Preis der Rebellion

Verfolgung, Gefängnis, verlorene Jahre: In Burma trotzen vier junge Menschen allen Widerständen.

Gabriele Riedle

Im vergangenen Winter kehrte ich noch einmal zurück nach Burma, um vier junge Leute zu treffen, denen ich über sieben Jahre zuvor schon einmal begegnet war, damals aber nur kurz.

Honey Oo, eine Frau mit zerbrechlichen Gliedern, war bei unserer ersten Begegnung 25 Jahre alt, ihre Freundin Phyoe Phyoe Aung, kräftige Stimme, unbezwingbares Lachen, eine charismatische Anführerin von äusserst scharfem Verstand und schon dem Namen nach die Grosszügige und Erfolgreiche, war 24. Der Älteste der vier war Kyaw Ko Ko, damals 30, dessen Name so viel bedeutet wie: der berühmte junge Mann – und tatsächlich war er als Studentenführer und begnadeter Redner sehr bekannt geworden. Schliesslich der Jüngste, Phone Piay Kywe, den alle Mossy nannten, damals 23, sanftmütig, leise und dünn wie ein Faden.

Die vier hatten sich damals schon eine ganze Weile gekannt. Ausser Mossy waren sie alle politische Aktivisten. 2007 hatten sie heimlich einen Studentenverband gegründet, Honey Oo war für die Finanzen zuständig, Phyoe Phyoe Aung war die Generalsekretärin und Kyaw Ko Ko der Vorsitzende. Doch das diktatorische Regime, das in Burma herrschte, duldete keinerlei politische Betätigung, weshalb die drei und auch ihr gemeinsamer Freund Mossy schliesslich im Gefängnis landeten.

Nur wenige Wochen vor unserer ersten Begegnung im Spätfrühling 2012 waren die vier aus dem Gefängnis freigekommen, vorzeitig, durch eine Amnestie. Nur Mossy hatte seine Strafe bereits abgesessen. Viel ist seit jenem Frühling in Burma geschehen.

Nun, im vergangenen Winter, sassen Honey Oo und ich an einem Dezembermorgen, der schon früh sehr heiss war, in einem Park mitten in Rangun am Ufer eines Tümpels mit regloser Wasseroberfläche und Lotuspflanzen an den Rändern, nur wenige Meter entfernt von dicht befahrenen Hauptstrassen. Nachdem die morgendlichen Staus sich etwas verflüssigt hatten, waren wir umgeben vom gleichmässigen Rauschen des Verkehrs und von spitzen Lauten vorwitziger tropischer Vögel, während die ganze Stadt allmählich zu schwitzen begann und die Fussgänger ihre Regenschirme aufspannten, damit die Sonne sie nicht direkt traf. Zum Frühstück assen Honey Oo und ich in einem der Pavillons im Park Fischsuppe mit Nudeln und tranken dicken, zuckrigen Milchtee. Es war ein sehr langes Gespräch, und jede Minute wurde es heisser.

Honey Oo war jetzt 32 Jahre alt, Mutter eines kleinen Sohnes und schwanger mit dem zweiten Kind, eine junge Frau mit ernstem Ausdruck und leichten Schatten um die Augen, einem noch kaum sichtbaren Bäuchlein sowie einem Diplom in Völkerrecht. Letzteres konnte sie nun endlich doch noch erwerben, nachdem sie, 2007, erst 20 Jahre alt und auf alles vorbereitet von ihrem Vater, zum ersten Mal im Gefängnis gelandet war. 2015, mit 27, geriet sie erneut in Haft, beide Male hatte es nicht anders kommen können. Seit 2016 ist sie frei. Zumindest bis auf weiteres.

Beim ersten Mal hatte man sie verurteilt zu neuneinhalb Jahren Gefängnis, ein Küken noch, mit grossen braunen Augen, das die mit ihr einsitzenden Drogenverkäuferinnen und Menschenhändlerinnen sofort zu bemuttern anfingen, was die Gefängniswärterinnen mit grösstem Argwohn beobachteten. Denn das Küken, das war den Wärterinnen schnell klar, hatte trotz zarter Jugend die Entschlossenheit einer Löwin im Kampf um alles oder nichts und würde die Mitinsassen aufwiegeln und ihnen viel zu viel erzählen von ihren sogenannten Rechten. Nicht auszudenken, was die Drogenverkäuferinnen und Menschenhändlerinnen dann für Forderungen stellen würden: Sauberes Wasser, besseres Essen, lauter solche Sachen, und bald sorgte die Gefängnisleitung dafür, dass das Küken Honey Oo ihren Mitinsassen nicht mehr zu nahe kam.

Schliesslich war Honey Oo, was übrigens so viel wie Erster Honig bedeutet, zwar noch kaum erwachsen, aber dennoch bereits eine Politische. Sie war nicht nur Mitgründerin des illegalen Studentenverbandes, sondern sie hatte auch gemeinsam mit anderen verbotenerweise Bücher und Texte über die Menschenrechte gelesen und diskutiert. Deshalb war Honey Oo verurteilt worden wegen Verschwörung und Verunglimpfung des Staates. Eines Staates der Generäle. Die ihre Gegner jahrzehntelang gefoltert, in Gefängnisse gesteckt, umgebracht und auf alle geschossen haben, die dennoch den Aufstand wagten.

So war Honey Oo im Gefängnis meistens allein. Für Tage, für Wochen, für Jahre. Sie war allein, für eine Zeit, die nicht ihr gehörte, sondern bestimmt wurde von denen, die die Macht über sie hatten. Zumindest über ihren Körper, der hungerte und fror und dessen Magen dauerhaft revoltierte. Indessen wusch sie ihre Wäsche, las Bücher, versuchte sich zu bilden und sass da und meditierte, denn anders hätte sie das alles nicht ausgehalten. Ein Mädchen, das lieber Spass mit ihren Freundinnen gehabt hätte. Sie war allein in der Kälte des Gefängnisses der Stadt Lashio in den Bergen im Shan State, ganz oben im Nordosten, über 1000 Kilometer entfernt von ihrem Elternhaus in Rangun.

