Palm Beach 1926

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Juwelen, Hasenpastete und eine Leiche: Als Kellnerin unter den Schönen und Reichen Amerikas.

Maria Leitner

Hundertfünfzig Kellnerinnen – die Uniformen wechseln täglich dreimal – stehen in Reih und Glied. Der Oberkellner (der Ausdruck passt schlecht für den vornehmen Lord im seidenbeschlagenen Frack) klatscht zweimal in die Hände, alle Köpfe drehen sich nach links, worauf er mit seiner Adjutantin, «the captain», die Reihe abschreitet. Seine Einwendungen gegen eine Kellnerin  macht er nie direkt, sondern nur durch den «captain», eine Amerikanerin.

In dem lila und goldenen, mit tropischen Pflanzen geschmückten Speisesaal haben sich aus allen Teilen Amerikas jene Menschen versammelt, die ihren Reichtum am nachdrücklichsten betonen wollen. Welch eine Schaustellung von Juwelen, Spitzen, Pariser Toiletten und gespenstisch unwirklich geschminkten Frauen. Die Musik spielt, die Musikanten verrenken alle Glieder, die Gäste aber sitzen unbeweglich da, auch während sie essen, geizen mit jeder Handbewegung, es wird kaum gesprochen, nur reichlich getrunken, ganz offen, nicht heimlich wie in New York hinter verschlossenen Türen. Hundert Dollar muss man mindestens täglich in diesem Hotel ausgeben. Und doch ist es ein Armutszeugnis, im Hotel zu wohnen. Man muss schon mindestens ein eigenes Haus und eine zahlreiche Dienerschaft haben, um an dieser Küste für voll angesehen zu werden. Und gelingt es einem nicht, ein vornehmes Haus zu finden, so ist es noch immer vornehmer, in einem Hausboot zu wohnen als in einem Hotel.

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