Paul gibt einen heiklen Rat

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Hätte er den Tod seines Kollegen verhindern können?

Raffaela Angstmann

«Drei Schweizer ermordet», «Chronique d’une journée tragique», «Aiuto, sparano sulla Croce Rossa» titelten die Zeitungen. Ich habe alle Artikel aufbewahrt. Der Tod meines Kollegen beschäftigt mich noch heute, knapp 23 Jahre später. Hätte ich seine Sorgen ernst genommen, würde er vielleicht noch leben. 1995 war das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, kurz IKRK, die letzte humanitäre Organisation, die während des Bürgerkrieges in Burundi noch landesweit im Einsatz war – und ich war der Coordinateur des secours im Büro in Bujumbura, zuständig für die Verteilung der Hilfsgüter an die Kriegsopfer. Der Mord an Hutu-Präsident Melchior Ndadaye durch Tutsi-Soldaten 1993 hatte die ethnischen Spannungen zwischen der Hutu-Mehrheit und der Tutsi-­Minderheit zum Eskalieren gebracht, der darauffolgende Krieg forderte 300 000 Todesopfer. Viele Menschen waren damals auf der Flucht, vor allem die Hutu. Die vom Krieg betroffenen Tutsi hatten sich in Schulen und Verwaltungsgebäude zurückgezogen und standen unter dem Schutz des Militärs, bestehend aus Angehörigen der Tutsi-Minderheit. Wir arbeiteten immer nur in Absprache mit den zivilen und militärischen Behörden, von den Gemeinden erhielten wir Listen von Betroffenen, an sie verteilten wir einmal die Woche unter anderem Holz, Küchengeräte und Seife. Manchmal hörten wir währenddessen in der Nähe Schüsse. Trotzdem blieben alle ruhig, wenn wir verteilten – wir glaubten ja, das Emblem des Roten Kreuzes würde uns schützen.

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Raffaela Angstmann unterwegs:
Raffaela Angstmann, Esther Göbel, Daniel Peterlunger, Rocío Puntas und Juliane Schiemenz