Doch einmal im Monat kam, für 30, maximal 45 Minuten, Honey Oos Vater. Um ihr Mut zu machen, sagte er immer wieder, dass sie das Richtige getan hatte, auch wenn sich ihre Gefühle und Gedanken gar nicht mehr aufhellen wollten vor Einsamkeit und Isolation. Der Vater, ein Rechtsanwalt, war zuvor ebenfalls insgesamt 15 Jahre als politischer Gefangener in Haft gewesen, er wusste, wie das Leben dort war. Die Verhaftung, die Verhöre, der Alltag nach der Verurteilung, über alles hatte er mit seiner Tochter schon lange zuvor gesprochen, und deshalb hatte sie genau gewusst, was sie erwartete. Sie würden ihr die Augen verbinden, ihr ins Gesicht schlagen, sie beschimpfen. Sie würden ihr immer wieder dieselben Fragen stellen. Wo sie wann war. Mit wem und warum. Wer wen unterstützte. Sie würden sie nicht schlafen und sie sich nicht waschen lassen, und später würde sie nicht genug zu essen bekommen, keine Briefe schreiben und empfangen können. Die Wärterinnen würden sie beschimpfen, und die Zeit würde sich ins Unerträgliche dehnen.

Dennoch hatte Honey Oo keine Sekunde gezögert bei dem, was zu tun sie für das Richtige hielt. Nicht damals, nicht später.

 

Was genau einst geschehen ist, hörte ich jetzt, im Winter 2019, zum ersten Mal, denn bei unserem ersten Treffen im Frühling 2012 hatten wir nur wenig Zeit. Aber am nächsten Tag, als wir uns erneut treffen in dieser Stadt voller goldener Pagoden und Häuser, die fast schwarz sind vom tropischen Schimmel, sagte Honey Oo, sie habe nach unserem Gespräch geweint.

Oh weh, Honey Oo, habe ich etwas Falsches gefragt? War das alles zu viel? 

Nein, nein, es ist gut, zu erzählen, und ich habe geweint vor Glück.

Die Jahre in der Haft – soll das ein Glück gewesen sein?

Der Vater, der mich immer unterstützt hat, das war doch wunderbar.

Wer würde es schon schaffen, dachte ich, die lange Zeit in einem burmesischen Gefängnis nur im Entferntesten mit Glück in Verbindung zu bringen?

Und jetzt, was ist jetzt, Honey Oo? Hat sich das alles gelohnt?

Immerhin ist die Militärdiktatur seit 2016 zu Ende, Regierungschefin ist nun Aung San Suu Kyi, genannt Daw Suu, die hohe Frau Suu, oder auch «die Lady». Die Blumen im Haar der Friedensnobelpreisträgerin hatten die ganze Welt bezaubert, und ihren Mut, trotz immerhin 15 Jahren im Hausarrest den Generälen stets widerstanden zu haben, hatten alle bewundert. Zumindest bis vor kurzem. Burma nennt sie noch immer Mutter Suu.

Im Frühjahr 2012, als ich die vier jungen Leute das erste Mal traf, sassen wir alle zusammen an einem Sonntagnachmittag in einem Café in Rangun. Die vier bestellten Milchshakes und Gebäck, und dann erzählten sie, die Köpfe nahe beieinander, ernsthaft und konzentriert, das schrieb ich damals nach unserer Begegnung. Ab und zu, so schrieb ich weiter, fingen alle an zu kichern, die Jungen bogen sich vor Lachen, die Mädchen umarmten einander in freundschaftlicher Zärtlichkeit. Ein Bild, das nicht zu den Erfahrungen passen wollte, von denen die jungen Leute berichteten. Gerade erst waren sie aus dem Gefängnis entlassen worden.

Tausende von Aktivisten hatten die Generäle während der 50 Jahre ihrer Herrschaft inhaftiert, nachdem sie sich 1962 an die Macht geputscht hatten. Die Lebensalter der Regimegegner wiederum zählen nach Aufständen. 88-Generation heissen die, die 1988 mitmarschiert sind, dann kamen der Aufstand von 1990, die kleineren Studentenrevolten von 1996, 1998, 2003 und schliesslich der grosse Aufstand von 2007, als mit den Studenten auch die buddhistischen Mönche in ihren safranfarbenen Roben auf die Strassen gingen, weshalb schnell von der Safran-Revolution die Rede war.

Oft landete eine Generation nach der anderen im Gefängnis. Erst die Grosseltern, dann Vater, Mutter, Tante, Onkel und schliesslich auch die Enkel, Töchter, Söhne, Nichten, Neffen. Der Kampf gegen die Generäle wurde zu einer Art Familienangelegenheit, nach und nach entstanden ganze Dynastien von politischen Gefangenen. Sie waren eine winzige Minderheit im Land. Aber sie waren die Mutigsten.

Die Jungen sahen aus nächster Nähe, was das Regime mit den Älteren anrichtete. Von ihnen lernten sie, was Verantwortung ist und was Menschenrechte sind, wer kannte ausserhalb dieser Familien auch nur diese Begriffe? Sie wuchsen auf in einer Art Parallelwelt der Geradlinigkeit, der Opferbereitschaft, der verbotenen Bücher und des kritischen Denkens, und die Familie gab ihnen Schutz und innerlichen Halt. Viele heirateten Söhne oder Töchter aus anderen Familien von Aktivisten.

