Mord im Jahr des Schweins

Eigentlich hatten es die Brüder Wang bloss auf ein bisschen Bargeld, Süssigkeiten und Zigaretten abgesehen.

Xiaolu Guo

1983 war in China das Jahr des Schweins. Es war auch das Jahr des Schreckens, das Jahr, in dem wir Chinesen mit den Begriffen «Mordserie» und «Serienmörder» vertraut wurden. Deng Xiaoping war Führer der Kommunistischen Partei. Der Kettenraucher paffte ununterbrochen teure Zigaretten der Marke Panda. Das Land erholte sich langsam vom Trauma der Kulturrevolution. Produkte aus dem Westen waren ebenso wenig bekannt wie westliches Gedankengut.

Die Fernsehserie Die Räuber vom Liang-Shan-Moor war ein grosser Hit. Es war die Verfilmung eines Romanklassikers aus dem 14. Jahrhundert über eine Räuberbande, die sich in den Bergen verschanzt und nach ihrer Begnadigung den Armen hilft. Der Zufall wollte es, dass 1983 auch zwei moderne Räuber auf ihrer unberechenbaren Flucht die Öffentlichkeit in Atem hielten. Die aus einer Arbeiterfamilie stammenden Brüder Wang Zongfang und Wang Zongwei zogen mordend durchs Land, nachdem sie bei einem Ladendiebstahl erwischt worden waren und der Polizei zu entkommen versucht hatten. In sämtlichen Städten Chinas klebten Fahndungsaushänge an den Wänden. Selbst in den Schulen hingen sie, gleich neben den Propagandaplakaten mit dem Aufruf «Studiere fleissig und arbeite hart».

Ich war zwar erst neun, aber ich erinnere mich noch gut an die Gesichter der zwei Brüder, die mir von den Plakaten entgegenstarrten: Zongfang, der ältere, und Zongwei, der jüngere. Zwei hagere Typen Mitte zwanzig. Der eine hatte Zähne so schwarz wie die eines Strassenköters. 1982 war das Jahr des Hundes. Für uns Chinesen gilt der Hund als sorgenvoll und ängstlich. Ein Mann mit scharfen, faulen Zähnen wie ein Hund konnte nicht von Glück gesegnet sein.

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Als mir Jahre später klar wurde, was die Brüder Wang getan hatten, versuchte ich mir auszumalen, was für ein Leben sie vor dem folgenschweren Einbruch geführt haben und wie sich die Tage und Wochen danach gestaltet haben mochten. Aufgewachsen waren sie in Shenyang, einer Industriestadt im Norden Chinas. Wie hatten sie sich die nasskalten Nachmittage im Januar vertrieben? Welches waren ihre Träume, bevor ihre epische Reise durch China begann, auf der sie so viel Leid und Zerstörung anrichteten? Träumten sie von Geld? Einer besseren Arbeit? Sex? Vielleicht hatten sie auch nur unter entsetzlicher Langeweile und ständigem Hunger gelitten, wie zwei Hunde ohne Worte und Verstand.

Ich weiss noch, wie ich mich in diesem Januar fühlte, als Schulmädchen in einem Dorf in der sonnenverwöhnten Provinz Zhejiang im Südosten Chinas. Zwar waren unsere Bäume das ganze Jahr über grün, zu essen hatten wir trotzdem nicht genug. Wenn wir Glück hatten, gab es einmal die Woche ein wenig Fleisch. Ich war pausenlos von Hunger geplagt, tagsüber in der Schule und wenn ich nachts erwachte. Ich stelle mir vor, dass die Brüder Wang weit oben im eisig kalten Norden noch viel grössere Not litten.

Nun stand also das Jahr des Schweins vor der Tür. Das Schwein war ein Symbol für Glück und Reichtum, aber auch für Masslosigkeit und Gier. Wir waren alle gespannt darauf, was das Schwein uns dieses Jahr bringen würde.

Eine blutige Neujahrsnacht in Shenyang

Der erste Mord geschah auf völlig unerwartete Art. Es war der 12. Februar 1983, Neujahrsabend, das wichtigste Fest des Jahres. Familien bereiteten Festessen zu, Fabriken boten ihren Arbeitern ein erstklassiges Unterhaltungsprogramm, und die Soldaten hatten Urlaub. Selbst die Diebe machten Pause, wie die Bauern zu sagen pflegten. Oder jedenfalls einige Diebe. 

In Shenyang in einem einfachen kleinen Haus sassen die Brüder Wang und langweilten sich wahrscheinlich. Der jüngere, Zongwei, war 25. Die Nachbarn beschrieben ihn später als teilnahmslos. Er sonderte sich ab wie ein Hund. Ein wortkarger Typ, der sogar mit seinen Eltern kaum sprach. Sein Gesicht war ausdruckslos. Als Soldat in der Volksbefreiungsarmee, stationiert in der Inneren Mongolei, hatte Zongwei den Umgang mit Waffen gelernt. Er hatte schon seit Jahren mal hier, mal da etwas geklaut und sich dabei kaum je erwischen lassen. Zongfang war 28, kleiner, dicker. Er hatte nie in der Armee gedient und war nicht besonders geschickt mit Waffen. Die beiden hatten kaum Schulbildung erhalten. Und Liebe vermutlich genauso wenig. Sich die Taschen und die Mägen zu füllen, war mehr oder weniger ihr einziger Lebensinhalt. Noch ein Brötchen, noch einen Happen Schweinefleisch.

Die Industriestadt Shenyang lag unter einer schmutzigen Schneedecke an diesem Neujahrsabend. Die Stadt befindet sich hoch oben im Norden, unweit der Grenze zu Sibirien, und die Flüsse waren zugefroren. Es war minus 10 Grad kalt. Bis auf einige dick in Armeemänteln und Pelzhüten eingepackte Wachmänner an den Fabriktoren war kein Mensch draussen.

Die Strassen waren eisglatt und unterwegs zu sein kein Vergnügen, aber die Brüder hatten wohl keine Lust mehr, zu Hause zu bleiben. Zongfang hatte drei Tage zuvor ein Mädchen geheiratet, das ihm aber nichts bedeutete – eine Bäuerin, die Ehe war arrangiert. Gegen Mittag verliessen sie das Haus zu zweit auf einem Fahrrad, der eine trat in die Pedale, der andere hockte auf dem Gepäckträger. Im Laufe des Nachmittags fuhren sie zum Militärkrankenhaus von Shenyang. Es war ein Gebäude im Sowjetstil, rechteckig, unendlich gross, wintergrau, mit Tausenden von Betten für Soldaten und Zivilisten.

Der kleine Laden im Krankenhaus war geöffnet, damit sich das Personal mit Neujahrssüssigkeiten und Lebensmitteln eindecken konnte. Die Brüder trugen gestohlene  Militäruniformen, und niemand hielt sie auf. Unter dem Mantel hatten sie je eine Pistole versteckt, obschon sie es wohl lediglich auf ein bisschen Bargeld, Süssigkeiten und Zigaretten abgesehen hatten.

Es war später Nachmittag, und praktisch alle Angestellten wohnten der Vorführung eines Feiertagsfilms bei. Nur einer schaute nicht mit: Wu Yongchun, ein Operationspfleger, er wollte sich eben auf den Heimweg begeben, als ihm beim Tor zwei Fremde auf einem Fahrrad auffielen. Er kannte alle seine Kollegen, und diese beiden kamen ihm irgendwie verdächtig vor. Was hatten Fremde an einem Staatsfeiertag in einem Militärkrankenhaus zu suchen? Wu kehrte um und meldete Politoffizier Zhou Huaming seine Beobachtung. Zhou war Militärveteran und brüstete sich gern mit seinem detektivischen Talent. Er begleitete Wu, und sie beobachteten von weitem die Brüder, die vor dem Laden herumlungerten. Zhou wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Wu stellte fest, dass die Fremdlinge ihre grünen Militäruniformen durch blaue Jacken ausgetauscht hatten, wie sie das Krankenhauspersonal trug. Dem Grösseren spannte die Jacke über den Schultern, und die Ärmel waren zu knapp. Zhou ging auf die beiden zu, gerade als der eine in den Laden wollte. «Was tun Sie hier?», fragte Zhou. «Ich muss zum Arzt», antwortete der Grosse. Und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: «Genaugenommen bin ich wegen meiner Grossmutter hier, sie ist krank.»

