Miodrags Schweinchen

Im bosnischen Lopare herrschen Apathie und Korruption. Ein Rückkehrer geht neue Wege.

Margrit Sprecher

Nachts könnte das ein Schweizer Dorf sein. Vor dem Hotel «Helvetia» weht die rote Fahne mit dem weissen Kreuz, schräg gegenüber gibt’s ein Restaurant «Waage». Und auf den Strassen parkieren Autos mit Aargauer, Luzerner und St. Galler Nummernschildern. Gut, die Strassenlampen sind etwas trüb. Man muss schon zwinkern, damit sprühende Glanzlichter daraus werden. Und, vielleicht, mit einem Slibowitz der Illusion nachhelfen.
Bei Tag hilft kein Trick mehr. Bauruinen unterbrechen, Zahnlücken gleich, die kurze Häuserzeile. Mauern in abgeblättertem Rosa und Resedagrün bröckeln vor sich hin. Was im Dunkeln so verheissungsvoll geleuchtet hatte, ist ein Elektrohandel, eine wahllose Anhäufung von Gegenständen und Kartons hinter verstaubten Schaufenstern. Nicht mal das üppige Grün rund ums Dorf ist, was es verspricht. Im vermeintlichen Wanderparadies lauern noch immer Tausende von tödlichen Minen aus dem Bürgerkrieg.

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«Willkommen in Absurdistan», sagt Miodrag Lukic und wirft sein Zigarettenpack auf den Caféhaus-Tisch, noch ehe er sich setzt. Wer will, kann sich in Lopare auf Schweizerdeutsch verständigen und mit Schweizerfranken bezahlen. Er kann im «Helvetia» Züri-Gschnätzlets mit Rösti und Cordon bleu bestellen, mit dem Polizisten über die Arbeitszeiten bei Roth-Gerüste Bern sprechen und mit dem Wirt über die Chancen des Drittliga-Fussballklubs Menzingen gegen Steinhausen. Dabei ist der Ort mehr als tausend Kilometer von der Schweiz entfernt und eine der ärmsten Gemeinden in einem der ärmsten Länder Europas, Bosnien-Herzegowina. 
Finstere Entschlossenheit umgibt Miodrags Erscheinung, sein schwarzer Bart ist markant gestutzt. «Typisch Jugo», sagt er ironisch. Und ergänzt: «Der Schlägertyp.» War er tatsächlich. Noch heute kursieren in Lopare die Geschichten seiner Schlägereien, als wären es Szenen aus Western. Jetzt lässt er seinen Blick über den Tassenrand schweifen, und was er sieht, verstärkt seinen Grimm. Das Lokal ist, morgens um elf, gesteckt voll mit jungen Männern. Ihre Haare sind nassgestylt, lässig wippen sie mit dem Fuss und spielen grosse Welt. «Alle arbeitslos», sagt er. Manche harren stundenlang vor ihrem Espresso aus; besser hier als zu Hause herumhängen. In Europa bekommen sie keinen Job, weil Bosnien-Herzegowina nicht zur EU gehört. In andern Ländern sind sie nur als Söldner willkommen. Muslimische Bosnier heuern bei der IS an. Christliche Serben verdingen sich bei den Amerikanern nach dem Irak oder Afghanistan. Der Agent sitzt in Sarajewo. Mittlerweile beträgt die Arbeitslosigkeit im Land 65 Prozent. 
Bislang scheiterten alle Versuche Miodrags, seinem Dorf zu helfen. Ein Plan ging so: Wenn alle 3000 Lopare-Gastarbeiter in der Schweiz einen Schweizer dazu brächten, in ihrer Heimat Ferien zu machen, könnte das der Anfang eines blühenden Tourismus bedeuten. Doch Gastarbeiter, das weiss er nur allzu gut, haben keine Zeit für Freundschaften: «Sie arbeiten nicht nur 100, sondern 150 Prozent.» 
In Anlehnung an Ascona wollte Miodrag auch Lopare in ein Künstlerdorf verwandeln. Doch die Schweizer Kunstmaler, denen er einen Gratis-Aufenthalt in der örtlichen Malakademie offerierte, antworteten nicht mal. Zudem dürfte manche sensible Künstlerseele bei der Vorstellung zurückzucken, dass der Boden unter ihren Füssen blutgetränkt ist. Lauschige Winkel zum Abmalen gibt’s ebenso wenig wie schöne alte Gebäude. Drei Kriege in hundert Jahren haben das optische Gedächtnis des Landes ausgelöscht. Ein Glücksfall, wenn die perfekten Proportionen eines zerfallenen alten Hauses erscheinen, von grünem Buschwerk überwuchert: quadratisch, das mächtige Dach wie eine Mütze tief über das Mauerwerk gezogen. 
Selbst Lopares einziger Reichtum, der Wald, lässt sich nicht nutzen. Kein ausländischer Investor, der halbwegs bei Trost ist, wird es mit der aufgeblähten Bürokratie und Korruption in Bosnien-Herzegowina aufnehmen. Die 3,5 Millionen Einwohner des Kleinstaates werden von 14 Regierungschefs und 150 Ministern regiert, die sich gegenseitig immer neue Posten zuschanzen. Zwei Drittel des gesamten Budgets frisst die Verwaltung auf.