Phyoe Phyoe Aung, die Grosszügige und Erfolgreiche, ist inzwischen 31 Jahre alt. Geboren wurde sie im Jahr des Aufstands von 1988, kurz bevor ihr Vater für 16 Jahre im Gefängnis verschwand. Er hatte, so wie auch der Vater von Honey Oo, der Untergrundbewegung der Kommunistischen Partei angehört, die einst den bewaffneten Kampf gegen die britische Kolonialmacht und später einen regelrechten Krieg gegen das Militärregime führte. Als Phyoe Phyoe Aung ein kleines Mädchen war, erzählte ihr die Mutter, dass ihr Vater ein sehr guter Mensch sei, und klein, wie sie war, schloss die Tochter daraus, dass dann ja wohl denen, die ihn inhaftiert hatten, nicht zu trauen sein konnte. So einfach war das, und so begann das alles auch für sie.

2007 war die Geheimpolizei dann auch ihr auf den Fersen, sie war jetzt 19 Jahre alt und Studentin des Hoch- und Tiefbauwesens. Und sie hatte nicht nur den illegalen Studentenverband mitgegründet, sondern während der Safran-Revolution auch Flugblätter verteilt und ausländischen Medien Interviews gegeben. Deshalb blieb ihr nun nur der Untergrund – und nach einer Weile leistete der Vater ihr in ihrem Versteck Gesellschaft, damit sie nicht so einsam war. Acht Monate sassen Tochter und Vater allein in der leeren Wohnung von Verwandten.

Bis sie gemeinsam verhaftet wurden. Nachdem sie Opfern des Zyklons «Nargis» geholfen hatten, der Anfang Mai 2008 unter anderem das Delta des Flusses Irrawaddy verwüstet hatte. Häuser, Bäume, alles weg. Hungernde und obdachlose Überlebende. Tote überall. Phyoe Phyoe Aung hatte es nicht mehr ausgehalten, tatenlos herumzusitzen in ihrem Versteck, und obwohl das Risiko hinauszugehen enorm war, hatten sie und ihr Vater sich mit einem Freiwilligentrupp von anderen Aktivisten aufgemacht, um im Katastrophengebiet Leichen zu begraben. Noch Wochen nach dem Sturm lagen überall vom Salzwasser ausgetrocknete tote Körper in der Sonne. Nur Haut und Knochen, überall herrschte entsetzlicher Gestank. Die Freiwilligen zitterten. Niemand konnte essen.

Ein 20-jähriges Mädchen, das Leichen begräbt? Wie konntest du das ertragen?

Gerade weil alles so schrecklich war, musste ich etwas tun! Ich wollte Leichensäcke tragen, ich wollte körperlich arbeiten, ich hatte so viel Energie. Aber den Gestank hatte ich noch im Gefängnis in der Nase, zwei, drei Monate lang. Jedenfalls eine interessante Erfahrung.

Alles, was Phyoe Phyoe Aung je geschehen ist, bezeichnete sie jetzt, in diesem Winter in Rangun, als interessante, als überraschende Erfahrung. Selbst die schrecklichsten Erlebnisse schilderte sie so leidenschaftlich und mit anhaltendem Erstaunen, als sollte die Zuhörerin sie darum beneiden.

Verhaftung auf dem Rückweg vom Katastrophengebiet. Polizeisperre. Personenkontrolle. Da Phyoe Phyoe Aung auf der Fahndungsliste stand, machten sich auch ihr Vater sowie alle anderen schuldig, die mit ihr unterwegs waren.

 

So landete auch Mossy, der dünne Junge, heute 30 Jahre alt, im Gefängnis. 19 Jahre alt war er damals, hatte kaum Ahnung von Politik, und weil er sich selbst einen Angsthasen nannte, hatte er die Protestmärsche während der Safran-Revolution höchstens vom Fenster aus beobachtet.

Also warum bist du mitgegangen?

Phyoe Phyoe Aung war meine Studienfreundin. Ich konnte sie doch nicht im Stich lassen, nur weil ich Angst hatte.

Deshalb kam Mossy mit ins Irrawaddy-Delta, auch wenn seine Furcht beinahe übermächtig war, und auch er bestattete Leichen, und schliesslich ging er mit Phyoe Phyoe Aung ins Gefängnis. Alles aus Freundschaft. Erst das Gefängnis machte dann auch aus ihm einen Aktivisten, und nach seiner Freilassung engagierte auch er sich im Studentenverband.

Hast du das alles bereut?

Nein. Im Gefängnis bin ich erwachsen geworden, es waren dort eine Menge interessanter Politiker, die erzählten, was sie erlebt hatten. Nur meine Schwester war mächtig sauer auf Phyoe Phyoe Aung, dass sie mich mitgeschleppt hat ins Irrawaddy-Delta.

Phyoe Phyoe Aung bekam fünf Jahre, ihr Vater und Mossy bekamen zwei.

Honey Oo war zu dieser Zeit schon im Gefängnis, ebenso wie Kyaw Ko Ko, der mitreissende Redner und Vorsitzende des illegalen Studentenverbandes. Inzwischen ist er 37 Jahre alt.

Vor seiner Verhaftung war Kyaw Ko Ko fünf Monate auf der Flucht gewesen. Auch seine Familie hatte am Aufstand von 1988 teilgenommen, und mit sechs oder sieben Jahren hatte er gesehen, wie vor seinem Elternhaus ein Demonstrant erschossen worden war. Als er dann kurz vor seinem Examen in Wirtschaftswissenschaften stand, hatten bei einem Treffen mit anderen plötzlich 15 Geheimpolizisten das Haus gestürmt, trotzdem war es ihm gelungen, zu entkommen. Er versteckte sich bei Fremden, bei Freunden, in der Stadt, in einem kleinen Dorf ausserhalb und eine Weile auch in einem Wassertank, und manchmal bekam er ein wenig Geld von Leuten, die er nicht einmal kannte. Schliesslich erwischten sie ihn im März 2008 im Haus eines anderen Aktivisten, der schon vorher verhaftet worden war und unter Folter Kyaw Ko Kos Aufenthaltsort verraten hatte. Um Mitternacht stürmten 40 Leute das Versteck – das Regime musste Kyaw Ko Ko und seine Ideen für äusserst gefährlich gehalten haben. Er war damals 26 Jahre alt.

