfarenklänge der Maiparaden triumphiert. Den Meister des schwarzen Humors, in der Sowjetunion unter Schweigen begraben, auferstanden zu literarischer Grösse zur Zeit der Perestroika.

 

Als ich Andrej kennenlernte, bewachte er jede Nacht ein Bürogebäude in einer Parallelstrasse des Newskij. Das Haus war renoviert, der lange Flur frisch gefliest, und das Besucher-WC wirkte – zu meiner Freude – sauber bis zur Keimfreiheit. Auf drei Stockwerken hatte sich
eine neue Gesellschaft aus Dienstleistern und Start-ups etabliert. Hinter der Eingangstür stand ein schmaler Tisch, darauf ein Monitor, eine Gegensprechanlage mit jenem magischen Knopf, der dem Besucher den Zugang zu diesem Universum russischen Jungunternehmertums öffnen oder verweigern konnte. Über dem Portierstisch summten Tag und Nacht Neonröhren und warfen ihr garstiges Licht auf die Seiten seines karierten Notizbuchs, das Andrej sofort öffnete, sobald er auf dem Stuhl Platz nahm, der noch die Körperwärme des Tagportiers konservierte.

Nach und nach verliessen die Jungunternehmer ihre nach «europäischem Standard» designten Büros, rauschten mit energischem Schritt die Treppen hinunter, und die Heftigkeit ihrer Bewegungen verwirbelte die Aromen ihres Aftershaves. Andrej hatte strikte Anweisungen, niemandem zu öffnen. Das kam ihm sehr gelegen, so konnte er sich, sobald gegen elf Uhr der Letzte seiner Dienstherren gegangen war, ganz seiner Romanproduktion widmen. Nur manchmal unterbrach ein Klingeln seinen Kreativitätsschub, und das vom Kameraauge eingefangene Gesicht des nächtlichen Störers leuchtete kurz, ins Fratzenhafte verzerrt, auf dem Monitor vor den eng beschriebenen Notizbuchseiten auf. 

Vor der Wachablösung gegen sieben Uhr morgens gönnte sich mein Freund Andrej zwei, drei Stunden Schlaf. In einem Hohlraum unter der Treppe gab es ein improvisiertes Möbellager, in das die Jungunternehmer das aus der Mode gekommene Mobiliar sowjetischer Produktion gestopft hatten. Andrej zerrte einen der solideren Stühle aus dem Kabuff. Und in halb aufrechter Haltung, den Rücken gestützt durch die Lehne des Portiersstuhls, die Füsse auf einem der ausrangierten Stühle gebettet, fiel mein Dichter in einen kurzen Schlaf.

Nach zwei Jahren hatte er seinen ersten Roman geschrieben – einen Schelmenroman, den ein Moskauer Verlag publizierte, nachdem er die Zahl der «four-letter words» drastisch reduziert hatte. Dass die literarisch interessierte Welt von diesem Debüt des Sprachprovokateurs in der Tradition des grossen Daniil Charms keine Notiz nahm, entmutigte meinen Freund Andrej nicht. Schon sammelte er Ideen für einen neuen Roman, und die besten Ideen fand er im Gehen.

«Poschli», sagte er zu mir, poschli, gehen wir. Er sagte das oft, denn er war ein obsessiver Geher. Hier, auf der Strasse, fand er zu seinem Rhythmus. Er ging mit einer Ausdauer und ohne ein Zeichen der Ermüdung wie ein olympischer Geher, der sein tägliches Trainingspensum absolviert. Ich folgte ihm, mit zunehmend schleppendem Schritt – den Blick auch in eisfreier Zeit meistens auf das Trottoir gerichtet, nach Pfützen und ungesicherten Baustellen fahndend.

Noch eine Bedeutung hatte das Gehen, hatte die Strasse: Es war die Suche nach Privatsphäre im öffentlichen Raum. Das klingt nur im ersten Moment paradox. Seit den Zeiten Brodskijs, der hinter der pompösen Fassade des Muruzi-Palais am Litejnij Prospekt mit Mutter und Vater bis zu seiner erzwungenen Emigration in einem Zimmer lebte, hatte sich wenig geändert. «Wir hatten nie ein eigenes Zimmer», erinnerte sich Brodskij später in seinem amerikanischen Exil, «in das wir unsere Mädchen hätten locken können … Unsere Liebesgeschichten waren zumeist Spaziergeh- und Redegeschichten; hätten wir Kilometergeld zahlen müssen, wären astronomische Summen zusammengekommen. Alte Lagerhäuser, Flussquais in Industrievierteln, starre Bänke in nassen Parks … – das waren die Standardhintergründe für unsere ersten himmelhoch jauchzenden Wonnen.» Ich erinnerte mich daran und sah auf einmal die Liebespaare, die selbst im eisigen Frühjahrswind stundenlang auf den wenigen Bänken im Taurischen Park sassen, ganz ineinander verschlungen, mit anderen Augen. 

 

Auch Andrej war verheiratet gewesen, ohne dass ich sagen könnte, ob die Geschichte auf einer kalten Parkbank ihren Anfang genommen hatte. Er hatte sich bald nach seiner Ankunft in Petersburg in eine Tatarin verliebt, genauer gesagt, er hatte sich, wie er mir gestand, in
ihre Beine verliebt. Nach einigen Jahren packte er seinen Besitz in eine Plastiktüte und überliess ihr das Zimmer, in dem sich die Liebe unter den Zumutungen des Kommunalkalebens verflüchtigt hatte.