Nicht mal Miodrags bescheidenstes Projekt hatte Erfolg. Sein in der Schweiz gegründeter Lopare-Hilfsverein schenkte bedürftigen Bauernfamilien je ein trächtiges Schaf. Der Deal: Ein Lamm des ersten Wurfes musste an eine andere bedürftige Familie weitergeschenkt werden. Doch es kam anders. Manche Bauern schlachteten ihr Schaf schon am ersten Tag; zu lange hatten sie kein Fleisch mehr gegessen. «Es brach ein Bein», redeten sie sich heraus. Andere besassen im Winter kein Futter für ihr Tier. Im nächsten Frühling gab es keine Schafe mehr in Lopare. 
In einem zweiten Anlauf ersetzte Miodrag die Schafe mit Wollschweinen. Ein trächtiges Wollschwein, überlegte er, kostet 500 Euro, doppelt so viel wie eine normale Sau. Bei diesem Preis wird niemand mehr leichtfertig sein Tier schlachten, nur weil er Lust auf einen Braten hat. Auch bekommen Wollschweine mehr Junge als Schafe; das erleichtert die Weitergabepflicht. Und schliesslich brauchen sie auch kein teures Futter. Als Selbstversorger fressen sie alles, von Eicheln bis Brennnesseln, Letztere praktischerweise samt den Wurzeln.
2012 kaufte er bei einem auf alte Rassen spezialisierten Wollschweinzüchter in der Nähe von Belgrad fünf trächtige Tiere. Zu den ersten Beschenkten gehörten Vinco und Rinka. Der Hof des Ehepaars erfüllte alle gestellten Bedingungen: Er bot genügend Platz für ein grosszügiges Gehege; Wald und Wasser waren in der Nähe. 
Heute, zwei Jahre später, toben im Gehege zehn Ferkel um die beiden Muttersäue. Sie sind schlank und rank und besitzen Löckchen, die man kraulen möchte. Mal stossen sie in die Zitzen ihrer Mutter, mal spazieren sie auf ihrem Rücken herum und schauen in die Welt, als wüssten sie Bescheid. Aufmerksam behält der Eber seine Familie und die Gäste am Zaun im Auge. Vinco streckt ihm ein Büschel frisches Gras hin. «Er ist ganz friedlich. Aber natürlich muss man ihn mit Respekt behandeln.» 
Hinter dem Haus verlief vor zwanzig Jahren die Front im Bürgerkrieg. Abgesplitterte Baumstämme zeugen von den Kämpfen. Jetzt spielen auf dem alten Steintisch leicht und heiter die Schatten der Blätter. Rinka schneidet das geräucherte Wollschweinfilet in feine Scheiben. Das Fleisch ist zart und aromatisch, der schmale Fettrand schmeckt nussig. Vinco schenkt den selbstgebrannten Slibowitz ein. Kein Kratzen und kein Beissen im Hals; als reine Frucht rinnt der Zwetschgenschnaps durch die Kehle. 
Sobald Vinco und Rinka 20 Säue und 100 Ferkel haben, können sie von der Zucht leben. Mit fünfzig Züchtern im Dorf, spinnt Miodrag den Faden weiter, ist der Markt und unsere ökonomische Zukunft gesichert. «Dann können wir die Wollschweine in die Schweiz exportieren und das Biofleisch für 43 Franken pro Kilo verkaufen.» – «43 Franken», wiederholt Vinco ungläubig. Rinka lässt versonnen ihre Hand am Ausschnitt herumwandern.
Auf dem Rückweg schlängelt sich die Strasse durch grüne Hügel. Überall stehen die verlassenen, halbfertigen Häuser der Gastarbeiter. Hier führt eine Treppe ins Nichts, dort gähnt unter der Tür der Abgrund. Bald klebt, wie in einem Baumuster-Katalog, ein Tudor-Türmchen am Rohbau, bald ist’s ein Tiroler Holzbalkon oder eine Tessiner Loggia. Mancher hat schon einen Plastikschwan im Garten; der andere setzt zur Verzierung erst an: Er versetzt die Fassade mit markanten Steinen, die aussehen, als hätte das Haus Pickel.
Miodrag kennt alle Besitzer mit Namen. «Ich sag aber nur die Kantone.» Seine Hand deutet nach links und nach rechts. «Hier ist Glarus. Dort steht Thurgau.» Es folgen Solothurn, Schaffhausen, Aargau, Zürich. Eine Wegbiegung weiter erscheinen Sargans und Rapperswil. Jahr für Jahr fügen die Gastarbeiter ein neues Stockwerk an. Jahr für Jahr nehmen sie in der Schweiz einen neuen Kleinkredit auf, 10 oder 20 000 Franken zu 13 Prozent. Das ist billiger als eine Hypothek in Bosnien. «Dreissig Jahre lang schuften sie wie die Hunde. Sie haben für nichts anderes Zeit und entwickeln sich nicht weiter.»