Eine Woche Verhör. Verbundene Augen. Schlafentzug. Drohungen, seiner Familie zu schaden, Stiefeltritte, Schläge mit Schlagringen ins Gesicht, gebrochene Nase, Knien auf Scherben, wenig Wasser, harter Reis. Das Urteil lautete drei Jahre Haft wegen Besitzes und Verbreitung illegaler Videos, in denen es um Informationen zum Wesen der Demokratie sowie zur Brutalität des burmesischen Militärs ging, weshalb auch das Verbrechen der Diffamierung der Regierung hinzukam. Später bekam er weitere fünf Jahre wegen Gründung und Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation. Machte insgesamt acht.

        

Aber in jenem Frühling 2012, als wir uns im Café zum ersten Mal trafen, war plötzlich alles anders. Das Land, das die Generäle in Myanmar umbenannt hatten, während die Opposition schon deshalb weiterhin Burma sagte, ächzte unter den seit Jahrzehnten von der internationalen Gemeinschaft verhängten Handelsblockaden, und das Militär hatte beschlossen, zumindest dem Anschein nach einige Freiheiten zu gewähren. Schon weil auch die Getreuen der Generäle, die sogenannten cronies, endlich wieder weltweit Geschäfte machen wollten. Im Jahr zuvor hatte das Regime erstmals einen zivilen Präsidenten eingesetzt, und im April 2012 gestattete es Nachwahlen und den Einzug einer Handvoll Oppositioneller ins Parlament und mit ihnen auch Aung San Suu Kyi, überdies wurden 3000 Gefangene amnestiert, unter ihnen viele politische. So kamen auch Honey Oo, Phyoe Phyoe Aung und Kyaw Ko Ko vorzeitig frei.

Die Welt war entzückt, hob die Sanktionen auf, schickte Touristen und Reporterinnen wie mich ins Land der tausend goldenen Pagoden. Schreib auf, wie wunderbar die neue Freiheit ist!, rief mein Chefredakteur. Endlich einmal wieder ein Land, das zur Demokratie gefunden hat! Und noch dazu ein so schönes!

Nur dass die Lage, abgesehen vom Glanz der Pagoden und den Blumen im Haar von Aung San Suu Kyi, so wunderbar nicht war. Die burmesischen Demokraten waren ausser Landes oder hatten jahre- oder gar jahrzehntelang im Gefängnis gesessen, jetzt waren die meisten von ihnen beschädigt an Körper und Geist und wussten kaum, wie ihnen geschah. Ansonsten beherrschten die cronies der Generäle die Wirtschaft, überall fehlte es an sauberem Trinkwasser, die Hälfte der Bevölkerung hatte keinen elektrischen Strom, es gab Unterernährung und nur eine katastrophale Gesundheitsversorgung.

Gegen die Verhältnisse in den Textilfabriken galt Bangladesh als Arbeiterparadies, und in den Gebieten der ethnischen Minderheiten an den Rändern des Landes führten die Rebellenarmeen seit Jahrzehnten Krieg gegen den burmesischen Staat, der den Minderheiten seine Rechte vorenthielt und schwerste Menschenrechtsverletzungen an ihnen beging.

Für die jungen Leute im Café gab es im Frühling 2012 jedoch kein Halten mehr.

Sie waren jung, und sie fühlten sich unzerstörbar. Gerade weil sie so lange im Gefängnis gesessen hatten. Sei ihnen doch egal, wer das Land regiert, sagten sie. Schreib unsere Namen, es muss jetzt Schluss sein mit der Heimlichtuerei! Und natürlich wollten sie sofort wieder loslegen. Die von ihnen erneut gegründete All Burma Federation of Students brauchte Strukturen im ganzen Land. Vor allem war da aber die Verfassung. 2008 hatten die Generäle darin festgeschrieben, dass ein Viertel der Sitze im Parlament dem Militär vorbehalten sein sollte.

Das geht doch nicht!, riefen die vier Aktivisten. Diese Verfassung muss schleunigst weg! 

Dann löffelten sie den Rest ihrer Milchshakes aus. Sie mussten dringend wieder los.

 

Später, im Jahr 2015, fand ich den Namen von Honey Oo auf den Seiten von Human Rights Watch wieder und die von Phyoe Phyoe Aung und Kyaw Ko Ko auf dem Portal von Amnesty International. Sie sassen abermals im Gefängnis. Wieder erwarteten sie lange Haftstrafen.

Ausserdem fand ich ein ganz kurz vor ihrer Verhaftung aufgenommenes Foto von Phyoe Phyoe Aung in einem sehr schönen dunkelroten Kleid – im Arm des ehemaligen US-Präsidenten George W.  Bush. Dazu das Faksimile eines Briefes: Laura and I wanted to send you a note of encouragement. You are in our thoughts and in our prayers during this very difficult time. We admire your courage and your passion for bringing about a transparent and accountable education system in Burma und so weiter und so weiter. Sincerely, George W.   Bush. Schliesslich hatte es Phyoe Phyoe Aung zusammen mit anderen burmesischen Aktivisten als Stipendiatin des «Liberty and Leadership»-Programms des Bush Center inzwischen bis nach Dallas, Texas, und nach Washington D.C. geschafft. Half ihr, dachte ich, in diesem Moment aber sicher nichts. Immerhin bekam sie im Gefängnis Post, sogar aus Amerika.

