Nordkorea 1992

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

In Myeong-Cheols Welt ist das Volk per Gesetz dazu verpflichtet, trotz Leiden zu lachen und Verbitterung hinunterzuschlucken. 
Die historische Reportage.

Bandi

«Oh, aber …!», entfuhr es Jeong-Suk, bevor sie aufsprang. Das Geräusch der sich öffnenden Eingangstür hatte sie überrascht. Die schmutzige Windel ihres Sohnes, den sie gerade gewickelt hatte, glitt ihr aus den Händen. Im Türrahmen war der Umriss eines Mannes aufgetaucht, bei dem es sich ohne jeden Zweifel um ihren Ehemann handelte. Sie hatte sehnsüchtig auf ihn gewartet, war jetzt jedoch entsetzt, wie erbarmungswürdig er aussah. Sein Gesicht bestand nur noch aus Haut und Knochen, seine Kleidung starrte vor Dreck, sein Rucksack hing in Fetzen über seiner Schulter. Von Natur aus war ihr Mann gross und schlank, wenn vielleicht auch mit einem kleinen Buckel. Jetzt jedoch glaubte Jeong-Suk, einem Fremden gegenüberzustehen. Statt eines jungen Dreissigjährigen sah sie einen alten Mann. Wie konnte er sich in kaum drei Wochen so verändert haben? Er war in sein Heimatdorf gefahren, das er seit einigen Jahren nicht mehr besucht hatte. Was konnte ihm dort passiert sein?

«Meine Liebste, was hast du denn?»

«Vater von Jeong-Min!», rief Jeong-Suk und warf sich ihrem Mann in die Arme. «Du lebst! Du bist wohlbehalten wieder da!»

Sie weinte vor Freude.

«Beruhige dich doch … Du wirst noch unseren Sohn aufwecken.»

«Weisst du, wie sehr ich auf dich gewartet habe? Ich habe mir solche Sorgen gemacht!», fuhr sie unter Tränen fort.

«Das wäre nicht nötig gewesen.»

«Wie, das wäre nicht nötig gewesen? Du bist Hals über Kopf aufgebrochen, ohne Reiseerlaubnis. Ausserdem hattest du aus Frust getrunken und bist besoffen in den Zug gestiegen. Wie hätte ich mir da keine Sorgen machen sollen?»

«Das alles tut mir unendlich leid.»

«Oh, wo habe ich nur meine Gedanken. Wie geht es deiner Mutter?»

«Meine Mutter …»

«Ja, sprich weiter. Oh, willst du damit sagen …?» 

«Nein, nicht, was du denkst. Ich habe sie nicht besuchen können.»

«Was soll das heissen?»

«Nun ja, ich bin nicht einmal bis in mein Heimatdorf gekommen.»

«Was? Aber wo bist du dann gewesen?»

«Liebling, bring mir doch bitte erst eine Schale kaltes Wasser.»

Erst in diesem Moment fiel Jeong-Suk auf, dass seine Stimme äusserst schwach klang. Wie die Stimme eines durch langes Leiden ausgemergelten Kranken. 

Sie eilte in die Küche, hielt dann inne und rief ihrem Mann zu: «Liebling, willst du dir vielleicht dein Gesicht waschen?» 

Keine Antwort.

«Liebling?» Sie öffnete die Küchentür und war erstaunt, ihren Mann schlafend vorzufinden. Mit seinem kalkweissen Gesicht und dem halb offenen Mund sah er aus wie ein Toter. Eine weissliche Laus krabbelte unter seinem Pullover hervor und kroch an der Naht seiner schwarzen Hose entlang. Angewidert streckte Jeong-Suk sofort die Hand aus, um sie zu zerquetschen. Erneut standen Tränen in ihren Augen. Was hatte man ihrem Ehemann nur Schreckliches angetan? Wie konnte es sein, dass dieser grosse und zärtliche Mann in einer derart desolaten Verfassung war? Sie sollte seinen Bericht erst drei Tage später hören, als es ihm wieder besser ging.

Als Abonnent steigen Sie bei Reportagen wegbereitend ein und können diesen und alle weiteren Artikel hier auf der Website lesen. Ausserdem ermöglichen Sie ganz direkt, dass unsere Autorinnen und Autoren, abseits der ausgetretenen Pfade spannende Geschichten aufspüren können.
Bandi unterwegs:
AutorIn
Region