Moskau 1991

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Die Historische Reportage, geschrieben von der Literatur-Nobelpreisträgerin 2015, am Ende des Kalten Krieges.

Swetlana Alexijewitsch

Jelena Jurjewna: Ich bin sowjetisch geboren … Unsere Grossmutter glaubte nicht an Gott, sie glaubte an den Kommunismus. Und mein Vater hat bis zu seinem Tod darauf gewartet, dass der Sozialismus wiederkehrt. Die Berliner Mauer war schon gefallen, die Sowjetunion zusammengebrochen, aber er wartete noch immer. Mit seinem besten Freund hat er sich für immer entzweit, weil der die Fahne einen roten Lappen genannt hat. Unsere rote Fahne! Das rote Banner! Vater war im Finnischen Krieg, wofür sie dort kämpften, verstand er eigentlich nicht, aber es musste sein, also ging er. Über diesen Krieg wurde geschwiegen, er wurde nicht als Krieg bezeichnet, sondern als «Finnische Kampagne». Aber mein Vater hat uns davon erzählt … Leise. Zu Hause. Selten, aber er erzählte. Wenn er etwas getrunken hatte. Die Landschaft seines Krieges war eine Winterlandschaft: Wald und meterhoher Schnee. Die finnischen Soldaten kamen auf Skiern und in weissen Tarnumhängen, sie tauchten unerwartet auf wie Engel. «Wie Engel» – das waren Vaters Worte … Manchmal töteten sie in einer Nacht eine ganze Grenzkompanie. Die Toten … In Vaters Erinnerung lagen die Toten immer in Blutlachen. Es war so viel Blut, dass es den meterhohen Schnee durchtränkte. Nach dem Krieg konnte Vater nicht einmal ein Huhn töten. Oder ein Kaninchen. Er litt unter dem Anblick eines getöteten Tieres, unter dem Geruch von warmem Blut. Er fürchtete grosse Bäume mit dichter Krone, auf solchen Bäumen hatten oft finnische Scharfschützen gelauert, «Kuckuck» nannten sie die. Mein Vater … Gekämpft hat unser Vater nur ein halbes Jahr, dann geriet er in Gefangenschaft. Wie er in Gefangenschaft geriet? Sie rückten über einen gefrorenen See vor, und die gegnerische Artillerie beschoss das Eis. Nur wenige erreichten das Ufer, und diejenigen, die es schafften, waren völlig entkräftet und unbewaffnet. Halbnackt. Die Finnen streckten ihnen die Hände entgegen. Retteten sie. Manche griffen nach den Händen, andere … Es gab viele, die vom Feind keine Hilfe annahmen. So waren sie erzogen. Aber mein Vater griff nach einer Hand, und er wurde herausgezogen. Ich erinnere mich noch gut an seine erstaunten Worte: «Sie gaben mir Schnaps zum Aufwärmen. Und etwas Trockenes zum Anziehen. Sie lachten und klopften mir auf die Schulter: ‹Du lebst, Iwan!›» Vater hatte vorher noch nie einen Feind aus der Nähe gesehen. Er verstand nicht, warum sie sich freuten … 1940 endete die Finnische Kampagne … Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden ausgetauscht gegen Finnen, die bei uns in Gefangenschaft gewesen waren. Sie marschierten in Kolonnen aufeinander zu. Als die Finnen bei ihren Leuten ankamen, gab es Umarmungen … Händeschütteln … Unsere wurden anders empfangen, sie wurden empfangen wie Feinde.

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