Mutter für 20 Minuten

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Eine Reporterin über ihre Schwangerschaft und eine dramatische Reise in die Mongolei.

Ariel Levy

Als Kind spielte ich am liebsten «Mumie und Forscher». Mein Vater und ich handelten aus, wer welche Rolle übernehmen sollte. Einer von uns musste sich reglos und mit geschlossenen Augen hinlegen, die Arme über der Brust verschränkt, der andere klagte: «Nun durchsuche ich schon so viele Jahre diese Pyramiden, wann endlich finde ich das Grab des Tutanchamun?» (Das war in den späten Siebzigern, als der Pharao im Metropolitan Museum ausgestellt wurde und wir oft aus der Vorstadt kamen, um ihn zu besichtigen.) Der Höhepunkt des Spiels war erreicht, wenn der Forscher über den einbalsamierten Pharao stolperte und – aufgepasst! – die Mumie die Augen öffnete und zum Leben erwachte. Der Forscher erschrickt und fragt schliesslich: «Nun, was gibt’s Neues?» Worauf die Mumie antwortet: «Dich.»

Im Grunde reizten Vater-Mutter-Kind-Spiele mich wenig. Mir waren Phantasiewelten lieber, in denen es um Abenteuer, Piraten und Ritter ging. Ausserdem war ich dominant, ungeduldig, unermüdlich am Reden und als Einzelkind oft verblüfft über das Verhalten anderer Kinder. Ich war kein beliebtes Mädchen. In der kleinen Holzfestung, die meine Eltern aus einem Bausatz im Garten hinter dem Haus für mich aufstellten, spielte ich Robinson Crusoe. In diesem Fort fühlte ich mich weder ausgegrenzt noch angespannt – ich war selbständig, tapfer und überlebte aufgrund meines Scharfsinns, wenn auch allein.

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