Dass sie sich wieder in Haft befand, war so gekommen: Im März 2015 hatten Phyoe Phyoe Aung und die anderen einen Protestmarsch organisiert, bei dem es um ein neues Bildungsgesetz ging, das die Universitäten unter der Kontrolle der Regierung halten sollte und Studenten- und Lehrervereinigungen weiterhin verbot. Seit Monaten gab es Proteste dagegen, und jetzt versammelten sich etwa 200 Leute in der nördlich von Rangung gelegenen Kleinstadt Letpadan – und sofort kam die Polizei, knüppelte alle nieder und nahm 127 Personen fest.

Für Honey Oo, Phyoe Phyoe Aung und später auch für Kyaw Ko Ko folgten Verhöre, Schlafentzug, das Übliche. Dann dreizehn beziehungsweise sieben Monate ohne Anklage in Haft. Es drohten ihnen Gefängnisstrafen von bis zu neun Jahren. Nur dass Phyoe Phyoe Aung jetzt begleitet wurde von George W. Bushs Gebeten. So schön war die Freiheit.

Anfang 2016 wurden die drei dann doch freigelassen. Denn wieder war alles anders. Jedenfalls hatte es inzwischen Wahlen gegeben, und Aung San Suu Kyi verkündete eine Amnestie. Neuerdings stellten sie und ihre Partei die Regierung.

 

Als ich nun im Winter 2019 wieder in Rangun angekommen war, hatte ich Aung San Suu Kyi gleich, nachdem ich den Flughafen verlassen hatte, am Fahrbahnrand von einer riesigen Videowand in den Strassenverkehr lächeln gesehen. Auch wenn ihr Ruf vor allem im Ausland inzwischen schwer gelitten und sie eine ganze Reihe von Menschenrechtspreisen und Ehrentiteln wieder verloren hatte.

Vor allem, weil sie tatenlos zugesehen hatte, wie ab 2016 Hunderttausende Rohingya, Angehörige einer muslimischen Minderheit, die seit Generationen im Rakhine State im Nordwesten des Landes ansässig ist, vom burmesischen Militär unterdrückt, vertrieben, ermordet und ihre Dörfer zerstört wurden, laut den Vereinten Nationen ein Völkermord.

Aung San Suu Kyi, die Mutter, die Retterin. Aung San Suu Kyi, die Komplizin der Generäle. Das, so sagten viele derer, die einst alles riskiert hatten, sei nun aus ihr geworden.

Die meisten anderen sagten lieber gar nichts. Sie hielten zu Mutter Suu, egal wie. Es sind ja jetzt die Guten an der Macht, und sie haben fast so wenig Opposition wie damals die Generäle. Denn jede Kritik spiele dem Militär in die Hände, das nur auf eine Gelegenheit warte, Aung San Suu Kyi wieder loszuwerden. Schliesslich hat das Militär nach wie vor die Waffen in der Hand, dazu riesige Besitztümer unter anderem in Form von Ländereien und Fabriken, und es hält das Verteidigungsministerium, das Innenministerium sowie die von der Verfassung garantierten 25 Prozent der Sitze im Parlament.

Wirklich eine traurige Geschichte, wie sich das alles entwickelt hat, sagte Mossy, der Jüngste der vier, der noch immer dünn war wie ein Faden. Nur sein Gesicht war etwas kantiger geworden.

Es war Sonntagmorgen, und wir hatten uns in einem auf frostig heruntergekühlten Coffeeshop in einer der schicksten Shopping-Malls der Stadt verabredet. Die Angestellten des fast leeren Ladens hatten die Musik aufgedreht, weil das hier Vorschrift war, wie sie sagten. Hinter einer Glaswand vor der Rolltreppe in den ersten Stock drehte ein Kleinkind seine Runden in einem roten Elektroauto, verfolgt von den Telefonkameras der Familie. Sollte keiner behaupten, es habe keinen Fortschritt gegeben, seit ich das letzte Mal hier war.

Fortschritt? Schöner Fortschritt!, rief Mossy, vor der Stadt fahren sie nach wie vor mit Ochsenkarren durch die Gegend, und fotografiert werden sie höchstens von Touristen.

Mossy arbeitete inzwischen für ein zivilgesellschaftliches Netzwerk, das die Folgen vor allem von Bergbauprojekten im Land untersuchte. Weil Sonntag war, trug er den traditionellen knöchellangen Wickelrock, der ihn noch dünner aussehen liess. Später machte auch ich ein Foto, und zwar von ihm.

Du bist die schlechteste Fotografin, die ich kenne! Ich sehe ja uralt aus!

Uralt? Du bist gerade 30!

Aber in gewisser Weise hatte Mossy inzwischen tatsächlich etwas von einem Veteranen. Seine Kämpfe schienen fast schon einer anderen Epoche anzugehören. Wie kurz die Zeit des Aufbruchs für ihn und die anderen gewesen ist, dachte ich. So viel kürzer als ihre Zeit im Gefängnis. Vom politischen Aktivismus hatte sich Mossy vorerst verabschiedet.

Später vielleicht wieder. Im Moment fühle ich mich dazu zu schwach.

Wann später? Was muss geschehen?

Ich weiss es nicht. Als du zum ersten Mal hier warst, hatten wir so viele Hoffnungen. Inzwischen habe ich schon gar keine Lust mehr, über die Zukunft nachzudenken.

Nichts, sagte Mossy, tue sich hier. Alles wie gelähmt. Alle Bewegungen sind auseinandergelaufen, die gesamte Gesellschaft hat sich innerhalb kürzester Zeit völlig entpolitisiert. Und Daw Suu ist ein Beispiel dafür, wie Macht Menschen korrumpieren kann.

