Philosophie im Schlachthof

Vergeht einem der Appetit, wenn man die Tiere, die man essen will, selbst töten muss? 

Arnon Grünberg

DE RIJP

 

Muss man bereit sein zu töten, um zu leben? Ist der Wille zu leben vielleicht nichts anderes als die Bereitschaft, ein anderes Leben zu nehmen, um das eigene zu schützen?

Diese Fragen beschäftigten mich während meiner Reisen durch die Kriegsgebiete im Irak und in Afghanistan.

Als ich im letzten Sommer die Einsätze des notfallpsychiatrischen Dienstes in Rotterdam begleitete, stellte sich mir die Frage, wie weit medizinische Hilfe gehen sollte, um den Selbstmörder von seinem Vorhaben abzuhalten.

Ist Leben eine Verpflichtung? Und wenn dem so ist, was ist dann Töten? Ein notwendiges Übel oder ein Privileg? Um diese Frage zu beantworten oder es zumindest zu versuchen, wollte ich in diesem Sommer bei Schlachtern im Betrieb mitlaufen, sozusagen «embedded». 

Irgendwo innerhalb der Quadranten Soldat-Selbstmörder-Helfer-Schlachter muss sich das Leben verbergen. 

Je älter ich werde, umso mehr scheint mir, der Unterschied zwischen dem Hunger nach Leben und dem Hunger nach Töten verwischt sich – ein Hunger, den offenbar jeder von uns in sich trägt. Dabei ist es der Hunger selbst, um den sich alles dreht; wonach man hungert, das ist weniger wichtig.

Cesare Pavese publizierte Tagebücher und Briefe unter dem Titel Das Handwerk des Lebens. Er schrieb: «Der Tod wird kommen und deine Augen haben.»

Wenn Leben ein Handwerk ist, dann muss es auch das Töten sein; vielleicht ist auch Tot-Sein eins.

An einem Montagmorgen um sechs Uhr sitze ich in der Kantine des Abattoir Noord-Holland, einer kleinen Schlachterei etwa 30 Kilometer nördlich von Amsterdam. Ihr Besitzer ist Bob Bakker, ein magerer, aber drahtiger Mann in den Dreissigern, schätze ich, mit grossen Ohren und einem eindringlichen Blick.

«Heute schlachten wir Kühe, Schweine, Ziegen und Schafe. Keine Pferde», sagt Bob.

Am anderen Ende des Tisches sitzt Edwin. Edwin ist von der NVWA, 

der Niederländischen Behörde für Lebensmittel- und Verbraucherproduktsicherheit. Er inspiziert die Tiere.

«Offiziell geben wir der Presse keine Auskunft», sagt Edwin. «Dafür sind unsere Pressesprecher zuständig.»

Ich beschliesse, dass weitere Fragen an ihn auf Granit stossen werden. Wir gehen nach unten, wo sich das Schlachthaus und die Ställe befinden, der Ort, an dem die Tiere auf ihr Schicksal warten. 

Edwin schiebt einer Kuh ein Fieberthermometer in den Hintern. 

Danach zeigt er Bob das Thermometer. 

«Hier gibt’s keine Diskussion», sagt Bob. «Die Kuh hat Fieber. Schlachtverbot. Die kommt in den Abdeckerwagen und wird dann verbrannt.»

Der Abdeckerwagen holt die Tiere mit einem Schlachtverbot ab. 

Edwin wischt das Thermometer ab. 

Bobs Blick erinnert mich an den Blick, den ich bei einigen Soldaten gesehen habe. Er starrt in die Ferne, als gebe es da etwas zu sehen, und wie freundlich er auch sein mag, seine Augen lächeln nie.

Wir gehen nach draussen in den Hof. «Da fährt der Abdeckerwagen», sagt Bob und deutet auf eine Art Kleinlaster, der gerade über den Deich fährt. «Ich ruf ihn gleich mal an.»

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Wir sitzen am Küchentisch des Abattoir Noord-Holland. Auf dem Tisch steht Melasse. Hier drin darf geraucht werden, jedenfalls raucht Bob, der Besitzer. Selbstgedrehte Van Nelle, die starke Sorte.

«Ich bin schon mein Leben lang im Fleischgeschäft», sagt Bob. «Für eine Weile war ich auch Viehhändler. Damals hab ich die Tiere zum Schlachter gefahren. Jetzt bin ich selbst einer. Ich hing schon als Kind dauernd beim Schlachter rum.»

Auf dem Fenstersims stehen kleine Figuren aus Plastik. Ein Schaf, eine Kuh, eine Ziege und ein Schwein. 

«Wenn du so einen dumpfen Knall hörst», sagt Bob, «heisst das, eine 

Kuh ist gerade zu Boden gegangen. Wann immer ich ein Geräusch höre, das ich nicht kenne, renne ich sofort nach unten.»

Ich lausche. Es klingt eher, als würde jemand mit einer Ramme Pfähle 

in den Boden treiben, allerdings mit langen Pausen zwischen den einzelnen Schlägen.

Unten befinden sich ausserdem die Kühlräume, wo die Kuh in Steaks verwandelt wird.

«Früher war hier ein muslimischer Notschlachter drin, ich lasse es mal bei dieser Umschreibung», sagt Bob. «Aber vor sechs Jahren habe ich das 

alles übernommen.»

«Was ist ein Notschlachter?», frage ich.

«Wenn sich ein Tier auf dem Bauernhof so schwer verletzt hat, dass man 

es nicht mehr herbringen kann, fährt der Notschlachter hin und schläfert es ein, der Rest passiert dann hier. Das ist es, was ein Notschlachter macht.»

Wieder eine Selbstgedrehte.

«Weisst du, ich respektiere jeden Glauben, aber die Muslime wollen ihre Tiere nicht herbringen, weil ich auch Schweine schlachte. Also respektieren sie mich nicht. Ein Schaf kann man richtig gut rituell schlachten. 

Du setzt es auf seinen Hintern und lässt es sich gegen dich lehnen, das mag das Schaf, und dann schlitzt du es auf. Das ist prima. Aber auf 

diese Art eine Kuh oder einen Stier zu schlachten, das geht mir total gegen den Strich. Das ist die Juden- und die muslimische Art, um keinen 

Preis der Welt würde ich das machen. Es ist nicht human.»

Ein Viehhändler kommt herein und schnorrt eine Zigarette. Wieder höre ich einen dumpfen Knall von unten.

Bob schiebt dem Viehhändler seinen Tabak rüber. «Ich habe Bilder meiner Kinder auf die Verpackung geklebt», sagt er. 

Der Viehhändler und ich starren auf das Bild eines nahezu zahnlosen Mundes, wie man es heutzutage auf die Packungen druckt, um Raucher abzuschrecken. 

