Michael Obert im Gespräch: «Alles ist Bewegung.»

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Der Autor von «Lied aus dem Dschungel» aus Reportagen #23 im Gespräch mit Claude Fankhauser.

Claude Fankhauser

Reportagen: Herr Obert, suchen Sie Ihre Geschichten, oder finden Ihre Geschichten Sie?

Michael Obert: Die wirklich grossen Geschichten begegnen mir unterwegs, auf Reisen, sie geschehen mir einfach. Wie die Geschichte von Louis Sarno, dem Protagonisten meines aktuellen Dokumentarfilms Song From the Forest. Im Herbst 2009 bereiste ich die Zentralafrikanische Republik und hörte eher zufällig von einem weissen Mann, der tief im Regenwald seit Jahrzehnten unter Bayaka-­Pygmäen leben soll. Ein paar Tage später folgte ich, geführt von zwei Ortskundigen, einem Elefantenpfad durch den Urwald. Nach einer Stunde öffnete sich die Vegetation, ich betrat eine Lichtung, und von allen Seiten strömten Bayaka auf mich zu. Kleingewachsene Männer fuchtelten mit Speeren herum. Frauen mit tätowierten Gesichtern und spitzgefeilten Schneidezähnen zerrten an meinem Hemd und schrien mich an. Plötzlich riss der Lärm ab. Aus dem Unterholz erschien eine hochgewachsene Gestalt: zwei Köpfe grösser als die anderen, nackter Oberkörper, barfüssig, auf jedem Arm ein Pygmäenbaby. Vor mir stand eine Legende: der erste Weisse, den die Bayaka in ihr Volk aus Jägern und Sammlern aufgenommen hatten, ein Verschollener, der wochenlang nur Kaulquappen ass, eine Bayaka-Frau heiratete, Vater eines Sohnes wurde, Malaria, Typhus, Lepra überlebte und über 1500 Stunden einzigartige Pygmäengesänge aufgezeichnet hatte. Vor mir stand der musikalische Herodot der zentralafrikanischen Wälder, der weisse Pygmäe – Louis Sarno. Als wir uns damals die Hand gaben, zwei weisse Männer mitten im Regenwald irgendwo im Kongobecken − da wusste ich, dass etwas Grosses in meinem Leben pas­siert war. Ich konnte nicht ahnen, dass die Geschichte, die mich soeben gefunden hatte, mich jahrelang kreuz und quer über den Globus treiben und mich – einen Schreibenden – am Ende in einen Filmemacher verwandeln würde.

 

Und wie gehen Sie dann weiter vor, wenn Sie wissen, dass eine Geschichte erzählt werden will?

Als Auslandsreporter trage ich meine Geschichten oft Monate, manchmal Jahre mit mir herum. Zehn, zwanzig grosse Themen schwirren praktisch ständig durch meinen Kopf. Am Anfang bestehen sie nur aus einer Begegnung, einer Ahnung oder vagen Ideen, die sich mit der Zeit vertiefen, bis sich ein Thema aus der Menge löst. Wie und warum dann gerade diese eine Geschichte wichtig wird, kann ich nicht sagen. Entscheidend ist: Die Geschichte lässt mir keine Wahl. Sie will sein. Sie muss! Zu diesem Zeitpunkt habe ich meist schon viele Hintergründe und Kontakte gesammelt. Ich schreibe ein Exposé, liste passende Protagonisten auf, kalkuliere die Reisekosten und biete die Geschichte einem passenden Magazin an. Die Redaktion hat damit keine Arbeit mehr, sie muss praktisch nur noch Ja sagen.

 

Wie schaffen Sie Nähe zu Ihren Protagonisten, wenn Sie unzweifelhaft unsympathischen Figuren wie beispielsweise einem Folterknecht begegnen?

Bei meinen Begegnungen versuche ich, nicht zu werten, nicht zu beurteilen oder jemanden vorzuverurteilen − auch nicht einen Folterer oder einen Massenmörder. Für kurze Zeit begegnen wir uns auf Augenhöhe, und ich glaube, die Menschen spüren, dass sie mir vertrauen können; deshalb öffnen sie sich. Danach verlassen wir diesen geschützten Raum wieder.

 

Sie haben die Geschichte von Louis Sarno, die auch Thema der Reportage Lied aus dem Dschungel ist, verfilmt. Ihr Regiedebüt, die Kinodokumentation Song from the Forest, gewann zahlreiche Preise auf internationalen Festivals und kommt im Juni nun auch in die Schweizer Kinos. Wo liegt für Sie der Unterschied zwischen diesen beiden Erzählformen?

