Mini-Reportage #23

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Lässt sich auf wenigen Zeilen eine Geschichte erzählen? Angehende Journalisten und Autorinnen nahmen am dritten Reporter-Workshop von Reportagen zusammen mit der Zürcher Hochschule der Künste die Herausforderung an. Hier Andrea Müller von einer Fahrt durch Kirgistan.

Andrea Müller

Aus dem Autoradio des Taxis schreien die Toten Hosen etwas von Unendlichkeit und Freiheit. Der perfekte Soundtrack zur Landschaft, wir fahren quer durch Kirgistan. Ich sitze neben dem Fahrer Uran, hinter uns sieben Mitreisende. Er liebt die Hosen und deren Texte, seit er in Deutschland zum Elitesoldaten ausgebildet wurde. Uran ist heute Berufssoldat in Kirgistan, ein Kaliber. Doch seit er Vater geworden ist, reicht der Lohn nicht mehr, in seinen Ferien fährt er deshalb Taxi auf der Strecke Osch–Bischkek.

 

In der hintersten Reihe sitzen ein Mann mit seiner Tochter sowie zwei alleinreisende Buben. Direkt hinter mir und Uran dann meine Freundin und zwei junge Männer. Der grössere von ihnen trägt eine schwarze Sonnenbrille, er starrt durch die Windschutzscheibe auf die Strasse. Der Kleinere spielt pausenlos mit dem Handy. Ihre steife Haltung lässt mich an Statisten denken, später gar an Wachsfiguren. Von Uran erfahre ich, dass sie den armen Süden des Landes verlassen, um Arbeit in der Hauptstadt zu suchen. Durch den Rückspiegel schaut er sie an, als er zu erzählen beginnt, dass er einen Militärposten wenig ausserhalb von Osch bewachen musste, weil Usbeken und Kirgisen aufeinander losgingen. Das war 2010. Die genaue Zahl der Toten kennt bis heute niemand, Uran weiss aber, dass vor allem Usbeken Opfer des ethnischen Konflikts wurden. Die Regierung sei mitschuldig gewesen, fügt er noch an, und dann: «Ich kann so nicht weitererzählen.» Wieder tauscht Uran Blicke mit den beiden Männern. «Ich darf nicht mehr Usbeken sagen.» Er denkt nach. Ich schweige. Es fühlt sich an, als wären alle Passagiere durchschaubar geworden, als existierten keine Sprachunterschiede mehr. Dann beschliesst Uran, die Usbeken fortan «Deutsche» zu nennen, und fährt fort, dass sie als Erste auf die Kirgisen losgegangen seien und diese sich, schwer bewaffnet, verteidigt hätten. Er persönlich habe aber nichts gegen die Deutschen, sagt er. An diesem Punkt liegen noch 10 Stunden Fahrt vor uns.

 

Etwas später bringt Uran das Auto zum Stehen, und in einem Strassenrestaurant essen alle Lammfleisch und Fladenbrot, wobei die Deutschen an einem anderen Tisch Platz nehmen. Erst nach Mitternacht erreichen wir die ersten Vororte von Bischkek, wo die beiden Männer an einer Kreuzung aussteigen. Stumm holen sie ihr Gepäck aus dem Kofferraum und verschwinden in der Dunkelheit. Das Taxi fährt weiter ins Zentrum. Vor uns tauchen bunte Leuchtreklamen und üppige Bronzestatuen der Hauptstadt auf.

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