«Die Romantik ist verschwunden», sagt Bob. «Der Viehhandel und 

das Schlachten, da ist nichts Romantisches mehr dran. Das war einmal!»

Mir wird klar, dass sogar für denjenigen, der das Messer schwingt, 

der Tod Romantik braucht.

 

Upton Sinclairs Roman Der Dschungel spielt in den Viehhöfen und Schlachthäusern Chicagos zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Bedingungen 

der Arbeiter, die meisten von ihnen Immigranten, sind erbärmlich, und so schreibt Sinclair: «Es ist ein Wunder, dass nicht mehr Menschen als Vieh geschlachtet werden.» Am Ende des Romans leuchtet für das 

Lumpenproletariat mit dem Sozialismus ein Hoffnungsschimmer auf. 

Der Sozialismus hat seinen Siegeszug gefeiert, besonders in den Nieder­landen. Bobs Kollegen scheinen eher seine Freunde als seine Angestellten zu sein; zwischen Vieh und Mensch besteht keine Verwechslungs­gefahr mehr.

«Nach dem Zweiten Weltkrieg», sagt Bob, «haben wir alles daran gesetzt, um die Massentierhaltung zu schaffen, denn wir wollten nie mehr hungern. Jetzt versuchen wir sie kaputtzumachen. Weisst du, warum sich manche ihren Kopf dermassen über Tiere zerbrechen? Weil die Menschen nicht mehr hungern. Aber musst du dich zwischen ’ner Tulpenzwiebel und einem Stück Speck entscheiden, dann nimmst du den Speck.»

Ich nicke. Als sich die Ideen des Sozialismus in grossen Teilen des Westens etablierten, kam der Gedanke auf, dass es auch so etwas wie einen Sozialismus für Tiere geben müsse.

Der Papierkram ist erledigt. Die meisten der in den Pferchen wartenden Tiere wurden für schlachttauglich befunden. Später werden auch 

noch einmal die Kadaver einer Inspektion unterzogen. «Der Staat legt mir nichts als Steine in den Weg», sagt Bob. «Sie schicken mir Kontrolleure, die kontrollieren, ob die Kontrolleure der Kontrolleure ihre Arbeit richtig gemacht haben.»

Wir gehen wieder nach unten. Mit den Kühen ist man für heute fertig, jetzt sind die Schweine dran. 

In einer kleinen Box erwartet ein Ferkel seine Betäubung oder, genauer gesagt, seinen Hirntod.

«Es ist wichtig, dass das Herz weiterschlägt», sagt Bob. «Sonst kann 

das Blut nicht richtig raus.»

Der süssliche Geruch des frischen Blutes ist weniger schlimm, als ich 

erwartet hatte. 

«Die Schweine betäuben wir nicht mit einem Bolzenschussgerät», sagt Bob. «Denn das löst bei ihnen Zuckungen und Krämpfe aus, die zu 

Punktblutungen führen. Das gibt kleine rote Stellen im Fleisch. Mag der Konsument nicht.»

Bob nimmt die Elektroschockzange. Sie wird einen Piepton abgeben, 

sobald das Schwein hirntot ist.

Bob legt die Zange fachmännisch, beinah liebevoll, um den Kopf des 

Ferkels. Wenn ich geschlachtet werden müsste, würde ich wollen, dass es jemand wie Bob tut. 

Das Ferkel wird an einem Haken aufgehängt, sein Hals schnell durch­geschnitten. Es zuckt ein paarmal, das war’s.

«Jetzt ist es nicht mehr bei Bewusstsein», sagt Bob, «das kannst du kontrollieren, indem du mit deiner Hand vor seinen Augen hin- und her­wedelst. Es hat keine Reflexe mehr.»

Ich wedle mit meiner Hand vor den Augen des Ferkels hin und her. Nein, keine Reflexe mehr.

 

Wenn das Schwein entblutet worden ist, das heisst, wenn das meiste Blut herausgeflossen ist, kommt es in eine Maschine mit heissem Wasser, 

die mich an einen Wäschetrockner erinnert.

Die Maschine vibriert. So werden die Borsten abgelöst.

Nach etwa zwei Minuten wird das Schwein herausgeholt. Der Geruch ist unangenehm süsslich, als hätten wir gerade Schweinebouillon gekocht.

Die Ohren werden so weit abgeschnitten, dass nur noch ein Stumpf mit der Ohrmarke herabbaumelt. Dann zieht Dave, ein attraktiver junger Mann mit beeindruckenden Tattoos, etwas von den Schweinsfüssen ab.

«Was machst du da?», frage ich.

«Ich ziehe die Klauen», antwortet Dave. Er zerrt dem Schwein die Klauen heraus, als würde er eine Champagnerflasche entkorken.

Nichts wird weggeworfen, so viel habe ich inzwischen gelernt. Bob 

erzählte mir davor: «Wenn du in einem Schlachthaus fragst ‹Kann ich das wegschmeissen?›, wirst du zwar nicht sofort standrechtlich erschossen, aber viel fehlt nicht.»

Die Klauen des Schweins allerdings landen auf dem Boden. Kurz überlege ich, eine als Souvenir mitzunehmen, entscheide mich aber dagegen. 

Das Radio läuft. Irgendein Hit scheppert über den Lärm des Schlachtens hinweg.

Im nächsten Schritt werden die letzten Borstenhaare weggebrannt.

Ich würde gern sagen können: «Es geht nichts über den Geruch verbrannter Schweinsborsten am Morgen.» Leider stimmt das nicht.

Anschliessend wird das Schwein aufgeschnitten, und seine Innereien werden fachmännisch entnommen. An diesem Morgen übernimmt das Hans, ein Mann in den Fünfzigern, der seit zwei Jahren für Bob arbeitet. Es 

gibt noch einen weiteren Hans, den Miteigentümer der Schlachterei. Auch er arbeitet heute mit. 

Die Eingeweide werden neben das Schwein gehängt, sie werden danach ebenfalls inspiziert. Nummern werden auf die Beine geschrieben.

Lunge, Herz, Leber, Nieren und Milz des Schweines sind wirklich schön anzusehen, das genaue Gegenteil von eklig. So wie sie da nebeneinanderhängen, bekommt man das Gefühl, ein Stillleben zu betrachten. Der Schlachter ist auch Maler.

Nach den Schweinen sind die Lämmer dran. Sie werden mit einem Bolzenschussgerät betäubt und danach aufgeschnitten.

«Wenn man hier rumschreit, macht sie das total verrückt», sagt Bob. 

«Bist du aber ruhig, bleiben die Tiere es auch.»

«Fly me to the moon», singt Hans, bevor er das Bolzenschussgerät an den Kopf eines Lammes setzt.