 

Selbstverständlich redeten wir noch lange über all die Ernüchterungen, die die Aktivisten von damals, die Mutigsten aller Zeitgenossen, inzwischen erlebt hatten. Und es war ja nicht nur Mossy, der enttäuscht war. Nach und nach entfaltete sich in diesen heissen Dezembertagen vor mir eine lange Liste der Traurigkeiten und Enttäuschungen, und bei jedem Gespräch mit einer der Personen, die einst alles gewagt hatten, wurde sie länger. Noch immer war die Freiheit alles andere als schön. Sie war noch nicht einmal besonders frei.

Ich solle nicht vergessen, dass nach wie vor überall Krieg ist, nicht nur im Rakhine State, sondern auch in den anderen Gebieten der ethnischen Minderheiten, stand nun auf dieser Liste. Oder dass die Universitäten und die Studentenvereinigungen noch immer der Regierung unterstellt sind. Wo man hinschaue Landraub und vertriebene Bauern, vor allem durch den neuen chinesischen Kolonialismus. Schreckliche Bedingungen in den Textilfabriken. Raubbau an der Natur, etwa beim Kohle- und Kupferbergbau, der sogar noch intensiviert werden solle. Die Lady, die auf niemanden höre und sich selbst für eine allseits geliebte Heilige halte. Ihre Partei, die keine Visionen für die Zukunft habe, alle, die etwas zu sagen haben, sind weit über 70 Jahre alt, und sie hassen die ehemaligen Anführer der Studenten. Interessiert hier aber alles niemanden mehr. Schreibst du das denn alles auf? Das hörte ich immer wieder.

Vor allem aber die immer weiter eingeschränkte Redefreiheit. Das ist das Schlimmste, rief Honey Oo eines Nachmittags, wieder sind Leute im Gefängnis, weil sie das Falsche gesagt haben!

Ich weiss, ich habe davon gehört.

Seit ein paar Monaten sass etwa ein berühmter Filmemacher in Haft, weil er das Militär kritisiert hatte, gerade erst waren sechs Mitglieder einer Theatergruppe zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, die über das Militär Spässe gemacht hatten. Und in diesen Tagen hatte ich unter anderem einen Mönch getroffen, der nicht im Allergeringsten daran zweifelte, dass das Militär ihn längst wieder im Visier hatte. Seit 1988 war der Mönch insgesamt 16 Jahre im Gefängnis gewesen, inzwischen war er 51 Jahre alt und lebte wieder in seinem schmucklosen Kloster an einer lauten Hauptstrasse am Stadtrand von Rangun. Das Militär wisse, so sagte der Mönch, dass er nicht der Meinung sei, Beten reiche. Und er werde alles tun, um die Verfassung aus der Zeit der Diktatur loszuwerden, die dem Militär die Macht gebe, die Leute zu kontrollieren. Dafür würde er sich jederzeit wieder verhaften lassen.

Und du, Honey Oo, würdest auch du wieder ins Gefängnis gehen?

Honey Oo hatte inzwischen geheiratet, einen anderen ehemaligen politischen Gefangenen. Das Diplom in Völkerrecht hatte sie 2017 erworben, 2018 bekam sie das erste Kind, bald würde das zweite geboren werden. Derweilen wartete sie nun auf eine Lizenz als Rechtsanwältin, um, nach ihren eigenen Jahren im Gefängnis, nicht zuletzt für eine Strafrechtsreform kämpfen zu können. Im Moment versuchte sie, zusammen mit einer Nichtregierungsorganisation, herauszufinden, was oben im Rakhine State, dem Schauplatz des Völkermords an den Rohingya, jenseits von Propagandalügen wirklich geschehen war.

Noch einmal ins Gefängnis? Ich habe ja jetzt eine Familie, um die ich mich kümmern muss. Aber wer weiss, was wir noch tun müssen, für die nächste Generation.

 

Kyaw Ko Ko indessen, der berühmte junge Mann, war jetzt schon wieder mit einem Bein im Arrest. Ihn zu finden, war deshalb kein leichtes Unterfangen. Keine Ahnung, wo er ist, sagten die anderen. Wenn er abgetaucht ist, benutzt er viele verschiedene Namen und schläft mal hier und mal dort.

Mossy schaffte es dann doch, ihn zu kontaktieren.

Ach ja, sagte Kyaw Ko Ko, als wir uns doch noch trafen, irgendwo, an einem Ort, wo niemand ihn erwartete, es gibt ein paar Anklagen gegen mich, ich kann jederzeit festgenommen werden. Die Wahlen im Herbst 2020 kommen näher, und womöglich werden Leute, die wie wir zum Boykott aufrufen, verhaftet.

Kyaw Ko Ko hatte beschlossen einfach weiterzukämpfen. An der Seite von Bauern, deren Land konfisziert wird, von Arbeitern, die auf Geheiss von Fabrikbesitzern krankenhausreif geknüppelt werden, von Dorfbewohnern, die ihre Lebensgrundlage gefährdet sehen – vor allem durch chinesische Grossprojekte. Als Beispiel erzählte Kyaw Ko Ko vom Bau zweier chinesischer Tiefseehäfen in den Gebieten ethnischer Minderheiten, ferner von einer chinesischen Eisenbahnlinie samt Freihandelskorridor quer durchs Land sowie von einer hochgradig gesundheitsgefährdenden chinesischen Zementfabrik, wobei einige Dorfbewohner, die dagegen protestierten, zu über einem Jahr schwerer Arbeit verurteilt worden waren.

Deshalb organisierte Kyaw Ko Ko nun zu Landraub und zu Menschenrechtsverletztungen Untersuchungen und Protestversammlungen, genehmigte und notfalls nicht genehmigte. Denn es musste weitergehen, immer weiter, auf diesem sehr langen Weg zur Gerechtigkeit, an die der berühmte, nun schon nicht mehr so junge Mann noch immer glaubte, auch wenn er wusste, wie gering der Rückhalt bei seinen Landsleuten inzwischen geworden war. Die Social Democratic United Front, die Kyaw Ko Ko mitgegründet hatte, eine Vereinigung von Aktivisten, die vor allem für die Abschaffung der Militärverfassung kämpfen, hatte bisher nur etwas mehr als zwei Dutzend Mitglieder.

