Mein Gesicht in Nepal

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Dayita wird als Waise von deutschen Eltern adoptiert. Jahre später erreicht sie ein Brief ihrer tot geglaubten Mutter.

Markus Wanzeck

Nicht einmal der Klang ihres Namens ist ihr geblieben. Sie weiss nicht mehr, wann sie geboren wurde. Ihre ganze Lebensgeschichte ist mit Fragwürdigkeiten durchsetzt. Sie ändert je nach Sichtweise, wie ein Vexierbild, ihren Inhalt. Und dann, immer wieder und kaum zu fassen: fremde Menschen, die sie anstarren, in Tränen ausbrechen. Es ist ein lauer, dämmriger Spätsommerabend, an dem alles um sie zu wanken beginnt. Als wäre die Welt in schwere See geraten. Dayita steht vor einem Kiosk aus blauem, verbeultem Blech, und der Kiosk wackelt, der lehmige Boden wankt, die ganze Stadt schaukelt. Menschen schreien. Dann wird es dunkel.

Früher sind es die anderen gewesen, denen Dayitas Lebensgeschichte fragwürdig schien. Freunden der Familie. Klassenkameraden. Auch Passanten, manchmal. Und warum auch nicht? Schliesslich sah sie anders aus als ihre Eltern, überhaupt als die allermeisten anderen Menschen im Münsterland.

Haben Neugierige sie auf ihre dunkle Hautfarbe angesprochen, erzählte sie eben, was ihre Eltern ihr erzählt hatten, meist die Kurzversion: «Ich bin Waise, wurde als kleines Kind aus Nepal adoptiert. Meine deutsche Mutter hatte dort in einem Leprahospital mitgeholfen und so meine leibliche Mutter getroffen. Diese bat sie, weil sie bald sterben würde, mich nach Deutschland mitzunehmen.»

Ihr Herkunftsland war ihr nie Heimat. Nepal, das war fern, bunt, abenteuerlich. Berge, die sich in atemberaubende Höhen auftürmten, «Dach der Welt» – ab und an haben ihr ihre Eltern Bildbände gezeigt. Schön, ja. Als Urlaubsziel aber indiskutabel. Dort gab es ja nicht mal einen Strand.

Dayita Kleimann, so soll sie hier heissen, ist im flachsten Flachland aufgewachsen. Nahe Niedersachsen. Unweit der Niederlande. In einem doppelstöckigen Backsteinhaus, mit grossem Garten, einer Garage für den Audi A8 und einer zweiten für den Geländewagen. In die Berge ist sie nur für Skiurlaube gekommen. Ihr Vater fotografierte sie bei den ersten Fahrversuchen, fürs Familienalbum, in dem weitere Motive sie als glückliches Mädchen zeigen: Dayita am Klavier. Dayita samt Eltern auf Kutschfahrt. Dayita, wie sie strahlend eine Schultüte hält, «Mein erster Schultag».

Eintritt in den örtlichen Tennisclub. Strandurlaube in Thailand. Dayita wuchs so wohlhabend wie wohlbehütet auf. Wie eine Prinzessin, die in ein Schloss gesperrt wird zum Schutz vor den Schlechtigkeiten der Welt. Wollte Dayita Freunde treffen, hatte sie einen Tag vorher die Erlaubnis der Eltern einzuholen, noch als Teenager.

In der zehnten Klasse zog sie tatsächlich in ein Schloss. Das Internat Schloss Salem residiert in einem ehemaligen Kloster am Bodensee. Es sieht sich als weltlichen Orden, diktiert einen eng getakteten Tagesablauf samt Putzdienst und Bettzeit. 2500 Euro Schulgebühr, pro Monat. Ein goldener Käfig, ja. Doch für Dayita war Salem eine Befreiung. Eine Ahnung von Eigenständigkeit.

Drei Jahre hat sie im Klosterschloss gelebt, etliche Epochen sind vergangen. Epochen, so nennen sie auf Schloss Salem die Unterrichtszeiten zwischen den Ferien. Zuletzt hat Dayita sich ein Zimmer mit einer Mitschülerin geteilt. Zwei Betten, zwei schlichte Schränke, zwei Tische, zwei Stühle. Alle zwei Jahre frisches Weiss für die Wände. Ein grosses Fenster mit Seeblick. Es war Herbst, das Abitur stand vor der Tür, als die Epoche anbrach, die Dayitas Leben, wie sie es kannte, beendete.

Sie kehrte aus den Ferien ins Internat zurück. Auf ihrem Schreibtisch lag ein Brief, den es nicht hätte geben dürfen. Ein Brief aus dem Jenseits. Eine Nachricht von ihrer toten Mutter.

Das Schreiben war aufgegeben in München, vom Suchdienst des Roten Kreuzes, Aktenzeichen I / 11 / NP-PAR.NP, 15. 10. 2008: «Sehr geehrte Frau …, durch das Nepalesische Rote Kreuz ist eine Suchan­frage von Ihrer leiblichen Mutter, Rajkumari Pariyar, bei uns eingegangen.» Ob sie, Dayita, mit einer Kontaktaufnahme einverstanden sei. Mit freundlichen Grüssen.

Dayitas Gedanken rasten durcheinander wie ein wildgewordener Vogelschwarm.

Meine Mutter ist doch lange tot!

Sie lebt!

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