Puccini statt Pralinen

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Bäcker Dario Negrotti liebt die Oper, Judith und seine Kinder. Nur eifersüchtig ist er nie.

Erwin Koch

Bäcker Dario Negrotti liebt die Oper, Judith und seine Kinder. Nur eifersüchtig ist er nie.

Lucia liebt Edgardo und umgekehrt.

Doch Enrico, Lucias Bruder, gibt sie Arturo.

Worauf Lucia – was man zwar nicht sieht, schon gar nicht vom äussersten Platz im zweiten Rang – Arturo ersticht und, das Messer noch in der Hand, ihr Kleid voller Blut, im hellen Wahn die Hochzeit mit Edgardo besingt.

Der erfährt, dass die Liebste, vom Kummer zerstört, nach ihm ruft.

Doch zu spät.

Eine Totenglocke füllt die dämmrige Bühne des Stadttheaters Solothurn kurz vor halb elf Uhr nachts, es ist Freitag, 6. April 1979, und Edgardo folgt Lucia di Lammermoor in den Tod, stösst sich den Dolch ins gebrochene Herz: Vorhang.

Und Dario Negrotti, 4552 Derendingen SO, fünfzehnjährig, zum ersten Mal in der Oper, weiss nicht, wie ihm geschieht, seine Hände zittern, es jauchzt im Bauch. Der Bub rennt zum Fahrrad und rast nach Hause, trifft die Eltern in der Küche.

Wie war es?, fragt die Mutter.

Schöneres habe ich noch nie gehört, glüht der Bub.

Um was ging es?, fragt der Vater.

Um die Liebe und so.

Um die Liebe und so!, knurrt der Vater, Arbeiter in der Kohlehandlung seines Schwiegervaters, und trinkt das Glas leer.

Der Vater ist Italiener, Provinz Treviso, Venetien, in die Schweiz gekommen auf der Suche nach dem besseren Leben. Die Mutter, eine Einheimische, vier Kinder, hat an der Kanalgasse einen Laden und verkauft Italienisches, Mortadella, Sardellen, Oliven, Stockfisch. In Derendingen steht eine Kammgarnspinnerei, im Nachbardorf das Stahlwerk.

Dario ist ihr zweiter Sohn, im Turnverein hält er es nicht aus, in der Jungwacht nicht, der Jungwächter ist Marienritter und Christusträger, der Jungwächter liebt seine Heimat, er ist keusch an Leib und Seele.

Aber Dario singt im Schülerchor.

Er summt und singt, wenn er im Laden der Mutter Regale füllt, wenn er jätet im Garten des Grossvaters.

He, wenn du noch einmal über mein Rosenbeet springst, schmier ich dir eine.

Weil der Grossvater, Händler mit Kohle und Öl, Präsident des Fussballklubs, nicht will, dass sein Enkel, dieser Linkshänder und Träumer, die Oberschule des Dorfes besucht, die Klasse derer, die es weder in die Sekundarschule noch ans Gymnasium schaffen, befiehlt er Dario nach Solothurn ans Privatinstitut Jura, drei Jahre lang, Vater und Mutter schweigen und zahlen.

Anfang April 1979 sieht Dario Negrotti, der selten Zeitung liest, in der «Solothurner Zeitung»: Lucia di Lammermoor, Oper in drei Akten von Gaetano Donizetti.

Was ist das?, fragt er seine Mutter. Oper?

Ein Theater aus Musik.

Das möchte ich sehen.

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