Mein Mann, der Hypochonder

Drei Mal täglich gurgelt er mit Salzwasser und sitzt im Ganzkörperschutzanzug vor dem Fernseher, eine Hand immer an den Lymphknoten: Die Ehefrau von Reporter Andreas Wenderoth muss gerade einiges aushalten – aber er natürlich noch viel mehr.

Andreas Wenderoth

Es dauert noch eine ganze Weile, bis die Ausgabe #53 von Reportagen erscheint. Aus aktuellen Gründen publizieren wir diese Reportage vorab online.

Ich habe eine App, die mir minütlich die Neuinfizierungen in aller Welt anzeigt. Ich verfolge jede Talkshow, in der ein Virologe sitzt, lese alles über Pandemiekurven, präsymptomatische Übertragungswege und darüber, wie sich die Ansteckungsrate von 3 auf 1 bringen lässt. Wenn die Corona-Krise besser ausgeht, als ich es mir ausmale, könnte ich mich danach wahrscheinlich als Wissenschaftsredakteur einstellen lassen. Oder zumindest als Pförtner beim Robert-Koch-Institut. Ich weiss jetzt alles über Viren. Gut, ein bisschen hatte ich mich auch schon vorher damit beschäftigt. Was damit zusammenhängt, dass ich in ständiger Furcht vor ihnen lebe: Ich bin Hypochonder – mit dem besonderen Spezialgebiet Erkältungsphobie.

Mein Geld verdiene ich als Reporter. Es gibt in den Redaktionen der grossen Magazine gewisse Vorstellungen, wie ein solcher zu sein hat: unerschrocken, furchtlos und selbst bei Granatfeuer immer noch so neugierig, dass er oder sie nie vergisst, sich Alter und Haarfarbe zu notieren. Ein Mann mit Erkältungsängsten entspricht diesen Vorstellungen nur bedingt. Im Moment reise ich selbstverständlich nirgendwohin. Doch schon in den Zeiten vor Corona tat ich es nur unter grösstem Vorbehalt und stets mit stillem Vorwurf an meine Redakteurinnen. Denn die bakteriellen Gefahren in der Fremde sind fast immer ungleich höher als die in Berlin. Jedenfalls war das bis vor kurzem so. 

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Zurzeit wasche ich mir die Hände etwa 70 Mal am Tag. So heiss, dass ich danach jedes Mal Wundsalbe auftragen muss. Ich habe mir einen Laser-Entfernungsmesser gekauft, mit dem ich auf der Strasse Leute anpeile, die mir zu nahe kommen. Von jeher bin ich ein grosser Anhänger des Social Distancing, mindestens 5,5 Meter, wenn Sie mich fragen, alles andere ist russisches Roulette. Meine Frau findet, ich übertreibe es ein bisschen. Man müsse auch nicht jede Milchtüte mit Desinfektionsspray absprühen. Oder gleich Schnappatmung bekommen, wenn ein Paket geliefert wird, von dem man nicht weiss, wer es angefasst hat. Aber in Fragen der Epidemiologie lasse ich mir ungern reinreden. Schon gar nicht von meiner Frau. 

Eine gemeinsame Freundin hat ihr neulich, nachdem sie zusammen spazieren waren (ich hatte erfolglos versucht, es zu verbieten), ein Stück Kuchen für mich mitgegeben. Es war eingewickelt in Papier, auf dem sie einen Kussmund mit ihrem Lippenstift hinterlassen hatte. Sicher gut gemeint, aber leider das falsche Zeichen. Natürlich habe ich den Kuchen sofort entsorgt. 

Es ist nachgewiesen, dass sich die Hypochondrie in besonderen Krisenzeiten, etwa in Kriegen, praktisch auflöst. Weil das reale Leid so präsent ist, dass es wenig Platz gibt für eingebildete Krankheiten. Bei der Corona-Krise ist das ein bisschen anders: Sie trifft mich im Kern meiner Ängste. Denn sie bestätigt alle meine Befürchtungen auf erschreckende Weise. Ich weiss mich nun im Recht, wenn ich meine Mitmenschen als furchtbare Bedrohung betrachte. Anders als die Geheimdienste verstehe ich unter einem «Gefährder» ja etwas völlig anderes und frage mich darum ständig: Wie viele Viren und Bakterien trägt ein Mensch in sich und warum gerade in meiner Gegenwart? 