Viele Fensterläden sind geschlossen. «Da wohnen nur die Spinnen drin», erklärt Miodrag. «Gastarbeiter werden nicht alt. Kaum kommen sie zurück, sterben sie. Häufig auch schon früher.» Ihre Kinder blieben lieber in der Schweiz: «Die haben nur Konsum und Disco im Kopf.»
Schweinezucht passt nicht ins Weltbild der Villenbauer. Wollschweinzucht schon gar nicht. Die Tiere stellen zu wenig dar: kleine Hunde mit Steckdosenschnauze. Etwas für den Kinderzoo. Auch sind sie unrentabel, denn es dauert ein ganzes Jahr, bis die marschtüchtigen und geländegängigen Tiere, die stets auf Trab sind, das Schlachtgewicht erreicht haben. Sogar «Swimmingpools», wie man in Lopare die extra angelegten Schlammtümpel verhöhnt, muss man ihnen bauen. Ein Wunder, dass sie nicht nach Sofas verlangten. 
Früher gab es hier auf jedem Hof Wollschweine. Morgens trabten sie in den Wald. Abends Punkt sieben Uhr kehrten sie, kugelrund und zufrieden, auf den Hof zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbot der kommunistische Staatschef Tito erst die Schweinehaltung, danach die Ziegenzucht. Allein 1949 wurden zwei Millionen Tiere geschlachtet. Tito wollte keine Bauern. Er brauchte Arbeiter. Und besitzlose Menschen, die sich leicht manipulieren liessen. Von diesem Schlag hat sich Lopares Landwirtschaft bis heute nicht erholt. 95 Prozent aller Bauern leben am Existenzminimum. 
Um alles richtig zu machen, liessen sich die neuen Wollschweinbauern Lehrbücher aus der Stadt schicken. Darin stand: Wollschweine sind ruhig und gesellig, stress-unanfällig und selten krank. Überaus reinlich, teilen sie ihr Gehege in Kot-, Fress- und Schlafplätze ein. Ein Schlammbad hält Ungeziefer fern. Körperstellen, die sie nicht erreichen können, scheuern sie zentimetergenau an Bäumen und Zäunen sauber. Ihr Familiensinn ist ausgeprägt. «Abends bauen sie in Rudeln ein gemeinsames Nest, wobei jedes Tier etwas zum Nestbau beiträgt. Die einen bringen einen Zweig mit, die andern scharren die Mulde. Wohlig aneinandergedrängt, schlafen sie 14 Stunden», erfuhren die Züchter aus der Wollschwein-Fibel.
Lopare liest andere Bücher und lernt andere Dinge. Renner der Leihbücherei ist Das Spinoza-Prinzip. Miodrag wirft einen Blick darauf. Dann murmelt er: «Schund.» Nicht, dass ihn der Erfolg des Psychokitsches erstaunte. Alles boomt im Ort, was Trost und Flucht verspricht: Medikamente gegen Depressionen. Endlose türkische Soap-Operas. Und natürlich Alkohol. Letzteres von jeher. «Alle trinken hier», sagt Miodrag. «Mein Grossvater trank, mein Vater trank, mein Onkel trank.» Als Miodrag selbst nicht mehr trank, rückten die Menschen von ihm ab: «Bist du krank?» In Bosnien-Herzegowina leben nur Epileptiker und Syphiliskranke abstinent. Die Weltgesundheitsorganisation zählte 900 000 Alkoholiker unter den 3,7 Millionen Einwohnern. 
In der Leihbibliothek stehen auch Miodrags Romane; sie füllen einen halben Meter Gestell. Sie heissen Verrückter Wind, Verwundeter Wolf, Hyänen und Sterne des Abgrunds. Geld verdient hat er nur mit seinem letzten, auch auf Deutsch erschienenen Werk Ajduk. Die 312 Franken Honorar versteuerte er an seinem schweizerischen Wohnort Wettingen. Alle Bücher handeln vom schwierigen Verhältnis der Serben zum Rest der Welt und vom Leben der Gastarbeiter in der Schweiz. Miodrag Lukic schreibt aus eigener Erfahrung: 1986 hatte er sein Jusstudium in Sarajewo abgebrochen, um Mineur im aargauischen Bözberg-Tunnel zu werden. Dort fand er nicht nur Arbeit, sondern auch seine Frau Milena. 
Milena ist gebürtige Slowenin und gelernte Physiotherapeutin. Als eine Art Abwehrzauber gegen das allgegenwärtige Grau im Dorf ihres Mannes hat sie sich einen flammend roten Schopf verpassen lassen. «Alle klagen, alle sind krank. Es gibt sieben Apotheken im Dorf.» Am liebsten ist sie auf den Wollschweinhöfen; dort kontrolliert sie regelmässig die Haltung der Tiere. Allein der Anblick stimmt sie heiter: lauter vergnügte Wesen mit fröhlich aufgestülpten Nasen, die sich sonnen und strecken, grunzen und gähnen. Kaum sehen sie Milena am Zaun, galoppieren sie in beeindruckendem Tempo heran und beschnüffeln ihre Stiefel. Von allen Säugetieren haben sie die besten Nasen. Dann wollen alle gestreichelt werden. «Sie stellen die Rangordnung durch Kraulen her», sagt Milena. «Wer zuerst und am ausgiebigsten gekrault wird, steht ganz zuoberst.»
