Mord im Jahr des Schweins

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Eigentlich hatten es die Brüder Wang bloss auf ein bisschen Bargeld, Süssigkeiten und Zigaretten abgesehen.

Xiaolu Guo

1983 war in China das Jahr des Schweins. Es war auch das Jahr des Schreckens, das Jahr, in dem wir Chinesen mit den Begriffen «Mordserie» und «Serienmörder» vertraut wurden. Deng Xiaoping war Führer der Kommunistischen Partei. Der Kettenraucher paffte ununterbrochen teure Zigaretten der Marke Panda. Das Land erholte sich langsam vom Trauma der Kulturrevolution. Produkte aus dem Westen waren ebenso wenig bekannt wie westliches Gedankengut.

Die Fernsehserie Die Räuber vom Liang-Shan-Moor war ein grosser Hit. Es war die Verfilmung eines Romanklassikers aus dem 14. Jahrhundert über eine Räuberbande, die sich in den Bergen verschanzt und nach ihrer Begnadigung den Armen hilft. Der Zufall wollte es, dass 1983 auch zwei moderne Räuber auf ihrer unberechenbaren Flucht die Öffentlichkeit in Atem hielten. Die aus einer Arbeiterfamilie stammenden Brüder Wang Zongfang und Wang Zongwei zogen mordend durchs Land, nachdem sie bei einem Ladendiebstahl erwischt worden waren und der Polizei zu entkommen versucht hatten. In sämtlichen Städten Chinas klebten Fahndungsaushänge an den Wänden. Selbst in den Schulen hingen sie, gleich neben den Propagandaplakaten mit dem Aufruf «Studiere fleissig und arbeite hart».

Ich war zwar erst neun, aber ich erinnere mich noch gut an die Gesichter der zwei Brüder, die mir von den Plakaten entgegenstarrten: Zongfang, der ältere, und Zongwei, der jüngere. Zwei hagere Typen Mitte zwanzig. Der eine hatte Zähne so schwarz wie die eines Strassenköters. 1982 war das Jahr des Hundes. Für uns Chinesen gilt der Hund als sorgenvoll und ängstlich. Ein Mann mit scharfen, faulen Zähnen wie ein Hund konnte nicht von Glück gesegnet sein.

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