Gestern hat meine Frau mir die Zeitung auf den Frühstückstisch gelegt. Direkt neben meinen Teller. «Bist du wahnsinnig?!», habe ich sie angefahren. Später wollte sie mir einen Kuss geben (wieso das denn?), was aufgrund meines Mundschutzes derzeit nicht ganz einfach ist. Sie findet, ich hätte das mit dem Mindestabstand möglicherweise falsch verstanden, er gelte nicht für Paare. «Wenn es der eine bekommt, hat es der andere doch sowieso!», sagt sie. Das soll mich beruhigen? 

Ich versuchte vergeblich, den riesigen Blumenstrauss, den ich auf dem Esstisch direkt zwischen uns gestellt hatte (wir können uns seit einigen Tagen schon nicht mehr sehen), als charmante Geste zu tarnen. Aber Seuchenschutz rangiert in Krisenzeiten natürlich vor der Liebe. Für ein funktionierendes Eheleben unerlässlich wäre aus meiner Sicht deshalb auch eine professionelle Virenschleuse, die ich mit wenigen baulichen Eingriffen am Wohnungseingang installieren könnte. «Übertrieben», sagt meine Frau. Und natürlich nicht ganz billig. Aber vermutlich die Sache wert.

An den seltenen Tagen, an denen wir zusammen einen Waldspaziergang wagen, verlasse ich sofort den Weg, sobald uns ein Jogger entgegenkommt. Kreuz und quer laufe ich durchs Gestrüpp, dorthin, wo es sicher ist. Ins Auto oder am besten direkt zurück in unsere Wohnung. Meine Frau hat jedoch grosse Angst vor Wildschweinen (seitdem sie einmal vor einer argwöhnischen Bache auf einen Baum flüchten musste) und lehnt es ab, mir zu folgen. Sie legt Wert darauf, dass die Wege, auf denen wir gehen, möglichst bevölkert sind. Fertig ist der Interessenkonflikt. «Es gibt momentan sicherlich grössere Gefahren als Wildschweine», versuche ich es ganz vorsichtig. In der Regel trennen wir uns noch mitten im Wald. 

Mein persönlicher Shutdown begann bereits, als noch niemand das Wort Corona kannte, zumindest nicht in einem ausseralkoholischen Zusammenhang. Die Ausgangssperre ist für mich deshalb auch keine besondere Prüfung. Sie setzt nur allgemeingültig um, was ich sowieso immer tue. Insofern darf ich mich ein bisschen als Trendsetter fühlen. Niemand hat die Anordnungen zur Kontaktsperre so konsequent umgesetzt wie ich. Man könnte sagen: Ich bin Söders bester Junge. 

Selbstverständlich trage ich schon seit Jahren Atemschutzmasken, wenn ich in der Grippezeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren muss. Anfangs kostete mich das ein bisschen Überwindung, denn ausser ein paar japanischen Touristen hatte ich keinerlei Verbündete. Aber inzwischen falle ich nicht mehr auf. Es ist nichts Besonderes mehr.

Die Knappheit an Desinfektionsmitteln konnte mich nicht überraschen, denn ich war bestens vorbereitet. Meine Privatlager waren prall gefüllt, denn auch in vermeintlichen Friedenszeiten habe ich stets meine Fläschchen dabei, in jedem Raum der Wohnung stehen sowieso immer gleich mehrere. Nur bei den Atemmasken habe ich leider zu spät reagiert. Schliesslich habe ich für satte 200 Euro noch zehn Masken erstanden (die Hälfte davon immerhin FFP-Schutzklasse). Normalerweise kosten sie weniger als ein Viertel, aber ich denke, das Geld ist gut angelegt. Meine Frau und ich streiten jetzt oft darüber, zu welchen Anlässen man die Maske tragen sollte. Meine persönliche Meinung: selbstverständlich zu allen. 