Manchmal scheint ihr, die gute Laune der Tiere ginge auf ihre Besitzer über. Sogar auf diesem Hof. Der Bauer brachte nach dem Krieg Hunde um, weil er weiterhin Blut sehen wollte. Ein Sohn ist gefallen, der andere behindert. «Ein Rauschkind», nennt es Milena. Unablässig fährt sich die Bäuerin übers Gesicht, als striche sie es aus. Oder versuchte, seine Begrenzungen zu finden. Doch seit die Wollschweine da sind, geht sie wieder in den Garten. Die Blumenrabatten sind sorgfältig mit weissen Kieselsteinen eingefasst, Rosen leuchten aus schattigen Ecken, und unter den Eichen rauscht der Bach. 
Jetzt hört sie stumm zu, was Milena sagt. Dann steht sie auf und kommt mit einem Teller Erdbeeren wieder. Sie bittet um Entschuldigung, lässt sie Milena übersetzen, leider sind sie nicht so aromatisch wie die vom letzten Jahr.
Anfangs wollte Miodrag vor allem die «wegbröckelnde Kultur» seines Heimatdorfes retten. «Wenn die Kultur aufgegeben wird, ist alles verloren.» Er liess zwei Klaviere aus der Schweiz kommen und gründete einen Theaterverein. Dieser spielt hauptsächlich seine eigenen Stücke, 17 insgesamt.
Inzwischen ist die Not so gross geworden, dass er sich auch um die Bettler kümmern muss. «Früher bettelten hier nur die Zigeuner», sagt er. «Und sie taten es auf irgendwie sympathische Art.» Heute betteln hier auch die Einheimischen. Ein Junge steht sprungbereit wie ein Sprinter am Start am Strassenrand. Sein struppiges Haar ist sonnengebleicht, der Körper unter dem Hemd spindeldürr. Nähert sich ihm jemand, flackert ein vages Wiedererkennungslächeln über sein Gesicht. Überrascht verlangsamt der andere den Schritt. Und schon schnellt der Arm des Jungen nach vorn. Die hergekramte Münze schnappt er sich wie ein Tier die Beute und bringt sie hinter einer Baracke in Sicherheit.
«Und, wie läuft’s?», fragt Miodrag. «Viel besser», antwortet der Junge. Miodrag hatte ihm geraten, stets ein «Gott-schütze-Dich» zu murmeln. «Alle Gastarbeiter sind abergläubisch», erklärte er. Auch empfahl er längere, den Schweizer Verhältnissen angeglichene Arbeitszeiten. Seither bettelt der Junge von 7 bis 17 Uhr. Am Feierabend kauft er Brote und Bohnen und macht sich damit auf den Heimweg. Manchmal geht er die zwölf Kilometer zu Fuss; manchmal nimmt ihn ein altersschwacher, auf Höchstleistung getrimmter Mercedes oder Audi mit, wie sie Gastarbeiter fahren. Zu Hause warten die Eltern und sechs Geschwister, zwei davon behindert, auf die erste Mahlzeit des Tages. 
2013 geriet das Wollschweinprojekt ins Stocken. Ein Bauer konnte keine trächtige Sau weiterschenken, alle fünf Ferkel waren Eber. Ein anderer liess, ungeduldig, seine Muttersau zu früh decken, und die Ferkel blieben zu klein. Eine weitere Familie schuldet bis heute ihr Jungtier. Miodrag musste in Belgrad zwei weitere Schweine dazukaufen. Auf der Suche nach finanzieller Unterstützung fuhr er nach Banja Luca. Doch das Landwirtschaftsministerium von Bosnien-Herzegowina winkte ab. «Die Beamten nahmen uns nicht ernst.»
Die Gemeinde Lopare wollte zwar helfen, konnte aber nicht. «Unser Budget ist tiefer als die Ausgabe für die Weihnachtsbeleuchtung der Zürcher Bahnhofstrasse», sagt Rado Savic, Bürgermeister und Arzt. Um wenigstens einen ideellen Beitrag zu leisten, macht er etwas Werbung: «Damals, als es hier noch auf jedem Hof Wollschweine gab, kannten wir keine Herzkrankheiten.»