Das war Zongwei, der jüngere Bruder. Beim Reden kamen seine schwarz-gelben Zähne zum Vorschein. Zhou verlangte nach Zongweis Ausweispapieren. Die Papiere gaben nicht nur preis, wer man war, sondern auch, wo man sich gerade aufzuhalten hatte. Zögerlich zückte Zongwei eine Karte. Name und Alter waren eingetragen, aber keine Adresse – ein Hinweis darauf, dass er für einen staatlichen Rüstungsbetrieb arbeitete oder für eine Sicherheitsinstitution, ein Gefängnis etwa oder einen Armeestützpunkt, denn die Adressen dieser Personen wurden aus Gründen der Geheimhaltung nicht in die Papiere eingetragen. Während Zhou ihn weiter befragte, trat Zongfang mit einem schweren Sack über der Schulter aus dem Laden. Als er die Situation erkannte, rannte er davon. Zeugen erinnerten sich später an eine Stange Double Happiness, die aus dem Sack ragte und golden-rot im Halbdunkel leuchtete. Double Happiness war eine teure, sehr begehrte Zigarettenmarke in China. Eine Hochzeit oder ein Mondfest ohne Double Happiness war unvorstellbar.

Zhou rief nach den Wachen. Sie rannten Zongfang hinterher, fassten ihn und drückten ihn zu Boden. Ausser Zigaretten hatte er Glutamatsäckchen geklaut, die damals in China zum Würzen von fleischlosen Speisen sehr begehrt waren. Die Wachen rissen ihm eine Art Kragen vom Hals, in dem er eng aufgerollte Geldscheine versteckt hatte. Als einer der Wachmänner ein kleines Messer entdeckte, begann er, Zongfang genauer zu durchsuchen. Dabei stiess er unter Zongfangs Mantel auf einen harten Metallgegenstand. Eine Pistole. Bevor der Wachmann sie greifen konnte, ertönte ein ohrenbetäubender Knall aus der Richtung des Ladens: Dort stand Zongwei neben der Leiche von Liu Fushan, dem Chef der Krankenhauswache. Blut sickerte unter seinem Körper hervor. Zongwei zielte mit der Pistole auf die Wachen und drückte ab. Nur wenige Sekunden später hatte er drei weitere Menschen getötet.

Von Schüssen und Schreien alarmiert, stürmten die Krankenhausangestellten aus der Filmvorführung und stürzten hinaus in die Kälte. Die Brüder nutzten das entstandene Chaos zur Flucht.

Eine Stunde später

So begann ihre blutige Reise durch China. Wieder draussen auf den eisglatten Strassen stellten sie fest, dass ein Teil ihrer Identitätspapiere im Krankenhaus verloren gegangen war. Die Polizei würde im Handumdrehen wissen, wer sie waren. Sie mussten Shenyang verlassen – nein, nicht nur die Stadt, sondern besser gleich die Provinz Liaoning. Zuerst aber mussten sie nach Hause zurück; dafür blieb ihnen gerade noch Zeit.

Ihre Eltern arbeiteten als Volksschullehrer an einer Schule, die einer staatlichen Fabrik angehörte. Sie waren nicht sonderlich gebildet, aber zum Unterrichten reichte es. Wie bei den meisten traditionellen Familien damals in China wurde zwischen den Generationen wenig geredet. Die Eltern erwarteten von ihren Kindern nicht viel mehr, als dass sie gehorsam und brav waren. Frau Wang kochte gerade das Festessen: Neujahrsschwein und mit Kohl gefüllte Teigtaschen – eines der Lieblingsgerichte der Brüder. Es duftete verheissungsvoll, als die Brüder ausser Atem zur Tür hineinstürmten. Laut der Nachrichtenagentur Xinhua wusste ihre Mutter sofort, dass etwas Schlimmes geschehen war. Sie schaute ihren Söhnen besorgt dabei zu, wie sie sich hastig umzogen. «Was ist passiert?» «Frag nicht, Mutter», antwortete Zongwei. «Die Polizei ist hinter uns her. Wir müssen weg!» Wie der Vater reagierte, ist nicht bekannt. Er wusste, dass sein Sohn zwei Typ-64-Pistolen in seinem Zimmer hortete: halbautomatische, schwere Waffen. Entgeistert muss er den beiden beim Packen zugesehen haben. Vielleicht streifte er sogar sein wertvollstes Besitztum, seine Armbanduhr, die Tianjin Seagull, von seinem Handgelenk und überreichte sie Zongwei. Die Mutter suchte weinend alles Geld zusammen, das sie finden konnte, und drückte es ihren Söhnen in die Hand, als sie das Haus verliessen. «In zwei Wochen sind wir wieder da», versprachen sie.

Zongfang und Zongwei eilten zum Hauptbahnhof von Shenyang. Der Bahnhof war an diesem Neujahrsabend wenig belebt. Sie warfen einen raschen Blick auf den Fahrplan und entschieden sich für den nächsten Zug Richtung Süden. Schnell besorgten sie sich zwei Fahrkarten, und kurz darauf sassen sie bereits im Waggon. Ihre Probleme hatten gerade erst begonnen.

Private Reisen waren damals unüblich, die Brüder fielen entsprechend auf. Wer mit dem Zug unterwegs war, war höchstwahrscheinlich ein Beamter oder ein Soldat und konnte sich ausweisen. Zudem waren Chinesinnen und Chinesen mit ihrem Geburtsort eng verbunden, sie lebten mit der Familie auf dem Land ihrer Ahnen und sprachen ihre ureigenen Dialekte, pflegten spezielle Bräuche und kochten nach Familienrezepten. Eine Einzelperson konnte ohne korrekte Papiere nicht überleben. Auch war die Polizei den Brüdern bereits auf der Spur.

Zehn Minuten nach der Schiesserei im Krankenhaus war der erste Anruf bei der Polizei von Shenyang eingegangen. Bald schon hatte die Nachricht die höchste Stufe der Provinzpolizei erreicht, und ein Kriminalpolizist war mit einem Ermittlungsteam zum Tatort gerast. Sie hatten dreizehn Patronenhülsen gefunden und die Geschosse einer Pistole vom Typ 64 zugeordnet. Auch Zongweis Identitätspapiere hatten sie gefunden und die Brüder identifiziert. Mittlerweile waren seit der Schiesserei zwei Stunden vergangen. Man ging davon aus, dass die beiden mit dem Zug aus der Stadt geflohen waren. Peking wurde umgehend informiert. Die Hauptzentrale der chinesischen Polizei befand sich damals am Tiananmen-Platz. Dort traf das Fernschreiben ein. Eine Stunde später erliess das Büro einen landesweiten Fahndungsbefehl. Inzwischen war es Mitternacht, und China trat in das Jahr des Schweins über.