Den umfangreichsten Teil meiner Wohnung nimmt von jeher die Hausapotheke ein. Würde man sie komplett entfernen, könnte man an ihrer Stelle mühelos einen Parkplatz errichten. Weil ich ein besonderes Verhältnis zu Krankheiten habe, fahre ich traditionell zur Winterzeit alle sozialen Kontakte herunter. Keine Einladungen zum Essen, kein Kino, keine Theaterbesuche, stattdessen erarbeite ich Notfallprogramme für zu Hause. Denn bereits unter Normalumständen führt jede Erkältung meiner Frau zum Ausnahmezustand, der sofort zu getrennten Schlafzimmern und zur Ausarbeitung genauer Belegungspläne für Bad und Küche mündet. 

Wenn es stimmt, dass Gedanken Energie sind, dann sind die Gedanken eines Hypochonders Supernova-Explosionen, das mit grossem Lärm verbundene letzte Aufleuchten eines Sterns vor seinem Ende. Im Moment taste ich etwa 27 Mal am Tag an meinen Lymphknoten herum; man sollte schon wissen, wenn es mit einem bergab geht. Ein Gluckern im Magen, ein Ziehen im Hals, das Schlagen des Herzens – die Sinfonie des Körpers hält mich normalerweise schon gehörig auf Trab. Ich würde mich als guten Zuhörer bezeichnen, mein Körper findet bei mir immer Gehör; wenn mir irgendetwas unregelmässig erscheint oder gar weh tut, würde ich das niemals vernachlässigen. Meistens höre ich meinen Körper sowieso, bevor irgendetwas weh tut. 

Im weitesten Sinne würde ich mich als vernunftbegabt bezeichnen, allerdings hat die Vernunft bei mir einen schweren Stand: Sie muss sich gegen die Angst behaupten. In der Regel verliert sie das Duell. Das liegt daran, dass die Angst die besseren Waffen besitzt. Es ist so, als liesse man einen Panzer gegen einen Reiter mit Pfeil und Bogen antreten. Der Reiter hat nur dann eine Chance, wenn dem Panzer das Benzin ausgeht. Oder alle Panzerinsassen so vollständig betrunken sind, dass sie ihn übersehen. Es müssen also schon relativ viele günstige Umstände zusammenkommen, damit der Reiter das Duell übersteht – und zwar einigermassen gesund. Das in etwa ist die Situation, in der ich mich befinde. Normalerweise. Natürlich hat sich das Kräfteverhältnis im Moment nicht gerade zu meinen Gunsten verschoben. 

Die Natur hat den Hypochonder sehr bewusst als Einzelgänger angelegt. Um andere nicht zu sehr zu belasten. Aber auch, weil er oder sie für sich selbst in der Regel völlig ausreichend ist. Niemand hat ein so tiefes Verständnis für ihn und seine Befindlichkeiten wie er selbst. Niemand ist so verzeihend gegenüber ihren kleineren Schwächen wie sie. Das kann dazu führen, dass es um sie oder ihn herum oft einsam wird. Aber die Wahrheit ist: Man ist nie ganz allein. Noch nicht einmal im eigenen Körper. 

Auf jede Körperzelle kommt mindestens eine Bakterie. Bei rund 30 Billionen Körperzellen sind dies mindestens 30 Billionen Bakterien, die sich in mir versammelt haben. 30 Billionen, eine erschütternde Zahl! Das ist so, als hätte ich gleichzeitig 4000 Mal mit der Weltbevölkerung zu tun. Von wegen Einsamkeit. 

Wenn überhaupt, treffe ich am liebsten einen einzelnen Menschen (in diesem Punkt wünschte ich mir momentan ein bisschen mehr Dankbarkeit von unserem Gesundheitssystem oder gleich das Bundesverdienstkreuz am Bande). Maximal erträglich ist mir eine Gesamtsumme von vier Menschen. Aber auch das nur unter besonderen Umständen (mit der Anzahl der Personen steigt auch die Anzahl der potenziellen Krankheitserreger!). Meine Frau ist Rheinländerin und sieht das naturgemäss völlig anders. Sie kann den ganzen Abend mit vielen Menschen verbringen und freut sich schon auf das gemeinsame Frühstück mit ihnen am nächsten Tag. Ich weiss beim besten Willen nicht, was es am nächsten Morgen noch zu besprechen gäbe! Alles ist doch dann bereits gesagt. 

