Perlen zum Frühstück

Wie kraftvoll ist grosse Kunst wirklich? In einer U-Bahn-Station in Washington zückt der Starviolinist Joshua Bell seine Stradivari.

Gene Weingarten

Er kam in der Station L'Enfant Plaza aus der U-Bahn hoch und stellte sich neben einem Abfalleimer vor die Wand. Alles in allem wirkte er ziemlich unscheinbar: ein noch junger weisser Mann in Jeans, langärmeligem T-Shirt und einer Baseballmütze der Washington Nationals. Aus einem kleinen Koffer zog er eine Violine. Den Koffer legte er aufgeklappt vor sich hin, warf als Startkapital ein paar Dollarscheine und Münzen hinein, drehte ihn dem Fussgängerstrom zu und begann zu spielen. Es war 7.51 Uhr am Freitag, 12. Januar 2007, mitten in der Rushhour. In den folgenden 43 Minuten kamen an dem Geiger, der sechs klassische Stücke spielte, 1097 Menschen vorbei. Fast alle waren sie auf dem Weg zur Arbeit, und fast alle arbeiteten sie in irgendeiner Bundesbehörde. L’Enfant Plaza liegt im Zentrum des Regierungsviertels, und so waren die meisten von ihnen mittlere Staatsangestellte mit schwammigen, ja austauschbaren Titeln wie Polit-Analyst, Projektmanagerin, Finanzplaner, Spezialistin, Vermittler, Beraterin.

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Jeder Passant musste eine rasche Entscheidung treffen, wie sie alle Pendler im städtischen Raum, zu dessen Erscheinungsbild Strassenkünstler gehören, bestens kennen. Soll man stehen bleiben und zuhören? Soll man halb schuldbewusst, halb ungehalten vorbeieilen, da man sich seiner Knauserei zwar bewusst ist, den Übergriff auf Zeit und Geldbeutel aber auch ärgerlich findet? Soll man aus reiner Höflichkeit einen Dollar springen lassen? Überlegt man es sich anders, falls der Mann richtig schlecht ist? Und falls er richtig gut ist? Nimmt man sich Zeit für Schönheit? Welche moralische Mathematik erfordert der Moment?
An besagtem Freitagmorgen im Januar erfuhren jene privaten Fragen eine ungewohnt öffentliche Antwort. Was keiner wusste: Der Geiger, der da vor einer nackten Wand der U-Bahn-Station stand, in einem Durchgang oberhalb der Rolltreppen, war einer der weltbesten Interpreten klassischer Musik und spielte einige der elegantesten je geschriebenen Musikstücke auf einer der wertvollsten je gebauten Violinen. Seinen Auftritt hatte die Washington Post als Experiment über Kontext, Wahrnehmung und Prioritätensetzung organisiert, ein Experiment, das zudem einen schonungslosen Blick auf den allgemeinen Geschmack werfen sollte: Würde sich an einem so banalen Ort und zu einer so ungünstigen Zeit Schönheit herausbilden können?
Der Musiker gab keine beliebten Melodien zum Besten, die nur schon wegen ihrer Bekanntheit auf Interesse gestossen wären. Darum ging es nicht. Vielmehr spielte er Meisterwerke, die allein aufgrund ihrer überragenden Qualität Jahrhunderte überdauert haben, hochfliegende Musik, der Erhabenheit von Kathedralen und Konzertsälen angemessen. Die Akustik erwies sich als erstaunlich gnädig. Obwohl der Durchgang nach rein praktischen Gesichtspunkten gestaltet worden war und als Puffer zwischen der U-Bahn-Rolltreppe und der Aussenwelt diente, nahm er den Klang in sich auf und warf ihn rund und volltönend zurück. Von der Violine wird gern behauptet, sie gleiche der menschlichen Stimme, und tatsächlich: In den Händen dieses Meisters seufzte, lachte und sang sie – ekstatisch, klagend, zudringlich, bewundernd, kokett, tadelnd, schelmisch, schwärmerisch, fröhlich, jubelnd, verschwenderisch. Und was, glauben Sie, ist passiert?
Moment, wir fragen bei einem Fachmann nach. Leonard Slatkin, musikalischer Leiter des National Symphony Orchestra, wurde dieselbe Frage gestellt. «Was würde, rein hypothetisch gesehen, passieren, wenn einer der besten Violinisten der Welt inkognito vor ein Publikum träte, das aus 1000 Pendlern mitten in der Rushhour bestünde?»
«Wenn wir mal annehmen», antwortete Slatkin, «dass man ihn nicht erkennt, sondern als ganz normalen Strassenmusiker ansieht. Na ja, wenn er wirklich gut ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass er unbemerkt bleibt. In Europa fände er ein grösseres Publikum, aber ich schätze trotzdem, dass von den 1000 Menschen 35 bis 40 die Qualität an sich erkennen. 75 bis 100 bleiben wohl stehen und hören eine Weile zu.»
«Das heisst, es würde sich eine Menschentraube bilden?»
«O ja.»
«Und wie viel würde er einnehmen?»
«Etwa 150 Dollar.»
«Besten Dank, Maestro. Die Frage war übrigens nicht hypothetisch. Der Fall hat sich tatsächlich zugetragen.»
«Und wie habe ich abgeschnitten?»
«Das werden wir Ihnen gleich verraten.»
«Wer war der Musiker?»
«Joshua Bell.»
«NEIN!!!»
Das einstige Wunderkind Joshua Bell ist mit seinen 39 Jahren ein international gefeierter Virtuose. Drei Tage vor dem Auftritt in der U-Bahn-Station konzertierte er in Bostons imposanter Symphony Hall vor vollen Rängen, obwohl dort bereits ein nicht ganz erstklassiger Platz 100 Dollar kostete. Zwei Wochen danach spielte er im Music Center von Strathmore, North Bethesda, wo es nur Stehplätze gab; dennoch bezeugten die Zuhörer seiner Kunst solchen Respekt, dass sie sich jedes Hüsteln bis zum Ende des Satzes versagten. An jenem Freitag im Januar war Joshua Bell jedoch nichts als ein weiterer Bettler, der um die Aufmerksamkeit hektischer Menschen auf dem Arbeitsweg buhlte.
