Mein nackter Grossonkel

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Schizophren oder genial? Und vor allem: Wie viel von ihm steckt in mir?

David Leon Vajda

München, 2017

In einem Wust an Dokumenten, zwischen unsentimentalen, floskelhaften Briefen ihrer Mutter und unsentimentalen, floskelhaften Briefen ihres Vaters, finde ich einen in winzigen Grossbuchstaben eng beschriebenen Umschlag. Unter der Briefmarke, die einen katholischen Heiligen zeigt, steht: JEDE RELIGION BELEIDIGT DIE HEILIGKEIT DER UNIVERSELLEN NATUR. Daneben eine selbstgebastelte «Freimarke». Auf der anderen Seite sticht folgender Satz heraus: WIR MÖGEN ES NICHT WIE EIN TIER BEHANDELT ZU WERDEN, ABER SEHR OFT HABEN WIR ES GENOSSEN IN DER POSITION EINES HUNDES ZU SEIN, DER VON HINTEN PENETRIERT WIRD. WIR SIND NICHT NUR WAS WIR ESSEN, SONDERN AUCH, WAS WIR VERSTEHEN.

In dem Umschlag ein Blatt, das beidseitig und lückenlos vollgeschrieben ist. Ineinanderrieselnde, überbordende Paragrafen. Der Anfang ist sanft: LIEBE VIRGINIA, AM 29.12.13 UM 03:40 ANZUFANGEN AN DICH ZU SCHREIBEN IST DAS ERGEBNIS VON LANGEM AN DICH DENKEN. Darauf folgen gemalte «Zellen», die den Tumor im Kopf meiner Mutter repräsentieren sollen. Philipp befiehlt ihnen, RUHE ZU GEBEN.

Die Zellen haben keine Ruhe gegeben. Meine Geschwister und ich räumen die Wohnung leer, in der wir aufgewachsen sind. Es sind Wochen des Vergessens. Emotionsvernichtende, erinnerungsvernichtende Trauer. Die Verdrängung, die mit dem frühen Tod meiner Mutter einhergeht, fühlt sich giftig an.

Der Autor des Briefes ist mein Grossonkel Philipp. Er fasst seit 45 Jahren kein Geld an, hat aufgehört zu sprechen, ist hyperintelligent und hat wieder eine nackte Phase. Das ist alles, was ich über ihn weiss. Und da ist das Wort «schizophren» – es schien bezogen auf ihn immer alles zu sagen.

Der spielerische, liebevolle Ton in seinem Brief erinnert mich an meine Mutter, die an der autoritären Kälte ihrer Familie krankte. Eine konventionstreue, grossbürgerliche Familie, die meinen jugoslawischen Vater nie akzeptierte. Und die mir als Kind das Gefühl gab, dass in allem, was ich tat, ein Fauxpas lauerte.

Wer ist dieser Nackte? Und was kann er mir erzählen?

Sie möchten weiterlesen?

Wir stehen für herausragende literarische Reportagen. Dafür benötigen wir die Unterstützung unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Mit einem Reportagen-Abonnement investieren sie in das Schaffen von Autorinnen und Autoren, die sich für das Kleine Zeit nehmen, um das Grosse zu erfassen.
David Leon Vajda unterwegs:
Themen
Region