Wäre es nicht gut für diese Reportage, wenn ich selbst auch ein Lamm 

töten würde?

Wäre es nicht gut für mich als Menschen, das Handwerk des Tötens zu beherrschen?

 

Heute werden wir 11 Schafe, 2 Ponys, 21 Rinder und 17 Schweine schlachten.

«Die Ponys sind kugelrund», sagt Bob, «in Frankreich macht man aus 

ihnen Salami, aber in den Niederlanden gibt es keinen Markt dafür. Das wird alles Tierfutter.»

 

«Wieso schlachten wir dann Ponys?», hake ich nach.

«Der Besitzer bekam Q-Fieber und kann sich nicht mehr um sie kümmern.»

Alle Tiere haben eine persönliche Identifikationsnummer, die es theoretisch ermöglicht, jederzeit herauszufinden, welches Stück Rindfleisch zu welcher Kuh gehörte. Pferde und Ponys dagegen haben Namen. Heute schlachten wir Sabrina und Pebbles. Ihre Ausweise liegen auf dem Tisch – da Ponys als Pferde gelten, besitzen auch sie einen Pferdepass. Später, nachdem die Tiere untersucht worden sind, werden ihre Ausweise mit einem Locher ungültig gemacht. Vermutlich, um deren möglichen 

Missbrauch zu verhindern.

Draussen dämmert es allmählich, Tau bedeckt die Felder.

«Hast du gut geschlafen?», frage ich Bob.

«Ich habe mich herrlich an den warmen Körper meiner Glucke gekuschelt», antwortet Bob.

Für ihn sind auch Menschen nur Tiere. Als was er mich wohl sieht? 

Als Fuchs, der nachts in der Vorstadt fremden Müll durchstöbert?

Unten ertönt das Geräusch der Schleifmaschine. Als würde ein schwer beladener Lastenaufzug langsam hochgezogen. 

Zuerst die Schweine.

«In Schlachtereien arbeiten praktisch keine Frauen», sage ich zu Bob.

«In den grossen industriellen Schlachthöfen schon», erwidert Bob. 

«Polnische Frauen. Oft auch noch eine Augenweide. Da, wo sie herkommen, ist das, was sie hier verdienen, ein Vermögen.»

In einer knappen halben Stunde sind vier Schweine tot. Ich staune, 

wie schnell man sich an den Tod gewöhnt. Als würde ich schon seit Jahren mit Gummistiefeln in Blut, Fett und Eingeweiden herumwaten.

Man wird zu dem, der man ist. Wenn das stimmt, dann weiss ich jetzt, wer ich bin: ein systematischer, ausgebildeter Killer.

Das Einzige, woran ich mich nicht gewöhnen kann, ist das Radio. Ich würde lieber zu Tschaikowsky schlachten, zum Finale aus Schwanensee.

Ein junger Mann mit einer geistigen Behinderung arbeitet hier als 

Reinigungskraft. Er ist für die Pferche zuständig. Manchmal treibt er auch mit einem Stromstock die Kühe zu den Boxen, in denen ihre Verwandlung in ein Entrecôte beginnt. «Ist nicht gerade schön», sagt er, «aber ein schönes Stück Fleisch auf dem Teller gefällt einem dann wieder, oder?»

Und schon muss er wieder einer Kuh hinterher. Sie sträubt sich. Tja, es gibt wohl nur sehr wenige Todeskandidaten, die bereitwillig in den Exekutionsraum spazieren.

Mir starrt die Verletzlichkeit des Seins direkt ins Gesicht. Es ist nicht einfach, damit zu leben. 

Im Hotel wartet meine Verlobte auf mich. Inmitten der Blutlachen fasse ich den Entschluss, mit ihr Schluss zu machen. Dann überlege ich’s mir anders, ich will sie lieber totficken. Ich werde das Bett in ein Meer aus Gedärmen, Lungen, Nieren, Blut und Scheisse verwandeln.

Noch nie war ich so geil wie hier im Schlachthaus.

 

«Ich hasse Jahrmärkte», sagt Bob während der Kaffeepause. «Griechenland macht Spass, ich gehe lieber dorthin.»

Die Männer sprechen an diesem Morgen über den Jahrmarkt, der bald in die Stadt kommt. Hier in der Gegend ist das noch eine echte Attraktion. 

Vorhin wurden unten zwei Stiere geschlachtet. Ich durfte mir bisher alles ansehen, aber den Tod der Stiere nicht. «Diese Stiere waren noch wach», sagt Bob. «Wenn so einer an dich rankommt, reisst er dich in Stücke. Wir wissen, was wir dann tun müssen, aber du würdest nur dastehen mit 

deinem kleinen Notizblock. Wie ich immer sage: ‹Lieber ein Angsthase, als unter die Räder zu kommen.›»

Das kenne ich noch aus meiner Zeit beim Militär. Wer nicht selbst 

kämpft oder tötet, braucht jemanden, der ihn beschützt. Bob wird mich vor dem Mörder namens Stier beschützen. Und man identifiziert sich mit denjenigen, die man begleitet. Unter Psychiatern werde ich zum Psychiater, unter Schlachtern werde ich zum Schlachter. Wäre ich mit Schweinen 

im Pferch gewesen, wäre ich zum Schwein geworden.

Die Entmenschlichung des anderen, den anderen also zu einem Ding zu machen, ist ein Gruppenprozess. Hätten sich die Schweine auch mit 

mir identifiziert?

«Ein Schwein frisst alles», sagt Bob. «Deshalb muss man im Schweinestall Spielsachen für sie aufhängen, sonst fressen sie sich irgendwann gegen­seitig, einfach so aus Langeweile. Einmal erlitt ein Bauer im Schweinestall einen Herzinfarkt. Als man ihn schliesslich fand, waren seine Nase, 

seine Finger und seine Ohren abgefressen.» 

«Und was ist mit den Schafen?», möchte ich wissen.

«Die Böcke kämpfen darum, wer der Boss ist. Dabei gewinnt meistens der kleinste. Der kommt besser ans Nasenbein des anderen Bockes ran, das rammt er ihm dann bis in den Schädel. Der Knochen schiesst dabei direkt ins Hirn, der andere Bock stirbt, und er ist der Sieger.»

Wir gehen zum Schlachtplatz zurück.

«Manche finden es grausam, Tiere zu schlachten», sagt Bob. «Aber weisst du, was wirklich grausam ist? Das Naturschutzgebiet der Oostvaarders­plassen. Dort laufen Kühe, Hirsche und Schafe in der sogenannten freien Natur herum, obwohl dort nicht genug Raum für alle ist.»

Nach dem warmen Schlachthaus fühlt sich die Kälte in den Kühlräumen, in denen die Körper zerlegt werden, unangenehm an.