Ziel: Hongkong

Zwei Tage darauf, am 15. Februar, sassen die Brüder dösend im Dunkel eines Zuges von Peking Richtung Guangzhou, eine Metropole im Süden des Landes. Ohne grössere Zwischenfälle würde die Reise vierzig Stunden dauern. Der Plan war, danach bei Shenzhen die Grenze nach Hongkong zu überqueren. Hongkong gehörte damals zu Grossbritannien – und stand somit nicht unter dem Einfluss Festlandchinas und der chinesischen Polizei. Keiner ihrer Freunde oder Bekannten war jemals in Hongkong gewesen, die Stadt war von einem Mythos umgeben, man erzählte sich, dass über Hongkong die Flucht aus China möglich sei. Vielleicht war das auch nur ein Märchen. Es kursierten unzählige Geschichten von Menschen, die vom Festland via Hongkong nach Taiwan geflohen waren, nachdem Mao Zedong 1949 die Macht ergriffen hatte. Einigen gelang über diese Route sogar die Flucht in den Westen. Hongkong zu erreichen, das musste die grosse Hoffnung der Brüder sein – egal um welchen Preis.

Die Felder draussen verschwammen in der Dämmerung. Zongfang und Zongwei befanden sich noch immer irgendwo in der Provinz Hebei. Es war kalt. Obwohl sie noch nie vorher aus Shenyang herausgekommen waren, abgesehen von Zongweis Reise zum Militärdienst in der Inneren Mongolei, war ihnen bewusst, dass Hongkong weit weg war. Das Land war gross, der Zug tuckerte gemächlich Richtung Süden. Die Brüder sinnierten möglicherweise über das Gefängnis, denn Zongfang hatte schon zweimal wegen Diebstahls eingesessen. Er wusste, dass sich die Eltern dafür schämten. Das machte es umso schlimmer. 1979, als er in einer Krankenhausapotheke gearbeitet hatte, war er wegen Diebstahls für drei Jahre inhaftiert worden. Er hatte nie daran gezweifelt, dass Zongwei ihn beschützen würde, dass sie im selben Boot sassen. Wenn sie untergingen, dann gemeinsam. Zongwei war ein gewöhnlicher Soldat. Er hatte im Dienst zwei Pistolen und Munition aus einem Gefängnis geklaut. Er hatte nie davon gesprochen, Menschen töten zu wollen, seine Faszination galt den Waffen.

Jetzt, im Nachtzug Richtung Guangzhou, muss ihnen klar geworden sein, dass sie bei einer Festnahme in China mit der Todesstrafe rechnen mussten. Zongwei wusste aus seiner Zeit beim Militär, wie schnell eine Hinrichtung vonstattenging. Bäng, bäng und fertig. Sie starrten in die stille winterliche Landschaft, bis sie sich langsam veränderte und mit jedem zurückgelegten Kilometer ein bisschen grüner wurde. Hunan war die Provinz der breiten Flüsse und der üppigen Vegetation. Die Brüder waren erschöpft und wechselten sich beim Schlafen ab. 

Über die Neujahrstage galten strenge Sicherheitsvorschriften in den Zügen, das Mitführen von Feuerwerk war strengstens verboten. Ein Schaffner betrat den Eisenbahnwagen, um in Begleitung eines Wachmanns stichprobenartig das Gepäck der Passagiere nach Feuerwerk zu durchsuchen. Als sie bei den Brüdern Wang angelangt waren, zerrten sie deren Gepäck zur Inspektion von der Ablage hinunter. Der Wachmann öffnete eine Tasche, eine Typ-64-Pistole kam zum Vorschein. Zongwei gefror das Blut in den Adern. «Ist das Ihre Tasche?», fragte der Schaffner barsch. Zongwei brachte knapp ein Nicken zustande. «Zeigen Sie mir Ihren Waffenschein!», befahl der Wachmann. Seit den 1950er Jahren war der Privatbesitz von Waffen untersagt, und jeder, der die Erlaubnis hatte, in der Öffentlichkeit eine Schusswaffe mit sich zu führen, war im Besitz eines Zertifikats und einer Sonderbewilligung.

Zongwei richtete sich langsam auf. Er streckte eine Hand nach seinem schlafenden Bruder aus und liess sie unauffällig in dessen Hosentasche gleiten. Er schüttelte ihn. «Sie wollen deinen Waffenschein sehen.» Zongfang erwachte. Noch bevor sich der Wachmann ein weiteres Mal äussern konnte, zog Zongwei die Pistole aus der Hosentasche seines Bruders und drückte ab, die Kugel traf den Wachmann am linken Ohr. Der ganze Wagen geriet in Aufruhr. Zongwei richtete seine Waffe auf den Schaffner, griff nach den Taschen und bellte die Passagiere an: «Keine Bewegung, sonst knallt’s!»

Damals waren Zugbegleiter unbewaffnet. Kriminelle Handlungen in der Öffentlichkeit waren selten, und niemand rechnete damit, dass eine Privatperson eine Waffe bei sich tragen könnte. Die Brüder drängten sich an den erstarrten Passagieren vorbei zur Tür. Sie war fest verriegelt. Einer der Brüder feuerte aufs Schloss und versuchte es aufzubrechen. Erfolglos. Verzweifelt schlugen sie das Fenster ein und sprangen aus dem fahrenden Zug in die stockdunkle Nacht hinaus.

Jemand zog die Notbremse, der Zug kam kreischend zum Stehen. Die Wachen durchsuchten die Gepäckablage und fanden eine grosse Militärtasche. Darin waren Kleidung, Handschuhe und Schuhe mit Etiketten aus Shenyang. Zu jener Zeit konnte man nur Waren kaufen, die in der Nähe produziert worden waren. Die Etiketten verrieten die Brüder. Bald waren Polizisten von einem nahegelegenen Posten vor Ort. Sie nahmen Blutproben vom eingeschlagenen Fenster. Zwei Patronenhülsen lagen auf dem Boden, beide von einer Typ-64-Pistole. Tags darauf wurden die Brüder damit identifiziert. In der Provinz Hunan wurde eine weitere dringende Fahndungsmeldung herausgegeben, mit besonderem Fokus auf Hengyang, dem mutmasslichen Ziel der beiden.

Die Stadt der Wildgänse

Hengyang war eine freundliche Stadt in einer feuchten, fruchtbaren Gegend am Fluss Xiang. Man nannte sie auch die Stadt der Wildgänse, da die Zugvögel auf ihrem Weg Richtung Süden dort einen Zwischenhalt einlegten. Seit der Tang-Dynastie versorgte die Region das Land mit Fisch und Reis. Von Hengyang aus konnten die Brüder nach Guangzhou gelangen. Vielleicht war Hongkong trotz allem noch eine Option.

Es regnete, als Zongfang und Zongwei in der Nacht des 17. Februars durch das eingeschlagene Fenster ins Freie sprangen. Sie hatten nicht die leiseste Ahnung, wo sie sich befanden. Nach einer stundenlangen Wanderung über sumpfige Felder im Dunkeln gelangten sie zu einer Strasse und liessen sich von einem Lastwagen in die Stadt mitnehmen. 

In den frühen Morgenstunden gelangten sie zu einem Krankenhaus, wo sie in die Notaufnahme gingen. Das Personal wusste nichts von der Fahndung. Eine Pflegerin sah sich Zongfangs Hand an. Die Handfläche war aufgeschlitzt, und um den Zeigefinger war ein tiefer Schnitt. Sie reinigte die Wunden und nähte sie. Es sah nach einem gewöhnlichen Unfall aus, wie er sich draussen auf dem Feld oder in der Fabrik hätte ereignen können. Nachdem die Männer bezahlt hatten, verschwanden sie in der Dunkelheit.

