Perus Vögel verstummen

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Weshalb? Ein Ornithologe findet die Antwort.

Benjamin von Brackel

Um vier Uhr nachts liegt die Cordillera del Pantiacolla noch im Dunkeln. Wolken haben den Anden-Ausläufer im Südosten Perus eingehüllt und lassen ihre Tropfen aufs Blätterdach des Regenwaldes prasseln. Mit ein paar Minuten Verzögerung schlagen sie auch auf den Lehmboden des Gebirgskamms nieder, wo im Geäst ein Lichtkegel hin und her wandert. Dahinter die Schemen eines blauen Ponchos. Darunter klebt ein Körper. Er gehört Alex Wiebe. Der 22-jährige Biologiestudent mit der Statur eines Footballspielers und dem Gesicht eines Buben bricht ein Palmenblatt ab, noch eins und noch eins. Er breitet sie auf dem Matschboden aus, kauert sich zusammen und reibt sich die Hände. Ein Tiefdruckgebiet hat den Südosten Perus erreicht. Wiebe fühlt sich elend. Was macht er hier? Mitten in der Nacht, allein, frierend und durchnässt auf 1300 Metern eines so gut wie unberührten Bergs im Nirgendwo?

Er will den Kamm weiter hinauf, aber dazu müsste der Regen nachlassen. Auch die Aussicht auf den Rückweg ist alles andere als verlockend: Auf dem Schlammpfad hinunter werden ihm seine Gummistiefel immer wieder wegrutschen, und sein Hintern wird auf den mit Wurzeln und Steinen durchsetzten Erdboden schlagen. Dabei muss er dem Drang widerstehen, nach den Ästen zu greifen, die sich entlang des Pfades anbieten, da diese umwunden sein könnten von Giftschlangen. Am Boden muss er auf die 24-Stunden-Ameisen achten. Die Schmerzen durch ihren Stachel sollen sich gemäss Berichten so anfühlen, als würde man am eigenen Leib verbrennen – 24 Stunden lang. Bis hinunter zum Fluss ins Tal würde er vier Stunden benötigen. Von dort trennen ihn zwei weitere Stunden Kahnfahrt von einer Ortschaft, das nächste Telefonnetz liegt zusätzliche zwei Stunden Busfahrt entfernt. Und das ganze Wagnis nur, um nach etwas zu suchen, das es wahrscheinlich gar nicht mehr gibt.

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