Ich wurde einmal gefragt: «Was machen die ganzen Projekte mit dir?» Meine Antwort war kurz: «Ich bin immer mehr zu allem bereit.»

Wahrscheinlich komme ich nicht als Vegetarier aus dem Schlachthaus, 

aber ich frage mich, ob es einen echten moralischen Unterschied 

gibt zwischen dem Töten eines Tieres und dem Töten eines Menschen.

Der Soziologe Goudsblom schrieb: «Moral ist das Ausüben von Macht, ohne von Macht zu reden.» Nach diesen Tagen würde ich behaupten: 

Moral ist hauptsächlich ein verbales Antidepressivum, eine Geschichte, die sich die Menschen erzählen, um sich besser zu fühlen.

 

Mein letzter Tag im Abattoir Noord-Holland. Ich werde Bob Bakker und seine Männer vermissen. Sogar in einem Schlachthaus kann man sich 

zu Hause fühlen. Vielleicht unter der Bedingung, dass man selbst nicht geschlachtet wird, aber nicht einmal da bin ich mir sicher. «Morgen 

fahre ich nach Deutschland, um dort zu schlachten», lasse ich Bob wissen. Darauf sagt er: «Ich muss jeden Abend den Kirchturm meines Dorfes sehen.»

Hans sägt gerade eine Kuh in Hälften. Aus der Säge fliesst Wasser. 

Es soll verhindern, dass die Säge das Fleisch verbrennt. «Früher hatte man Kühe, die 300 Kilo wogen, heutzutage wiegen sie 700», sagt Hans.

Weiter hinten steht Bob. Einmal mehr befrage ich ihn zum Handwerk des Todes.

«Du wartest, bis sie stillstehen, und dann packst du sie», sagt Bob. «Pferde sind sensibel.»

Ist es das, was das Raubtier intuitiv weiss? Warten, bis die Beute stillsteht und sie dann packen? 

Ich erinnere mich daran, wie Bob einem Schaf über den Rücken streichelte, ehe er das Bolzenschussgerät an dessen Kopf hielt. Die linke Hand 

streichelt, während die rechte Hand tötet, das muss es sein, was man einen sanften Tod nennt.

«Alles, was hier hereinkommt, muss getötet werden», sagt Bob. «So lautet das Gesetz. Weil Tiere aus den verschiedensten Bauernhöfen herkommen. Man fürchtet sich vor Infektionskrankheiten.»

Schlachten könnte man auch Euthanasie nennen. 

«Ich bevorzuge weibliches Fleisch», erklärt Hans, während er weiter die Kuh zerlegt. «Das ist etwas fetter. Das Fleisch vom Stier ist gröber.»

Die Sonne scheint fahl. Vor dem Schlachthaus verabschiede ich mich 

von Bob.

«Oft hole ich die Tiere selbst beim Bauern ab. Früher habe ich auch ab und zu mal beim Einfangen der Schafe geholfen, aber das tue ich nicht mehr», erzählt Bob noch. «Ich gehe auch auf Viehmärkte. Dann trage ich immer einen langen schwarzen Mantel. So weiss jeder, warum ich da bin. Das war früher mal Tradition, die Käufer von Michkühen kamen in Blau, 

der Schlachter in Schwarz.»

Ich würde Bob gerne umarmen. Der Mann, der in einem langen schwarzen Mantel Viehmärkte abgeht.

Und wieder muss ich an das Gedicht Die Einsamkeit der Männer von Wolf Wondratschek denken: «Da sitzen Männer vor einem Haus / und trinken und träumen vom Töten.»

 

NEURUPPIN

 

Etwa achtzig Kilometer nördlich von Berlin liegt Neuruppin. Etwas 

ausserhalb der Stadt gründete 1999 die Familie Hesterberg auf freiem Weideland Gut Hesterberg. Heute weiden hier etwa 600 Schlachtkühe. Ausserdem gibt es 600 Gänse, die ausschliesslich an Weihnachten geschlachtet 

werden, und an die tausend Legehennen, die nicht für die Schlachtung vorgesehen sind, sondern an Privatpersonen verkauft werden, wenn 

ihre Legekapazität abnimmt.

Wer auf das Landgut fährt, gewinnt leicht den Eindruck, er könnte genauso gut in Texas sein. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts ein Gebäude auf, das man getrost als kleines Schloss bezeichnen kann. 

In diesem Schloss gibt es ein Restaurant, einen Schlachtbetrieb und eine Produktion diverser Wurstsorten. Man kann Gut Hesterberg auch für Hochzeitsfeiern mieten.

Ich werde von Gerry Weber empfangen, dem Mann von Karoline Hesterberg, die ihre Abschlussarbeit in Agrarwissenschaften über mobile Hühnerställe verfasste. Wenn man einen Hühnerstall so entwirft, dass er bewegt werden kann, müssen die Hühner nicht täglich auf demselben Stück 

Land herumpicken. Das Ergebnis sind bessere Eier.

Je besser die Lebensumstände des Tieres, desto besser schmeckt es später dem Konsumenten, so viel habe ich inzwischen verstanden. So wie 

Stress beim Schlachten zum Beispiel den Geschmack des Fleisches ruiniert.

Gerry trägt Jeans, darüber ein weisses Hemd und eine blaue Jacke. 

Er hat die Jovialität eines herausragenden Hoteliers. Heute werden wir vier Kühe schlachten. Auf Gut Hesterberg halten sie vor allem Galloway-­Kühe, steigen aber allmählich auf Charolais-Rinder um.

Hier werden die Kühe noch auf natürliche Art vom Stier begattet, was ungewöhnlich ist und nicht ganz ungefährlich. So verletzte sich vor kurzem ein Stier beim Besteigen der Kuh an der Schulter und musste notgeschlachtet werden. 

Der Schlachter von Gut Hesterberg heisst Detlev. Die Berliner Morgenpost beschrieb ihn als den Yogalehrer unter den Schlachtern. Und die Zeitung hat recht. 

Mit bewundernswerter Ruhe führt er eine Kuh in die Box. Dann klettert er auf eine kleine Treppe, damit das Tier ihn nicht sehen kann, und 

setzt der Kuh das Bolzenschussgerät auf den Kopf. 

«Man muss sich zwischen den Augen und den Ohren ein Kreuz vorstellen. Genau dort, wo sich die beiden Linien schneiden, musst du hinzielen.»

Die Kuh geht zu Boden.

Hier darf ich selbst auch mit anfassen. Ich ziehe der Kuh die Haut ab. Es ist erstaunlich, wie einfach sich die Haut löst – von einem Tier, das vor drei Minuten noch lebte.

Es ist beinahe eine liebevolle Arbeit. Ein klein wenig so, als würde ich meine Verlobte streicheln, obwohl ich das für gewöhnlich ohne Messer tue.