Die Idee wurde Bell kurz vor Weihnachten bei einem Kaffee in einem Sandwichladen auf dem Capitol Hill vorgestellt. Der in New York lebende Musiker weilte gerade in Washington, um in der Library of Congress zu spielen und im Tresorraum der Bibliothek einen ungewöhnlichen Schatz zu begutachten: eine Violine aus dem 18. Jahrhundert, die einst dem grossen österreichischen Geigenvirtuosen und Komponisten Fritz Kreisler gehört hatte. Die Kuratoren hatten Bell gebeten, darauf zu spielen. Ihr Klang war noch immer gut.
«Ich habe mir überlegt», sagte Bell und nahm einen Schluck Kaffee, «dass ich mit Kreislers Musik auf Tournee gehen und …» Er lächelte.
«… sie auf Kreislers Violine spielen könnte.»
Es war ein schicker, glamouröser Einfall – teils Inspiration, teils Werbegag –, und er war typisch für Bell, der sich nicht zu schade ist, zwischendurch den Showman zu geben, während seine Konzertkarriere immer ehrwürdigere Züge annimmt. Als Solist hat er mit den besten Orchestern der Welt gespielt, doch ist er auch schon in der «Sesamstrasse» und in Late-Night-Shows aufgetreten und hat in Kinofilmen mitgewirkt. Niemand anders als Bell ist auf dem Soundtrack von Le Violon Rouge (1998) zu hören, wo er zudem als Double vor einer nackten Greta Scacchi spielt. Als der Komponist John Corigliano den Oscar für die beste Originalmusik entgegennahm, bedankte er sich bei Bell mit den Worten, dieser spiele «wie ein Gott».
Auf die Frage, ob er bereit wäre, in Freizeitkluft während der Rushhour zu spielen, antwortete Bell:
«Ach so, ein Trick?»
«Hm, ja. Ein Trick.» Ob er das denn … ungehörig finde?
Bell trank seinen Kaffee aus.
«Hört sich lustig an», sagte er.
Der grossgewachsene, gutaussehende Bell ist ein Schwarm. Er wirkt ähnlich süss wie der Sänger Donny Osmond, und steht er auf der Bühne, wird aus «Süss» geradezu «Scharf». Bei seinen Konzertauftritten ist er meist der einzige Mann im Scheinwerferlicht, der nicht Frack und weisse Fliege trägt – wie ein Zorro kommt er, von stehenden Ovationen empfangen, auf die Bühne: schwarze Hose und ein Frackhemd, das er nicht in diese gesteckt hat, so dass der Zipfel hinabbaumelt. Sein niedlicher Beatles-Wuschelkopf hat auch strategischen Wert: Weil Bells Technik so körperbetont ist – athletisch und leidenschaftlich –, tanzt er schon fast mit seinem Instrument und lässt die Haare fliegen.
Er ist Single und Hetero, was manchen seiner Fans nicht entgangen ist. Als er in Boston Max Bruchs düsteres Violinkonzert in g-Moll spielte, gingen die wenigen jungen Frauen im Publikum fast unter in der Tiefsee grauer Haare. Doch nach dem Konzert fanden sie sich alle vor dem Bühneneingang ein, ein Destillat aus Jugend und Anmut, und bettelten um ein Autogramm. Bei Bell läuft das immer so. Seit seiner Pubertät ist er mit Lobeshymnen überschüttet worden: In der Zeitschrift Interview stand einmal, sein Spiel «verrate den Menschen, warum sie sich überhaupt die Mühe machen zu leben». Er hat gelernt, solche Aussagen zu parieren, indem er verschämt den Kopf einzieht und ein abmilderndes «Pah» ausstösst.
Für die drei Häuserblocks zwischen seinem Hotel und der U-Bahn-Station nahm Bell ein Taxi. Er ist weder lahm noch faul: Er tat es seiner Violine zuliebe. Bell spielt stets auf demselben Instrument, und auch für diesen Auftritt kam kein anderes in Frage. Die sogenannte «Gibson ex Huberman» wurde 1713 von Antonio Stradivari während seiner «goldenen Periode» gebaut, also gegen Ende seiner Karriere, als er auf die edelsten Fichten-, Ahorn- und Weidenhölzer zugreifen konnte und seine Technik zur Vollendung gebracht hatte. «Unser Wissen über Akustik ist noch immer lückenhaft», sagte Bell, «aber er …, er wusste einfach.»
Bell nennt den italienischen Meister nicht beim Namen, sondern sagt nur «er». Wenn der Violinist seine Stradivari vorführt, umfasst er sachte ihren Hals und lässt den Korpus auf einem Knie ruhen. «Er hat sämtliche Teile in perfekter Stärke gefertigt», erklärt Bell und dreht die Geige um ihre Achse. «Würde man an x-beliebiger Stelle auch nur einen Millimeter Holz abtragen, geriete der Klang völlig aus dem Gleichgewicht.» Es gibt bis heute keine Violinen, die so grandios klingen wie Stradivari-Geigen aus den 1710er Jahren.
Wie das Instrument in Le Violon Rouge hat auch Bells Geige eine Vergangenheit voller Geheimnisse und Schurkereien. Zweimal wurde sie ihrem ruhmreichen einstigen Besitzer, dem polnischen Virtuosen Bronisław Huberman, gestohlen. Das erste Mal verschwand sie 1919 aus Hubermans Hotelzimmer in Wien, doch er erhielt sie bald wieder zurück. Fast zwanzig Jahre später klaute sie jemand aus seiner Garderobe in der Carnegie Hall. Huberman sollte sie nie wiedersehen. Erst 1985 beichtete der im Sterben liegende Dieb – ein mediokrer New Yorker Geiger – seiner Frau alles und brachte die Violine zum Vorschein. Bell kaufte sie vor ein paar Jahren. Hierzu musste er seine eigene Stradivari verkaufen und einen Grossteil des Restbetrags als Kredit aufnehmen. Der Preis soll rund 3,5 Millionen Dollar betragen haben. Der langen Rede kurzer Sinn: Aus diesem Grund legte Josh Bell in der frühmorgendlichen Kälte eines Januartags die drei Häuserblocks bis zur Orange Line im Taxi zurück und fuhr von dort eine Station weiter bis L’Enfant.