Opfer? Ach was, ich habe doch keine Opfer gebracht. Was habe ich denn verloren?

Die Jahre im Gefängnis? Die Monate auf der Flucht? Die Schläge ins Gesicht? Die gebrochene Nase? Das Knien auf Scherben?

Ach, so schlimm war das auch wieder nicht.

 

Ein paar Tage später besuchte ich das Büro von Phyoe Phyoe Aung, der Grosszügigen und Erfolgreichen, die Texas kennengelernt hat, Washington D.C. und später auch Kalifornien. Wir sassen in einem Raum voller angeschlagener Tische, wackliger Stühle und unordentlicher Stapel von Papieren, in einem dieser von der tropischen Feuchtigkeit schimmelig gewordenen Wohnhäuser im Zentrum von Rangun. The Wings Institute. Gegründet von Phyoe Phyoe Aung, zusammen mit ein paar anderen Aktivisten, sowie ihrem Mann, der ebenfalls im Gefängnis gewesen war und der noch immer den Decknamen James trug. Ähnlich wie Kyaw Ko Ko hatte auch James jetzt wieder verschiedene Anklagen am Hals.

Die Ethnien versöhnen, und zwar von unten!, rief Phyoe Phyoe Aung, wir dachten, wir fangen einfach einmal an! Zumal wir ein wenig Geld haben, von Gebern aus den USA und aus Norwegen.

Kleine Gruppen von jungen Leuten unterschiedlicher Herkunft zusammenbringen. Exkursionen in die ethnischen Gebiete. Workshops zu Menschenrechten. Erinnerungen und Erfahrungen austauschen. Lernen, einander zu vertrauen. Das, sagte Phyoe Phyoe Aung, sind schon einmal erste Schritte, oder nicht? Überdies hätten sie ihr in Texas beigebracht, wie Leadership funktioniert, und jetzt führe sie eben diese Organisation.

Ich lachte. Phyoe Phyoe Aung, die Grosszügige, die Erfolgreiche, die geborene Anführerin, war die Letzte, die irgendjemand Leadership lehren musste.

Und warum führst du nicht eine Partei?  

Später gingen wir zusammen zur Bushaltestelle entlang einer Hauptstrasse, über der, gestützt von massiven Betonpfeilern, etliche weitere Fahrbahnen verliefen. Die kurze blaue Stunde war vorüber, und die Stadt war plötzlich grau und düster und noch lauter als sonst. Wie jeden Abend war der dichte Verkehr zum Stillstand gekommen. Phyoe Phyoe Aung hatte sich untergehakt.

Ja, eine grüne Partei, das bräuchten wir. Ich denke schon lange darüber nach, eine zu gründen. Schliesslich haben wir hier die grössten Umweltprobleme, und der Partei von Daw Suu fällt dazu überhaupt nichts ein.

Also, wenn es weiter nichts ist, entgegnete ich. Ich kann dir gerne die Telefonnummer der Heinrich-Böll-Stiftung der deutschen Grünen geben, die hier ein Büro haben. Mal etwas anderes als das Bush Center in Dallas.

Sehr gute Idee! Dann können wir später sagen, dass unter diesen Betonpfeilern hier die burmesischen Grünen ihren Anfang genommen haben.

Du brauchst aber unbedingt Blumen im Haar!

Jetzt lachten wir beide. Dann stieg Phyoe Phyoe Aung in einen Bus, hinter dessen von der Feuchtigkeit beschlagenen Scheiben sich schwach die Silhouetten der Passagiere abzeichneten. Zwei Stunden Fahrt Körper an Körper für die paar Kilometer bis nach Hause im Norden dieser ausufernden Stadt.

  

Am nächsten Morgen, einem Samstag, fuhr auch ich Richtung Norden. Phyoe Phyoe Aung wollte, dass ich ihre Familie kennenlerne. Irgendwann lag ich auf einer Holzpritsche in der hintersten Ecke ihres Wohnraums mit dünnen Nadeln in den Beinen und in den Füssen, und da einige der Nadeln mit einer Stromquelle verkabelt waren, zuckten alle paar Sekunden elektrische Schläge durch meinen Körper. Ich hatte über Schmerzen in den Knien geklagt, und Phyoe Phyoe Aungs Vater mit Namen Doktor Ne Win (nicht zu verwechseln mit jenem Ne Win, der 1962 den Staatsstreich des Militärs anführte und es an die Macht brachte) sagte, er könne mir vielleicht ein wenig helfen. Während ich so dalag und er an den Reglern für die Stromschläge drehte, sprachen wir über Albert Schweitzer, Che Guevara und Bertolt Brecht, der den Text des berühmten Mandalay-Songs verfasst hatte, und Mandalay war eine der Städte, in denen der Vater im Gefängnis gesessen hatte. Vor allem ging es jedoch um den Segen des Veganismus, sein Lieblingsthema seit Jahren. Doktor Ne Win, hoch gebildet und die Sanftmut in Person, war ursprünglich Veterinär, aber während seiner insgesamt 20 Jahre in Haft wurde er nicht nur zum Veganer, sondern er hatte sich auch intensiv mit Naturheilkunde beschäftigt. Ehrenamtlich und kostenlos behandelte er nun in einer Wohlfahrtseinrichtung bedürftige Kranke mit Akupunktur. Die Familie ernähren konnte der Vater schon lange nicht mehr. Er war jetzt 59 Jahre alt, der Rücken mochte sich nicht mehr richtig aufrichten, und fast schien es, als wollte das wenige, was von seinem Körper übrig war, langsam verschwinden. Nach Jahren in Ketten und mit Eisenstangen zwischen den Füssen. Im Arbeitslager, in den Steinbrüchen, im Gefängnis.

