Notfruf vom Mittelmeer

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Wenn Bootsflüchtlinge in Seenot geraten, rufen sie Father Zerai an. Seine Nummer kennt halb Afrika.

Mattathias Schwartz

Geh nach Westen, in die Wüste. Nimm Feigen mit, Geld, ein Mobiltelefon. Ruhe dich tagsüber aus. Geh dem Sonnenuntergang entgegen. Geh durch die Nacht. Am dritten oder vierten Tag wirst du auf eine Strasse gelangen. Frag da nach dem Weg in die Stadt. Frage und gehe, frage und gehe, bis du Khartum erreichst, im Sudan. Finde jemanden, der dir dein Geld aufbewahrt, jemanden, dem du traust. Die Art Leute, welche Anrufe entgegennehmen. Von hier an wird die Reise schwieriger, kostspieliger. Suche dir deinen Führer sorgfältig aus. Manche sind vertrauenswürdiger als andere. Sie werden dir sagen, es koste vierzehn- oder sechzehnhundert Dollar bis Tripolis. Ein schlechter Führer oder blosses Pech kostete einige schon das Vielfache. Oder Schlimmeres.

Wir wollten ein besseres Leben, ein freies und normales Leben. In Eritrea wirst du achtzehn Jahre alt, und du gehst in die Armee, du bleibt viele Jahre in der Armee, manche bleiben da für den Rest ihres Lebens. Du schuftest für ein paar Dollar am Tag – auf dem Bau, auf der Farm oder in der Mine. Diejenigen, die sich weigern, landen im Knast. Es gibt keine Wahl. In Europa, so hörten wir, könne man so leben, wie man wolle. Deshalb verliessen wir, hundertdreissig Landsleute, Eritrea Richtung Sudan, nach Khartum, weiter in die Sahara und nach Libyen. Das ist die Geschichte, die wir später erzählten, der Polizei, den Journalisten und den Gerichten. Eines Tages kam eine Bande bewaffneter Somalier auf uns zu. Sie zwangen uns, in Transporter einzusteigen, und sie brachten uns in die Stadt Sabha, wo sie uns in einem Haus einschlossen. Sie zwangen uns, stundenlang zu stehen. Sie hängten uns verkehrt herum auf und schlugen uns auf unsere Fusssohlen. Sie hielten Gewehre an unsere Schläfen und schossen auf den Boden. Sie fuhren mit zwei von unseren Frauen in die Wüste, vergewaltigten sie und kamen nur mit einer zurück. Sie schütteten Wasser auf den Boden und versuchten, uns mit elektrisch geladenen Drähten zu quälen. Das Einzige, was sie dabei erreichten, war ein Stromausfall.

Die Somalier wollten ein Lösegeld von 3300 Dollar pro Kopf. Zwei Wochen später hatten die meisten Familien bezahlt, also fuhren sie uns nach Tripolis. Sie brachten uns zum Schmuggler Ermias. Er hatte dunkle Haut, war ungefähr dreissig Jahre alt und gut genährt. Er nahm jedem von uns 1600 Dollar ab, um eine Bootsüberfahrt nach Lampedusa zu organisieren, einer italienischen Insel rund eine Tagesreise vor der Küste Libyens liegend. Viele von uns hatten das Meer noch nie zuvor gesehen und konnten nicht schwimmen. Wir fragten, ob wir gegen einen Aufpreis Schwimmwesten erhalten könnten; Ermias lehnte aber ab. Seine Männer sperrten uns in ein Lagerhaus, zusammen mit vielen anderen, wo wir den Rest des Septembers 2013 verbrachten.

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