Mujinga startet durch

Hartes Training und Tiramisù: Nur noch ein Wimpernschlag trennt die Berner Sprinterin von der Weltelite.

Christof Gertsch

Stell dir vor, du stündest auf einem grossen Platz, und um dich herum hätten sich nur deinetwegen Zehntausende Menschen versammelt. Sie könnten es kaum erwarten, dir bei der Arbeit zuzusehen, und wären derart still, dass du jedes Geräusch hören würdest, ein Nuscheln in der vordersten oder ein Handyklingeln in der hintersten Reihe. Du würdest versuchen, dich zu konzentrieren, und würdest spüren, wie deine Halsschlagader vor Aufregung pocht. Aus den Seitenstrassen würden immer noch mehr Menschen auf den grossen Platz strömen, und du wüsstest, dass alle Augen auf dir ruhen. Es wäre nur so lange still, wie du dich nicht bewegen würdest. Ein Zucken von dir – und das Publikum würde toben.

Vielleicht bist du Bäcker, Physikerin, Coiffeur – und alles, was zählen würde, wäre dieses eine Brot, das du gleich backst, diese eine Formel, die du gleich berechnest, diese eine Frisur, die du gleich schneidest. Dies wäre der Moment, der über deinen Erfolg richtet, und du wüsstest, dass du keine zweite Chance erhältst. Dieser eine Moment würde deine ganze Berufskarriere bestimmen. Du könntest alles bekommen, Ruhm, Ehre, Geld. Oder nichts. Würdest du zur Bestform auflaufen? Oder wärst du wie gelähmt? Würdest du so gut backen, rechnen, schneiden wie noch nie? Oder wärst du überfordert und würdest unter den Erwartungen zusammenbrechen? Schrecklich, nicht?

Nicht für Mujinga Kambundji.

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Mujinga Kambundji ist Sprinterin. Sie sagt, dass es kein faszinierenderes Gefühl gebe, als vor Zehntausenden Menschen aufzutreten. Leichtathletik-Europameisterschaften im August 2014 in Zürich: 25  000 Zuschauer – so viel fasst das Letzigrund-Stadion. Leichtathletik-Weltmeisterschaften im August 2015 in Peking: voraussichtlich 80 000 Zuschauer – so viel fasst das National Stadium, das für die Olympischen Spiele 2008 errichtet wurde und damals Bird’s Nest hiess. Olympische Spiele im August 2016 in Rio de Janeiro: voraussichtlich 78  000 Zuschauer – so viel fasst das Estádio Jornalista Mário Filho, besser bekannt als Maracanã-Stadion.

25 000 Zuschauer, 80 000 Zuschauer, 78 000 Zuschauer. August für August, Jahr für Jahr.

100 Meter, 11 Sekunden, jetzt zählt’s.

100 Meter: kann jeder, kennt jeder. Kein Sportwettkampf ist schneller entschieden, ist einfacher zu verstehen. Wer keinen Fehlstart macht, unterwegs seine Bahn nicht verlässt und als Erster ins Ziel kommt, hat gewonnen. So simpel. So kompliziert.

 

Vor dem Start:

«Megageil», sagt Kambundji in breitem Berndeutsch, Jahrgang 1992, Schweizer Mutter, kongolesischer Vater. «Es gibt keinen Moment, in dem ich mehr ich selber bin als vor dem Start.» Ihr Körper fühlt sich an, als hätte ihn ein Heer Ameisen in Beschlag genommen, vor allem die Hände, es «chrüselet», wie sie sagt, es prickelt. Die Atmung ist hastig, fast stossartig, das muss so sein. «Nur so», sagt sie, «weiss ich, dass ich bereit bin für das, was kommt»: den Startschuss. Sie ist angespannt und nervös, aber fühlt sich nicht schlecht. Sie schaut ernst, aber lächelt, wenn der Speaker ihren Namen aufruft und der Mann vom Fernsehen seine Kamera auf sie hält, sie lächelt und winkt, und wenn sie sich später die Aufzeichnung anschauen wird, wird sie denken: «Sieht komisch aus, wie ich das Gesicht verziehe.»

Aber jetzt – jetzt denkt sie nichts. «Nichts denken!», hat der Trainer sie geheissen. Nichts denken – geht das? «Es geht», sagt Kambundji. Es geht, weil sie den Blick auf ein Nichts richtet, ein Körnchen in der Tartanbahn. Irgendeines, aber nur eines, die Umgebung verschwimmt. Wenn der Starter den Sprinterinnen das Signal gibt, sich zur Startlinie zu begeben, «on your marks!», kauert sie sich auf den Boden, krümmt den Rücken, streckt die Beine nach hinten, gräbt die Füsse in den Startblock, stützt sich mit den Händen ab. Die Finger bilden eine Art Brücke, keinen Millimeter zu nah und keinen Millimeter zu weit von der Startlinie weg. Kambundji senkt den Kopf – und visiert das Körnchen an. So fangen die 100 Meter an.

Mujinga Kambundji war sechsjährig, als sie ihren ersten Wettkampf bestritt, ein Mädchen in der ersten Klasse. Ihr Lehrer hatte ihr gesagt, sie solle sich anmelden. Das Rennen ging über 50 Meter. Auf die regionale Ausscheidung folgte die kantonale Ausscheidung und darauf der nationale Final. Im ersten Jahr wurde Kambundji Zweite und von da an immer Erste. Anfänglich rannte sie barfuss, weil sie Turnschuhe klobig fand. Sie rannte, nicht weil sie andere schlagen, sondern weil sie Medaillen gewinnen wollte. Sie spielte auf der Wiese neben der Bahn, alleine oder mit ihren Schwestern, und wenn die Mutter oder der Vater sie riefen, «es ist Zeit!», kam sie dahergerannt, begab sich zum Start, rannte weiter. Und dann ging sie wieder spielen. Sie spielte, wenn sie rannte, und rannte, wenn sie spielte. Wenn die Familie am Sonntag zum Spaziergang aufbrach, rannte sie vorneweg, bis die anderen nur noch Pünktchen in der Ferne waren.