 

Der Kuh wird der Pansen entnommen, der noch immer warm auf 

dem Boden liegen bleibt. Es ist ein Wunder, wie viel Scheisse in einer Kuh steckt. 

Hier auf Gut Hesterberg, wo nur vier bis sechs Kühe pro Woche geschlachtet werden, nachdem sie so lange wie möglich ein artgerechtes Leben geführt haben, wird zu zweit geschlachtet. Der eine schaufelt 

die Scheisse in eine Schubkarre, während der andere die Kuh halbiert.

Da das Schlachten auf Gut Hesterberg nichts mit industriellen Verfahren zu tun hat, muten Töten und Zerlegen wie ein Ritual an. Hier wird 

ein Opfer dargebracht, doch um welchen Gott zu besänftigen?

Im alten Jerusalem waren die Priester, die die Opfer darbrachten, Schlachter. Tieropfer an Gottheiten könnte man auch als Mittel gegen ein schlechtes Gewissen ansehen: Auch Gott ist Fleischfresser.

Jonathan Safran Foer stellt in seinem Buch Eating Animals klar, dass es, abgesehen von Sentimentalität, keinen triftigen Grund gäbe, warum wir Kühe, aber keine Haustiere essen. Ist Sentimentalität ein triftiger Grund? Weshalb ist Kannibalismus in so ziemlich allen Kulturen ein Tabu? 

Aus welchem Grund verbietet das Alte Testament ausdrücklich Menschenopfer, während Gott dagegen von Abraham verlangt, seinen Sohn Isaak zu opfern?

Eine Kuh sträubt sich, sie will nicht in die Box. Als ich interessiert näher komme, zischt Detlev mir zu: «Bleib weg.»

Sie brauchen fast eine Viertelstunde, um die Kuh in die Box zu ziehen. Dann ist es vorbei. «So stur können bloss Frauen sein», sagt Detlev nach dem Töten. 

Er gibt mir ein Messer und lässt mich die Eingeweide aus der Kuh schneiden. 

Sie fühlen sich angenehm warm an, weil ich keine Handschuhe trage. Lauwarm.

«Weisst du, was das ist?», fragt Detlev.

«Keine Ahnung», antworte ich. 

«Die Milz.»

Der Tierarzt erscheint, um die Kadaver zu inspizieren. Er ist auch Jäger. «Die Tiere werden hier zu Tode gestreichelt», sagt er. 

Später fügt er hinzu: «Die Tiere riechen das Blut. Und sie denken, was steht mir da drin bevor?» 

Im Restaurant esse ich zusammen mit Gerry und seiner Frau Karoline 

ein Entrecôte. Es ist das erste Fleisch, seit ich mit der Schlachterei begonnen habe. Es schmeckt ausgezeichnet.

«Wir essen eigentlich nur aus beruflichen Gründen Fleisch», sagt Karoline. «Schweinefleisch sollte verboten werden, zumindest das billige.»

Beim Abschied sagt Gerry: «Komm doch mal wieder. Dann werden wir uns richtig schön betrinken.»

Mir wird klar, dass auch Gerry und seine Frau sich nicht nur mit Kühen abgeben können, egal ob sie tot oder lebendig sind.

 

SCHIJNDEL

 

«Ich war Dressur- und Springreiter, hab aber schon vor einer Weile 

aufgehört», sagt Antoon Schouten, dem gemeinsam mit seiner Frau Wilma ein Schweinezuchtbetrieb gehört.

Seine Tochter reitet noch. 

Wir sitzen im Garten hinter dem Haus der Familie, es ist ein wunderschöner Nachmittag. Ein vager Geruch nach Schweinestall hängt in der Luft.

Tochter Yolanda, eine Biologielehrerin, schenkt uns Kaffee ein. Die Familie empfängt mich, als sei ich der neue Hausfreund.

«Wir geben uns viel Mühe, ein gutes Stück Fleisch zu produzieren», sagt Antoon. Auf seinem Daumen wächst so viel Hornhaut, dass es fast so aussieht, als würde er sich dort einen zweiten züchten.

«Wir haben einen schlechten Ruf, wir sind Tierquäler, wir sind Umweltverschmutzer, heutzutage sage ich kaum noch jemandem, was ich 

beruflich mache», erklärt Wilma. «Ich hab einfach keine Lust, mich dauernd zu rechtfertigen.»

Wir nippen an unseren Tassen.

«Alles ist so furchtbar inhuman», sagt Wilma, «aber wenn das Kotelett dann auf dem Teller liegt, jammert keiner mehr. Früher kam jeder aus einer Bauernfamilie. Heute wissen die Kinder kaum noch, wo die Milch herkommt. Wer zu uns kommt, das sind die Problemfälle. Die Jungs, die 

keiner sonst in den Griff kriegt. Die dürfen kommen und hier arbeiten. Der Bauer ist derjenige, der die Probleme aller anderen lösen soll.»

Die Familie hat 300 Sauen und 2500 Mastschweine. 

«Wir haben einen biologischen Luftreiniger», sagt Antoon, «da kannst du mit deinen besten Sachen rein, und man riecht nichts mehr danach.» 

Der biologische Luftreiniger soll den Ammoniak-Ausstoss verringern.

«Wie viel kostet so ein Schwein?», möchte ich wissen.

«Der Fleischpreis wird an der Börse festgelegt, und wir werden pro Kilo bezahlt», antwortet Antoon.

«Aber für 155 Euro kriegst du eins, nur der Schlachter kostet dich dann auch noch mal um die 80 Euro.»

 

Wir gehen zu den Ställen. «Am niedlichsten sind die Ferkel», sagt Wilma.

Wir sehen den Ferkeln zu. Die Muttersau steht zwischen Metallstangen, 

die ihre Bewegungsfreiheit einschränken. Mir fällt sofort ein etwas verkrüppeltes Ferkel auf. «Das wird es nicht schaffen», sagt Wilma.

Vielleicht kann ich ja das verkrüppelte Ferkel mitnehmen und in den Hof hinter dem Haus meiner Mutter bringen. Verdient es, eher gerettet zu werden als seine nicht verkrüppelten Artgenossen? 

«Wir versuchen, Geschwister so lange wie möglich zusammen zu lassen», sagt Antoon.

Ich werfe einen Blick auf die Schweine. Ob sie wissen, dass sie Geschwister sind? 

Anlässlich meines Besuchs nimmt Antoon die Besamung einer Sau vor, 

die eigentlich bereits inseminiert wurde. Dafür wird ein Katheter in die Vagina eingeführt. Die mit dem Sperma vermischte Flüssigkeit sieht 

aus wie Abwaschmittel.