Ich glaube, Frauen mochten ihn. Er war anders als die meisten russischen Männer mit ihren Macho-Attitüden, ihren ungepflegten Fingernägeln und schlechten Manieren. Mein Freund Andrej war sanftmütig, und sein gelegentlich clowneskes Auftreten, seine Slapstickeinlagen – in Wahrheit eine Verbeugung vor Daniil Charms, dem Meister des klugen Klamauks – sicherten ihm den Ruf, er habe sein reines, kindliches Gemüt noch als Erwachsener konserviert. Dieses grosse Kind machte den Frauen keine Angst und stimulierte in ihnen den Reflex fürsorglicher Zuwendung. 

Eine Zeit lang arbeitete Andrej in einem Kindertheater. Er war Kulissenschieber, Licht- und Toningenieur, was nicht viel mehr bedeutete, als im richtigen Moment die Regler hoch- oder runterzufahren. In den Intervallen zwischen den Reglerbewegungen blieb ihm Zeit zum Lesen und Schreiben. 

Nach der Aufführung folgte der inoffizielle Teil. Schliesslich gibt es auch im postsowjetischen Russland immer etwas zu feiern, den Tag der Armee, den Internationalen Frauentag, den Tag des Lehrers, und sicher gibt es auch den Tag des Schauspielers, und sobald die Kindermeute im Foyer des kleinen Theaters ihre Mäntel und Mützen übergestreift hatte und durch die schwere Eisentür nach draussen in den Hof gestürmt war, deckten die Frauen den Tisch. Es gab wie immer Wodka, Torte und selbstgemachte Salate. Manchmal spielte Andrej auf seiner Gamoschka, mit diesem weltabgewandten Blick, und die Frauen schoben ihm die mit dicken Wurstscheiben belegten buterbrodij in den Mund. 

Die Frauen ahnten nicht, dass sie einen noch unentdeckten Schriftsteller und diplomierten Philosophen nährten. Er blieb ihr Kulissenschieber, ihr Andruschenka, dem sie sprachlich die Form des ewigen Kinds verpassten.

Seit seiner Scheidung war mein dünner Freund Andrej noch dünner geworden, sein Metabolismus fügte sich und schickte immer seltener Hungersignale. Wenn ihn nachts seine unterbeschäftigten Verdauungsorgane mit einem lauten Grummeln aus dem Schlaf rissen, richtete sich Andrej auf seinem Diwan auf, schüttelte den Schlaf aus seiner Mähne, schurrte in seinen chinesischen Schuhen über den Korridor und öffnete die Tür zum Treppenhaus. In der Hand hielt er Pjotr Pervij – ein echter Freund in diesen Hungermomenten. Manchmal schlüpfte Susja, das nachtaktive Tier, an seinen Beinen vorbei und starrte mit weit geöffneten Pupillen auf die glühende Zigarettenspitze, die in die Nachtschwärze des Treppenhauses ein Loch brannte. 

Ich habe viel gelernt von Menschen wie Andrej, Oleg und Tatjana. Ich habe gelernt, dass das Einverständnis mit dem eigenen Leben nicht proportional wächst zur Anzahl der Schuhe. Ich bekam eine Vorstellung davon, wie glücklich ein Volk ist, das seine Lieder nicht vergessen
hat. Ich lernte die Vorzüge des Gleichmuts.

Ich wurde gelassener gegenüber dem Odeur russischer Treppenhäuser, dieser Melange aus Staub, Kartoffelschalen und Katzenurin, gelassener gegenüber dem Anblick russischer Hinterhöfe, wo sich die Pfandjäger nach leeren Flaschen bückten.

Ich war auch nicht mehr so ungeduldig, wenn der Trolleybus wieder einmal im Nachmittagsstau auf dem Newskij feststeckte. Im Gegenteil: Jetzt machte ich es wie die Russen, nahm die Zeit des Stillstands als geschenkte Zeit, wischte mit einem Taschentuch ein Sichtloch auf der Scheibe frei, wo der Atem des Buskollektivs kondensierte, und studierte die modischen Extravaganzen der jungen Russinnen, die vorbeitänzelten. Besonders freute es mich, wenn der Trolleybus schon auf dem Ploschad Wosstanija zum Halten kam. Gegenüber des Moskauer Bahnhofs steht das «Oktjabraskaja», ein Hotel von majestätischen Ausmassen. Ich freute mich am Mintgrün seiner Fassade und mehr noch an den überdimensionierten, im Dunkel illuminierten Lettern auf dem Dach des Hotels: Gorod Geroj – Leningrad. Heldenstadt Leningrad. 

Ich hatte noch nie in einer Heldenstadt gelebt, aber wenn ich jetzt diesen Schriftzug sah, war ich dankbar und auch ein wenig stolz, dass mein Touristenvisum mich zumindest zu einer passageren Bewohnerin dieser Stadt machte.

Meine Petersburger Helden sind tot: Charms ist in einem Petersburger Gefängnis verhungert, Brodskijs Herz hörte auf einer Strasse in New York einfach auf zu schlagen. 

Und an einem Februartag 2011 starb mein Freund Andrej. Er starb an zu vielen Pjotr Pervij, an zu vielen Nächten auf zwei Stühlen, und er starb – davon bin ich überzeugt – an der Russluft von Petersburg, die nicht nur die Fassaden der Bürgerhäuser schwarz färbt. 

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