So fängt es an – das Leben als Sprinterin. Man wird geboren, ist ein Kind und rennt, und ehe man sich’s versieht, hört man sich sagen: «Wandern, schwimmen, joggen? Das ist nichts für mich. Ich sprinte.» Das sagt Kambundji im Frühling 2015, während sie sich im Bahnhof Mannheim durch die Massen schlängelt – oder eher: würgt. Es hat etwas Verkrampftes, wie sie sich einen Weg bahnt, in der einen Hand das Mobiltelefon, das immerfort Töne von sich gibt, WhatsApp-Nachrichten von Freundinnen, E-Mails des Managers, in der anderen Hand der Koffer, den sie mühsam hinter sich herschleppt wie eine Mutter ihr quengelndes Kind. Kambundji ist spät zu Bett gegangen, eine ihrer Schwestern hatte Geburtstag. 17 Jahre sind seit jenem 50-Meter-Rennen vergangen, 17 Jahre, in denen sie zuerst die beste Sprinterin der Region, dann die beste Sprinterin des Kantons und schliesslich die beste Sprinterin des Landes war. Jetzt ist sie eine der besten Sprinterinnen Europas. Und weil man das nicht mit ein bisschen Rennen und Spielen wird, nimmt sie eben diese Zugfahrten auf sich, bald mit besserer und bald mit schlechterer Laune. Wenn sie einen Sitzplatz findet, schläft sie oder schaut auf dem Laptop Serien, Game of Thrones, Grey’s Anatomy, Orange Is The New Black. Sie könnte auch Dinge erledigen, die sich angestaut haben, oder für ihr Betriebswirtschaftsstudium lernen, aber sie ist eher der Typ, der alles so lange wie möglich liegenlässt. Sie legt die Zettel und E-Mail-Ausdrucke und Unterrichtsnotizen in farbigen Mäppli ab, und wenn es nicht mehr anders geht, arbeitet sie die Mäppli in einem Wisch ab. Und wenn sie dann auf etwas stösst, das sie viel früher hätte erledigen müssen, ärgert sie sich und nimmt sich vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Aber meistens bleibt es beim Vorsatz.

So geht es mit allem, was nicht direkt mit dem Sprinten zusammenhängt. Und zum Sprinten ist sie hier, in Mannheim, dafür fährt sie jeweils Mitte Woche hin und Ende Woche zurück. Denn hier arbeitet Valerij Bauer. Bauer, Jahrgang 1964, war nach dem Zerfall der Sowjetunion von Kirgistan nach Deutschland emigriert. Mangels Sprachkenntnissen schlug er sich zunächst als Schlosser durch. Heute ist er der Bundestrainer der deutschen Sprinterinnen, der Trainer von Verena Sailer, der Europameisterin von 2010, Bestzeit: 11,02 Sekunden. 18 Hundertstel trennen Kambundji von Sailer, ihre Bestzeit liegt in diesem Frühling bei 11,20 Sekunden. 18 Hundertstel sind ein Wimpernschlag, ein Nichts, weniger als ein Fünftel einer Sekunde. Der Mensch kann gar nicht schnell genug denken, um 18 Hundertstel bewusst wahrzunehmen. Aber in der Welt der Sprinterinnen sind 18 Hundertstel eine kleine Ewigkeit. 18 Hundertstel sind: gut anderthalb Meter.

Die 11,02 Sekunden von Sailer, die sie 2013 gerannt ist, hätten in der Weltbestenliste des Jahres 2014 für Platz 11 gereicht. Mit den 11,20 Sekunden, die Kambundji am 13. August 2014 gerannt ist, im Halbfinal der Leichtathletik-Europameisterschaften, 25 000 Zuschauer, «es chrüselet», im Final dann Platz 4 – mit diesen 11,20 Sekunden belegte sie in der Jahresweltbestenliste Platz 45, zeitgleich mit sieben anderen Sprinterinnen. 18 Hundertstel sind: 34 Sprinterinnen. Wie lassen sich 18 Hundertstel aufholen?

 

Der Start:

«Von 0 auf 100», sagt Kambundji, «das liebe ich.» Von 0 auf 100 in 0,1 Sekunden. Das ist die kürzestmögliche Reaktionszeit, die die Wissenschaft dem Menschen zutraut. Nicht die Zeit zur Reaktion auf eine unvorhersehbare Gefahr, beispielsweise im Strassenverkehr, denn die liegt bei 0,2 bis 0,3 Sekunden, bis das Nervensystem reagiert, und sogar bei 0,8 bis 1,0 Sekunden, bis der Fuss aufs Bremspedal drückt. Aber die kürzestmögliche Zeit zur Reaktion auf etwas Erwartbares, beispielsweise einen Startschuss. Im Startblock befinden sich Sensoren, die ausschlagen, wenn innerhalb von 0,1 Sekunden nach dem Startschuss nur das geringste Zucken erfolgt.

Kambundji zuckt nie zu früh. Sie ist keine «Gamblerin», wie man die Sprinterinnen nennt, die den Startschuss auf gut Glück zu erahnen versuchen. Es gibt kaum noch solche Sprinterinnen, im Gegensatz zu früher führt ein Fehlstart heute zur direkten Disqualifikation. Kambundji zählt zu den Sprinterinnen mit richtig schnellen Reaktionszeiten. 0,14 bis 0,15 Sekunden. Vielleicht wären 0,12 Sekunden möglich, wenn sie im Training häufig daran arbeiten würde. Aber das ginge nur, wenn es ihr gelänge, im Training dieselbe Anspannung wie im Wettkampf zu erzeugen, und das fällt jeder Sportlerin schwer, ihr erst recht. Sie ist Wettkampfsprinterin, nicht Trainingssprinterin.