Song from the Forest erzählt die Geschichte von Louis Sarno, der seit 25 Jahren unter Bayaka-Pygmäen im zentralafrikanischen Regenwald lebt und mit seinem Sohn, dem Pygmäenjungen Samedi, erstmals eine Reise nach New York City unternimmt. Als Baby war Samedi todkrank. Mehrmals stand in jener angsterfüllten Nacht im Wald sein Atem still. Louis hielt ihn in den Armen und versprach: «Wenn du überlebst, zeige ich dir eines Tages New York City.» Als wir 2011 mit den Dreharbeiten begannen, war Samedi 13 Jahre alt und die Zeit gekommen, das Versprechen einzulösen. Song from the Forest erzählt von dieser epischen Reise aus dem afrikanischen Regenwald in jenen anderen Dschungel aus Beton und Glas, nach New York City. Als Schreibender bin ich ein Einzelkämpfer und oft monate-, manchmal jahrelang der einzige Bewohner jener Welt, die ich entwerfe. Unterwegs brauche ich dafür nur ein Notizbuch und einen Stift, und ich geniesse diese Leichtigkeit, mache mich klein, gehöre bald einfach dazu. Bei den Dreharbeiten zu Song from the Forest das genaue Gegenteil: Kamera, Tonangel, LED-Strahler, Speicherkarten, Festplatten, Akkus – Expeditions­kisten voller Gerät. In der dichten Vegetation des Regenwaldes war es schwer, voranzukommen. Anfangs musste ich mich zwingen, in Kameraeinstellungen zu denken. Und das Filmen ging – im Vergleich zum Notieren – schmerzhaft langsam. Im entscheidenden Augenblick war dann ein Baum im Weg, die Luftfeuchtigkeit legte die Kamera lahm oder die Akkus waren leer und die nächsten Steckdosen eine halbe Tageswanderung durch den Urwald entfernt.

 

Wo sehen Sie die Vor- und die Nachteile dieser Erzählformen? Und wie befruchten sie sich gegenseitig?

Am meisten fasziniert mich beim Film der Einsatz von Musik. In Song from the Forest ist sie eine eigenständige Protagonistin. Die Musik spielt in Louis Sarnos Leben – und in dem der Bayaka – eine tragende Rolle. Im Film haben wir mit Louis Sarnos Lebenswerk gearbeitet, mit seinen weltweit berühmten Aufnahmen: Über 1500 Stunden magische Gesänge und faszinierende Instrumentalstücke, die im Pitt Rivers Museum der Oxford University archiviert sind. Mit Louisʼ und Samedis Abreise nach Amerika werden Vater und Sohn aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen. Die Bayaka-Musik wird zur inneren Stimme von Louis, zum Soundtrack seines Lebens und zum Puls des Films.

 

Gibt es Geschichten, die sich nur im Film oder nur im geschriebenen Wort erzählen lassen?

Jede Geschichte verlangt nach ihrer eigenen Form, Sprache und ihrem Rhythmus. Jede Geschichte hat ihren Sound, ihre Bilder und verströmt ihr eigenes Gefühl. Im Text wie im Film. Letzteres ist wie ein Marathon. Song from the Forest − das sind sechs Jahre meines Lebens. Studenten an der Filmhochschule sage ich: «Wenn ihr auch nur die kleinste Chance seht, einen Film nicht machen zu müssen − fangt nicht damit an!»

 

Sie besuchten den Bürgermeister von Mogadischu, während nebenan Schüsse knallten und Sie sprachen mit beduinischen Folterern. Wie bewahrt man in solchen Situationen einen kühlen Kopf und lässt sich nicht von der Angst mitreissen?

Als Reisender geht es mir oft wie der Antilope. Sie hat nur eine Chance gegen die Löwen, wenn sie im richtigen Moment losrennt. Ich bin oft gerannt: Rebellen in Uganda und in Kongo, Menschenjäger im Sudan. Im Nigerdelta verstümmelten Banditen auf einer Kreuzung einen Mann, sein Kopf rollte vor meine Füsse. Der Schlächter kam mit seiner Machete auf mich zu und malte mit dem Blut des Hingerichteten in einer Droh­gebärde ein Dreieck auf meinen Oberarm. Wieder rannte ich, rannte und rannte, bis ich auf der Strasse zusammenbrach und mich übergab.

 

Ich vertraue meiner Angst, meine Angst ist ein Geschenk.

 

Eigentlich haben Sie ja Betriebswirtschaft studiert, hatten eine strahlende Karriere-Zukunft vor sich und kamen als Quereinsteiger in den Journalismus. Gab es einmal einen Tag, wo Sie Ihre Entscheidung bereut haben?

Ich war damals Mitte zwanzig, Jungmanager in Paris, verdiente ein masslos überzogenes Gehalt und sah einer vielversprechenden Managementkarriere in der sogenannten freien Wirtschaft entgegen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich eines Morgens erwachte, zum Telefon griff und kündigte. Ein paar Tage später war ich mit dem Rucksack unterwegs nach Guatemala. Meine Reise dauerte zwei Jahre und führte mich kreuz und quer durch Mittel- und Südamerika bis hinunter nach Feuerland, in ein neues Leben. Wieder in Deutschland, schrieb ich meine Reisenotizen zu kleinen Aufsätzen um, versah sie mit Fotos und schickte sie an Zeitungen – so bin ich Journalist geworden.

Wenn es damals in den Jahren nach meiner Kündigung schwer wurde, wenn Existenzängste mich plagten und ich nicht wusste, wie es als Schreibender weitergehen sollte − dann stieg ich auf mein Fahrrad und fuhr auf den Hof der Spedition, in der ich jahrelang gearbeitet hatte. Ich trank ein Bier und sah zum Büroturm hinauf, wo meine ehe­maligen Kollegen noch immer tagein, tagaus ihre Stunden zwischen Aktenbergen abrissen; dann ging es mir wieder besser, und ich war voller Energie und Zuversicht. Damals zu kündigen, alles hinzuwerfen und hinauszuziehen in die Welt − das war die beste Entscheidung meines Lebens.

 

Diese Frage stelle ich allen Reportern: Herr Obert, warum schreiben Sie?

Um lebendig zu bleiben.

 

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