Unter allen U-Bahn-Stationen gehört L’Enfant Plaza zu den ordinärsten. Schon bei der Einfahrt wird ihr jeder Respekt versagt. Die Zugführer bekommen die richtige Aussprache einfach nie hin: «Lehfahn.» «Layfont.» «El’phant.» Oberhalb der Rolltreppen gibt es einen Schuhputzstand und einen rege frequentierten Kiosk, der Zeitungen und Lottoscheine im Angebot hat, aber auch eine ganze Wand voller Magazine mit Titeln wie Mammazons und Girls of Barely Legal. Die Sexblättchen laufen nicht schlecht, doch am meisten Betrieb herrscht um den Lotto-Automaten, wo die Kundschaft Schlange steht für «Daily 6 Lotto» und «Powerball» sowie für den Gipfel aller Bauernfängereien: Heftchen, in denen zufällige Zahlenkombinationen als besonders «heiss» angepriesen werden. Sie gehen weg wie warme Semmeln. Es gibt noch einen zweiten Automaten, in den man nach der Ziehung seinen Lottoschein stecken und nachprüfen kann, ob man gewonnen hat. Auf dem Boden darunter liegt ein trauriges Häufchen zerknüllter Zettel.
Am Freitag, dem 12. Januar, hatten jene Menschen, die in der Lottoschlange standen und auf einen fetten Gewinn spekulierten, mächtig Dusel, kamen sie doch gratis und franko zu einer erstklassigen Karte für das Konzert eines weltberühmten Musikers – dies allerdings nur, falls sie sich bequemten, davon Kenntnis zu nehmen.
Bell hatte beschlossen, mit der Chaconne aus Johann Sebastian Bachs «Partita II d-Moll» anzufangen, laut Bell «nicht nur eines der grossartigsten Musikstücke, die je geschrieben wurden, sondern eine der herausragendsten Leistungen der Menschheitsgeschichte. Es ist geistig und emotional packend und strukturell vollendet. Zudem wurde es für Solovioline komponiert – ich haue also niemanden mit irgendeiner abgespeckten Version übers Ohr.» Auch wenn Bell das nicht erwähnte, gilt Bachs Chaconne zudem als eines der schwierigsten Violinstücke überhaupt. Viele wagen sich daran, wenige mit Erfolg. Es ist erschöpfend lang – 14 Minuten – und besteht aus einer einzigen prägnanten Figur, die in Dutzenden von Variationen wiederholt und zu einer schwindelerregenden Klangarchitektur aufgetürmt wird. Über das Stück, das um 1720 – am Vorabend der europäischen Aufklärung also – entstand, wird oft gesagt, es zelebriere die ganze Bandbreite der menschlichen Möglichkeiten.
Wem Bells Lobrede auf die Chaconne allzu schwärmerisch erscheint, der sollte bedenken, was Johannes Brahms in einem Brief an Clara Schumann darüber schrieb: «Auf ein System für ein kleines Instrument schreibt der Mann eine ganze Welt von tiefsten Gedanken und gewaltigsten Empfindungen. Wollt ich mir vorstellen, ich hätte das Stück machen, empfangen können, ich weiss sicher, die übergrosse Aufregung und Erschütterung hätten mich verrückt gemacht.» Und mit diesem Stück fing Bell an. Ihm war es offensichtlich ernst gewesen mit seiner Ankündigung, kein Konzert auf Sparflamme zu geben: Er spielte mit akrobatischem Feuer, und sein Körper lehnte sich in die Musik hinein, tänzelte bei hohen Noten auf den Zehenspitzen. Der Klang war beinahe symphonisch und wurde in die hintersten Winkel des reizlosen Durchgangs getragen, während die Pendler vorbeiströmten.
Drei Minuten verstrichen, ehe irgendetwas geschah. 63 Personen waren bereits vorübergegangen, als es so etwas wie einen Durchbruch gab. Der Gang eines Mannes mittleren Alters veränderte sich für einen Sekundenbruchteil, er wandte den Kopf und bemerkte, dass dort jemand stand und musizierte. Der Mann ging weiter, doch ein Anfang war gemacht. Eine halbe Minute später erhielt Bell erstmals eine milde Gabe. Eine Frau warf einen Dollar in den Koffer und wetzte davon. Erst nach sechs Minuten blieb jemand stehen und hörte, an eine Wand gelehnt, richtig zu.
Viel besser wurde es nie. Während Bells dreiviertelstündiger Darbietung hielten ganze sieben Personen in ihrem Tun inne und verweilten eine Minute oder länger, um seinem Spiel zu lauschen. 27 Leute gaben Geld, die meisten en passant, unter dem Strich waren es gut 32 Dollar. Damit bleiben jene 1070 Menschen, die achtlos und zum Teil in weniger als einem Meter Entfernung vorübereilten und sich oft nicht einmal umsahen. Nein, Mr. Slatkin, es bildete sich nie eine Menschentraube – nicht einmal für eine Sekunde.
Eine versteckte Kamera nahm alles auf. Ob man sich den Film nun einmal oder fünfzehnmal ansieht: Einfach wird der Anblick nie. Erhöht man die Abspielgeschwindigkeit, verwandelt sich das Ganze in einen jener ruckelnden, zuckenden Wochenschaufilme aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Leute hetzen in komisch abgehackten Hüpfbewegungen vorbei, Kaffeebecher in der Hand, Handy am Ohr, herunterbaumelnde ID-Karten vor dem Bauch – eine grausige danse macabre aus Gleichgültigkeit, Trägheit und der schäbig-grauen Hast der Moderne. Doch selbst in gesteigertem Tempo bleiben die Bewegungen des Geigers flüssig und elegant; er scheint seinem Publikum so entrückt zu sein – ungesehen, ungehört, aus einer anderen Welt –, dass man sich beim Gedanken ertappt, er sei überhaupt nicht da. Ein Gespenst. Doch dann erkennt man: Er ist der Einzige, der real ist. Die anderen sind Gespenster.
Wenn ein grossartiger Musiker grossartige Musik spielt, jedoch niemand zuhört…, war er dann wirklich gut? Es ist eine alte erkenntnistheoretische Debatte, älter noch als das Kōan über den Baum im Walde. Platon hat sich daran beteiligt, und viele weitere Philosophen taten es ihm in den folgenden zwei Jahrtausenden nach. Was ist Schönheit? Ist sie eine messbare Tatsache (Gottfried Leibniz) oder bloss eine Meinung (David Hume), oder hat sie von beidem etwas, gefärbt von der unmittelbaren geistigen Verfassung des Betrachters (Immanuel Kant)? Halten wir uns an Kant, denn er hat nicht nur recht, sondern führt uns ziemlich direkt zu Joshua Bell, der in einem Hotelrestaurant sitzt, in seinem Frühstück stochert und sich mit schiefem Lächeln zu erklären versucht, was zum Teufel gerade in der U-Bahn-Station passiert ist.