Der Vater, die Mutter und deren Mutter lebten schon lange in diesem ärmlichen Häuschen an einer staubigen Durchgangsstrasse im Norden von Rangun, Phyoe Phyoe Aung ist hier aufgewachsen. Inzwischen wohnte auch ihr Mann mit dem Decknamen James hier und natürlich der kleine Sohn. Ein sehr, sehr bescheidener Haushalt. Zur Strasse hin hatte das Häuschen keine Wand, sondern nur ein Scherengitter über die ganze Breite. Kein Entrinnen vor Lärm, Staub und Verkehrsabgasen.

Irgendwann an diesem Samstag wurde mir endgültig klar, dass meine Frage danach, ob sich die Opfer gelohnt haben, falsch war. Die Heldinnen und die Helden, dachte ich, mochten im Moment ausser Dienst sein, vielleicht sogar für immer – wobei ich sicher war, dass Phyoe Phyoe Aung demnächst tatsächlich als Chefin einer grünen Partei von sich reden machen würde. Aber eigentlich, dachte ich, ist es fast egal, wie Heldengeschichten ausgehen, ob sie ein trauriges Ende nehmen oder ob irgendwann das, was wir das Gute nennen, triumphiert. Denn bis dahin tun die Heldinnen und die Helden, die jungen wie die alten, das, was sie so sehr für richtig halten, dass sie ohnehin nicht anders können. Und was sollte selbst das schlimmste Scheitern im Nachhinein daran ändern?

Kann man das so sagen?

Phyoe Phyoe Aung und ihr Vater, der sich einst mit der Tochter versteckt hatte, damit diese nicht so einsam war, und dann mit ihr zusammen verhaftet wurde, sassen jetzt im Halbdunkel des hereinbrechenden Abends auf einem abgenutzten Sofa, die Grossmutter auf einem Plastikstuhl daneben, weissgesichtig und fast schon durchsichtig, den Blick durch das Scherengitter auf die Strasse gerichtet, wie schon den ganzen Tag.

Der Vater tippte gebeugten Hauptes Nachrichten an seine alten Kameraden ins Telefon, eine unvollständig ausgeheilte Gefängnistuberkulose zwang ihn immer wieder zu husten. Indessen hielt Phyoe Phyoe Aung ihren Sohn in den Armen. Der Kleine lag mit geschlossenen Augen an ihrer Brust, vielleicht war er schon eingeschlafen. An der Wand über dem Sofa die Vergrösserung eines Fotos. Phyoe Phyoe Aung, umringt von über einem Dutzend Polizistinnen auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung, die mit Gewissheit in einer langen Haftstrafe enden würde. Phyoe Phyoe Aung trägt eine weisse Bluse und einen traditionellen blauen Wickelrock. Sie strahlt über das ganze Gesicht.

 


«Lost in translation»

Wo landet man, wenn man die ehemalige Hauptstadt von Birma / Burma / Myanmar mit dem Flugzeug erreicht? In Yangon? In Rangun? Für die Stadt und auch das Land nutzen die Einheimischen weiterhin unterschiedliche Namen. 1989 hatte die Militärjunta neue Namen vergeben, um die Kolonialzeit der Briten vergessen zu machen. Yangon beispielsweise bedeutet übersetzt: das Ende des Konflikts. Doch die Historie sitzt tief, und so sagen manche weiterhin Birma (deutsche Variante) oder Burma. Manche nutzen die alten Namen auch, um ihren Protest gegen die Militärs zum Ausdruck zu bringen. Welche Sprache spricht man eigentlich in Myanmar? «Myanmarisch»? Nein, man spricht Birmanisch oder Burmesisch. Und die Bewohner des Landes? Myanmarer? Man nennt sie weiterhin Burmesen. 

 

Ein unruhiges Land

Immer erhoben sich in Burma Menschen gegen die Militärregierung. Einer der grössten Volksaufstände war  8888 Uprising. Er ging am 8.8.1988 in Rangun  von Studenten aus und wurde blutig niedergeschlagen. 2007 kam es zu grossen Demonstrationen, wobei die Mönche als Anführer der Revolte eine wichtige Rolle spielten. Im Kloster von Pakokku, gut 500 Kilometer nördlich von Rangun, begann einer der ganz grossen Aufstände. In einem Land, das so sehr mit sich selbst kämpft, haben Randgruppen es schwer. Die muslimischen Rohingya leben seit fast zweihundert Jahren in Myanmar. Sie werden ausgegrenzt, diskriminiert und bekämpft. UN-Berichte belegen Säuberungsaktionen, Massaker, Morde an Zivilisten. Deswegen wurde im letzten Jahr ein Verfahren gegen Myanmar vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag eröffnet. Aung San Suu Kyi reiste persönlich nach Den Haag, um Myanmar zu verteidigen. Ein cleverer politischer Schachzug: Ende 2020 sind Wahlen in Burma.

 

Autorin

Gabriele Riedle lebt als Schriftstellerin und Reporterin in Berlin. Unterwegs ist sie am liebsten in den eher schwierigen Gebieten dieser Welt. Auch nach Burma wird sie ganz bestimmt noch einmal reisen, allein schon um zu sehen, wie sich das Leben der vier jungen Leute entwickelt haben wird. Spätestens in wiederum sieben Jahren – das hat Riedle schon fest mit ihnen verabredet. «Wer weiss, was zum Beispiel Honey Oo als Rechtsanwältin alles wird ausrichten können. Oder Phyoe Phyoe Aung, diese mutige, intelligente, entschlossene Frau. Ich bin mir fast sicher, dass sie zu denen gehören wird, die das Land in Zukunft prägen werden, spätestens wenn die Generation von Aung San Suu Kyi abgetreten ist.»

 

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