Um den Rücken der Sau wird so etwas Ähnliches wie ein grosser Kunststoff-Bügel geklammert, der ihr die Illusion vermitteln soll, dass sich 

die Vorderfüsse des Ebers auf sie stützen.

Einen Eber gibt es aber auch noch in der Nähe der Säue. Er wird durch ein paar Gitterstäbe von ihnen getrennt. «Ohne den Geruch des Ebers werden sie nicht so recht brünstig», erklärt Antoon.

Brünstig, ein schöneres Wort als geil.

Menschen sollten auch sagen: «Ich bin brünstig. Inseminiere mich jetzt. Am liebsten nicht künstlich.»

Im Gang liegen drei tote Ferkel in einem Abfallbehälter. Sie haben es nicht geschafft.

 

IJSSELSTEIN/SCHIJNDEL

 

Es ist gerade erst vier Uhr früh, als ich in den Laster von Jan van Hemert klettere. Wir werden bei Antoon Schouten Schweine abholen.

«Ich mache das jetzt schon seit fünfunddreissig Jahren, angefangen hab ich mit achtzehn», sagt Jan. «Mein Vater war auch schon im Schweine-Geschäft, da kam das bei mir von ganz alleine.»

Wir betrachten den Vollmond.

«Eine Ladung hab ich schon bei Westfort abgeliefert. Dort beginnen sie früh mit dem Schlachten, deshalb müssen die ersten Schweine schon spät am Vorabend dort sein.»

«Hast du da noch ein Privatleben?», erkundige ich mich.

«Ich gehe jeden Tag um ein Uhr nachmittags schlafen», erzählt Jan, «damit ich noch so etwas wie einen Rhythmus habe. Ich habe schon Schweine transportiert, bevor ich eine Beziehung hatte, meine Frau kennt das also gar nicht anders. Ich fahre immer, auch wenn ich krank bin. Ob man jetzt mit Schmerzen zu Hause liegt oder hinterm Steuer sitzt, macht keinen Unterschied. Ich fahre nicht in die Ferien. Als die Kinder klein waren, schon, die Center Parcs der Niederlande kenne ich alle.»

«Wie viele Schweine passen in deinen Wagen?», frage ich.

«205», sagt Jan. «Es werden aber immer weniger; das Wohl der Tiere ist im Moment ein Riesenthema.» 

Gegen fünf Uhr parkieren wir vor den Schweineställen.

Jan streut Sägemehl in seinen Transporter. Dann nimmt er eine Art grosse grüne Klapper, mir gibt er auch eine. Mithilfe der Klapper werden die Schweine in den Laster hineindirigiert.

Der LKW hat drei Etagen, damit der Raum optimal genutzt werden kann. 

Das einzige Tageslicht, das die Schweine zu Gesicht bekommen, sehen sie auf dem Weg vom Stall zum Laster, aber da es dunkel ist, haben sie nichts davon. 

«Schweine rennen immer zum Licht», sagt Jan. «Wenn wir im Stall das 

Licht löschen und hier eins anmachen, dann kommen die Schweine von selbst nach draussen.»

Bevor sie im Laster verschwinden, bekommen sie eine zweite Ohrmarke, falls ihnen die erste ausgerissen wurde.

Ich darf auch ein paar kennzeichnen. Es ist nicht ganz einfach, so ein Schwein am Ohr zu packen.

«Na, kommt schon, Jungs», ruft Antoon aus dem Stall.

«Sie rennen dir ganz schön hart gegen die Knie», sagt Jan.

Und Antoon, der im Türrahmen steht, sagt: «Wandelnde Koteletts.»

Das sind sie auch. Ob Koteletts eine Seele haben? 

Inmitten der Schweine verstehe ich, dass Christus nicht so sehr für die Menschen, dafür umso mehr für die Schweine gestorben ist. Die Ersten werden die Letzten sein, und in der zukünftigen Welt werden die Koteletts vorangehen.

Durch diesen frommen, leicht katholischen Gedanken, fühle ich mich von allen Sünden befreit.

 

IJSSELSTEIN

 

«Schau mal, wie friedlich sie schlafen», sagt Jan über die Schweine, die wir beim Schlachthaus Westfort ausladen. 

Ich weiss nicht, ob «friedlich» der richtige Ausdruck dafür ist.

Mit der grossen grünen Klapper werden die Schweine in die Boxen dirigiert, von wo aus sie langsam, beinahe automatisch, dank einem ausgeklügelten Schleusensystem bis zum Betäubungsfahrstuhl durchströmen. In diesem Fahrstuhl werden sie mit Gas betäubt. Anders als in der kleinen Schlachterei in Nord-Holland, wo man mit einer Elektroschockzange betäubt. Wenn ich ein Schwein wäre, würde ich mich für das Gas entscheiden, aber ich war natürlich noch nie in so einem Fahrstuhl. 

Ziemlich viele Schweine sind mit Schrammen vom Kämpfen übersät.

Nachdem Jan seinen Laster desinfiziert hat, schliesse ich mich René van Rijn an, einem stattlichen, hilfsbereiten und fähigen Mann, der mich durch Westfort führen wird. René hat Tattoos, die deutlich machen, dass er mit Schweinen arbeitet.

«Was ist das für ein Lärm?», frage ich. Es klingt nach einer schlecht 

justierten Maschine. 

«Das sind die Schweine», antwortet René. «Wir schlachten 40 000 pro Woche an zwei verschiedenen Orten. Wegen der Sommerferien sind 

es gerade etwas weniger. Dem Personal ist Schmuck verboten. Trauringe sind, glaube ich, auch nicht mehr erlaubt. Bei der Konkurrenz durften 

die Männer, die ihren Ehering nicht mehr vom Finger kriegten, den Ring auf Betriebskosten vergrössern lassen.»

Die andere Schlachterei befindet sich in Gorinchem, sie soll aber geschlossen werden, sobald die Schlachterei in IJsselstein von den Chinesen autorisiert wird. Für Westfort ist China ein wichtiger Absatzmarkt. 

Eine Tierärztin von der NVWA beobachtet die Schweine. Sie schaut missmutig drein. Ab und an sortiert sie ein Schwein aus. Das wird dann am Ende des Tages im halben Tempo geschlachtet, um herauszufinden, ob das Tier tatsächlich gesund war. 

Jeroen, ein junger Mann mit Brille, muss die Schweine zur Schleuse treiben und von dort aus in den Fahrstuhl. Der Fahrstuhl fährt rauf und runter, das dauert etwa 90 Sekunden. Wenn sich die Betäubungsgondel öffnet, rollen die Schweine hinaus in eine Wanne, werden an einem Hinterfuss aufgehängt und anschliessend «gestochen», das heisst, dass ihnen die 

Halsschlagader aufgeschnitten wird. Das Blut ist für den Verzehr bestimmt. 