«Am Anfang», erzählt Bell, «habe ich mich einzig auf meine Musik konzentriert. Was um mich passierte, nahm ich kaum wahr.» Das Geigenspiel scheint Körper und Geist ganz in Anspruch zu nehmen, doch Bell sagt, dessen technische Seite sei für ihn dank stetigem Üben und muscle memory zur zweiten Natur geworden – fast wie bei einem Jongleur, der seine Bälle im Spiel halte und gleichzeitig mit dem Publikum kommuniziere. Während er spiele, denke er hauptsächlich daran, Emotionen als Erzählung einzufangen. «Wenn man ein Stück für Violine spielt, ist man Geschichtenerzähler – man erzählt eine Geschichte.»
Der Beginn der Chaconne ist geprägt von einem sich steigernden Gefühl der Ehrfurcht. Davon wurde Bell eine Zeitlang in Beschlag genommen. Schliesslich wagte er aber doch einen Blick zur Seite. «Es war schon merkwürdig, dass die Leute von mir, äh …» Er kämpft um die Worte. «… keinerlei Notiz nahmen.» Bell lacht. Über sich selbst. «Im Konzertsaal rege ich mich auf, wenn jemand hustet oder sein Handy nicht abgestellt hat. Hier aber hatte ich bald keine grossen Ansprüche mehr. Ich fing an, jede Form der Anerkennung zu schätzen, und sei es der flüchtigste Blick. Ich war bereits dankbar, wenn jemand einen Dollarschein und nicht nur ein paar Münzen hineinwarf.» Dies aus dem Munde eines Mannes, dessen Talent mit bis zu tausend Dollar pro Minute aufgewogen wird.
Bevor er zu spielen begann, wusste Bell nicht, was ihn erwartete. Inzwischen weiss er, dass er aus unerfindlichen Gründen nervös war. «Es war kein richtiges Lampenfieber, aber doch so etwas wie Bammel», sagt er. «Ich war ein bisschen gestresst.» Bell hat in Europa schon vor gekrönten Häuptern gespielt. Woher kommt dann die Angst in der U-Bahn von Washington? «Spielt man vor Menschen, die ein Ticket gekauft haben», antwortet Bell, «ist der eigene Wert bereits bestätigt worden. Ich habe nicht das Gefühl, ich müsse akzeptiert werden. Ich bin es bereits. Hier aber dachte ich: Und wenn sie mich nicht mögen? Und wenn sie mir meine Anwesenheit verübeln?» Kurzum, er war ein Kunstwerk ohne Rahmen. Und genau das könnte eine Erklärung für das sein, was am 12. Januar geschah – oder gerade nicht geschah.
Mark Leithauser hat mehr grosse Kunstwerke in Händen gehalten als je ein König oder Papst oder Medici. Er ist einer der leitenden Kuratoren der National Gallery of Art in Washington und beaufsichtigt die Einrahmung der Gemälde. Leithauser glaubt zu wissen, was in der U-Bahn-Station passiert ist. «Mal angenommen, ich nehme eines unserer abstrakteren Meisterwerke, einen Ellsworth Kelly beispielsweise, aus seinem Rahmen, steige damit die 52 Stufen hinunter, die die Museumsbesucher hochgehen, spaziere an den riesigen Säulen vorbei und gehe weiter bis zu einem Restaurant. Das Bild ist fünf Millionen Dollar wert. Im Restaurant werden Originalkunstwerke feilgeboten, die von rührigen Abgängern der Corcoran School stammen. Ich hänge meinen Kelly daneben und schreibe ihn mit 150 Dollar an. Kein Mensch würdigt ihn eines Blickes. Höchstens ein Museumskurator schaut kurz hoch und sagt: ‹He, das sieht ja fast wie ein Ellsworth Kelly aus. Reichst du mir mal das Salz?›.» Womit Leithauser nur sagen will, dass wir die Passanten in der U-Bahn nicht voreilig als Kulturbanausen abstempeln sollten. Der Kontext spielt eine Rolle.
Genau dies hat auch Kant gesagt. Er nahm Schönheit ernst: In seiner «Kritik der ästhetischen Urteilskraft» behauptete er, unsere Fähigkeit, Schönheit zu würdigen, hänge von unserer Fähigkeit ab, moralische Urteile zu fällen. Allerdings machte er einen Vorbehalt: Paul Guyer von der University of Pennsylvania ist einer der führenden Kantianer im Lande und sagt, laut dem deutschen Philosophen des 18. Jahr- hunderts könne man Schönheit nur unter optimalen Betrachtungsbedingungen wirklich würdigen.
«Optimal», ergänzte Guyer, «meint gerade nicht, dass man zur Arbeit hetzen muss oder in Gedanken bei dem Bericht für den Chef ist. Zudem sitzen vielleicht die Schuhe nicht richtig.»
«Wenn Kant also in der U-Bahn-Station Joshua Bell vor tausend unbeeindruckten Passanten hätte spielen sehen …?»
«Dann hätte er daraus», antwortete Guyer, «keinerlei Rückschlüsse gezogen.»
Und damit hat es sich. Oder auch nicht. Um tatsächlich zu verstehen, was geschehen war, muss man den Film von vorn laufen lassen, nämlich von dem Moment an, da Bells Bogen erstmals mit den Saiten in Berührung kommt. Weisser Mann, Khakihose, Lederjacke, Aktenkoffer. Anfang dreissig. John David Mortensen befindet sich auf dem letzten Abschnitt seiner Bus-U-Bahn-Pendelstrecke von Reston. Er fährt mit der Rolltreppe hoch, was sich jeweils hinzieht: 1 Minute 15 Sekunden, sofern man steht. Wie die allermeisten, die an diesem Tag an Bell vorübergehen, hat auch Mortensen schon eine Menge Musik gehört, ehe er den Musiker zu sehen bekommt. Wie den meisten fällt ihm auf, dass das Ganze ziemlich gut klingt. Doch wie nur ganz wenige rast er, oben angekommen, nicht an Bell vorbei, als sei dieser ein Ärgernis, dem man aus dem Weg gehen muss. Mortensen ist der Erste, der stehenbleibt, der Mann bei der Sechs-Minuten-Marke.
