Noch einmal ans Meer

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Ein Mann erfüllt Menschen, die bald sterben werden, ihre letzten Wünsche. Ein letztes Mal Zigaretten oder zum Rolling Stones-Konzert: Frank Wenzlow macht's möglich.

Alexander Krützfeldt

Frank Wenzlows erster Fahrgast war eine kleine Frau mit hellen Haaren und einem Gesicht, das aussah, als hätte man es ihr streng zurückgezogen und hinten zu einem Dutt zusammengebunden. Sie sass im Rollstuhl, hiess Renate und hatte Krebs.

Dass Sylvia, Renates Tochter, mit 17 zu Hause ausgezogen war, hatte zwei Gründe: Vater und Mutter. Wenn Sylvia ihr Schulbrot nicht aufgegessen hatte, und ihr Vater fand es in ihrer Schultasche, kam er raus, während Sylvia vor dem Haus mit ihren Freunden spielte, baute sich vor ihr auf und schlug ihr ins Gesicht. Fand Renate das Schulbrot, schlug sie Sylvia nicht, sondern fragte nur: «Was wird dein Vater wohl sagen, wenn er nach Hause kommt?» Dann hatte Sylvia zusätzlich noch den halben Tag Angst, bevor sie ins Gesicht bekam. Einmal machte Sylvia sich in die Hose, da war sie kein kleines Kind mehr, und das, sagen Experten, das sei ein Alarmsignal. Ihre Eltern meinten nur, sie werde das schon noch lernen. Dann liessen sie Sylvia ihren eigenen Urin trinken.

Jetzt ist Sylvia fast fünfzig. Über zwanzig Jahre hatte sie keinen Kontakt zu ihren Eltern. Irgendwann kam ein Anruf aus dem Krankenhaus, Renate liege dort, es gehe ihr schlecht, und als Sylvia ankam, machten die Ärzte Arztgesichter und meinten, der Krebs bereite wohl das Ende vor. Renate kam in ein Hospiz.

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