Sie nimmt die Reaktionszeit hin, wie sie ihr gegeben ist, und konzentriert sich auf die Position der Hüfte. Klingt wie ein Detail und ist auch eines. Aber wenn man 11 Sekunden Zeit hat, um alles richtig zu machen, «dann sollte man, na ja, besser nichts falsch machen», sagt Kambundji. Die Position der Hüfte entscheidet, wie die Sprinterin aus dem Startblock kommt. Ist die Hüfte zu hoch, muss die Sprinterin sie nach dem Start nach unten drücken, ehe sie in die Beschleunigungsphase übergehen kann. Ist die Hüfte zu niedrig, muss die Sprinterin sie nach oben drücken. Wenn man den Start einer Sprinterin von der Seite filmen und die Position der Hüfte als Linie nachzeichnen würde, sollte die Linie einen geraden Verlauf nehmen, ohne Wellenbewegungen.

Position der Hüfte? Gerader Verlauf? Keine Wellenbewegungen? Als Kambundji jung war, wusste sie von alldem nichts. Ihre Mutter Ruth erinnert sich an das erste Interview, das Mujinga gab, sie war 14-jährig und hatte soeben den Final eines nationalen Sprint-Cups gewonnen. «Welche Ziele hast du? Wer sind deine Vorbilder? Willst du an den Olympischen Spielen teilnehmen?», fragte der Reporter. Kambundji verstand nichts. Sie hatte keine Ziele, keine Vorbilder. Und sie wusste kaum, was Olympische Spiele sind. Und überhaupt: Sie hätte es «angeberisch» gefunden, wie ihre Mutter sagt, wenn sie gesagt hätte, sie wolle einmal zu den Olympischen Spielen.

Gewiss – Mujinga Kambundji hatte sich früh der Leichtathletik hingegeben. Sie ging früh nicht mehr ins Kunstturnen, zog sich früh aus dem Blockflötenunterricht zurück und wusste früh, dass sie nicht wie ihre ältere Schwester noch in den Jazztanz oder zu den Pfadfindern gehen wollte. Aber das war eher ihrer gemütlichen Art geschuldet als dem unbedingten Wunsch, an die Spitze zu gelangen. Sie hielt es nicht für nötig, wie andere Talente das Sportgymnasium zu besuchen, zumal sich das Sportgymnasium in einem anderen Quartier befand und sie weiterhin mit ihren Freundinnen und Freunden aus dem Quartier zur Schule gehen wollte. Sie gab alles im Training, zunächst einmal pro Woche, dann zweimal, dann dreimal, aber verstand das Training als Spiel, und als solches war es von den Trainern auch gemeint. Und daneben gefiel ihr nichts so sehr wie das Nichtstun. Zum Beispiel während der Tee-Partys, wie die Familie die Abende zu Hause am Küchentisch nannte, nach dem Essen, sie blieben eine, zwei oder auch drei Stunden sitzen und plauderten. Sie tranken Tee aus grossen Tassen – grosse Tassen, das war wichtig – und schlemmten Mascarpone-Crème mit Orangenschnitzen aus Coupe-Schalen vom Brockenhaus, manchmal auch Tiramisù, je nach Phase. Sie hatten Mascarpone-Phasen und Tiramisù-­Phasen, und erst viel später fing Mujinga an, auf die Linie zu achten. Damals, als Kind, war sie spindeldürr, wie die Mutter sagt, sie rannte ja immer, rannte und spielte.

Sie waren vier Schwestern. Kaluanda, geboren 1990, Mujinga, geboren 1992, Muswama, geboren 1996, und Ditaji, geboren 2002. Die Eltern, Ruth und Safuka, hatten sich 1983 kennengelernt und 1986 geheiratet. Safuka war fürs Jurastudium in die Schweiz gekommen, aber brach nach ein paar Jahren ab und machte sich selbständig, und Ruth arbeitete als Krankenschwester, ehe sie sich zur Zugbegleiterin umschulen liess. Safuka hatte Fussball gespielt, aber Ruth hatte nichts mit Sport am Hut gehabt. Die Eltern freuten sich, dass die Kinder sich bewegten, einmal sagte ein Lehrer zu Kaluanda: «Du rennst schön.» Ihre Förderung bestand darin, dass sie die Kinder nicht bremsten. «Wir sagten ihnen nie, sie sollen still sein, sie sollen ruhig sein», sagt die Mutter. Und sie schauten mit den Kindern auch nie Leichtathletik im Fernsehen, obwohl mit der Zeit alle vier Schwestern das Training des STB besuchten, des Stadtturnvereins Bern.

Kein Wunder, wusste Mujinga nicht, wie schnell die Sprinterinnen an der Weltspitze liefen. Sie kannte weder deren Namen noch deren Zeiten. Aber sie wusste, wer Mireille Donders war, die Bernerin, die lange den Schweizer Rekord hielt, 11,34 Sekunden, so lange, bis Mujinga Kambundji kam.

 

Die Beschleunigungsphase:

«Unten bleiben!», sagt Kambundji zu sich selber, immerfort, unten bleiben!, unten bleiben, untenbleibenuntenbleibenunten … Sie rennt und sagt es und weiss, dass sie es nicht sagen sollte, denn das beste Rennen ist das, in dem sie nichts denkt und nichts zu sich selber sagt. Das beste Rennen ist das, in dem sie nach dem Start von selber unten bleibt, den Kopf und den Oberkörper von selber nach unten beugt, weil sich die Geschwindigkeit umso besser aufbauen lässt, je geringer der Luftwiderstand ist.

«Unten bleiben!»: Jetzt darf sie es noch sagen. Dies ist erst ein Vorbereitungsrennen, noch nicht der Saisonhöhepunkt. Kambundji wird von Rennen zu Rennen besser. Pro Saison hat sie etwa zwölf 100-Meter-­Einsätze, die Bestform erreicht sie ab dem siebenten Einsatz. Dann muss sie sich nicht mehr ermahnen, den Kopf und den Oberkörper lange genug nach unten zu beugen, dann klappt es einfach. Sie würde es sofort spüren, wenn sie sich verkrampfen würde. Dann würde sie unvermeidlich zu denken beginnen. Und dann wäre, genau, alles für die Katz.