Nicht, dass er nichts anderes zu tun hätte. Er arbeitet als Projektmanager in einem internationalen Programm des Energieministeriums. An diesem Tag muss Mortensen an der allmonatlichen Finanzsitzung teilnehmen – nicht der prickelndste Teil seiner Tätigkeit. «Wir kontrollieren die Ausgaben des vergangenen Monats», erläutert er, «und prognostizieren die Aufwendungen für den kommenden Monat, so nach dem Motto ‹Wir haben X Dollar, wohin wandert das Geld?›.»
Im Film ist zu sehen, wie Mortensen oben ankommt und sich umschaut. Er ortet den Geiger, bleibt stehen, entfernt sich und wird von ihm abermals angezogen. Er schaut auf seinem Handy, wie spät es ist – ihm bleiben drei Minuten –, und lehnt sich gegen eine Wand, um zuzuhören. Mortensen hat keine Ahnung von klassischer Musik. Klassischer Rock ist eher seine Wellenlänge. Dennoch gefällt ihm irgendetwas an dem, was er hört. Als er an Bell vorbeikommt, gleitet dieser gerade in den zweiten Teil der Chaconne. «An dieser Stelle», so Bell, «wechselt das Stück von einem dunkleren Moll zu Dur. Es entsteht ein Gefühl religiösen Überschwangs.» Der Bogen des Violinisten beginnt zu tanzen, und die Musik wird beschwingt, verspielt, theatralisch, gross. Mortensen versteht nichts von Dur- und Molltonarten. «Was es auch war», sagt er, «es hat mich ganz zufrieden gestimmt.»
Und so bleibt Mortensen zum ersten Mal in seinem Leben stehen, um einem Strassenmusiker zu lauschen. Er verweilt genau jene 3 Minuten, die er sich zugestanden hat und in denen 94 weitere Menschen vorübereilen. Als er schliesslich aufbricht, um für das Energieministerium Details der Finanzierung zu klären, kommt es zu einer neuerlichen Premiere. Zum ersten Mal in seinem Leben gibt John David Mortensen, der nicht genau versteht, was eben passiert ist, und doch spürt, dass es etwas ganz Spezielles war, einem Strassenmusiker Geld.
Der Film enthält sechs Momente, die Bell besonders ungern wiedersieht: «Die peinlichen Stellen», wie er sie nennt. Er meint damit das, was am Ende jedes Stücks passiert, nämlich gar nichts. Die Musik verklingt. Die gleichen Menschen, die nicht bemerkten, dass er spielte, bemerken nun nicht, dass er aufgehört hat. Kein Applaus, keine Anerkennung. Deshalb kratzt Bell einen knappen, nervösen Akkord – das verlegene «Hm, okay, dann mach ich mal weiter» des Musikers –, worauf er mit dem nächsten Stück beginnt.
Nach der Chaconne ist dies Franz Schuberts «Ave Maria», das 1825 bei der Uraufführung einige Kritiker überraschte: Schubert drückte in seinen Kompositionen nur selten religiöse Gefühle aus, doch das «Ave Maria» ist ein atemberaubendes Stück Marienverehrung. Woher aber kam die plötzliche Frömmigkeit? Schubert antwortete darauf trocken: «Ich glaube, das kommt daher, weil ich mich zur Andacht nie forciere und, ausser wenn ich von ihr unwillkürlich übermannt werde, nie dergleichen Hymnen oder Gebete componiere; dann aber ist sie auch gewöhnlich die rechte und wahre Andacht.» Dieses musikalische Gebet wurde zu einem der bekanntesten und beständigsten religiösen Stücke der Geschichte.
Etwa nach 2 Minuten geschieht etwas Bezeichnendes. Eine Frau erreicht mit ihrem Vorschulkind das obere Ende der Rolltreppe. Die Frau schreitet energisch los, und das Kind an ihrer Hand tut es ihr notgedrungen gleich. «Ich stand unter Zeitdruck», erinnert sich Sheron Parker, IT-Leiterin in einer staatlichen Behörde. «Um halb neun musste ich im Fitnesstraining sein, doch zuvor hatte ich noch Evvie in die Schule zu bringen, und dann gingʼs zurück ins Büro und von dort hinunter ins Fitnessstudio.»
Evvie ist ihr Sohn Evan. Er ist drei. Man kann Evan im Film deutlich erkennen. Er ist der süsse schwarze Junge im Parka, der sich ständig nach Joshua Bell umdreht, während er zum Ausgang gezerrt wird. «Dort war ein Musiker, der meinen Sohn fasziniert hat», erinnert sich Parker. «Er zog mich hinüber und wollte zuhören, aber ich war wirklich in Eile.» Und deswegen tut Parker, was sie tun muss. Flink schiebt sie sich zwischen Evan und Bell und verstellt ihrem Sohn so die Sicht. Beim Ausgang macht Evan noch immer einen langen Hals. Als Parker erfährt, aus welcher Vorstellung sie gelaufen ist, lacht sie. «Evan ist eben sehr schlau!»
Der Dichter Billy Collins scherzte einst, bei der Geburt verstünden wir alle etwas von Poesie, da das Bumbum des mütterlichen Herzschlags ein Jambus sei. Erst danach treibe uns das Leben die Poesie aus. Ähnlich dürfte es sich mit der Musik verhalten. Es war weder ein ethnisches noch ein demographisches Muster zu erkennen zwischen denen, die bei Bell verweilten, jenen andern, die ihm Geld gaben, und der überwältigenden Mehrheit, die achtlos vorüberhastete. Weisse, Schwarze und Asiaten, Jung und Alt, Männer und Frauen – sie waren in allen drei Gruppen vertreten. Nur das Verhalten eines Bevölkerungssegments blieb absolut konsistent: Wann immer ein Kind vorüberging, wollte es stehen bleiben und zuschauen. Und wann immer dies geschah, machte ihm eine Mutter oder ein Vater Beine.
Falls es an diesem Tag einen Menschen gab, der zu beschäftigt war, um dem Violinisten Beachtung zu schenken, war es George Tindley. Tindley eilte nicht zur Arbeit. Er war bereits auf Arbeit. Die Glastüren, durch die die meisten Leute die Station L’Enfant Plaza verlassen, führen hinaus auf eine überdachte Shoppingmall, von wo es Ausgänge zur Strasse und Lifte zu mehreren Bürogebäuden gibt. Der erste Laden ist eine Filiale der Kaffeehauskette «Au Bon Pain», wo Tindley, der Mitte vierzig ist, in weisser Uniform seinen Hilfskellnerpflichten nachgeht, die Salz- und Pfeffersäckchen nachfüllt oder den Kehricht hinausbringt. Tindley arbeitet unter dem wachsamen Auge seiner Vorgesetzten, die ihn stets auf Trab sehen wollen. Und auf Trab war er durchaus.