Der Magen der Schweine ist leer, wenn sie getötet werden, damit das Fleisch durch einen versehentlichen Schnitt in die Därme nicht besudelt werden kann.

Ich darf Jeroens Arbeit übernehmen. Mit Eifer, Präzision und sogar mit 

so etwas Ähnlichem wie Freude – im Grunde so, wie ich sonst schreibe 

– treibe ich die Schweine zur Schleuse. Nach einer halben Stunde sagt René: «Du hast gerade 250 Schweine um die Ecke gebracht.»

Ich habe es human getan, ich habe die Schweine nicht geschlagen. Ab und zu rief ich: «Na, kommt schon, Jungs.»

 

Im Animationsilm Chihiros Reise ins Zauberland von Hayao Miyazaki 

entdeckt die zehnjährige Chihiro Ogino, dass sich ihre Eltern in Schweine verwandelt haben, weil sie sich auf Essen stürzten, das für die Götter 

bestimmt gewesen war. Während ich im neuen Schlachthaus Westfort herumlaufe, muss ich an diese Szene denken. Überall hängen Schweine 

– das Bild ist nicht mit Schönheit gespickt –, und ab und an sehe ich stattdessen Menschen dort hängen.

René, der mich herumführt, erzählt mir, dass er in seiner Freizeit Hunde züchtet. «Momentan arbeite ich mit einer italienischen Rasse, der Mastino Napoletano», sagt er. «Sie machen bei Hundeausstellungen mit.»

In einem der Ställe, in denen noch lebende Schweine auf den Rest der Prozedur warten, entdecke ich ein totes Schwein. Das kann vorkommen. Am Vortag habe ich gesehen, wie ein Schwein mit einem gebrochenen Bein aus dem Tier-Laster kam. Ein solches Schwein wird von Hand mit einer Elektroschockzange betäubt. Man hört ein kurzes Kreischen, 

danach wird die Halsschlagader aufgeschnitten. 

Das Schlachthaus besteht aus zwei Bereichen: dem «schmutzigen» Teil der Schlachtlinie, wo die Arbeiter blaue Overalls tragen, und dem «sauberen» Teil der Anlage, wo das Personal weiss gekleidet ist.

Im ersten Teil wird geschlachtet, das Schwein wird entblutet und enthaart. Im «sauberen Teil» erfolgt der Rest des Schlachtprozesses, dort wird das Tier gewogen und kontrolliert.

Das Schlachthaus ist eine Fabrik. Der Lärm, das Fliessband, die ziemlich eintönige Arbeit. Automatisiertes gibt es kaum. Viele der Angestellten kommen aus Polen oder von den Kapverden.

Ich sehe einem Mann zu, der konzentriert die Halsschlagader aufschneidet. Einem Schwein nach dem anderen. Danach bewegt sich das Schlachtband weiter.

Ich schätze, es dauert im Durchschnitt zehn bis fünfzehn Sekunden für das Suchen der Stelle, an der sich die Halsschlagader genau befindet, das Aufschneiden und das richtige Aufhängen des Schweines, damit es gut 

entblutet wird, wobei die Vorderfüsse zwischen zwei Zahnrädern positioniert werden, um zu verhindern, dass das herausspritzende Blut auf 

das Schwein tropft. 

«Wir müssen ganz sicher sein, dass das Schwein auch wirklich tot ist, 

bevor es zum Schlachter kommt», sagt René. «Deshalb hängt etwas weiter hinten eine Kamera, die registriert, ob sich das Tier wirklich nicht 

mehr bewegt.»

Nur das Halbieren des Schweines übernimmt ein Roboter. Er befindet sich in einem Käfig, um Unfälle zu verhindern, denn er kennt keinen Unterschied zwischen Menschen und Schweinen, er teilt alles, was ihm vor sein lasergesteuertes «Auge» kommt. Seine Bewegungen wirken dabei ver­störend menschlich. 

Ein wenig tut mir der Roboter leid, wie er in diesem Käfig arbeiten muss.

Heute darf ich Schweine, die gerade aus der Betäubungsgondel gerollt sind, an ihren Hinterfüssen aufhängen. Schwerstarbeit. Die Schweine liegen übereinander auf dem Förderband und man muss achtgeben, dass man 

sie nicht versehentlich an einem Vorderfuss aufhängt. 

«Wir schlachten 650 pro Stunde», sagt René, «das ist weltweit etwa das Maximum bei einem Schlachtband. Hat man mehrere Schlachtbänder, kann man über tausend Schweine pro Stunde schlachten.» 

Zwei Prozent der Eber besitzen aufgrund ihrer Hormone einen sehr 

eigentümlichen Geruch, den der Konsument unangenehm finden könnte. Deshalb brennt eine der polnischen Arbeiterinnen die Haut kurz an, 

und eine andere riecht daran, ob der Eber tatsächlich diesen penetranten Geruch verströmt. 

Es ist ein beeindruckendes Bild, wie sie an jedem einzelnen Schwein schnuppert, das vorbeizieht. Ich fühle mich an Chaplins Modern Times 

erinnert. 

Der Abteilungschef, Jan, erlaubt mir, ein Schwein mit einem Beil in 

der Mitte durchzuhacken und danach das Fett aus seinem Innersten 

herauszuziehen.

«Gar nicht mal so leicht, was?», fragt Jan. «Das machen die Jungs den ganzen Tag. Und weisst du, wie viel sie verdienen?» 

«Fünfzehn Euro die Stunde», schätze ich.

«Eher um die zehn», sagt Jan. «Ich wette, dafür würdest du’s nicht machen.»

Ich betrachte die Männer. Manchmal stösst einer um ein Haar mit seinem Kollegen zusammen, weil das Schlachtband schneller ist als seine Hände.

 

OUDEWATER

 

«Mein Vater hatte ein Händchen für Fremdsprachen», sagte Rob Lunenburg. «Fand ich total cool. Darum hab ich auch in der Fleischindustrie in Italien gearbeitet. Und in Frankreich.»

Früher hiess der Betrieb in Oudewater Lunenburg Fleisch, und man schlachtete noch selbst. Jetzt ist er ein Teil von Westfort, und die in Gorinchem geschlachteten Schweine werden hier entbeint. 

In Oudewater arbeiten ungefähr vierhundert Leute. Polen, Bulgaren, Tschechen, Kapverdier und Niederländer.

Punkt vier Uhr morgens, keine Minute später, wird das Schlachtband 

gestartet. Die Schweine an ihren Haken setzen sich in Bewegung. 

Die Schlachter in ihrer Arbeitskleidung und mit frisch gewetzten Messern stehen bereit für sie. Die Fabrik ist zugleich eine Theateraufführung.