Es war der 18. Februar, der sechste Tag des neuen Jahres, und die Feierlichkeiten kamen allmählich zu einem Ende. Die Fabriken in Hengyang hatten ihren Betrieb wiederaufgenommen. Seit der Mao-Zeit war es üblich, dass Fabrikarbeiter vom Arbeitgeber eine kostenlose Unterkunft zur Verfügung gestellt bekamen, die Wohnungsschlüssel wurden jeweils im Februar mit Beginn des neuen Jahres ausgehändigt. An diesem Morgen erhielt Chou Gouying, die in einer der Fabriken in Hengyang arbeitete, die Schlüssel für ihr neues Zuhause. Gemeinsam mit ihrem Mann ging Chou zum Hochhaus, in dessen sechstem Stock ihre Wohnung lag. Sie hatte zwei Zimmer, eine kleine Küche und eine Toilette. Chou drehte den Schlüssel im Schloss, aber die Tür liess sich nicht öffnen. Sie war von innen verriegelt. Den beiden blieb nichts anderes übrig, als die Tür mit Gewalt aufzudrücken. In der Wohnung fanden sie zwei Männer, die auf dem Küchenboden sassen und assen. Sie hatten zwei Taschen bei sich. Der Fussboden war übersät mit Kuchen und Brötchen. Chou erinnerte sich später an den Geruch von eingelegtem Schnittlauch und Zwiebeln. Die Männer erklärten, sie seien soeben mit der Bahn in Hengyang angekommen. Sie seien müde und wollten sich ausruhen. Aber Chou hatte bereits von den zwei flüchtigen Mördern gehört. Sie bemerkte das offene Fenster, vermutlich waren die Eindringlinge nachts hineingeklettert. Sie glaubte, in der Hosentasche des einen Mannes den Lauf einer Pistole gesehen zu haben, als er seinen Arm hob. Panische Angst befiel sie. Sie rannte aus der Wohnung und eilte zur Polizei. Die Männer suchten das Weite, aber Chous Mann verfolgte sie und stellte sie zur Rede. Wer waren sie? Keine Reaktion. Einer der beiden schnappte sich ein nicht geschlossenes Fahrrad, doch ein Wachmann stellte sich ihm in den Weg. Wer waren sie? Alle wussten es: Es waren die Brüder Wang aus Shenyang. Serienmörder auf der Flucht. Sie warfen das Fahrrad hin und rannten wild um sich schiessend die Strasse hinunter. Ein getroffener Fabrikarbeiter fiel zu Boden, und ein weiterer Arbeiter, der schneller war als die anderen, wurde erschossen, als er sie beinahe eingeholt hatte.

Anfang der achtziger Jahre hatten chinesische Arbeiter praktisch keinen Privatbesitz. Der Staat versorgte sie mit dem Nötigsten, alles war streng rationiert. Selbst die Möbel wurden zur Verfügung gestellt. Es gab allerdings zwei Dinge, die nicht vom Staat kamen, aber von allen heiss begehrt waren. Auf sie richteten sich sämtliche Konsumententräume: Radios und Fahrräder. Das Radio war ein Luxus, man konnte es mit anderen teilen. Aber nicht das Rad. Das Rad war ein Schatz und für die Fortbewegung unentbehrlich. Auch die Brüder Wang hatten es auf Fahrräder abgesehen, sie gingen beim Klauen oft erhebliche Risiken ein. Auf einem Fahrrad konnten sie problemlos im Pulk untergehen, der sich durch die Stadt bewegte. Wie Ameisen im Gewimmel ihres Staates.

Zhang Xiaoqing wurde wegen eines Fahrrades erschossen. Das 15-jährige Mädchen war die Tochter zweier fleissiger Fabrikarbeiter, Zhang Yeliang und Li Ruilin, die ein für damalige Verhältnisse ansehnliches Monatseinkommen von 150 Yuan hatten. Zhang und Li hatten beide eine weiterführende Schule besucht, was aussergewöhnlich war. Die meisten Arbeiter konnten kaum lesen und waren während der Kulturrevolution nur zur Grundschule gegangen. Zhang und seine Frau besassen je ein Fahrrad. Am siebten Tag des neuen Jahres, dem 19. Februar, war die Bilderbuchfamilie herausgeputzt unterwegs zu einem Verwandtenbesuch. Die Eltern schoben ihre Fahrräder, als plötzlich wie aus heiterem Himmel zwei wildgewordene Männer auf sie zurannten. Einer drückte Li eine Pistole an die Brust. «Gib sofort dein Rad her!»

Xiaoqing, die noch nie eine Pistole gesehen hatte, reagierte sofort. In ihrer mädchenhaften Unschuld stellte sie den Dieben nach und hielt mit aller Kraft das Fahrrad fest. Einen Moment schien die Zeit stillzustehen: die versteinerten Eltern, das Kind, das sich an das Fahrrad klammert, Radfahrer, die an ihnen vorbeiziehen. Dann schoss Zongfang zweimal auf das Mädchen. Ihr Vater warf sich in blinder Wut auf die Brüder. Beim Versuch, ihnen die Pistolen zu entwenden, wurde er in der Brust getroffen. Seine Frau Li war das nächste Opfer. Sie wollte Zongwei die schwarze Ledertasche entreissen, in der Hoffnung, dass sich damit die Täter identifizieren liessen. Die Tasche war das Wichtigste, was Zongfang und Zongwei besassen – ihre einzige Chance, mit den Gangs im Untergrund ins Geschäft zu kommen und mit deren Hilfe über die Grenze zu gelangen. In der Tasche steckten fünf Handgranaten und 36 Patronen. Li kämpfte mit vollem Einsatz und wurde erschossen. Die Brüder flohen auf den beiden Fahrrädern. Andere Fabrikarbeiter versuchten sie einzuholen, sie fuhren ihnen im Zickzack hinterher, um nicht von einer Kugel getroffen zu werden. Die Brüder schossen einen Mann vom Fahrrad und verschwanden im Gewimmel. Doch in der Hitze des Gefechts war ihnen die Tasche abhandengekommen.

Zwanzig Minuten später ging bei der Polizei in Hengyang ein Anruf ein. Umgehend wurden alle öffentlichen Orte benachrichtigt und Polizeikräfte losgeschickt. Doch sie waren nicht schnell genug. Die Brüder brausten zielstrebig Richtung Stadtrand und auf das Gelände eines Kohlebergwerks. Das perfekte Versteck. Im Dunkeln fuhren sie an hohen Kohlehalden entlang zur gegenüberliegenden Seite, wo eine Eisenbahnlinie vorbeiführte. Es gelang ihnen, auf einen langsamen Zug aufzuspringen. Wir stellen sie uns russgeschwärzt und benommen wie Hunde nach einem Kampf vor. So liessen sie sich von der Bahn aus der Stadt hinausbringen. In den Bergen sprangen sie ab. Die Hügel waren mit Teepflanzen bewachsen. Aus Polizeiakten geht hervor, dass Zongfang und Zongwei bei einem Teebauern anklopften und um Wasser baten. Arglos erfüllte der Bauer ihren Wunsch.

Einen Monat in Wuhan

Einige Tage darauf wurden die Brüder in Wuhan gesichtet, der Hauptstadt der Provinz Hubei. Wuhan liegt ungefähr 500 Kilometer nördlich von Hengyang – und überhaupt nicht auf dem Weg nach Guangzhou. Hubei ist das Kernland Zentralchinas. Bereits 1983 lebten 48 Millionen Menschen in der Provinz. Wuhan war eine Transport- und Handelsdrehscheibe, das Chicago von China, aber uralt, viel älter als jede europäische Stadt.

Zongfang und Zongwei gingen in ein Krankenhaus. Die Idee war gar nicht so verrückt, wie man vielleicht annehmen könnte. Alle Krankenhäuser waren gleich gebaut, und die Brüder Wang fanden sich gut darin zurecht. In den Krankenhäusern herrschte immer viel Betrieb, es gingen die unterschiedlichsten Leute ein und aus. Man brauchte sich nicht auszuweisen und konnte sich in den vielen Korridoren und geheizten Räumen aufhalten. Im Zentralkrankenhaus in Wuhan brachen die Brüder in einen Lagerraum ein und fanden Verbandszeug für ihre Wunden. Sie nahmen sich zwei Decken und schliefen einige Stunden, bis eine Assistenzärztin die Tür öffnete. Sie erzählte, dass sie, noch bevor sie das Licht einschalten konnte, von zwei starken Händen gepackt worden sei. Ein kleines Tuch sei ihr in den Mund gestopft worden, damit sie zu schreien aufhörte. Aber sie habe sich gewehrt und dabei in eine verletzte Hand gebissen, woraufhin man sie in einen Röntgenraum gezerrt und bewusstlos geschlagen habe.