Gleichwohl begab sich Tindley, wie von einem Magneten angezogen, etwa einmal pro Minute zum äussersten Rand des Cafés, ohne aber je die Linie zu überschreiten und so seinen Arbeitsort zu verlassen. Dort beugte er sich möglichst weit in den Gang hinaus und schaute dem Geiger auf der anderen Seite der Glastüren zu. Diese standen meistens offen, da laufend neue Pendler kamen, und entsprechend deutlich konnte Tindley die Musik hören. «Mir war sofort klar, dass dieser Typ nicht nur gut, sondern offensichtlich ein Profi war», sagt Tindley. Er spielt selbst Gitarre, liebt den Klang von Saiteninstrumenten und kann nichts mit einem gewissen Musikertypus anfangen. «Die meisten spielen Musik, ohne sie zu fühlen», erklärt Tindley. «Der Mann dort fühlte sie. Er war in Bewegung, bewegte sich in die Musik hinein.»
Knapp hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite des Durchgangs, standen die Lottospieler Schlange, manchmal waren es fünf oder sechs. Sie hätten Bell sehr viel besser sehen können, als Tindley es tat, falls sie sich denn nach ihm umgewandt hätten. Doch dies geschah nicht, kein einziges Mal in 43 Minuten. Sie schlurften dem Automaten entgegen, der seine Nummern ausspuckte, und hatten nur Augen für das grosse Los.
Auch J.T. Tillman stand in jener Schlange. Der Computerspezialist aus dem Bauministerium erinnert sich an jede einzelne Zahl, die er an jenem Tag spielte – zehn waren es, 2 Dollar pro Stück, insgesamt 20 Dollar. Nicht erinnern kann er sich allerdings daran, was der Violinist spielte. Es habe sich aber nach jener Sorte klassischer Musik angehört, die auch die Schiffskappelle in «Titanic» spielte, bevor der Eisberg kam. «Ich habe mir nichts weiter gedacht oder höchstens, dass da jemand ein paar Kröten verdienen will.» Tillman sagt, er hätte ihm ein, zwei Dollar gegeben, doch leider habe er bereits all sein Bargeld verzockt gehabt. Als er hört, dass er gegenüber einem der besten Musiker der Welt geknausert hat, muss er lachen.
«Spielt er wieder mal hier in der Gegend?»
«Klar, aber dann werden Sie wesentlich mehr hinblättern müssen, um ihn zu hören.»
«So ein Mist!»
Auch im Lotto gewann Tillmann nichts.
Am Ende des «Ave Maria» schlägt dem Musiker abermals dröhnende Stille entgegen. Nun spielt er Manuel Ponces gefühlvolle «Estrellita» sowie ein Stück von Jules Massenet. Dann beginnt er eine Gavotte von Bach: Dies ist ein freudiger, ausgelassener, lyrischer Tanz, der einen Hauch von Alter Welt verströmt. Man kann sich gut vorstellen, wie er einst die perückentragenden Tänzer auf einem Ball in Versailles erfreute oder auch – in Bearbeitung für Laute, Fiedel und Pfeife – die wild aufstampfenden Bauern in einem Bild von Pieter Bruegel.
Als Bell den Film ein paar Wochen später sieht, verwirrt ihn einzig etwas. Zwar kann er gut verstehen, weshalb sich die Menschen in der morgendlichen Rushhour nicht um ihn scharen. Und doch: «Mich überraschen die vielen Leute, die mich keines Blickes würdigen und so tun, als sei ich unsichtbar. Denn mal ehrlich: Ich mache doch einen Heidenlärm!» Allerdings. Man braucht nichts von Musik zu verstehen, um die schlichte Tatsache zu erfassen, dass hier ein Musiker steht, der seiner Violine ein ganzes Füllhorn an Klängen entlockt; bisweilen ist Bells Bogenführung derart vertrackt, dass man zwei Instrumente gleichzeitig zu hören glaubt. Umso bemerkenswerter sind jene Passanten, die mit vorgestrecktem Haupt vorbeistürmen. Bell fragt sich, ob hinter ihrer Unaufmerksamkeit wohl Absicht stecke: Nimmt man keine Notiz vom Musiker, braucht man auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man ihm nichts gibt – man steht sozusagen mit weisser Weste da. Möglich, dass es so war, obwohl niemand diese Erklärung abgegeben hat. Die Befragten sagten lediglich, sie seien in Eile gewesen oder hätten an etwas anderes gedacht. Manche sprachen lauter in ihr Handy, als sie an Bell vorbeikamen, um gegen den Höllenkrach anzukommen.
Und dann war da noch Calvin Myint. Myint arbeitet als Verwaltungsangestellter. Oben an der Rolltreppe wandte er sich nach rechts und ging durch eine Tür, die zur Strasse führte. Wenige Stunden später konnte er sich nicht erinnern, dass irgendwo ein Musiker gewesen war.
«Wo stand er denn – von mir aus gesehen?»
«Einen guten Meter entfernt.»
«Oh.»
Myints Gehör funktioniert tadellos. Durch seine Knopf-Ohrhörer drang die Musik seines iPod.
Für viele von uns hat der rasende technische Fortschritt dazu geführt, dass wir nicht etwa mehr, sondern weniger neue Erfahrungen machen. Immer häufiger beziehen wir unsere Nachrichten von Quellen, die so denken, wie wir es bereits tun. Und mit dem iPod hören wir, was wir bereits kennen; wir programmieren unsere eigene Playlist. Der Song, den Calvin Myint hörte, war «Just Like Heaven» von der britischen Rockband The Cure. Ein toller Song, dessen Sinn etwas dunkel bleibt, weshalb es im Internet von ernsthaften Versuchen wimmelt, ihn zu entschlüsseln. Manche sind an den Haaren herbeigezogen, doch andere treffen den Nagel auf den Kopf: Es geht um eine tragische Gefühlsabspaltung. Ein Mann hat die Frau seiner Träume gefunden, kann seine tiefsten Emotionen aber erst ausdrücken, nachdem sie ihn verlassen hat. Das Thema ist unsere Unfähigkeit, Schönheit in dem zu erkennen, was offen vor uns liegt.
