Pedro Torres' Angst vor der Soja

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Die Bauern Argentiniens erleben Fluch und Segen einer Bohne, welche die Welt ernähren soll.

Ruedi Leuthold

Seit Tagen hat es nicht mehr geregnet, der Himmel über dem flachen Land ist winterblass, die Sonne wärmt die Erde, nackt und weit. Wie Golfplätze leuchten wenige Felder in der braunen Wüste, Nahrungsschüssel der Welt. Der Ort Miguel Torres liegt an der Fernstrasse 14, wenige Kilometer bevor sie auf die 93 trifft, hundert Kilometer von Rosario entfernt, Provinz Sante Fe, im Herzen der feuchten Pampa Argentiniens, die berühmt ist für ihre fruchtbaren Böden und das zarte Fleisch der Rinder, die darauf weiden. 
Pedro Torres hat graues Haar, kräftige Hände, auf dem Kopf die unvermeidliche Baskenmütze. Er ist der Urenkel von Miguel Torres, der, als er in die Gegend kam, noch gegen die Indianer kämpfte. Oder, um die Wahrheit zu sagen, wie sie der Grossvater in der Familienchronik darlegte, unbedingt einen Indianer umbringen wollte.
Jetzt steht Pedro vor der Kirche, die sein Grossvater 1934 für die europäischen Einwanderer baute, denen er einen Teil seines Landes verpachtet hatte. 
Die Kirche, nach kolonialem Muster errichtet, ist geschlossen.
Der Kinderspielplatz leer.
Das Backsteingebäude gegenüber der Eisenbahnstation, das als Kino diente, zerfallen.
Pedro geht ein paar Schritte in Richtung des verlassenen Bahnhofs. Dort wohnt Rosanna Galarza. Sie ist Vizepräsidentin von Miguel Torres und hütet den Kirchenschlüssel, ausserdem das Gesundheitszentrum für die 500 Einwohner, die im Kaff geblieben sind.
«Zeit für die Heilige Rosa», sagt sie und schaut zum Himmel, der sich blassblau und wolkenlos über die Ebene spannt.
Dann bittet sie in ihr kleines Häuschen.
In der argentinischen Pampa kündigt das «Gewitter der Heiligen Rosa» die Frühlingsregen an.
«Weisst du noch», fragt Rosanna den Besucher, «wie deine Mutter den Heiligen Michael jeweils aus der Kirche holte, wenn der Regen ausblieb? Und alle Pächter und Bauern der Umgebung begleiteten die Prozession rings um die Kirche, um Regen zu erflehen für die Aussaat des Maises. Und jetzt», sagt sie, «haben die Bauern ihr Land verpachtet und leben in der Stadt.»
Und du, Pedro Torres?
«Wir werden sehen», sagt der Mann. 

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