Rado Savic ist ein stattlicher Mann mit weichen Formen, wie sie sich viele Empfindsame zum Schutz zulegen. Er führte seinen Wahlkampf auf dem Fahrrad statt wie sein Gegner im Audi. Und er gewann ihn, obwohl ihm das Wichtigste zur Popularität fehlte: Er konnte keine Heldentaten aus dem Bürgerkrieg vorweisen. Der heute 38-Jährige war damals zu jung gewesen, um für die Sache der Serben zu kämpfen. Dann schaut er auch schon entschuldigend auf seine Uhr; er muss gleich weiter. Die Flutkatastrophe machte im Ort 61 Familien obdachlos, 302 Häuser sind beschädigt, 58 Kilometer Landstrassen unpassierbar, 33 Kilometer Wasserleitung zerstört. Zudem ist er der einzige Gynäkologe weit und breit und hat Notfalldienst. Dabei wurde er eben selbst mit einem Herzinfarkt in die Klinik eingeliefert. 
Auf dem Weg zu Miodrags Eltern sind die Spuren der Jahrhundertflut vom Mai 2014 allgegenwärtig. Auf der Strasse türmt sich der Schlamm meterhoch, schief hängt sie über dem Abgrund. Zwar floss das Wasser im gebirgigen Land überall rasch wieder ab. Dafür setzten sich andere Massen in Bewegung. Ganze Hügel rutschten ins Tal; vertraute Silhouetten änderten sich. Wo einst ein Bauernhof stand, öffnet sich jetzt ein schwarzer Schlund, breit wie ein Fussballplatz, tief wie die Baugrube einer Tiefgarage. Zuunterst liegen, als hätte sie ein Ungeheuer als unverdaulich ausgespuckt, Teile einer Sitzgarnitur. Es ist sehr still. Nur die Amseln schmettern auf empörend unbeeindruckte Weise. 
In Miodrags Elternhaus stoppte das Wasser, wie durch ein Wunder, vor dem Hühnerhof. Jetzt ist die reissende Flut wieder zum schokoladenbraunen Rinnsal geschrumpft und das Ufer gesäumt mit schmutzigen Plastikfetzen. Miodrags Vater war einer der ersten Gastarbeiter im Ort gewesen. Als er nach Jahren erstmals wieder nach Hause kam, glaubte Miodrag, ein Dieb suche in der Stube nach Geld. «Damals galt ein vaterloser Bub als irgendwie beschädigt.» Erst suchte er Schutz bei einem Onkel. Dann verschaffte er sich mit Prügeln Respekt. Und schliesslich mit guten Schulnoten. Seit einem Unfall vor ein paar Jahren benutzt er einen Gehstock. Er handhabt ihn flink und federnd wie ein Florett. 
Miodrags Mutter hat ihren Hocker weit weg vom Tisch gerückt. Aus Höflichkeit, sagt Miodrag. «Es bedeutet: Ich habe keinen Hunger.» Eine Gewohnheit aus den Zeiten der Kriege. Man hungerte im Ersten und im Zweiten Weltkrieg und zuletzt im blutigsten aller Kriege, dem Bürgerkrieg von 1992 bis 1995, zwischen orthodoxen Serben und muslimischen Bosniaken. 
Der Mutter wäre lieber, ihr Sohn liesse die Hände vom Wollschweinprojekt. «Die Leute wittern hinter jeder guten Tat Betrug.» Und stellt sich wider Erwarten Erfolg ein, werden sie neidisch. Das erfuhr auch Vaslija Obrenovic, ein Mann mit freundlichen Augen und vollem weissem Haar. In Yverdon hatte er es zum leitenden Techniker gebracht. Nach seiner Pensionierung eröffnete er in Lopare eine Bäckerei mit 20 Mitarbeitern. Benötigt hätte er die Hälfte. Doch es ging ihm um neue Arbeitsplätze. Das Dorf boykottierte seine Brote vom ersten Tag an: «Hat er in der Schweiz noch nicht genug verdient? Muss er sich auch noch an uns bereichern?» Kürzlich hat Obrenovic seine Bäckerei wieder geschlossen.
Doch Miodrag lässt nichts auf sein Dorf kommen. Man muss es verstehen. «Gastarbeiter galten hier schon immer als irgendwie komische Figuren.» Glauben, nur weil sie mehr Geld haben, auch intelligenter zu sein; protzen mit Kleidern, Schmuck und Autos und bauen Häuser nach einem einzigen Kriterium: je höher desto besser. «Jahrelang spielte sich meine Tante in den Ferien als Dame von Welt auf. Später erfuhr ich, dass sie Putzfrau im Hamburger Flughafen war.»
Auch «Helvetia»-Hotelchefin Cvijeta hat es für den Geschmack des Dorfes als Gastarbeiterin zu weit gebracht. Auf der Hotelterrasse gibt eine Frau ihr den Kaffee zurück, ohne ihn berührt, ja auch nur angesehen zu haben. Zweimal ersetzt ihn Cvijeta so flink und anstandslos, als wäre sie das Spiel schon gewohnt. Die Frau sagt weder Danke, noch unterbricht sie das Gespräch mit ihren Freundinnen. 
Im Korridor des «Helvetia» hängt das Tell-Denkmal von Altdorf. Cvijeta hat das Hotel-Know-how in Gersau und Brunnen gelernt. Auf ihrer Terrasse trifft sich das Establishment aus dem ganzen Distrikt. Es sind Frauen, eingezwängt in heftig gemusterte Blusen und Jackett, pensionierte Beamte und freizeitlich gekleidete junge Männer, die sich mit flinken Bewegungen aus ihren Jeeps schieben. Sie besitzen Discos, Luxusrestaurants in Belgrad, Banja Luca und Sarajewo oder futuristisch aussehende Tankstellen, die selbst tagsüber mit 2000 Glühbirnen wie Raumschiffe blinken. 
Viele nutzten die 1997 von der Weltbank befohlene Massenprivatisierung. Zu Spottpreisen schnappten sie sich die Staatsbetriebe und verscherbelten im Nu alles, was sich verscherbeln liess, angefangen beim Maschinenpark bis zum Landbesitz. Sechs der sieben Industriebetriebe Lopares, darunter eine erfolgreiche Heizkörper-Fabrik, sind nach dem asset-stripping nur noch leere Hüllen. Heute kommen die Heizkörper aus der Türkei. 
Andere wurden im Importgeschäft reich. «Wer hat eigentlich im Bürgerkrieg gewonnen?», fragte Miodrag jüngst sein in der Schweiz aufgewachsener Stiefsohn. Als Antwort knipste Miodrag einen der bosnischen TV-Sender an. Auf dem Bildschirm erschien erst die Werbung der österreichischen Raiffeisenbank. Dann folgten die Reklamen für Coca-Cola und Sinalco. «Die haben gewonnen», beschied er dem Teenager, «die Multis.»
Die Multis gewinnen auch im Lebensmittelladen von Lopare. In der drangvollen Enge drücken sich zwei Kunden nur mit Mühe aneinander vorbei. Kartoffelsäcke und Konservenbüchsen-Türme versperren den Weg; die Gestelle, bis unter die Decke an die Wand genagelt, scheinen unter ihrer Last zu kippen. Miodrag deutet mit seinem Stock auf Getränke und Waschpulver, Spaghetti und Schokolade. Alle sind teurer als im Hochpreisland Schweiz: «Weil es durch die Hände der Importlobby geht», erklärt er. 
Die Zwetschgen in den Körben stammen aus Chile. Die Importlobby findet es einfacher, die Früchte per Tastenklick in Südamerika zu bestellen, als sie im Zwetschgenland Bosnien-Herzegowina einzusammeln. In die Metzgerei gegenüber liefert sie gefrorenes Schweinefleisch aus Österreich zu 2 Euro 50 das Kilo. Das ist die Hälfte dessen, was die Wollschweinhalter für ihr Fleisch haben müssen. Das Fleisch stammt aus Mästereien mit Tausenden von Tieren, bedient von einem einzigen Mann, der den Nahrungsbrei mit Knopfdruck in die Tröge fliessen lässt. Das Mastschwein nimmt täglich 1 Kilo zu, mit 6 Monaten bringt es 125 Kilo auf die Waage, eine atmende Masse, die durch die Gitterstäbe der Buchten quillt. 
Alle Versuche Miodrags, in der örtlichen Metzgerei dem Wollschweinfleisch bessere Startchancen zu verschaffen, blieben erfolglos. Weder war der Metzger bereit, das Importfleisch teurer zu verkaufen, noch wollte er Wollschweinefleisch ins Angebot nehmen. Das Leiden der Masttiere? Kein Verkaufsargument in einem Land, wo eben erst 100 000 Menschen hingeschlachtet wurden. Bessere Fleischqualität? Ein Witz für alle, die arbeitslos sind oder sich mit einem Stundenlohn von 1 Euro durchschlagen.
Jetzt denkt Miodrag an einen wöchentlichen Bauernmarkt, der sogar Touristen anziehen könnte. Er denkt auch an den Export von Slibowitz. Bislang brachten die Bauern die Früchte ihrer 1,1 Millionen Zwetschgenbäume nicht mal in Form von Schnaps los. Die Exportlobby versetzt lieber billigen Äthylalkohol mit Zwetschgenaroma und verkauft ihn im Ausland als Slibowitz. Mit einem Export-Label könnte man den Original-Slibowitz gegen den Industriefusel abgrenzen. 
Doch Besserung ist in Bosnien-Herzegowina nicht in Sicht: zu zerstritten das Land, zu wichtig seine Erinnerungskultur. Allen Völkern Ex-Jugoslawiens dienen Erinnerungen und Hass zur nationalen Sinnstiftung. «Bosnien ist das Land des Hasses», schrieb schon Literatur-Nobelpreisträger Ivo Andric Mitte des letzten Jahrhunderts. Seit das Dayton-Friedensabkommen 1995 Bosniaken wie Kroaten und Serben, Verlierer wie Sieger, in einen einzigen winzigen Staat, Bosnien-Herzegowina, gesperrt hat, ist dieser Hass nicht kleiner geworden. Immer wieder flammt er auf, wie schlecht vernarbtes Gewebe. Für keine Ethnie gibt’s ein Einerseits und Andererseits. Für alle gibt es nur eine Wahrheit: die eigene. 
Für die Serben ist klar: Sie sind das Opfer ihrer eigenen Standhaftigkeit. 400 Jahre lang besetzten die Osmanen ihr Land. Die Bosniaken nahmen den islamischen Glauben ihrer Herren an, die Serben blieben Christen.
Während 40 Jahren herrschte die Österreichisch-Ungarische Monarchie über das Gebiet. Kroaten und Bosniaken arrangierten sich mit der neuen Herrschaft. Die Serben gingen in den Widerstand. Es war ein Serbe gewesen, der mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaars in Sarajewo gegen die Besatzermacht rebelliert und damit den Ersten Weltkrieg ausgelöst hatte. 550 000 Serben, beinahe ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, verloren damals ihr Leben.
Im Zweiten Weltkrieg kooperierte Kroatien mit Nazi-Deutschland. Die Serben kämpften gegen den Faschismus. Wiederum blieben 1 Million Tote auf den killing fields Jugoslawiens liegen. An der Dorfkirche von Lopare steht auf einer Gedenktafel: «Hier hängte die Deutsche Wehrmacht 327 Einwohner auf». 
Der letzte Krieg, der Bürgerkrieg, forderte 100 000 Leben, diesmal vor allem Bosniaken. Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, war sich die Welt einig: Die Schuldigen sind wieder mal die Serben. Die Abneigung bekommt auch Tennisstar Novak Djokovic zu spüren. Der «serbischen Kampfmaschine», dem augenblicklich besten Tennisspieler der Welt, schlägt bei Turnieren nur wenig Sympathie entgegen. Dabei tut er alles, um das ramponierte Image seines Volkes zu verbessern. Seine halbe Million Euro für die Flutopfer spendete er ausdrücklich für alle betroffenen Gebiete. «Gott mit Euch. Ich liebe alle Völker Ex-Jugoslawiens, inklusive Kroatien», twitterte er. «Nie wieder Krieg!» 
Erst hoffte die Welt, die gemeinsam durchlittene Hochwasserkatastrophe vom Mai 2014 spüle auch den Hass zwischen katholischen Kroaten, muslimischen Bosniaken und orthodoxen Serben weg. Das Gegenteil geschah. Miodrag Lukic donnert auf der Hotelterrasse einen Artikel für Vesti in den Computer, die Zeitung der Exilserben. Was er denkt, steht gleich in eruptiven Schwällen da. Wieder einmal wurden die Serben benachteiligt. Die meisten Hilfsgelder gingen an EU-Neuling Kroatien. Sogar das Benzin für die Räumungsfahrzeuge musste Lopare aus eigener Tasche bezahlen. Hin und wieder liest Miodrag der Tischrunde einen Satz vor. «Genau», bekräftigen die Zuhörer. «Genau.» Ohne den Artikel auch nur einmal durchzulesen, drückt er auf «Senden». Ein Kämpfer wie er kann sich nicht um die Glätte eines Textes kümmern. 
Ungebrochen auch seine Zuversicht in die Zukunft der Wollschweine. Eine neue Hürde war aufgetaucht: Das Landwirtschaftsministerium von Bosnien-Herzegowina besteht auf der Impfung gegen die hochansteckende Schweinepest, eine Art Ebola für Schweine. In der EU und der Schweiz ist diese Impfung verboten. Das bedeutet: Auch geimpftes Schweinefleisch darf nicht eingeführt werden. 
Doch Miodrag bezieht aus jeder Reibung neue Energie. Man könnte doch, überlegte er, die Bestände zusammenlegen und tief im Wald ein isoliertes Gemeinschaftsgehege schaffen. Vielleicht liesse sich eine Ausnahmebewilligung bekommen. Er kennt jemanden, der jemanden im Landwirtschaftsministerium kennt. Auch fehlt es in Lopare nicht an fachkundiger Unterstützung im schwierigen Ämterverkehr. In der Gemeinde leben 300 arbeitslose Juristen und 200 stellenlose Ökonomen. Denn zu Titos Zeiten hatte das halbe Dorf die Matura gemacht. «Wir lasen Stendhal, Beaudelaire, Balzac, Thomas Mann, Tolstoi. Und aus der Schweiz Johanna Spyri», erinnert sich Miodrag.
Jetzt scheint das Gymnasium, ein Bau aus kommunistischer Zeit, kurz davor, sich wie ein Karton zusammenzufalten. Schief hängen die grossen Fenster im brüchigen Rahmen. Im Erdgeschoss stehen ein paar verstaubte Kaktusse hinter blinden Scheiben. Und kümmerlich das Häufchen frisch diplomierter Maturanden, die sich auf dem Schulplatz versammeln. Die Jungen haben ihr Haar wie für die Disco gestylt; die Mädchen sind so sorgfältig geschminkt, als bewürben sie sich für eine TV-Show.
Drei Musikanten führen ihren Umzug durchs Dorf an. Wild fahren Trompete und Saxofon durch die Luft, Arme und Beine schlenkern und zucken wie unter Strom. Es sollte lustig sein. Doch es wirkt wie eine Verhöhnung. Auch Lopares akademische Hoffnung wird bald dort enden, wo alles hier endet: in der Arbeitslosigkeit oder einem Hilfsarbeiterjob irgendwo im Ausland. 