Die besten Sitze im Haus waren gepolstert. Balkonplätze sozusagen. An diesem Tag bekam man dort für fünf Dollar weit mehr als ein auf Hochglanz poliertes Paar Schuhe. Nur jemand sass während Bells Vorstellung auf einem der Plätze. Terence Holmes ist Berater im Verkehrsministerium, und die Musik gefiel ihm gar nicht schlecht. Doch eigentlich ging es ihm um seine Schuhe. «Mein Vater hat mir stets gesagt, ich solle zum Anzug nie Schuhe tragen, die nicht geputzt und geglänzt sind.» Holmes trägt oft einen Anzug, und so trifft man ihn häufig auf jenem Hochsitz an. Ausserdem versteht er sich gut mit der Schuhputzerin. Holmes ist nie um ein Trinkgeld verlegen, und genauso wenig um Worte – eine Fähigkeit, die an diesem Tag gefragt war. Der Schuhputzerin war irgendeine Laus über die Leber gekrochen, und die Musik brachte sie nur noch mehr auf die Palme. Sie schimpfte, dass die Musik zu laut sei, und Holmes versuchte, sie zu beruhigen.
Edna Souza stammt aus Brasilien. Seit sechs Jahren putzt sie in L’Enfant Plaza Schuhe, und von den Strassenmusikern hat sie langsam die Nase voll. Wenn diese spielen, kann sie ihre Kunden nicht verstehen, und das ist schlecht fürs Geschäft. Deshalb setzt sie sich zur Wehr. Souza zeigt auf die Linie, die oberhalb der Rolltreppe das Grundstück der U-Bahn von demjenigen des Durchgangs trennt. Letzteres wird von der gleichen Firma verwaltet wie die Mall. Manch ein Musiker steht auf der U-Bahn-, manch einer auf der Mall-Seite. Doch wo er auch steht, Souza schnappt ihn sich. Auf ihrem Telefon hat sie die Nummern der U-Bahn- und der Mall-Cops gespeichert. Die Musiker halten hier nie lange durch.
Und was ist mit Joshua Bell? Auch er sei zu laut gewesen, antwortet Souza. Dann schaut sie hinunter auf ihren Putzlappen und rümpft die Nase. Sie sagt wirklich nur ungern etwas Nettes über diese verfluchten Musiker, aber: «Er war ziemlich gut, dieser Typ. Das war das erste Mal, dass ich nicht die Polizei rief.» Souza war überrascht, als sie hörte, dass er ein berühmter Musiker sei, doch dass die Leute blind vorübergehastet waren, fand sie nicht weiter erstaunlich. «Geschähe in Brasilien etwas Ähnliches, würden alle stehen bleiben und zuschauen. Hier nicht.»
Souza zeigt mit einer mürrischen Kopfbewegung auf eine Stelle neben der Rolltreppe. «Vor zwei, drei Jahren starb genau dort ein Obdachloser. Er legte sich einfach hin und starb. Die Polizei kam, ein Krankenwagen kam, und kein Mensch blieb stehen oder ging auch nur langsamer, um hinzuschauen. Die Leute rennen mit starrem Blick die Rolltreppe hoch. Jeder kümmert sich nur um sich, die Augen geradeaus gerichtet. Alle sind gestresst. Wissen Sie, was ich meine?»
Sagen wir einmal, Kant habe recht, und akzeptieren wir, dass wir aus dem, was am 12. Januar geschah, keine Schlüsse über die Kultiviertheit der Menschen oder ihre Fähigkeit ziehen können, Schönheit zu würdigen. Doch wie steht es mit ihrer Fähigkeit, das Leben zu würdigen? Wir sind vielbeschäftigt. Die Amerikaner sind dies als Volk spätestens seit 1831. In jenem Jahr besuchte ein junger französischer Soziologe namens Alexis de Tocqueville die Vereinigten Staaten und reagierte gleichermassen beeindruckt, verwirrt und leicht entsetzt darauf, wie stark die Menschen angetrieben wurden von harter Arbeit und der Anhäufung von Reichtum – auf Kosten aller anderen Dinge.
Viel hat sich seither nicht geändert. Man braucht nur «Koyaanisqatsi» in den DVD-Player zu schieben, jenen wortlosen, auf düstere Weise brillanten Avantgardefilm aus dem Jahre 1982, der die halsbrecherische Geschwindigkeit unserer Zeit thematisiert. Zur minimalistischen Musik von Philip Glass montiert der Regisseur Godrey Reggio Aufnahmen von Amerikanern, die ihren täglichen Verrichtungen nachgehen. Doch dann erhöht Reggio das Tempo, bis die Leute zu Maschinen am Fliessband mutieren, zu Robotern, die im Gleichschritt ins Nichts marschieren. Und nun schaue man sich die Aufnahme aus L’Enfant Plaza im Schnelldurchlauf an. Philip Glass’ Soundtrack würde dazu wie angegossen passen. «Koyaanisqatsi» bedeutet in der Sprache der Hopi «das aus dem Gleichgewicht geratene Leben».
In seinem Buch Timeless Beauty: In the Arts and Everyday Life (2003) beschreibt der britische Autor John Lane die aus dem modernen Alltag verschwundene Empfänglichkeit für Schönheit. Das Experiment in der U-Bahn-Station ist für ihn ein Symptom dafür – nicht weil die Menschen Schönheit nicht begreifen können, sondern weil sie für sie nicht relevant ist. «Es geht um falsch gesetzte Prioritäten», sagte Lane. Wenn wir von unserer Zeit nicht einmal so viel abzweigen können, um einem der besten Musiker der Welt zuzuhören, wie er einige der schönsten Stücke spielt, die je komponiert wurden; wenn uns die Hektik des modernen Lebens so überwältigt, dass wir keine Augen und Ohren mehr für solche Dinge haben – was mag uns dann sonst noch alles entgehen?
Genau dies meinte der walisische Dichter William Henry Davies, als er 1911 schrieb: «What is this life if, full of care, – We have no time to stand and stare.» Zwei Zeilen, die ihn berühmt gemacht haben. Der Gedanke war schlicht, ja nachgerade primitiv, doch niemand hatte ihn vor ihm so ausgedrückt. Natürlich hatte Davies einen Vorteil – den Vorteil der Wahrnehmung. Er war nicht Händler oder Hilfsarbeiter oder Beamter oder Berater oder Polit-Analyst oder Arbeitsrechtler oder Programm-Manager. Er war Landstreicher.