Ich empfinde es nicht als Verlust, keine Menschen zu treffen. Im Gegensatz zu mir ist meine Frau äusserst gesellig, gänzlich unneurotisch und prinzipiell eher sorglos, was Fragen der Virologie angeht. Während ich ständig in mich hineinfühle (wenn nichts zu spüren ist, heisst das nicht, dass da nichts ist, man muss nur intensiv genug suchen!), weiss sie noch nicht einmal, wann sie Fieber hat (und würde dem auch keinerlei Bedeutung zumessen). Ich fand es früher manchmal befremdlich, wenn sich meine Eltern am Esstisch ausdauernd über Krankheiten unterhielten, eigene, fremde oder potenzielle. Heute erkenne ich durchaus den Reiz in diesen Gesprächen. Leider verweigert mir meine Frau derartige Konversationen, weil sie von ihren Eltern gelernt hat, dass man über Krankheiten nicht spricht. Aber warum sollte sie das auch? In ihrer Welt spielen Krankheiten sowieso keine Rolle. 

Stattdessen fühlt sie sich massiv eingeschränkt ohne den Kontakt mit Freunden und Kollegen. «Ich gehe ein wie ein Primelchen ohne Sonne.» Zu meinem Entsetzen überlegt sie bereits, ab wann man wieder Menschen nach Hause einladen könnte! Ob man nicht wenigstens mit der eigenen Kaffeetasse ins Café gehen darf? Ausserdem lässt sie sich nicht davon abhalten, intensiv mit Nachbarn im Treppenhaus zu plaudern, während ich in solchen Momenten nur einen Weg kenne: den Fluchtweg. 

Neulich habe ich, als ein Nachbar aus der Tür trat, einfach den Regenschirm aufgespannt, etwas Entschuldigendes gemurmelt und bin dann die Treppe hinunter gehechtet. Ein bisschen overacted und natürlich leicht ironisiert, damit man es mir als liebenswürdige Schrulligkeit durchgehen lässt. Hypochonder sind gewieft, sie müssen es sein. Aber natürlich hatte ich meinen kleinen Stunt absolut ernst gemeint. «Wenn das so weitergeht, bist du mich bald los!», sagte meine Frau, nachdem ich es als ausgemachte Dummheit bezeichnet hatte, sich anders zu verhalten als ich. Sie sagt es freundlich. Doch die Drohung steht im Raum. Dass sie aber auch immer so übertreiben muss.

Zum Glück bin ich mit meiner Angst nicht allein. Täglich tausche ich mich mehrmals am Telefon mit meinem Hypochonderfreund Hans aus, der als Herzphobiker die Notfallstationen der Krankenhäuser seit Jahren mit eingebildeten Herzinfarkten auf Trab hält. Viele Flugzeuge hat er förmlich in letzter Sekunde vor dem Start noch panisch verlassen (und damit erhebliche Kosten erzeugt), weil er das veränderte Druckgefühl für sein eigenes Herzflimmern hielt. Hans betreibt die Sache noch ein bisschen gründlicher als ich. Er liest jede internationale Studie zur Corona-Forschung und hält jede Meinung, die seiner widerspricht, für die Verharmlosung durch unwissende Schwachköpfe. Seinem Menschenbild (schon in besseren Zeiten desaströs) tut dies nicht gut. Aber er hat sich zu einem beispiellosen Akt der Selbstlosigkeit entschlossen: Neulich hat er mir nämlich angeboten, mir einen seiner insgesamt sechs (!) Viren-Schutzanzüge abzutreten, falls sich die Lage zuspitzen sollte. Dies ist nicht hoch genug zu bewerten, wenn man bedenkt, dass er in unseren letzten gemeinsamen Ferien nicht einmal bereit war, mir auch nur eine seiner vier prophylaktisch mitgenommenen Flaschen mit Nasentropfen abzutreten. Weil er der festen Überzeugung war: Wenn ein Schnupfen kommt, braucht man natürlich sehr viel Spray. Jedenfalls unter Umständen. 

