New York 1957

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Hafenkatzen, Bohémien-Katzen, Teilzeitkatzen im Tante-Emma-Laden. Eine Typologie der Strassenkatzen im Big Apple.

Gay Talese

New York ist eine Stadt, in der vieles im Verborgenen bleibt. Es ist eine Stadt, in der Katzen unter geparkten Autos schlafen, zwei Gürteltiere aus Stein an der St. Patrick's Cathedral emporklettern und Tausende von Ameisen auf dem Dach des Empire State Building herumwimmeln. Die Ameisen sind wohl durch den Wind oder durch Vögel dort oben hingelangt, doch sicher kann man sich da nicht sein. Über die Ameisen wissen die New Yorker letztlich genauso viel wie über den Bettler, der mit dem Taxi in die Bowery fährt, den schmucken Kerl, der an der Sixth Avenue Unrat aus den Mülltonnen klaubt, oder den Spiritisten in den West Seventies, der behauptet: «Ich bin Hellseher, Hellhörer und Hellfühler.»

New York ist eine Stadt der Exzentriker und der skurrilsten Daten und Fakten. New Yorker blinzeln achtundzwanzigmal pro Minute, aber vierzigmal, wenn sie im Stress sind. Die meisten Popcornesser im Yankee Stadion halten unmittelbar vor dem Pitch für einen Moment mit dem Kauen inne. Kaugummikauer auf den Rolltreppen im Kaufhaus Macy's hören kurz mit dem Kauen auf, wenn sie die Rolltreppe wieder verlassen, um sich auf die letzte Stufe zu konzentrieren. Wenn das Reinigungspersonal im Bronx Zoo das Seelöwenbecken säubert, findet es dort Münzen, Büroklammern, Kugelschreiber und Schulhefte von kleinen Mädchen.

Täglich schlucken die New Yorker 460 000 Gallonen Bier; sie essen 350  0000 Pfund Fleisch und ziehen sich vierzig Kilometer Zahnseide durch die Zähne. Täglich sterben in New York 250 Menschen, 460 werden geboren, und durch die City gehen täglich 150 000 Menschen, die Brillen mit Gläsern aus Glas oder Plastik tragen.

In der Park Avenue gibt es einen Portier, in dessen Schädel sich seit dem Ersten Weltkrieg Splitter von drei Kugeln befinden. Viele junge Zigeunerinnen laufen, beeinflusst vom Fernsehen und von Büchern, von zu Hause weg, weil sie nicht erwachsen und Wahrsagerinnen werden wollen. Jeden Monat werden hundert Pfund Haar bei Louis Feder in der Fifth Avenue 545 angeliefert, wo aus den Haaren deutscher Frauen blonde Perücken und aus den Haaren von Französinnen und Italienerinnen brünette Perücken hergestellt werden; die Haare amerikanischer Frauen finden keine Verwendung, da sie laut Mr.  Feder zu oft gewaschen und onduliert werden.

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