Der Kulturheld des Tages traf reichlich spät in L’Enfant Plaza ein, und zwar in der schmucklosen Gestalt von John Picarello – einem recht kleinen Mann mit schütterem Haar. Picarello erreichte das Ende der Rolltreppe, als Bell gerade sein letztes Stück begonnen hatte, eine Reprise der Chaconne. Im Film ist zu sehen, dass Picarello wie angewurzelt stehen bleibt, nachschaut, woher die Musik kommt, und sich dann zum anderen Ende des Durchgangs begibt. Er stellt sich hinter den Schuhputzstand, der Lottoschlange gegenüber, und rührt sich in den folgenden neun Minuten nicht mehr vom Fleck.
Wie alle für diesen Artikel befragten Passanten wurde auch Picarello beim Verlassen des Gebäudes von einem Reporter angehalten und um seine Telefonnummer gebeten. Wie allen anderen wurde auch ihm lediglich gesagt, es gehe um einen Artikel über das Pendeln. Als man ihn noch am gleichen Tag anrief, stellte man ihm wie allen anderen zunächst die Frage, ob sich auf dem Arbeitsweg etwas Ungewöhnliches zugetragen habe. Von den über vierzig kontaktierten Menschen war Picarello der einzige, der augenblicklich den Geiger erwähnte.
«In L’Enfant Plaza spielte oben an den Rolltreppen ein Musiker.»
«Haben Sie dort noch nie Musiker gesehen?»
«Einen solchen noch nie.»
«Wie meinen Sie das?»
«Das war ein erstklassiger Violinist. Einen Menschen von solchem Kaliber habe ich noch nie gehört. Er war technisch versiert und phrasierte hervorragend. Auch seine Geige war gut und hatte einen vollen, satten Klang. Ich entfernte mich ein bisschen, um ihm zuzuhören, denn ich wollte nicht zu aufdringlich erscheinen.»
«Tatsächlich?»
«Ja, tatsächlich. Es war eine ganz eigene Erfahrung, ein wahrer Leckerbissen. Was für ein unglaublicher, grossartiger Einstieg in den Tag!»
Bell glaubt, er habe an dem Tag nie besser gespielt als in jenen letzten Minuten, bei der Chaconne. Zum ersten Mal hatte er nun auch mehr als einen Zuhörer. Während sich Picarello im Hintergrund hielt, trat Janice Olu auf den Plan und blieb in unmittelbarer Nähe stehen. Auch Olu, die als Bürgerbeauftragte im Bauministerium arbeitet, hatte als Kind Geige gespielt. Obschon sie den Titel des Stücks nicht kannte, wusste sie, wie viel Talent der Mann hatte, der es spielte. Olu hatte gerade Kaffeepause und blieb so lange, wie sie sich traute. Als sie sich zum Gehen abwandte, flüsterte sie dem Unbekannten neben sich zu: «Ich möchte wirklich nicht gehen.» Der Unbekannte arbeitete zufälligerweise bei der Washington Post.
Während der Vorbereitung dieses Experiments hatten Redakteure des Post Magazine diskutiert, wie man auf mögliche Wendungen reagieren solle. Die meisten rechneten mit einem unkontrollierbaren Massenandrang. Von den kulturbewussten Bewohnern Washingtons, so die Überlegung, würden bestimmt mehrere Joshua Bell erkennen. Nervös wurden alle erdenklichen Szenarien durchgespielt: Was ist, wenn zu den bereits versammelten Leuten weitere hinzustossen, die die Attraktion ebenfalls sehen wollen? Die Neuigkeit verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Blitzlichter flammen auf, immer mehr Menschen strömen herbei, und es kommt mitten in der Rushhour zu einem Rückstau der Pendler, die Gemüter erhitzen sich, die Nationalgarde wird gerufen, Tränengas, Gummigeschosse…
In Wirklichkeit erkannte genau eine Person Bell, und diese erschien erst ganz am Ende. Für Stacy Furukawa, Demografin im Handelsministerium, gab es keinen Zweifel. Von klassischer Musik versteht sie nicht allzu viel, doch drei Wochen zuvor war sie an einem Gratiskonzert gewesen, das Bell in der Library of Congress gegeben hatte. Und nun fiedelte jener international gefeierte Virtuose also hier und bettelte um Almosen. Sie hatte keinen Schimmer, was vorging, doch entgehen lassen wollte sie es sich auf keinen Fall.
Furukawa stellte sich drei Meter von Bell entfernt hin: erste Reihe, Mitte. Auf ihrem Gesicht lag ein breites Grinsen, und dieses wich  bis zum Schluss nicht mehr. «Noch nie habe ich in Washington etwas so Erstaunliches gesehen», sagt sie. «Joshua Bell stand da und spielte mitten in der Rushhour, und die Leute blieben nicht stehen, ja sie schauten nicht einmal hin. Ein paar warfen ihm 25-Cent-Stücke zu! 25 Cent! Das würde ich niemandem antun. Und ich dachte: Mannomann, in welcher Stadt lebe ich eigentlich, dass so etwas passieren kann?»
Als das Stück zu Ende war, stellte sich Furukawa dem Musiker vor und warf einen Zwanzigdollarschein in seinen Koffer. Wenn man diesen nicht mitzählt – schliesslich hatte sie Bell erkannt –, lag die Ausbeute für das 43-minütige Konzert bei 32 Dollar 17. Doch, doch, manche Leute gaben Pennys. «Eigentlich gar nicht so schlecht», kommentierte Bell lachend. «Das macht pro Stunde 40 Dollar. Damit könnte ich ganz gut leben, und ich müsste nicht länger einen Agenten berappen.»
Der Lottoverkauf in L’Enfant Plaza läuft weiterhin wie geschmiert. Noch immer zeigen sich hin und wieder Musiker, und noch immer bringen sie Edna Souza zur Weissglut. Joshua Bells neuestes Album, The Voice of the Violin, hat die üblichen guten Kritiken eingefahren. «Sanfte Dringlichkeit.» – «Meisterhafte Intimität.» – «… bringt Ihr Herz gleichzeitig zum Rasen und zum Weinen.»
Bell machte sich auf zu einer Konzerttournee durch Europa. Kurz darauf konnte er den Avery Fisher Prize entgegennehmen. Damit wurde der grosse Versager von L’Enfant Plaza als bester klassischer Musiker Amerikas ausgezeichnet.

Aus dem Englischen von Thomas Schlachter

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