An der Farbe der Lampen, die an strategischen Orten über dem Schlachtband hängen, kann man sehen, was gerade entbeint wird. Die Bio-Schweine waren schon an der Reihe, es waren nur wenige. Jetzt leuchtet die Lampe gelb, das heisst, dass die Tiere aus der Integrierten Kettenüber­wachung (IKB) zerlegt werden.

Zur Pause sitzen wir in der Kantine. Hier habe ich den Eindruck, dass Polen bei Polen, Bulgaren bei Bulgaren sitzen.

«Nachher, gegen acht Uhr, essen einige von ihnen einen Hamburger», sagt Rob. «Aber da haben sie auch schon eine komplette Schicht hinter sich. Und wenn zwei von denen aufeinander losgehen, fliegen gleich 

beide raus. So was können wir nicht gebrauchen, nicht bei all den Messern hier.»

Nach den notwendigen Hygienemassnahmen gehen wir zurück in die Fabrik.

Ein Experte, der nichts mit Westfort zu tun hat, teilte mir per E-Mail mit: «Roboter sind sauberer und leichter zu desinfizieren als Menschen. 

Und sie arbeiten auch im Dunkeln und in der Kälte.» Solange es den Billig­lohnsektor gibt, lohnt sich die Roboterisierung nicht.

Per E-Mail lässt mich Westfort wissen, dass Roboterisierung nicht zu ihrer Unternehmenspolitik passt: «Schweinefleisch ist ein Naturprodukt, 

und ein Roboter müsste beim Zerlegen in der Lage sein, das Stück Fleisch fehlerfrei ‹auszulesen›. Aber jeder Schinken oder jedes Stück ist etwas anders. Dafür ist die Robotertechnik noch nicht ausgereift genug. 

Darüber hinaus sind viele unserer Produkte Spezialanfertigungen für Kunden. Jeder Kunde hat da seine besonderen Wünsche. Auch dafür 

ist die Robotertechnik noch nicht so weit. Aus praktischer Sicht ist 

der Einsatz von Robotern daher problematisch.» Das Wort «Naturprodukt» gefällt mir. Wird es eine Zeit geben, in der Schweinefleisch kein Naturprodukt mehr sein wird?

Ich darf neben Adri, der kurz vor seiner Pension steht, Schwarten 

abschneiden.

Warmes Fleisch, sprich: Fleisch, das noch warm ist, lässt sich einfacher schneiden als bereits abgekühltes Fleisch.

«Die Jungs, die entbeinen, werden pro Schwein bezahlt», sagt Rob, 

«aber wir haben eine Obergrenze, sonst fangen sie an zu pfuschen.»

Mir fällt ein polnisches Mädchen mit knallrotem Lippenstift auf. 

Ihr Blick ist eindringlich, als würde sie Wasser brennen sehen. Während der Arbeit wird kaum gesprochen.

«Unsere Leute müssen alle früh raus», sagt Rob. «Sie schuften schwer 

für nicht gerade viel, daran können wir nichts ändern. Aber wir können versuchen, die Arbeitsumstände so angenehm wie möglich zu gestalten.»

Meine letzte Station. Ich stehe neben Libania, die ich auf Anfang fünfzig schätze, und lege Schweinsfilets in Schachteln. Sie tut das schon seit 

Jahren. Es macht ihr Spass. Ihr Mann ist Lastwagenfahrer für Westfort.

Manchmal lege ich ein Filet nicht richtig hinein. «Nein», sagt sie dann, «die schöne Seite nach oben.»

Ich komme nicht als Tieraktivist aus den Schlachtereien, auch nicht als Vegetarier, dessen bin ich mir jetzt sicher. Manche Moralisten mögen das herzlos finden. Das ist es wahrscheinlich auch.

Nein, ich schätze, ich verlasse die Schlachthäuser als Menschenaktivist.

 

 

Aus dem Niederländischen von Andrea Prins.

 


 

Das Fleisch ist schwach

Du sollst nicht töten! Oder doch? Aber nur, wenn du Hunger hast? Oder: nur Tiere, aber keine Menschen? Oder: Tiere ja – aber keine Hunde und Katzen, weil die so kuschelig sind? Oder keine Kühe, weil die heilig sind? Oder keine Schweine, weil die unrein sind? Das Töten von Tieren, für viele Fleischliebhaber ist es ein fester Bestandteil ihrer jeweiligen Kultur. Für immer mehr Menschen jedoch auch moralisch höchst fragwürdig. Und selbst für jene, die das Töten nicht verurteilen, ist doch die moderne Massentierhaltung ein Frevel. Philosophen und Ethiker zerbrechen sich die Köpfe: Unter den Bedingungen des industriellen Tötens ist Fleischessen im Grunde ethisch kaum noch vertretbar. Einige sehen es als unsere moralische Pflicht an, das Fleischessen aufzugeben. Massentierhaltung sei eine Diskriminierung von Lebewesen und der Diskriminierung von Menschen gleichzusetzen. 

 

Grosses Fressen

Etwa 60 Kilogramm Fleisch verzehrt jeder Deutsche pro Jahr, in der Schweiz sind es durchschnittlich 51 Kilogramm pro Person. Damit liegen beide Länder deutlich über dem weltweiten Pro-Kopf-Verbrauch, den der sogenannte Fleischatlas angibt: 2013 lag der globale Durchschnitt demzufolge bei etwa 43  Kilogramm pro Jahr. Aber wer isst weltweit das meiste Fleisch? Der Superlativ kommt wie so oft aus den USA, hier futtert ein Durchschnittsbürger pro Jahr mehr Fleisch als ein Deutscher und ein Schweizer zusammen: rund 120 Kilogramm. 

 

Autor

Der niederländische Autor Arnon Grünberg widmet sich seit über zehn Jahren dem literarischen Journalismus, er war mit der niederländischen Armee «embedded» in Afghanistan und mit der US-Armee im Irak. Grünberg interessierte die Psychologie des Tötens bei den Soldaten. Dass er danach ausgerechnet bei Metzgern «embedded» sein wollte, war für Grünberg ein logischer Schritt, denn auch dort gehe es um die Psychologie des Tötens, genau wie im Krieg. Obwohl die Schilderungen brutal 

sind, seien die Reaktionen auf seinen Text, der bereits auf Niederländisch erschienen ist, eher gemässigt gewesen, selbst die von Tierschutz-­Aktivisten. «Ein Ernährungswissenschafter dankte mir nach dem Artikel für mein Interesse. Das erinnerte mich an einen amerikanischen Soldaten im Irak, der zu mir gesagt hatte: ‹Danke, dass Sie sich für unseren Krieg interessieren.›»

Arnon Grünberg unterwegs: