Pieter flieht, als die Wehrmacht angreift

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Wie die wohlbehütete Kindheit des Sohns eines Vizekonsuls endet.

Lena Niethammer

Ja, was haben wir hier auf diesem Foto? Ach, unser Haus. Ist es nicht wunderschön? Es heisst «Der Boede», ein klassizistisches Landhaus in der Nähe von Koudekerke in den Niederlanden. 1840 gebaut. Im oberen Stock war mein Zimmer, hier, ganz aussen. Ein Jahr haben wir dort gewohnt. Bis Mai 1940. Ich bin 90 Jahre alt, aber jeden Moment von damals sehe ich noch genau vor mir.

Ich war zwölf Jahre alt. Wir wussten, dass die Deutschen kommen würden. Plötzlich, im April 1940, stand dieser Flugplatz unweit unseres Hauses voll mit Landwirtschafts­geräten. Irgendwelche Leute hatten ihn blockiert, damit keine deutschen Flugzeuge landen konnten. Aber es kamen keine, und am nächsten Tag waren die Geräte weg. Als ich dann am 9. Mai 1940 von der Schule heimkam, sah ich die Landwirtschaftsgeräte erneut. Wieder war der Flugplatz blockiert. In dieser Nacht wurde ich von lauten Geräuschen geweckt. Ich ging in das Zimmer meines Vaters, morgens ums vier Uhr, wir schauten aus den grossen Fenstern, sahen drei Flugzeuge am Himmel. Sie hatten schwarze Hakenkreuze an der Seite. In der Ferne hörte ich Maschinengewehre, Sirenen heulten. Ich wusste sofort, dass wir fliehen mussten.

Mein Vater war englischer Vizekonsul in den Niederlanden, es dauerte nicht lange, da rief ihn der Konsul aus Rotterdam an und sagte, die Deutschen hätten die niederländische Grenze überschritten. Während mein Vater und meine Mutter in den nächsten Tagen unsere Abreise organisierten, protokollierte ich das Geschehen auf meinem Block. Ich konnte sehen, wie die Fallschirmjäger aus den Flugzeugen sprangen. Für jeden machte ich einen Strich.

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Lena Niethammer