Je nach Höchstgeschwindigkeit, zu der die Sprinterin fähig ist, dauert die Beschleunigungsphase 30 bis 40 Meter. Deren Ende zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Sprinterin ganz aufgerichtet hat, «weil man ja nicht ewig unten bleiben kann», wie Kambundji sagt. Zu diesem Zeitpunkt rennt Kambundji mit einer Geschwindigkeit von etwa 9,4 Metern pro Sekunde. Ein bisschen schneller geht's noch.

Jacques Cordey, der frühere Trainer von Donders, war Sportlehrer in der Gegend, in der Kambundji aufwuchs. Er hatte die Trainertätigkeit nie als Vollzeitjob ausgeübt und wollte nach dem Rücktritt von Donders in den frühen 2000er Jahren kürzertreten. Aber als der Trainer, der Kambundji damals betreute, erkrankte, und als Ruth, Mujingas Mutter, ihm auf einem Spaziergang begegnete und ihn bat, sich um ihre Tochter zu kümmern – da konnte Cordey nicht anders. Er empfand es als Ehre, gefragt zu werden.

Eine Sprinterin schnell machen – das heisst zuallererst: alles in den Griff bekommen, was das Sprinten stören könnte. «Mujinga ist nicht der Gymi-Typ», sagt Cordey jetzt, viele Jahre später, er sagt es, weil sie die Matur längst bestanden hat. Aber damals konnte sie Hilfe gebrauchen, und Cordey organisierte sie ihr in Form eines früheren Athleten von ihm, der in der Schule, wie Cordey sagt, «eine Leuchte» gewesen war. Für Cordey war die Schule wichtiger als der Sport. Er verstand sich als einer, der Mujinga auf später vorbereitete. Nicht, dass er sie nicht schon schnell rennen sehen wollte, «ich hätte in zwei Jahren eine Rakete aus ihr machen können», sagt er. Aber dann wäre sie in zwei Jahren eine Rakete gewesen und hätte vielleicht die Matur vergeigt. Oder sie wäre in zwei Jahren eine Rakete gewesen und hätte vielleicht die Freude verloren.

Eine Sprinterin schnell machen – das heisst auch: sich die Frage stellen, wann die Sprinterin richtig hart trainieren soll. Als Jugendliche? Als junge Erwachsene? Cordey fand, dass für das richtig harte Training noch genug Zeit sein würde. Er wusste, dass hartes Training nötig ist, aber er wollte, dass Mujinga von sich aus danach verlangte.

Cordey ist einer dieser Trainer, die sich einen 100-Meter-Lauf ansehen und hundert Dinge bemerken, die besser sein könnten. Dann sagt er zehn Dinge – und muss feststellen, dass die meisten Sprinterinnen und Sprinter gerade einmal ein Ding aufnehmen und korrigieren können. Oder gar keines. In der Theorie von Cordey gibt es fünf Stufen des Fortschritts.

Erstens: Du machst etwas falsch – aber merkst es nicht.

Zweitens: Du merkst, dass du etwas falsch machst – aber kannst es nicht verbessern.

Drittens: Du merkst, dass du etwas falsch machst – und kannst es verbessern.

Viertens: Du merkst, dass du etwas richtig machst.

Fünftens: Du hast die Bewegungen automatisiert und merkst gar nicht mehr, dass du sie richtig machst.

Es gibt Sprinterinnen und Sprinter, die nie über die erste oder zweite Stufe hinauskommen. Kambundji gehört nicht dazu. Sie bewegt sich auf den Stufen drei bis fünf. «Das ist vielleicht ihre grösste Stärke», sagt Cordey. Meistens war es so, dass er ihr einen Hinweis gab, «den Kopf in der Beschleunigungsphase länger unten halten!», «die Schritte zum Ende hin grösser werden lassen!», «beim Start die Hüfte etwas niedriger halten!» – und schon beim nächsten Lauf setzte Kambundji die Korrektur um.

Manchmal sagte er gar nichts, weil er sehen wollte, wie Kambundji mit der Situation zurechtkommt. Zum Beispiel an den Weltmeisterschaften für unter 18-Jährige in Brixen, Italien. Es war Kambundjis erster Auftritt an einer internationalen Meisterschaft, alles war neu, die Grösse der Anlage, die Bedeutung des Wettkampfs. Und neu war auch die Länge des Prozederes im Call-Room, in dem die Sprinterinnen und Sprinter vor dem Start versammelt und auf ihre Bahnen verteilt werden. Cordey hatte den Ablauf mit Kambundji vorzubereiten versucht. Aber wie würde sie sich im Ernstfall verhalten? So: Sie lief einfach immer besser, von Lauf zu Lauf. Über 100 Meter verpasste sie den Final knapp, nicht aber über 200 Meter, ihr Nebenrennen. Vor dem Final wurden ihr die Nagelschuhe geklaut, in aller Eile musste sie Ersatz auftreiben. Und als sie sich zur Startlinie begab und Cordey einen Blick auf sie erhaschte und sah, dass sie grinste, da wusste er, wie sie tickt. Heute sagt er: «So beängstigend nervös sie vor einem Wettkampf sein mag – sie kann damit umgehen.»

Manchmal liess auch er sich davon beirren, «dass sie ein Phlegma sein kann», wie er sagt, manchmal traute nicht einmal er ihr über den Weg. Zum Beispiel als es darum ging, den Umgang mit dem Meldesystem der Anti-Doping-Behörden zu lernen. Cordey zweifelte daran, dass Kambundji bei jeder kurzfristigen Planänderung sofort den Eintrag im Meldesystem aktualisieren würde, er bleute ihr die Wichtigkeit immer wieder ein, denn nicht nur ein positiver Test kann eine Sperre zur Folge haben, sondern auch mehrere sogenannte «missed tests». Und wenn Kambundji, nachdem er ihr eine SMS geschrieben hatte, nur beiläufig antwortete, «jaja», «o. k., o. k.», «ich mach’s dann schon» – dann sagte er es ihr noch einmal. Und irgendwann platzte sie: «Du musst mir nicht alles zehnmal sagen, einmal reicht!»