Ich weiss nicht genau, wo er die Anzüge herhat. Und wieso gleich so viele. Verkehrt er auf Fetisch-Partys (eine Seite von ihm, die mir unbekannt wäre)? Vielleicht braucht er sie für seine Küche: Er brät nämlich gern. Hans behauptet, er habe die Anzüge von einer früheren Geliebten erhalten, was die Sache in meinen Augen nicht weniger verdächtig macht. Ich glaube, er erzählt mir nur die halbe Wahrheit. Denn neulich rutschte ihm heraus, er habe «etwa sechs bis acht» solche Anzüge. Es werden also anscheinend immer mehr. Aber ich will sein Angebot keinesfalls schmälern. Es bleibt eine grosse Geste. 

Vergleichbar nur mit jenem denkwürdigen Erlebnis vom Dezember 2017, als mein Freund Stefan mich an einem nassgrauen Tag im Hochstadium seiner Erkältung besuchen musste (Da es um eine Lautsprecherreparatur ging und ich ohne Musik nicht leben kann, war es sozusagen unaufschiebbar): Weil er von meinen Eigenarten weiss, stand er mit einer Gasmaske vor der Tür. Ich habe ihm dies hoch angerechnet. Dass er mir zwei Wochen später erklärte, wie der Kohlefilter der Gasmaske funktioniert (Er filtert natürlich nicht die Luft, die man ausatmet, sondern nur in umgekehrter Richtung), tat der Sache keinen Abbruch. Ich war einem Placebo aufgesessen, aber subjektiv hatte ich mich sicherer gefühlt. Und so hatte ich mich natürlich auch nicht angesteckt. 

Das waren noch Zeiten! Nicht vergleichbar mit Corona. Dieses unsichtbare Ding, das mich nicht mehr schlafen lässt. Oder zumindest sehr viel schlechter. Gestern hat sich die Situation zu Hause dramatisch zugespitzt. Eher zufällig bemerkte ich, wie sich meine Frau wiederholt räusperte, als sie mich ausser Hörweite wähnte. Ich habe sie natürlich direkt gestellt. Wie immer hat sie zunächst alles bestritten, aber nach intensiver Befragung hat sie schliesslich «irgendwas Raues im Hals» zugegeben, das sie nicht zuordnen könne (ich kann es schon!). Heute Morgen läuft ihr dann auch noch die Nase, «wahrscheinlich nur 'ne Allergie …», versucht sie mich zu beruhigen. Was ihr natürlich nicht gelingt. So leicht lasse ich mich nicht hinters Licht führen. 

Normalerweise schlage ich ihr in solchen Notlagen vor, ein paar Tage zu verreisen. Mal wieder ihre Mutter zu besuchen. Aber das geht zurzeit natürlich nicht. «Wie kannst du mir so etwas antun?», frage ich vorwurfsvoll. Es ist schon recht egoistisch, sich ausgerechnet jetzt zu erkälten. Insbesondere in meiner Gegenwart. 

Ich laufe nervös durch unsere Wohnung, vorbei an einigen lexikalischen Standardwerken der medizinischen Selbsterforschung (darunter auch ein besonders schön bebildertes Buch mit anregenden Fotos über das weite Feld der Hautkrankheiten), gehe ins Badezimmer, gurgle prophylaktisch mit Salzwasser und nehme die erste meiner drei täglichen Nasenduschen (meine Frau hasst das Geräusch). Dann rufe ich jenen Menschen an, auf den ich mich in solchen Momenten am meisten verlassen kann. «Hans, es ist so weit», sage ich. «Ich brauche einen von deinen Schutzanzügen.» Ich weiss nicht, wie meine Frau es aufnehmen wird, aber ich denke, sie wird sich daran gewöhnen.

 


 

Andreas Wenderoth, 54, lebt in Berlin und arbeitet als freier Reporter und Buchautor. Seine Arbeiten wurden für alle grossen deutschen Reporterpreise nominiert und mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Wenderoth hat ein ganzes Buch über sein Dasein als Hypochonder geschrieben, es ist unter dem Titel Nur weil ich Hypchonder bin, heißt das ja nicht, dass ich nichts habe. Eine Anamnese im Fischer-Verlag erschienen. Momentan geht es ihm gut, er fragt sich allerdings, «ob das Ziehen in meiner linken Schulter ein bis dato vielleicht noch unbekanntes Symptom darstellt.» Seine Frau hält ihm nach wie vor die Treue.

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