Vor zwei Wochen gab das Landwirtschaftsministerium grünes Licht für die Wollschweinezucht ohne Impfung. Bedingung: Das Gehege muss drei Kilometer von der nächsten Besiedlung entfernt und eingezäunt sein. Den geeigneten Wald hat Miodrag schon ausgekundschaftet. Jetzt fehlt nur noch das Geld für den Zaun und die Sonderbewilligungen. Und die Einwilligung der Bauern. Denn nicht alle siebzehn Bauern wollen oder mögen beim Gemeinschaftsprojekt mitmachen. 
Der erfolgreichste ist Milan Petlovic. Das Gehege, das er seinen fünfzig Wollschweinen baute, ist riesig. Jetzt bastelt er an einem Dach für das Schlammbad. Aus den vier dünnen, ins Wasser gesteckten Ruten soll ein schattenspendender Schutz aus Blättern werden: «Ihre Haut ist sehr empfindlich. Schon bei zwanzig Grad beginnen sie unter der Hitze zu leiden.»
Vor drei Jahren wollte er sich das Leben nehmen. Sein Schwarzarbeiterjob am Genfersee war aufgeflogen; jemand hatte ihn beim Rebenschneiden im Weinberg fotografiert und angezeigt. In Lopare erwartete ihn niemand mehr, sein Elternhaus war leer. Erst renovierte er die Fassade. Dann legte er den alten Brunnen frei. Dann war nichts mehr zu tun. Eine Frau zu finden, schien ihm unmöglich. Sein Hof lag zu abgelegen, er war schon 41, Serbinnen heiraten lieber in die Stadt. 149 Bauernhöfe in der Gemeinde werden von Junggesellen bewirtschaftet. Milan schluckte Schlaftabletten. Es war Zufall, dass ihn Miodrag fand.
In Milans sanftmütigem Gesicht sitzt eine überraschend schiefe Nase, als hätte sie nachträglich jemand zur Seite gedrückt. Das Haar über der Stirn hat er mit Wasser nach vorn gezwirbelt; es sollte munter wirken. Wie viele einsame Menschen spricht er sehr schnell, wenn ihn die Umstände zum Reden zwingen. 
Unter seinen Tieren gibt es Gutmütige und Störrische, Verspielte und Pflichtbewusste, Gesellige und Einzelgänger. Seinen Lieblingen hat er Filmstarnamen gegeben. «Sie sind intelligenter als Hunde.» Schon die Kleinsten wissen im Nu, wo ein Loch im Zaun ist, und vergessen es nie wieder. Jetzt spazieren sie über den ganzen Hof und sehen sich alles genau an. Spielerisch knabbert sein junger Hund am Ohr eines Schweinchens. Milan bringt es nicht fertig, seine Tiere zu schlachten, und macht lieber Tauschgeschäfte: zwei Ferkel gegen ein neues Kamin.
«Milan ist ein neuer Mensch», sagt die Nachbarin und stellt Sirupgläser auf den Steintisch. «Sogar einen Garten hat er angelegt.» Die Blumen sind einzeln sorgsam und regelmässig über eine grosse kahle Fläche verteilt, wie ein Tupfenmuster. Selbst seine schlimmsten Monate – September, Oktober, November – waren vorübergegangen, ohne dass die Depressionen zurückkehrten. Umso alarmierter wurde Miodrag, als er im darauffolgenden Sommer plötzlich Milans Stimme am Telefon hatte: Alle seine Schweine waren verschwunden. Von einem Tag auf den andern. Er tippte auf Diebe. Oder auf Jäger, die sie im Wald mit Wildschweinen verwechselt hatten. Nach zwei Wochen die Erlösung. Die Tiere waren zurück. In bester Verfassung. Sie hatten ein tief im Wald verstecktes und verlassenes Dorf entdeckt und sich an den zu Boden gefallenen Zwetschgen, Birnen und Aprikosen vollgefressen.
Mittlerweile ist Milan fast ein bisschen berühmt geworden. Einmal fuhr ein Bankier aus Kroatien an seinem Hof vorbei und steckte ihm seine Visitenkarte zu. Und einmal war ein Bild von ihm in der Lokalzeitung. Milan schämte sich, weil ihn die Nachbarn erkannten. Es ist nicht gut, in Lopare Erfolg zu haben.

 

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Die Journalistin Margrit Sprecher (Jahrgang 1936) mag die bosnischen Wollschweine: «Sie waren mit Abstand die vergnügtesten und muntersten Lebewesen im ganzen Dorf.» 

Lesen Sie in Reportagen #20 Joe Saccos Comic-Reportage, ebenfalls aus der bosnisch-herzegowinischen Republik Srpska. Und von Margrit Sprecher u. a. Irrland (#1) oder Wir handeln die Welt (#11).

Margrit Sprecher unterwegs:
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