«Das hat sie von mir», sagt Ruth, die Mutter. Sie meint nicht das sportliche Talent, den kräftigen Körperbau, den Ehrgeiz – denn all das hat Mujinga vom Vater. Sie meint: Das Chaos. Die Flexibilität. Aber auch: Die Verlässlichkeit, wenn es wirklich zählt.

Wenn es wirklich zählt:

12,80 Sekunden im Jahr 2006.

12,17 Sekunden im Jahr 2007.

12,02 Sekunden im Jahr 2008.

11,66 Sekunden im Jahr 2009.

11,53 Sekunden im Jahr 2011.

11,50 Sekunden im Jahr 2013.

Und am Ende der Saison 2013 kam der Tag, an dem Cordey Kambundji in sein Büro rief. Cordey fragte: «Wie siehst du’s?» Und Kambundji sagte: «Ich würde gerne mit dir weiterarbeiten. Aber ich glaube, dass ich etwas Neues brauche.» Kambundji, 21-jährig, EM-Teilnehmerin, WM-Teilnehmerin, war zu gross geworden für Bern, zu schnell für die anderen Sprinterinnen im Team, sie hatte keine Konkurrenz mehr im Training. In den Monaten zuvor hatte Cordey sie zu einem befreundeten Trainer in Berlin und Sambia geschickt, jeweils für ein paar Tage oder Wochen, und er hatte Donders, seine ehemalige Sprinterin, als heimliche Mentorin eingesetzt. Er hatte all das geplant, den Aufbruch, den Abschied. Er hatte es darauf ausgelegt und es sich gewünscht. Doch als Kambundji aussprach, dass sie weggehen wolle, weggehen müsse, als sie aussprach, was er von ihr hören wollte – da schmerzte es ihn.

Er sagte: «In Ordnung.»

 

Die Hochgeschwindigkeitsphase:

Nichts reden, nichts denken, nur machen. Kambundji vergrössert den Schritt und erhöht die Kadenz. Sie hat keinen besonders schönen, aber auch keinen besonders unschönen Laufstil. Früher sagte man von ihr, sie renne leichtfüssig, aber das ist nicht mehr so. Es gibt Sprinterinnen und Sprinter, die nur so über den Boden zu schweben scheinen, und bei anderen hat man vor lauter Kraft, die sie in die Beinarbeit investieren, den Eindruck, als wären sie nicht Läufer, sondern Gewichtheber. Kambundji ist etwas dazwischen.

Mit jedem Schritt legt sie nun gut zwei Meter zurück, am Ende des Rennens werden es 51 bis 54 Schritte sein. 51- bis 54-mal setzt sie leicht mit der Ferse auf, dass es wirkt, als würde sie den Boden nur mit den Fussballen berühren. Die Hochgeschwindigkeitsphase endet bei 60 Metern. Zu dem Zeitpunkt erreicht Kambundji eine Geschwindigkeit von 10 Metern pro Sekunde. Usain Bolt, der schnellste Sprinter der Welt, kommt auf über 12 Meter pro Sekunde.

Von Cordey zu Bauer, vom Feierabend-Trainer zum deutschen Bundestrainer. Eine der ersten Fragen, die Bauer ihr stellte, war: «Nimmst du Verhütungsmittel?» Bauer ist keiner, der seine Nase in das Privatleben seiner Sprinterinnen und Sprinter steckt. Heute weiss er, dass sie keinen Freund hat. Es hat sich, wie sie sagt, «noch nicht ergeben», und es ist, wie sie sagt, «gerade ganz gut so».

Damals fragte Bauer, weil Verhütungsmittel einen Einfluss auf das Training haben können. Kambundji sagt, Bauer sehe in ihr ebenso eine Maschine wie einen Menschen, «aber bitte nicht falsch verstehen». Was sie meint: Er versteht sich als ihr Trainer und nur als ihr Trainer, und er findet, eine Sprinterin ihres Alters habe das Leben selber im Griff zu haben. «Er fragt, was gefragt werden muss. Ob ich müde sei. Ob ich fit sei. Und er sagt, was gesagt werden muss. Kein Wort zu viel.» Das mag sie.

Als erste Massnahme schickte er sie zum Aufbau in den Kraft­raum, weil die Beugemuskeln ihrer Hüft- und Kniegelenke schwächer waren als die Streckmuskeln. «Der Beuger», sagte er, «muss gleich stark sein wie der Strecker.» Mehr sagte er nicht, mehr wollte Kambundji auch nicht wissen. Sie vertraute ihm. Sie ist keine, die Anweisungen wie diese hinterfragt. Wenn sie um eine Erklärung gebeten hätte, hätte er gesagt: «Beuger und Strecker sind Gegenspieler, sind Antagonist und Agonist, und ihr Verhältnis muss ausgeglichen sein. Stell dir dein Hüftgelenk als ein Pendel vor. Wenn die Federn auf der linken und der rechten Seite des Pendels gleich stark sind, bewegt sich das Pendel symmetrisch. Aber wenn die eine Feder stärker ist als die andere, entsteht eine Dysbalance.» Eine solche hatte Bauer in Kambundjis Laufstil entdeckt.

Als zweite Massnahme ordnete er eine Technikveränderung an. Bisher hatte Kambundji in der Beschleunigungsphase hinter dem Körperschwerpunkt gearbeitet und die Beine erst im Übergang zur Hochgeschwindigkeitsphase vor den Körperschwerpunkt verlegt. Bauer sagte: «Die Umstellung während des Rennens kostet Energie.» Neu sollte Kambundji die Beine von Anfang an «nach vorne werfen», wie es Bauer ausdrückte – was in einem ersten Schritt dazu führte, dass sie die dafür nötigen Muskelgruppen stärkte.

