Mit Wörtern punkten

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Süchtig nach dem Silbenglück: Scrabble-Spieler an der Weltmeisterschaft.  

Dmitrij Kapitelman

Der Ort, an dem abertausende Wörter gedacht werden, mehr noch, an dem nur Wörter zählen, ist gleichzeitig der wohl verschwiegenste der Stadt. Nur das Klimpern der Lettern, die die Spieler mit staatstragender Miene aus den grünen Säckchen puhlen, schallt durch die Messehallen des Grand Palais von Lille. Deshalb klingt die Weltmeisterschaft im Scrabble nicht wie ein Ereignis, das mehr als 400 Menschen aus dreissig Ländern in einem Kongresscenter versammelt hat. Eher wie ein Wald zirpender Plastikgrillen. Zu konzentriert sitzen sich die Kontrahenten an den langen Tischreihen gegenüber. In Duelle vertieft, bei denen sie nur allzu leicht ein Anagramm übersehen, ein Bonusfeld auslassen oder die Buchstaben des Gegners falsch berechnen könnten. Dann wären die vielen Jahre täglichen Trainings, die auswendig gelernten Wörterbücher und nicht zuletzt die sozialen Entbehrungen vergebens. Ja, ganze Lebenskonzepte wären entwertet, falls U,Q,A,L,T,I,E nicht schnell genug Tequila ergibt. Verspielt wäre auch das Preisgeld von 7000 Euro. Da die meisten Teilnehmer gut situierte Akademiker sind, dürfte dies den verkraftbarsten Verdruss bedeuten. Ruhm und Anerkennung aber, in dieser kleinen, gleichzeitig globalen, bis zur Manie leidenschaftlichen Gemeinschaft blieben unwiederbringlich versagt!

Wer gesehen hat, wie ergeben all diese intelligenzbestialischen Menschen auf Buchstabenklötzchen starren, eine Woche lang, völlig ungerührt von der nach Leibeskräften lockenden Septembersonne Frankreichs – der fragt nicht, was Scrabble ist. Sondern: Was ist Scrabble für wen? Nun, für einen Grossteil der etwa 100 Millionen Haushalte weltweit, die das Brettspiel inzwischen besitzen, ist es eine nette Gelegenheitsknobelei. Ein Spiel für die Familie, bei dem es darum geht, aus sieben zufällig gezogenen Buchstaben möglichst lange Wörter zu kombinieren und diese horizontal oder senkrecht anzulegen.

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