Mein Name ist Frankenstein

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Im nordindischen Shillong heissen die Menschen Adolf Hitler oder Napoleon.

David Collin

Shillong, die Hauptstadt von Meghalaya, einer der sieben Gliedstaaten im Nordosten Indiens, ist ein atmender, lebendiger Körper, ein Konglomerat des Glaubens, Aberglaubens und fremdklingender Namen. Shillong ist Rock und Literatur. Shillong ist Khasi, Garo und Jainitia, nach den im Gliedstaat lebenden Volksgruppen. Eine Stadt ist eine sonderbare Persönlichkeit, die man nur durch zufällige Begegnungen und ihre geheimen Rituale entdeckt. Shillong ist unsere unbekannte Heldin, ein Mysterium, das sich im Alltäglichen offenbart.

Bei Anbruch des Tageslichts baut ein in seinen Parka eingemummter Mann auf der Strasse seine Garküche auf, nur zwei Schritte vom Déjà-vu entfernt, einem chinesischen Restaurant in Laitumkhrah. Wir stehen an einem belebten Kreisverkehr, es ist 7 Uhr, hier beginnt die Don Bosco Road. Auf der anderen Seite der Kreuzung parken Taxis in zwei Reihen unter dem Hinweisschild: embarkment and disembarkment. Zwei Männer befestigen an einem Holzzaun ein Banner, Love moves the world, auf dem der Besuch des Gurus H. H. Sri Sri Ravi Shankar angekündigt wird. Die Taxifahrer unterhalten sich am Strassenrand, rauchen Argentina-Zigaretten, während eine Gruppe junger Gymnasiasten in Uniform – very british: blaue Röcke, weisse Blusen und rote Halstücher – mit kleinen Weihnachtsmannmützen ausstaffiert, sich bereit macht, mit einer Mischung aus zerquetschten Kartoffeln, Kicher­erbsen und Masala gefüllte Teigbällchen und Tamarindensauce zu vertilgen. Umesh Paswan, chaat maker und golgappa seller, ist eine Berühmt­heit. Seit zwanzig Jahren ist er bekannt für die köstlichen Speisen aus seinem Imbiss. Eine Vierteldrehung weiter entfalten sich zwei kleine Läden aus Holz. Die Männer öffnen ihre Buden und stellen zwei Tafeln unterm Vordach auf. Sie warten auf die ersten Teilnehmer an der täglichen Lotterie. Shillong erwacht.

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