Als dritte Massnahme ordnete er eine weitere Technikveränderung an. Weg von der Idee, sich mit den Füssen vom Boden abzustossen, als wolle man fliegen. Und hin zur Vorstellung, die Füsse regelrecht in den Boden zu hauen, voller Wucht, als wolle man Löcher in den Boden stampfen.

Als vierte Massnahme erhöhte er den Trainingsumfang, von fünf auf acht Einheiten pro Woche, vier Einheiten Krafttraining, vier Einheiten Sprinttraining.

Und als fünfte Massnahme riet er Kambundji im Herbst 2014, ein Jahr nach Beginn der Zusammenarbeit, den Muskelaufbau mit Kreatin zu unterstützen. Kreatin kann bei der Einnahme von mehr als fünf Gramm pro Tag schädliche Nebenwirkungen haben und bei unsorgfältigem Umgang zu Verletzungen führen. Kambundji nimmt pro Tag nicht mehr als drei Gramm zu sich, was dem Kreatingehalt von etwa einem Kilo Fleisch oder Fisch entspricht.

In zwei Jahren legte sie sechs Kilogramm zu, von 59 auf 65 Kilogramm. «Ich will kein Muskelberg sein», sagt sie und lacht verlegen. Sie lacht oft verlegen. Wenn sie jemanden gerade erst kennengelernt hat, ist in ihren Sätzen immer ein gewisses Zögern zu spüren. Aber das merkt erst, wer öfter mit ihr zu tun hat, denn freundlich ist sie immer und fröhlich meistens. Es kommt vor, dass sie von einem Journalisten, mit dem sie sich zum Interview trifft, schon am Abend nicht mehr weiss, für welche Zeitung er arbeitet. Doch wenn sie einmal Vertrauen zu jemandem gefasst hat, redet sie wie ein Buch, das keine Satzzeichen und keine Abstände zwischen den Wörtern hat, dann redet sie hastig – aber noch immer kein Wort zu viel. Sie sagt, ihr wäre ja selber nicht wohl, wenn sie zu viel Zeugs nehmen müsste, hie und da Kreatin, dazu «Burgerstein Sport», ein Nahrungsergänzungsmittel in Tablettenform, und nach dem Training ein Regenerations-Shake, aber manchmal vergisst sie es.

Kreatin steht nicht auf der Dopingliste, und vielleicht ist es besser, dass Kambundji all die Namen von früher nicht kennt oder sie erst spät kennengelernt hat. Zum Beispiel jenen von Florence Griffith-Joyner, der Weltrekordhalterin, 10,49 Sekunden am 16. Juli 1988. Griffith-Joyner, genannt «Flo-Jo», verstarb zehn Jahre später, Ursache: epileptischer Anfall. 10,49 Sekunden, 71 Hundertstel schneller als Kambundji, 71 Ewigkeiten, unerreicht. Griffith-Joyner wurde nie positiv getestet, aber das heisst vermutlich gar nichts.

Ab wann macht nur Doping noch schneller? Kambundji sagt, ihr schlimmster Albtraum sei, positiv getestet zu werden, sei’s fälschlicherweise, sei’s wegen einer Unachtsamkeit. Doping ist häufig ein Thema in ihrem Alltag, im Gespräch mit den anderen Sprinterinnen und Sprintern oder wenn wieder eine der grossen Sprinterinnen oder einer der grossen Sprinter überführt wird oder wenn sie zum Arzt muss und merkt, dass der noch nie von der Liste der verbotenen Medikamente der Welt-Anti-Doping-Agentur gehört hat. «Ich bin Sportlerin», sagt sie dann und schaut selber nach, im Internet, auch weil ihre Mutter sie ermahnt, ihre Mutter ist in dieser Hinsicht noch ängstlicher als sie.

Ausgleich des Verhältnisses von Strecker und Beuger, Verlegung der Beinarbeit vor den Körperschwerpunkt schon in der Beschleunigungsphase, die Füsse in den Boden hauen statt sich mit den Füssen abstossen, Erhöhung des Trainingsumfangs, Einnahme von Kreatin: Das war die Welt, in der sich Kambundji von nun an bewegte, die Welt, auf die sie von Cordey vorbereitet worden war, die Welt, in der sie ihre Bestzeit innert eines Jahres von 11,50 Sekunden auf 11,20 Sekunden senkte.

Jetzt lag es nicht mehr drin, ein halbes Jahr ins Land ziehen zu lassen, wie sie es sich nach den Maturprüfungen 2012 erlaubt hatte. Sie hatte ein bisschen gejobbt und war ein bisschen herumgereist, war der Arbeit in einem Restaurant wegen manchmal um sechs Uhr morgens aufgestanden und manchmal erst um zwei Uhr nachmittags, war manchmal lange nach Mitternacht ins Bett gegangen und manchmal bereits am Vorabend, hatte manchmal am Morgen trainiert und manchmal am Nachmittag, hatte sich zu Tee-Partys verabredet und Mascarpone-­Crème mit Orangenschnitzen oder Tiramisù geschlemmt.

Jetzt nicht mehr oder nur noch selten. Jetzt ist es so: Wenn sie einen Tag lang herumhängt, dann überkommt sie kein schlechtes Gewissen mehr, denn Herumhängen ist Entspannung, und sie hat Entspannung nötig. Oder so: Wenn sie eine SMS von ihren Freundinnen erhält, ob man sich am Samstagabend im Ausgang treffe – dann sagt sie entweder ab oder schreibt zurück, dass sie gerne dabei sei, aber bitte irgendwo, wo man sitzen könne, «bitte!». Sie hatte sich in die Welt des Valerij Bauer begeben, eines liebenswürdigen Menschen, der sie so sanft behandelt, wie man einen Menschen, den man auch als Maschine sieht, nur behandeln kann.