Wo sich die beiden in den folgenden drei Wochen aufhielten, wusste niemand. Blutspuren, die die Polizei entdeckte, konnten eindeutig den Brüdern Wang zugeordnet werden, weitere Hinweise jedoch fehlten. Wuhan mit seinen fast zehn Millionen Einwohnern eignete sich ideal als Versteck. In der Provinz machte sich Hysterie breit. Zongfang und Zongwei mussten dringend gefunden werden.

Der Kontrollpunkt an der Daishan-Brücke

Die am Kontrollpunkt an der Daishan-Brücke stationierten Polizisten waren verantwortlich für die Überwachung des Warenverkehrs in der Region Wuhan. Im Jahr zuvor hatten sie 146 gestohlene Fahrräder beschlagnahmt, 4 entwendete Autos sowie 12 Büffel. Die Daishan-Brücke galt in der ganzen Provinz Hubei als Vorzeigesicherheitsinstitution. Am 25. März um 10 Uhr 15 hatte Li Xingyan Dienst. Mit seinem Kollegen Xiong Jiguo führte er eine Routinekontrolle an der Schnellstrasse durch. Ein Mann auf einem rostigen Drahtesel fuhr ihnen entgegen, Li schwenkte seine Fahne und forderte ihn zum Anhalten auf. Ihm fiel sofort auf, dass das Fahrrad kein obligatorisches Nummernschild hatte. «Wo ist Ihr Nummernschild?», fragte Li. «Ich habe es vergessen», antwortete der Mann träge. Während sie sprachen, näherte sich ein weiterer Mann in zerlumpter Kleidung dem Kontrollpunkt. Die Polizisten schenkten ihm keine grosse Beachtung. Sie fuhren fort, den Mann mit dem Fahrrad zu befragen: «Ist das Fahrrad registriert?» «Ja.» «Wo?» «Auf dem Polizeiposten.»

Das machte Li stutzig: In Wuhan wurden alle Fahrräder beim Amt für Verkehrssicherheit registriert, nicht bei der Polizei. Li nahm den Mann, Zongfang, mit in sein Büro, um ihm weitere Fragen zu stellen. Aber mittlerweile hatte sich der andere Mann – Zongwei – von der entgegengesetzten Seite ins Gebäude geschlichen und sich auf der Toilette neben dem Büro versteckt. Einmal mehr geriet alles ausser Kontrolle. Li filzte Zongfang, so wie er jeden durchsucht hätte, der ohne Identitätspapiere aufgekreuzt wäre, und fand seine Pistole. Ein Kampf um die Waffe entbrannte. In diesem Moment hechtete Zongwei aus der Toilette ins Büro und schoss Li und seinem Kollegen in den Kopf. Sie fielen tot zu Boden. Die Brüder schnappten sich die Pistolen der beiden Männer und rannten los, zurück Richtung Wuhan. Ein Autofahrer sah sie auf der Strasse und erstattete Meldung. Als ein Sicherheitsteam bei der Daishan-Brücke anlangte, waren die Brüder längst über alle Berge.

Fünf Provinzen von April bis August

Nun verbreitete sich die Geschichte in ganz China. Hinter jedem unheimlichen Grinsen steckte ein Wang. Die Festnahme der Brüder, die zehn Menschen getötet und unzählige Polizisten und Soldaten verletzt hatten, war zu einer Herausforderung von nationaler Tragweite geworden. Doch während der folgenden 120 Tage fehlte jede Spur. Möglicherweise waren sie in der Metropole Wuhan untergetaucht. Vielleicht waren sie auch einer der Myriaden von Wasserstrassen der Provinz Hubei gefolgt und hatten sich in andere Städte treiben lassen. Jeder Mann im Gewimmel eines Marktes hätte ein Wang sein können. Sie waren überall und nirgends. Polizei und Militär führten in den Provinzen Hubei, Hunan, Anhui, Jiangxi und Henan Durchsuchungen durch. Die nationale Polizei erliess eine zweite Fahndungsmeldung. Sämtliche Städte waren über die akute Gefahr informiert, die von den beiden Verbrechern ausging. Anfang Mai erhielten alle regionalen Polizeidienststellen und staatlichen Organisationen Pläne, auf denen die Aufenthaltsorte der Brüder eingezeichnet waren, inklusive aller Züge und Städte, in denen sie aufgetaucht waren. Hotels hatten ein Foto hinter der Rezeption versteckt – auch wenn das gar nicht nötig gewesen wäre, weil ohnehin niemand in einem Hotel übernachten konnte, der sich nicht ausweisen oder ein jieshaoxin vorweisen konnte, ein offizielles Empfehlungsschreiben von der staatlichen Behörde, bei der man angestellt war. Niemals hätten es die Brüder gewagt, einen Fuss in ein Hotel zu setzen, nicht einmal verkleidet.

Die chinesische Bevölkerung durchlebte Tage in kollektiver Furcht. Im Radio und in den Fernsehnachrichten wurde immer wieder vor den zwei Serienmördern gewarnt. Selbst Kindern in meinem Alter wurde erklärt, wie man verdächtige Zeitgenossen meldet. 

Dann setzte der Monsun ein. Im Südosten schüttete es wie aus Kübeln, im Norden blieb es trocken und kalt. Das Ministerium für Öffentliche Sicherheit erliess eine weitere Fahndungsmeldung. Es waren dieselben Fotos darauf, aber erstmals in der chinesischen Geschichte wurde eine Belohnung ausgesetzt: Wer die Brüder fassen oder Hinweise auf ihren Verbleib liefern konnte, durfte mit 2000 Yuan rechnen. Der Monatslohn eines Arbeiters betrug damals etwa 50 Yuan, Bauern verdienten noch viel weniger. 2000 Yuan waren eine riesige Menge Geld. Das verlieh der Angelegenheit eine neue Dimension: Nun waren die Brüder Wang sowohl Mörder als auch Lottoschein. Die Anzahl eingegangener Meldungen schnellte in die Höhe. Doch da diese aus dem ganzen Land zur selben Zeit eintrafen, schenkte ihnen die Polizei wenig Beachtung.

Wenn ich heute an die Brüder denke, die in diesen heissen, feuchten Monaten auf der Flucht waren, frage ich mich, wohin es sie verschlagen haben mochte und worüber sie wohl nachdachten. Ihnen war klar, dass sie die Todesstrafe erwartete, falls sie erwischt wurden. Andrerseits sahen sie sich, solange sie auf freiem Fuss waren, gezwungen, andere zu töten. Vielleicht schliefen sie wie Hunde bei Tag und gingen in der kühleren Nacht auf Nahrungssuche.

Ein Überfall am helllichten Tag

Im Spätsommer, kurz nach Ende der Schulferien, ging bei der Polizei in Huaiyin (dem heutigen Huai’an) in der Provinz Jiangsu eine Meldung ein. Die alte Stadt Huaiyin liegt nördlich von Schanghai auf einer Ebene mit zahlreichen Seen. Es war der 29. August, gegen 16 Uhr, als zwei Buchhalterinnen des Warenhauses von Huaiyin bei Feierabend mit zwei Taschen voller Bargeld das Gebäude verliessen. Es war damals üblich, dass Warenhausangestellte jeden Abend die Einnahmen zur Bank brachten. Eine der beiden Buchhalterinnen war hochschwanger und trug eine Tasche mit 20 000 Yuan über der Schulter. Mitten auf der Strasse wurde ihr die Tasche entrissen. Sie sah den Dieb zu einem anderen Mann rennen, der mit dem Fahrrad bereitstand. Sie schrie. Der Dieb sprang auf den Gepäckträger, und die beiden verschwanden in einer Gasse. Mehrere Zeugen meldeten den Überfall umgehend bei der Polizei. Die Beschreibung der Diebe passte auf die Brüder Wang, und da diese seit einem halben Jahr auf der Flucht und schon länger nirgends mehr aufgetaucht waren, wurde die Provinz Jiangsu zur neuen Suchregion erklärt. Da Jiangsu nicht weit von Schanghai und weiteren ans Meer grenzenden Provinzen liegt, wurde die Suche ausgedehnt. Man rechnete damit, dass die Brüder Richtung Küste unterwegs waren. 

