Putin II.

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Für Moskaus Intellektuelle gibt es nach den Wahlen nur noch eins: fliehen und die Kinder retten.

Mikhail Shishkin

Montag

Am Abend des 25. Oktober 1917, während die Bolschewiki in Sankt Petersburg das Winterpalais stürmten, verlief das Leben im Übrigen in geregelten Bahnen. Die Theater waren offen, im Volkshaus sang Schaljapin den «Don Carlos». Unzählige Vorhänge. Merkwürdig. Haben sie von nichts gewusst, nichts verstanden, nichts gespürt?

Winter 2012. Ich fliege in meine Heimatstadt Moskau, dort ist wieder einmal Revolution. Die Blogosphäre kocht: «Putin ist ein Dieb! Putin – vor Gericht! Putin ist ein Mörder!» Doch bis zum Moskauer Flughafen Scheremetjewo dringt davon nichts durch, es herrscht «business as usual». Ein normaler Flughafen, wie überall auf der Welt. Wobei genau das ins Auge sticht, denn nur zu gut erinnere ich mich an das alte Scheremetjewo. Es war dunkel und dreckig; stundenlanges Schlangestehen vor der Passkontrolle, hochmütige Flegeleien der Zollbeamten. 

Heute wird mir an der Passkontrolle ein Lächeln geschenkt. Dafür muss man sich bedanken. In Russland ist ein Lächeln viel wert. 

Moskaus Veränderungen sind auf Schritt und Tritt spürbar. Noch vor ein paar Jahren dauerte es eine Ewigkeit, um ins Stadtzentrum zu gelangen; heute braucht man mit dem Expresszug gerade einmal eine halbe Stunde – und kann dabei sogar noch seinen Laptop aufladen. Ich halte meine Termine für die nächsten Tage fest – Treffen, Notar, Verlag, eine Theaterpremiere, weitere Treffen. 

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