Eine Welt, die in einem schwarzen Büchlein Platz hat. Kambundji notiert darin ihre Krafttrainings. Das Büchlein ist ein Stück Poesie, allein des Aussehens wegen, die Blätter sind zerfleddert und gewellt, als hätten sie zu lange im Regen gelegen, aber auch des Inhalts wegen. Auf der ersten Seite steht: «In case of loss, please return to», und darunter hat Kambundji notiert: «Victoria Road, Rap Rap Rap, 3000 Karibik.» Und weiter unten steht: «As a reward.» Und daneben hat Kambundji geschrieben: «Hundert-tusig», hunderttausend. Das Büchlein beginnt mit einem Krafttraining am 19. Januar 2012 in Berlin. Pro Trainingseinheit eine Seite, immer der Ort und das Datum, immer derselbe Kugelschreiber, und dann:

Arme, 4-mal 6, stossen: 40 kg /40 kg /40 kg /40 kg

Rücken, 4-mal 6: 7,5  kg / 7,5 kg /10 kg /10 kg

Seite, 4-mal 6: 20 kg /20 kg /20 kg /20 kg

Beinpresse, 4-mal 8: 160 kg /160 kg /160 kg /180 kg

Hüftbeuger, 4-mal 8: 15 kg /15 kg /20 kg /17,5 kg

Kniebeuger, 4-mal 8: 35 kg /45 kg /45 kg /45 kg

Kniestrecker, 4-mal 8: 35 kg /45 kg /45 kg /45 kg

Einbeinige Kniebeuge, 4-mal 8: 60 kg /80 kg /80 kg /80 kg

 

Die Schlussphase:

Kambundjis Blick ist nicht mehr wie vor dem Start auf ein Körnchen in der Tartanbahn gerichtet, und er ist auch nicht mehr wie in der Beschleunigungsphase auf den Boden gerichtet. Jetzt ist der Blick nach vorne gerichtet, dem Ziel entgegen, der Kopf aufrecht wie ein stolzer Pfau, weit ist es nicht mehr.

Oder doch? Keine Sprinterin der Welt schafft es, die Höchstgeschwindigkeit, die sie bei 60 Metern erreicht, bis zum Ende durchzuhalten. Die einen Sprinterinnen bauen mehr ab, die anderen weniger. Wenn es aussieht, als würde eine Sprinterin gleich schnell bleiben oder sogar schneller werden – dann ist es in Wahrheit nur so, dass alle anderen noch langsamer werden. Kambundji gehört zu denen, die eher noch langsamer werden. Manchmal wünscht sie sich, dass das Rennen bei 80 Metern zu Ende wäre, wie damals, als Kind. Schon damals, als sie von der einen Saison auf die andere 100 Meter rennen musste, kamen ihr die zusätzlichen 20 Meter endlos vor. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Jemand, der nie Sprinter war, oder jemand, der in seinem Leben viel Sport getrieben hat, vornehmlich aber Ausdauersport oder Mannschaftssport, empfindet das erste Sprinttraining, dem er beiwohnt, beinahe als lächerlich. Zwei Stunden stehen an diesem Frühlingstag 2015 in Mannheim auf dem Programm. Wenn das Wetter nicht schön wäre, fände das Training in der Halle statt. In Bern gab es keine Halle, die gross genug dafür gewesen wäre. In Bern mussten die Sprinterinnen und Sprinter die Bahn manchmal vom Schnee befreien, sie zogen sich Handschuhe, Kappen und Stulpen über, romantisch irgendwie, aber nicht geeignet für ein Sprinttraining, das nicht aus Dauerläufen besteht, sondern aus lauter Pausen, in denen die Muskeln abzukühlen drohen, und dazwischen einigen Explosionen, in denen aufgewärmte Muskeln gefragt wären. Aber in Mannheim ist es schön und warm, durch die Luft fliegen Pollen, auf dem Nebenplatz spielen Kinder.

Kann man dem ernsthaft Aufwärmen sagen, was die Sprinterinnen und Sprinter jetzt tun? Sie laufen zweimal um das grosse Fussballfeld, etwa 110 auf 80 Meter, und in den Ecken kürzen sie noch ab, macht 700 Meter, grob geschätzt. Das war’s. Und eigentlich laufen sie gar nicht, sie tänzeln eher, und auf das, was sie Einlaufen nennen, folgt eine halb- bis dreiviertelstündige Phase des Auf-dem-Boden-Herumliegens, des Dehnens, des Lässig-mit-dem-Trainer-Plauderns. «Von 0 auf 100», hat Kambundji gesagt. Und Bauer, der Trainer, sagt: «Langsamlaufen bringt den Sprinterinnen und Sprintern nichts.» Sprinten heisst: Kraft, Schnelligkeit, Koordination.

Die längsten Läufe, die Kambundji im Training rennt, sind 45-Sekunden-Läufe. Die intensivsten sind die sogenannten Hinke-Läufe, 12-mal 100 Meter, 6-mal ist das linke Bein gestreckt, 6-mal das rechte, «da bildet sie sogar etwas Laktat», sagt Bauer. Laktat ist Milchsäure, und Laktat schmerzt. Laktat entsteht, wenn die Energiebereitstellung für den Muskel nicht mehr aerob erfolgt, unter Verwendung von Sauerstoff, sondern anaerob, ohne Sauerstoff. Und die anforderungsreichsten Läufe, die Kambundji im Training vorgesetzt bekommt? 2-mal 120 Meter, 3-mal 80 Meter, 4-mal 80 Meter, 5-mal 60 Meter. Nie alles miteinander, im einen Training die eine Serie, im anderen die andere, manchmal zwei Serien im selben Training, aber das ist schon viel. 2-mal 13 Sekunden, 3-mal 9 Sekunden, 4-mal 9 Sekunden, 6-mal 7 Sekunden, dazwischen viele Minuten Pause. 13 Sekunden Vollgas, 9 Sekunden Vollgas, 7 Sekunden Vollgas – und schon ist alle Energie draussen, bei Verena Sailer ebenso wie bei Kambundji und Alexandra Burghardt, der Sprinterin, die sich in Mannheim mit Kambundji eine Wohnung teilt. 7 Sekunden Vollgas, und Burghardt liegt ausgelaugt am Boden und macht ein langes Gesicht. «Noch einmal?», fragt sie mit gespielter Entrüstung. Und als sie den irritierten Blick des Besuchers sieht, sagt sie: «Wir sind Memmen, nicht?»