Zongfang und Zongwei waren auch diesmal schnell. Als die Suche begann, hatten sie Jiangsu bereits hinter sich gelassen. Sie schliefen auf Feldern und in Wäldern und hätten leicht entdeckt werden können, denn Landstreicher waren damals eine Seltenheit. Die Polizei vermutet, dass sie aus Vorsicht darauf verzichteten, Feuer zu machen. Bereits knapp zwei Wochen später waren sie in der Provinz Jiangxi tausend Kilometer weiter südlich angelangt, in der Nähe von Guangzhou und ihrem rettenden Ziel: Hongkong. Mao hatte 1931 seine erste grosse Sowjetregierung in Jiangxi eingesetzt. Wir Chinesen nennen das in Jiangxi gelegene Ruijin, die Hauptstadt der Chinesischen Sowjetrepublik, noch heute die Rote Hauptstadt. Die Bauern in Jiangxi arbeiteten hart und waren stolz auf ihre revolutionäre Vergangenheit.

Strohhüte bei Regenwetter

Es war September, und Jiangxi leuchtete goldgelb. Unten im Tal gedieh alles üppig: Orangen, Reis, Lotus, Tee, Zuckerrohr. In der Höhe standen uralte Bambuswälder und Plantagen mit tropischen Früchten. In Guangchang, südlich der Provinzhauptstadt Nanchang, freuten sich die Menschen über die reiche Ernte. Während tausend Jahren hatte die Stadt als Heimat des weissen Lotus gegolten. Guangchang war ein friedlicher Ort.

Nicht aber am 13. September 1983 in der Frühe. Liu Jianping, ein stiller Beamter, radelte auf dem Weg zur Arbeit an einem kleinen Lebensmittelgeschäft vorbei. Es regnete. Vor dem Geschäft wartete ein Mann auf einem Fahrrad. Er war gross, trug eine Sonnenbrille und einen Strohhut, den er tief ins Gesicht gezogen hatte. Das kam Liu verdächtig vor. Er musterte den Mann und fragte sich, aus welchem Grund jemand bei Regenwetter Sonnenbrille und Strohhut tragen könnte. In den Köpfen der Chinesen waren die Wangs omnipräsent. Auch in Jiangxi hingen seit Monaten Fahndungsplakate an den Wänden. Liu fuhr näher heran, um sich den Mann anschauen zu können. Hatte er sein Gesicht mit Schlamm eingerieben? Oder war es Make-up? Sein weisses Hemd war schmutzig. Aus dem Geschäft trat nun ein kleinerer junger Mann in einem blauen Hemd. Auch er trug einen Strohhut an diesem regnerischen Morgen. Liu beobachtete, wie der zweite Mann gemächlich auf ein anderes Fahrrad zuschlenderte und davonradelte. Der erste Mann fuhr ihm hinterher.

Liu folgte den beiden Männern, und allmählich wurde ihm bewusst, dass er schon bald in eine ungemütliche Lage geraten könnte, und zwar allein. Der Jüngere hielt bei einem Kiosk und kaufte Zigaretten. Liu näherte sich ihm, um ihn sprechen zu hören. Ein Auswärtiger konnte leicht erkannt werden, da der in Jiangxi gesprochene Dialekt für Fremde schwer erlernbar war. Liu hörte, wie der junge Mann mit dem Zigarettenverkäufer redete.

«Wie viel?»

Mandarin. Mit nördlichem Akzent.

In der Gegend wurde Mandarin nur in der Schule gesprochen. Liu wusste: Das waren die Gesuchten! Die Brüder Wang. Er wusste es einfach. Er kehrte um und raste zur Polizei. Er durfte keinesfalls Zeit verlieren. Aber der Polizeiposten war klein, Verbrechen waren in den vergangenen Jahren praktisch keine verübt worden.

Mit einem Messer und Handschellen bewaffnet, begleitete Liu die Polizei auf die Jagd nach den Wangs. Sie sprangen in einen Jeep und fuhren aus der Stadt hinaus ins hügelige Hinterland, wo sie die Brüder vermuteten. Und tatsächlich: Eine Stunde später sahen sie die beiden Männer auf ihren Fahrrädern. Sie beschlossen, sie zu überholen und den Jeep weiter vorne im Wald versteckt zu parken.

Die Luft roch aromatisch, es war still, als die Polizeibeamten sich zwischen Büschen postierten und ihre Pistolen zückten. Bald kamen die Brüder um die Kurve. Liu konnte nicht widerstehen, sich als Held aufzuspielen, und brüllte: «Hei! Stopp!»

Zongfang und Zongwei waren überrumpelt, hatten sich aber rasch wieder gefangen. Sie schossen auf die Büsche und bogen in den Wald ab. Liu und die Polizei nahmen die Verfolgung auf und kurvten zwischen den Bäumen hindurch. Als die Brüder zu einem Fluss gelangten, warfen sie ihre Räder hin, strauchelten ins Wasser und schwammen davon. Ein Schuh ging verloren. Bis die Polizei ans Ufer gelangte, war es schon wieder zu spät. Nur die Fahrräder und eine Tasche lagen noch dort. Darin ein Moskitonetz, eine Polizeiuniform, eine Militäruniform und 8000 Yuan, ausserdem eine Landkarte, ein kleines Radio, Gesichtspuder und Öl. Zuunterst lagen zwei Pistolen. Die eine war vom Typ 59 – die Waffe, die dem ermordeten Polizeibeamten von der Daishan-Brücke gehört hatte.

In dieser Nacht berief die Polizei der Provinz Jiangxi ein Krisentreffen mit lokalen Sicherheitskräften ein, um bekanntzugeben, dass rund um Guangchang eine Grossfahndung stattfinde. 30 000 Polizeibeamte, Kriminalpolizisten und Soldaten von der Volksbefreiungsarmee würden daran teilhaben. Wie zu dieser Zeit üblich, skandierten sie gemeinsam eine Parole: «Vereint eure Kräfte! Nieder mit den Brüdern Wang!»

Fünf Tage auf dem Nankengshan

Die Einwohner Guangchangs standen unter Strom, die Menschen in den umliegenden Dörfern noch viel mehr. Normalerweise waren sie mit der Reis- oder Obsternte beschäftigt. Mit grösster Vorsicht bewegten sie sich durch ihre Felder und Plantagen, als ob Zongfang und Zongwei jederzeit aus einem Gebüsch hervorschnellen und ihnen die Kehle aufschlitzen könnten. Am 13. September ging bei Li Zhoutian, der kurze Zeit davor seine Stelle als Funkpolizist angetreten hatte, die Nachricht eines Bauern ein. Zwei Männer – mit Pistolen! – hatten in seinem Dorf ein Fahrrad geklaut und sich damit aus dem Staub gemacht. Der Grössere trug eine grüne Armeehose und ein weisses Hemd, der Kleinere eine blaue Polizeiuniform. Sie waren barfuss. Li und einige weitere Polizisten begaben sich zu der Stelle im dichten Gebirgswald, wo die Männer gesichtet worden waren. 

