Meister des Sudoku

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In China trifft sich die Elite der Denkspieler zur Weltmeisterschaft. Vea Kaiser rätselt mit.

Vea Kaiser

Eine Legende sagt, der erste Dichter Europas, der grosse Homer, sei aus Verzweiflung darüber gestorben, dass er ein von Fischerjungen gestelltes Rätsel nicht hatte lösen können: «Was wir gesehen und gefangen haben, das lassen wir da; was wir aber nicht gesehen und nicht gefangen haben, das nehmen wir mit.»

Rätsel 1: Wieso rätselt der Mensch?

Als ich am 11. Oktober im Flugzeug über Russland sitze, im Pass ein Visum für die Teilnahme an der achten internationalen Sudoku- und Rätsel-Weltmeisterschaft in China, fühle ich mich Homer so nahe wie noch nie – denn auch ich verzweifle an einem Rätsel, genauer gesagt an mehreren Rätseln, genauer gesagt am Instruction-Booklet, in dem all jene Sudoku-Varianten erklärt werden, deren Lösung in den folgenden Tagen geschafft werden muss. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich gedacht, Sudoku sei ein einfaches Zahlen-Ausfüll-Spiel mit klaren Regeln: 33 Boxen mit jeweils 9 Kästchen, in die alle Ziffern von 1 bis 9 einmal eingetragen werden müssen, so dass in keiner Box, keiner Zeile, keiner Spalte eine Ziffer doppelt vorkommt. Doch das stellt sich als der Basis-Typ heraus. In dem geklammerten Heftchen entdecke ich Killer-Sudokus, Jigsaw-Sudokus, Diameter-Sudokus, Anti-Diameter-Sudokus, Chess-Sudokus, Anti-Chess-Sudokus und 60 weitere Varianten. Dass ich manche der Rätsel nicht lösen kann, ist verschmerzbar. Doch dass ich nicht einmal die Regeln der meisten verstehe, lässt mich verzweifeln. Ich sitze in diesem Flugzeug, weil ich wissen will, was den Menschen dazu treibt, seine Zeit mit Rätseln zu verbringen. Ist es Langeweile? Ist es Neugier? Ist es eine existenzielle Sehnsucht? Wenn es einen Ort gibt, an dem ich eine Antwort finde, dann bei der Weltmeisterschaft im Rätseln. Im Vorfeld war ich euphorisch und neugierig, nun bin ich geknickt und ängstlich. Dass ich mich blamieren werde, steht ausser Frage, doch selbst bei Blamagen gibt es eine Skala von schlimm bis ganz schlimm hin zu bodenlos.

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