Sind sie natürlich nicht. Das weiss man spätestens dann, wenn der Sprinterin auf dem Weg nach oben etwas dazwischenkommt.

 

Der Zieleinlauf:

Es gewinnt die Läuferin, die als Erste mit dem Rumpf die Ziellinie überquert. Wenn das von blossem Auge nicht erkennbar ist, hilft die Zielkamera. An den Europameisterschaften 2010 liefen im 100-Meter-Rennen der Männer hinter dem Sieger gleich vier Sprinter 10,18 Sekunden: Fotofinish! Erst die 2000 Bilder der letzten 8 Millimeter des Zielfilms entschieden über Silber, Bronze und die Plätze 4 und 5.

Kambundji hat keinen Fehlstart gemacht, unterwegs die Bahn nicht verlassen, ist als Erste ins Ziel gekommen: Sieg. Ein Meeting in Genf im Frühsommer 2015, 11,31 Sekunden, die bis dahin drittbeste Zeit ihrer Karriere, trotz einem für ihre Verhältnisse schlechten Start. Aber der Rücken zwickt. Und dies war ja erst der Vorlauf. Kambundji verzichtet auf den Final, sitzt während des Endlaufs unter einem Sonnenschirm am oberen Ende der Tartanbahn und massiert sich den Rücken, die Hüfte, den Oberschenkel. Es zwickt, irgendetwas ist nicht gut.

Am Tag nach dem Wettkampf in Genf kann Kambundji nicht einmal mehr eine Tasche heben, ohne dass der Schmerz sie übermannt. Sie fährt nach Zürich und konsultiert ihre Physiotherapeutin und ihren Arzt. Der Arzt macht ein MRI, die Physiotherapeutin behandelt sie mit Nadeln. Nichts Schlimmes, sagen beide, und obwohl Kambundji geahnt hat, dass es nichts Schlimmes ist, lässt sie es sich mehrere Male erklären, «ich brauche das», sagt sie. Andere Male braucht sie es, von ihrem Trainer zu hören, dass sie in Form ist, «auch wenn ich es selber schon weiss», und jetzt braucht sie es eben, dass man ihr sagt: «Nichts Schlimmes, nur eine Stressreaktion im Lendenwirbel.» Auslöser war wahrscheinlich eine ruckartige Bewegung im Staffeltraining ein paar Tage vor dem Wettkampf in Genf, hervorgerufen durch die Ablösung, bei der man sich, während man schon rennt, nach hinten dreht, um den Staffelstab zu übernehmen.

Nichts Schlimmes, sagen die Physiotherapeutin und der Arzt also, und Kambundji ist beruhigt. Und dann doch wieder beunruhigt. Während dreier Wochen trainiert sie nur reduziert oder gar nicht, sie verpasst mehrere Wettkämpfe, so will es Bauer, ihr Trainer. Er, der seine Sprinterinnen und Sprinter in jedem Training an den Rand der Erschöpfung bringt, sagt sofort Halt!, Stopp!, Abbruch!, wenn etwas zwickt. Ein Ermüdungsbruch oder auch nur ein verspannter Muskel kann für eine Maschine, wie sie die Sprinterinnen und Sprinter sind, das Saisonende bedeuten, wenn die Rückkehr ins Training zu sehr forciert wird. Es gibt Sprinterinnen und Sprinter, die andauernd Verletzungen haben, weil sie nicht vorsichtig sind und zu schnell zu viel wollen, darunter solche, die in jungen Jahren schneller waren als Kambundji, die Karriere vor lauter Ungeduld und Unvorsichtigkeiten dann aber beendet haben.

Kambundji will nichts forcieren, und trotzdem tut sie sich schwer. Die anderen Sprinterinnen und Sprinter sind an Wettkämpfen beschäftigt, während sie: nichts tut. Sie fährt jeden Tag zur Physiotherapeutin und zum Arzt, und dazwischen hängt sie zu Hause herum, macht nichts, denkt viel zu oft an die Verletzung, «nichts Schlimmes!». Sie könnte sich erholen, denn sie hat einen anstrengenden Frühling hinter sich. Es war alles etwas viel. Die Medienanfragen haben zugenommen, die Sponsorentermine ebenso. Ja, sie könnte sich erholen. Könnte für die Prüfungen lernen, die anstehen, könnte WhatsApp-Nachrichten der Freundinnen beantworten oder E-Mails des Managers, könnte TV-­Serien schauen, aber sie lässt alles sein. Sie will jetzt rennen. «Wandern, schwimmen, joggen? Das ist nichts für mich. Ich sprinte.»

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Sommer 2015, ein Wettkampf in Bellinzona. Es ist früher Abend, die Sonne drückt, Windstille. Beste Verhältnisse. Start, Beschleunigungsphase, Hochgeschwindigkeitsphase, Schlussphase, Zieleinlauf: 11,17 Sekunden, 3 Hundertstel schneller als am 13. August 2014, im Halbfinal der Leichtathletik-Europameisterschaften, 25 000 Zuschauer, «es chrüselet», im Final dann Platz 4.

11,17 Sekunden, Platz 2, vor ihr die Amerikanerin Tianna Bartoletta, 11,07 Sekunden, hinter ihr die Amerikanerin Jessica Young, 11,20 Sekunden, beide deutlich älter als sie. Noch 15 Hundertstel langsamer als Verena Sailer. Kambundji kann’s kaum glauben. Aber irgendwie hat sie es auch erwartet.

Ein paar Tage später fragt sie: «Weisst du, was das Schlimmste ist, wenn man schneller läuft als je zuvor?» Schweigen. «Das Schlimmste», sagt sie, «ist, dass man keine Ahnung hat, warum man schneller als je zuvor gelaufen ist. War’s das Krafttraining? War’s das Techniktraining? Keine Ahnung. Das ist Teil des Hundertstelspiels – dass man am Ende nur vage weiss, was gut war und was schlecht.» 

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