Zur Einkesselung des Gebiets wurden schwerbewaffnete Soldaten und Sondereinheiten der Polizei aufgeboten. Jeder erhielt einen Plan, auf dem mögliche Verstecke eingezeichnet waren. Die Nachbarschaftswache wurde einberufen, Bauern und verschiedene Grossfamilien.

Vier Tage später fehlte noch immer jede Spur. Waren die Serienmörder schon wieder entkommen? Sie konnten Guangchang unmöglich verlassen haben – sie hatten weder Kleidung noch Schuhe oder eine Landkarte. Zwei ihrer Pistolen hatten sie ebenfalls zurücklassen müssen. Selbst wenn ihnen noch eine Handvoll Münzen geblieben wären, sobald sie sich in der Öffentlichkeit gezeigt hätten, um sich etwas zu essen zu kaufen, wären sie verhaftet worden. Eigentlich konnten sie sich nur in einer Fledermaushöhle, einer verlassenen Berghütte oder im Freien verstecken, folgerte die Polizei. Die Suche musste weitergehen.

Es war der 17. September, ein windstiller Abend. Alle warteten auf ein letztes Sommergewitter vor Herbstbeginn. Endlich kam starker Wind auf, und es begann zu schütten. Die schmalen, zerfurchten Bergpfade verwandelten sich in wilde Bäche und waren nicht mehr begehbar. Zuoberst auf dem Nankengshan lag ein Dörfchen, und dort, am Dorfrand, wohnte Zeng Wenquan, der ein Schwein schlachten wollte. Er liess sich vom Unwetter nicht davon abhalten, denn tags darauf war Markt, und dort wollte er das Fleisch verkaufen. Zeng wählte eine stattliche Sau aus, um die 200 Kilogramm. Falls er das ganze Fleisch verkaufen konnte, würde seine Familie mehrere Wochen lang gut leben können. Zeng hatte das Messer am Nachmittag am Schleifstein gewetzt, seine Frau und seine 16-jährige Tochter hatten Eimer und Töpfe für das Blut bereitgestellt. Die drei umkreisten das Schwein, Zeng hielt das Messer fest in der Hand. Frau und Tochter hatten sich mit Besenstielen bewaffnet, damit das Tier nicht fliehen konnte. Zeng holte weit aus und rammte dem Schwein das Messer in den Hals. Es schrie auf. Er stiess das Messer noch tiefer. Seine Frau packte die Sau an den Hinterläufen. Das Tier versuchte sich zu befreien und rannte panisch durch den Garten, während aus seinem aufgeschlitzten Hals das Blut spritzte. Es sprang über den Gartenzaun und prallte gegen einen Baum. Lange hallte das Kreischen der Sau durch die Berge, bis sie endlich ihren letzten Atemzug tat. Das ganze Dorf wusste, dass Zeng ein Schwein geschlachtet hatte. Obwohl es bereits ein Uhr nachts war, weidete Zengs Frau das Schwein noch aus und spülte mit Zengs Hilfe die zerlegten Teile mit heissem Wasser. Zudem mussten noch die Därme gesäubert werden – sie waren sehr beliebt und verkauften sich gut auf dem Markt. Auch ihre Tochter hatte keine Zeit zum Schlafen. Sie sass auf der Eingangstreppe und bereitete das Gemüse für den Markt vor.

Als der Regen nachgelassen hatte, war die Stimmung auf dem Berg ruhig und friedlich. Nur das Regenwasser schoss in Sturzbächen talwärts. Im Schein der Laterne, fast wie in einem Traum, sah Zengs Tochter einen Mann am Haus vorbeigehen. Er trug eine blaue Hose und ein blaues Hemd und war nass bis auf die Haut. Sie wunderte sich – war es nicht etwas früh (oder spät), um in den Bergen unterwegs zu sein?

«Wo wollen Sie hin?»

Der Mann wollte weder reden noch gesehen werden; er drehte einfach sein Gesicht von der Laterne weg und lief weiter. Die Tochter wandte sich wieder dem Sortieren des Gemüses zu. Sie hatte noch viel zu tun und dachte nicht weiter über die Begegnung nach. Aber nur wenige Minuten darauf schritt ein weiterer Mann an ihr vorbei. Sie erkannte, dass er gross war, hinkte und sich auf einen Stock stützte. Auch er wandte sich vom Licht ab und ging weiter, bis er in der Nacht verschwand. Wie seltsam, dachte sie. Sie kannte das ganze Dorf und konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal einen Fremden gesehen hatte, erst recht nicht zur Geisterstunde und dann auch noch ohne den Anstand, kurz anzuhalten und zu grüssen. Sie ging zurück in den Garten und erzählte ihren Eltern von den Männern. Zeng sprang auf und wischte sich das Blut von den Händen.

«Das sind doch die Brüder Wang!»

Zeng beschloss, die Begegnung zu melden. Seine Tochter wollte ihn begleiten, da sie die Männer vielleicht identifizieren konnte. Sie schnappten sich Regenmantel und Schirm und liefen los entlang einem dunklen, rutschigen, steilen Pfad. Der nächste Sicherheitsposten lag vier Kilometer entfernt. Sie liefen, so schnell sie konnten, und trafen eine Stunde darauf beim Büro des Landwirtschaftskollektivs ein, wo der Sicherheitsbeamte stationiert war. Es brannte Licht.

«Ist jemand da? Es ist dringend!»

Ein Mann trat aus der Tür. Nachdem er Zeng und seiner Tochter zugehört hatte, fuhr er sie zum nächsten Polizeiposten am Fuss des Bergs. Um 3 Uhr morgens waren sie da, und um 4 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang, wurde die Sondereinsatzzentrale in Guangchang informiert. Alle Spezialtruppen wurden zum Haus der Familie Zeng geschickt – weit konnten die Brüder Wang nicht sein. Im Morgenlicht inspizierten sie jeden Baumstumpf und jede Baumhöhle. Plötzlich ertönte ein Schrei. Zwei Gestalten liefen einen Hang hoch, nicht mehr als dreihundert Meter von den Soldaten entfernt, doch zwischen den Männern und den Soldaten lag eine tiefe Schlucht. Eine der Gestalten humpelte an einem Stock. Zongfang und Zongwei! In der Falle! Die Polizeihunde wurden auf die Brüder gehetzt. Die Männer rannten los, und es sah aus, als ob sie über einen Felsen stolperten. Sie stürzten kopfvoran einen steilen Hang hinunter und verschwanden im dichten Wald.

Zongfang und Zongwei versteckten sich im Farngestrüpp des Nankengshan. Der Himmel hellte sich auf, silberne Wolken zogen dahin. Hin und wieder nieselte es. Nebelschwaden verhüllten den Berg. Es war ein langer Tag. Nicht einmal mit Verstärkung konnten die Suchtrupps die Brüder finden. Die Kommunikation zwischen den Teams gestaltete sich schwierig. Erst um 18 Uhr 20, kurz vor Sonnenuntergang, als sich der Berg dunkelblau verfärbte und eine unheimliche Gestalt annahm, trat ein Soldat auf etwas Weiches.

Ein Soldat hinter ihm rief: «Ein Mann!»

Ein Schuss ertönte. Das Gesicht des Soldaten, der gerufen hatte, war von einer Kugel zerfetzt worden. Die Polizei feuerte Schüsse ins Farnkraut ab. Ein Kopf tauchte auf. Zongwei. Sein Gesicht war blutüberströmt. Drei Polizeihunde stürzten sich auf ihn und zogen ihn aus dem Gebüsch. Er war tot. Hirnmasse sickerte in den feuchten Boden. Aber wo war Zongfang? Ein Soldat bemerkte, wie sich in einem Busch etwas rührte. Er gab ein Handzeichen, und sein Team robbte vorwärts. Als sich der Farn wieder bewegte, schossen sie alle gemeinsam darauf. 48 Kugeln.

Die Brüder lagen reglos da. Sie konnten nicht mehr davonlaufen. Man schleppte sie den Berg hinunter, schleifte ihre blutverschmierten Leichen durch den Matsch. Von allen Seiten strömten Polizei- und Militärteams herbei, aufgeregt, auch erleichtert. In der mondfinsteren Nacht, im Licht der Taschenlampen wurden die Brüder aufgebahrt. Alle starrten sie an. Ihre Leichen waren grauenerregend. Sie waren Tiere. Lange, schmutzige Haare und lange Bärte, die monatelang nicht gestutzt worden waren. Die Gesichter grau und die Körper eingefallen. Zongweis schwarze Zähne ragten aus seinem offenen Mund. Ihre nackten Füsse waren geschunden. Sie hatten nichts bei sich bis auf ein Täschchen, das sich Zongwei ans Bein gebunden hatte, mit etwa 10 000 Yuan. Bei der Autopsie am folgenden Tag stellte sich heraus, dass ihre Mägen leer waren: Sie hatten seit Tagen nichts gegessen. Der Pathologe schätzte, dass sie drei oder vier Tage später verhungert wären.

Die Nachricht, dass die Brüder Wang auf dem Nankengshan im beschaulichen Guangchang gefasst und getötet worden waren, begann sich zu verbreiten. Manche sagten, die Brüder hätten neun Menschen in ganz Zentralchina auf dem Gewissen, andere glaubten, es seien neunzehn gewesen. Wie viele es wirklich waren, war und blieb ungewiss. Auf jeden Fall kamen auch noch zahlreiche Schwerverletzte hinzu. Alles ohne Grund, ohne Sinn und Zweck. Es ging nur ums Überleben. Und um den Zusammenhalt zwischen zwei Brüdern. Das Jahr des Schweins war kein Glücksjahr, es war ein Jahr der Angst und Sorge. Bei den Feierlichkeiten zum Mondfest im September atmete das ganze Land auf. Nur die Fahndungsplakate erinnerten an den Horror: Die blassen, vom Regen verwaschenen Gesichter auf dem Papier starrten die Passanten noch bis zum Jahresende an wie hungrige Geister, die hinter den Lebenden her sind.

Mein Geburtstag im Dezember

Im Dezember wurde ich zehn. Der Wang-Albtraum verlor langsam seinen Schrecken. Unser Klassensprecher  rief mich auf, um mir mitzuteilen, dass ich endlich bei den Jungen Pionieren aufgenommen war. Eigentlich hätte ich bereits im Jahr zuvor Mitglied werden sollen. Es musste einen Grund geben, warum ich damals nicht aufgenommen worden war. Ob ich in der Schule nicht fleissig genug gewesen war? Hatte ich die Partei nicht so geliebt, wie ein Kind sie lieben sollte? Ich war mit den anderen Jungen Pionieren auf dem Schulhof. Wir standen kerzengerade, alle mit einem leuchtend roten Tuch um den Hals. Wir schauten zur flatternden roten Fahne empor, während die Nationalhymne aus den Lautsprechern schepperte. Wir sangen mit, alle gemeinsam im Geist vereint:

Steht auf, alle, die keine Sklaven mehr sein wollen!

Lasst uns aus unserem Fleisch und Blut die neue Mauer bauen.

In grösster Bedrängnis ist Chinas Volk.

Der Unterdrückten letzter Schrei ertönt:

Steht auf! Erhebt euch!

Einen Monat nachdem Wang Zongfang und Wang Zongwei im Farnkraut auf dem Nankengshan erschossen worden waren, rief Peking die nationale Kampagne «Hart zuschlagen» gegen Gewaltverbrechen ins Leben. Sie wird bis heute fortgeführt. Bald darauf wurde auch die Kampagne «Gegen geistige Verschmutzung» lanciert – eine Massnahme der Regierung, um westliches Gedankengut von China fernzuhalten. Wenige Wochen später kündigte die Chinesische Volkszeitung, damals die grösste Tageszeitung Chinas, in einem Artikel stolz die Exekution von 28 Kriminellen in Fuzhou an, einer sonnigen Stadt in der südlichen Provinz Fujian. Im ganzen Land wurden Menschen hingerichtet, vorwiegend durch Erschiessen. Der Staat schien entschlossen dafür sorgen zu wollen, dass nie wieder ein Gesetzesbrecher der Überwachung entkommen würde.

In dieser Atmosphäre der Abschreckung vergingen die letzten Wochen im Zeichen des Schweins, und bald stand wieder ein Neujahrsfest vor der Tür. 1984 war das Jahr der Ratte, ein glückverheissendes Tierkreiszeichen. Zielstrebig marschierten wir Chinesinnen und Chinesen der gewieften und findigen Ratte entgegen. Das jedenfalls sagten wir uns.

Aus dem Englischen von Christina Heyne.

 

 

Die kalten Kinder der Kulturrevolution

In den 1950er Jahren initiierte der chinesische Staatsgründer Mao Zedong die «Grosse Proletarische Kulturrevolution». Brachte sie als «Spätfolgen» auch Verbrecher hervor? Die Gesellschaft sollte von «bourgeoisen und reaktionären Elementen» gesäubert werden. «Zerschlagt die vier Alten», lautete die Losung, gemeint waren: alte Kultur, alte Denkweisen, alte Sitten, alte Gewohnheiten. Alle Macht sollte der Jugend gehören. Es folgten zehn Jahre Chaos ohne Regeln und Erziehung. Bestehende Strukturen wurden zerstört, ideologisch verblendete Jugendliche missachteten jegliche Autoritäten, demütigten, verprügelten, töteten ihre Lehrer, Schuldirektoren, Bürgermeister, denunzierten ihre Eltern, zerstörten Tempel und brachen mit tradierten Werten. Man verfolgte, folterte, ermordete Intellektuelle oder trieb sie in den Selbstmord. Die Bewegung geriet ausser Kontrolle, und Mao musste sie stoppen. Er liess etwa 15 Millionen Jugendliche zur Umerziehung aufs Land schicken. Aber die Verrohung prägte jene jungen Menschen oftmals weiterhin. Als sie in die Städte zurückkehrten, mussten sie sich in einem gebeutelten Land durchschlagen. Die Wang-Brüder wurden mitten in diese Zeit hinein geboren. Inwiefern ihre Persönlichkeiten durch den Werteverfall der Generation ihrer Eltern geprägt wurden – dies wäre eine Überlegung wert.

 

Zur Autorin

Xiaolu Guo ist eine preisgekrönte chinesisch-britische Roman-Autorin, Essayistin und Filmemacherin. Ihr Spielfilm She, A Chinese erhielt den Goldenen Leoparden auf dem Locarno Film Festival 2009. Derzeit ist sie Gastprofessorin an der City University of New York. Xiaolu Guo stammt aus einem Fischerdorf im Süden Chinas. Sie studierte an der  Pekinger Filmakademie, konnte aber wegen der Zensur vorerst keine Filme drehen. Sie veröffentlichte jedoch eigene Texte und schreibt heute auf Englisch, um der chinesischen Zensur zu entgehen. Grundlage ihres hier abgedruckten Textes – zuerst erschienen im Onlinemagazin Alexander – bilden Berichte aus der Zeitung People’s Daily und der Nachrichtenagentur Xinhua sowie eigene Erinnerungen. «Wenn ich zurückdenke, wäre eine solche Geschichte von Gesetzlosen auf der Flucht im heutigen hyper­vernetzten China, wo Smartphones allgegenwärtig sind und Sicherheitskameras mit Gesichtserkennungssystemen ausgestattet sind, unmöglich. So war dies vielleicht der erste und letzte Eastern, ein chinesischer Western ohne Indianer und Cowboys auf Pferden.»

 

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