Reagans Amerika

Die historische Reportage - von 1984.

V. S. Naipaul

Beim Parteitag der Republikaner begann jede Sitzung (nach der Flaggenpräsentation und dem Absingen der Nationalhymne) mit einem Bittgebet und endete mit einem Segensspruch. Jedes Mal engagierte man einen anderen Gottesmann. Den abschliessenden Segensspruch, nach der Rede, mit der Ronald Reagan die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten annahm, sprach Dr. W. A. Criswell. Criswell ist Pfarrer der First Baptist Church in Dallas und eine lokale Berühmtheit, nicht nur weil er packend predigt, sondern auch weil seine Kirche samt Nebengebäuden, alles zusammen ein riesiger Komplex im Zentrum von Dallas, heute – in Zeiten des Aufschwungs – auf einen Wert von 200 Millionen Dollar geschätzt wird. Geld wird überall verehrt, in Dallas aber ist es heilig; und Erfolg im Immobiliengeschäft gilt als Gnadengeschenk, als Lohn des Glaubens in Gottes Land. In Dallas las ich täglich einen Artikel über oder ein Interview mit Trammell Crow, dem Immobilienkönig der Stadt, der einen Grossteil der gläsernen Wolkenkratzer und Hotels gebaut hat. Immer wieder las ich, Trammell Crow besitze ein Vermögen von etwa einer Milliarde Dollar. In diese Kategorie gehörte Criswell zwar nicht, aber da er den Republikanern den Segen spendete, während Trammell Crow ihnen nur Begrüssungsworte und sein Geld zu bieten hatte, erwarb er sich mit seinem Doppelruhm eine ganz eigene Gloriole.

 

Am Sonntag nach dem Parteitag, als die meisten Delegierten und Presseleute schon abgereist waren und die Gemeinde fast wieder Dallas pur war, hielt Criswell eine Predigt über «Das Jüngste Gericht auf dem weissen Stuhl». Der Titel prangte an der Aussenmauer seines Gotteshauses aus rotem Backstein, in denselben auswechselbaren Schriftzeichen, mit denen Kinofilme oder Theaterstücke angezeigt werden. Der grosse, rechteckige und abgesehen von den farbigen Fenstern völlig schmucklose Saal war zum Bersten voll mit Menschen. Leute wie ich, die zu spät gekommen waren oder keinen reservierten Platz hatten, standen hinter den Sitzreihen. Als der Augenblick kam, wo wir alle hinknien mussten, war es mir fast nicht mehr möglich, eingeklemmt zwischen den mit gesenktem Kopf Knieenden auf dem Notizblock des Sheraton-Dallas Hotels noch etwas aufzuzeichnen. 
Der Kirchenchor war in dunkelrote Gewänder gehüllt. Criswell trug – genauso wie Mrs. Reagan bei ihrem ersten Auftritt in der Kongresshalle – Weiss oder Cremefarben, jedenfalls etwas sehr Helles. Der Farbkontrast muss die Wirkung auf dem Fernsehschirm erheblich gesteigert haben. Im Gang zwischen den Sitzreihen stand eine Kamera. Der Gottesdienst wurde live übertragen, und das Programm wies darauf hin, dass Videokassetten von der Veranstaltung beim kirchlichen Kommunikationsbüro erhältlich seien. 
Um zu seinem Thema zu kommen, wählte Criswell den Weg über die Homosexualität. Er sprach ohne Umschweife. Keine Euphemismen, keine Ironie, kein Anflug von Humor. Von Anfang bis Ende blieb er ernst. Er ging auf dem Podium hin und her, und manchmal drehte er sich (in seiner weissen Kostümierung) einen Augenblick lang zu seinem rot gewandeten Chor um. 
«Tagaus, tagein verhöhnen wir das Wort Gottes … wir gewähren Lesbierinnen und Schwulen Zutritt zu unserer Gesellschaft und Kultur … und jetzt kommt dieses verheerende Gericht über uns … diese Krankheit und Sünde namens Aids …» Aids, am ersten Sonntag nach dem Parteitag der Republikaner, und mit solcher Donnerstimme! Bedachte man es freilich genauer, dann war das Thema gar nicht so abwegig. Obgleich Criswell nicht eigens darauf insistierte, hatte die Aidserkrankung, die nur Schwule und bestimmte Schwarze traf, während sie alle Übrigen verschonte, einen sonderbar biblischen Zug. 
«Gott ist wie seine GESETZE!», fuhr Criswell in seiner Donnerrede fort. «Überall gibt es Gesetze. Gesetze des Höllenfeuers, Gesetze der Schwerkraft.» Von diesem Gedanken des Gottesgerichts und der Gesetze gelangte der Pfarrer schnurstracks zu Karl Marx. Ein Schwuler? Nur im übertragenen Sinn. Karl Marx stand in seiner Predigt für den Atheisten des neunzehnten Jahrhunderts. Criswell nannte zwar seine Lebensdaten, sagte aber wenig über seine ketzerischen Lehren: In diesem Gemeindesaal war Karl Marx lediglich ein teuflischer Name, und das reichte. Marx sei nicht tot, mahnte Criswell – oder wenigstens glaubte ich, etwas dergleichen zu hören, denn die Theologie bereitete mir Schwierigkeiten. Marx lebe noch immer; sterben werde er erst am Tag des Jüngsten Gerichts. 
«Dieser Tag steht am Ende der Zeit, der Geschichte, der Zivilisation … Das ganze Universum wird in Flammen aufgehen … Der ganze Schlund unterhalb dieser Erde wird sich in furchtbares Feuer und Wüten verwandeln, wenn der HERR diese Erde säubert und reinigt … wenn Gott mit der Welt Schluss macht.» Eine wunderbare Idee des Kosmos – wenn Gott mit der Welt Schluss macht: fast unvorstellbar. Aber noch unvorstellbarer war der Gedanke, dass viele Menschen in diesem Saal auf irgendeine Weise vor dem kosmischen Nichts bewahrt bleiben sollten; und dass die Rettung jedem offen stand. Beginnen konnte man etwa mit dem Ausfüllen der Entschlusserklärung, die im Programm lag; und ähnlich wie bei einer Frühstücksvormerkung im Hotel, wo man ein Häkchen an die gewünschte Uhrzeit macht, konnte man auf der Entschlusserklärung mit einem Häkchen die Uhrzeit des Gottesdienstes markieren, durch den man erweckt wurde. So trivial und alltäglich war die hier herrschende Vorstellung von Erlösung und Entschluss. 
Viele Menschen waren wie ich nur wegen Criswells Predigt gekommen. Also warteten wir weder den Lobgesang noch die Aufnahme neuer Gemeindemitglieder ab. 
Draussen vor dem klimatisierten Predigtsaal konnte man noch einmal die ganze Grösse des kirchlichen Immobilienbesitzes ermessen; viele der Gebäude waren nach Criswell benannt. Ausserdem wurde man – obgleich die Strasse im Schatten der Hochhäuser kühl wirkte – an die fast 38 Grad Celsius erinnert, die in Dallas herrschten. Meist war man dort, wo die Hitze nicht hindrang, und nahm sie nur als Lichtqualität oder Himmelsfarbe wahr. Aber hin und wieder stiess man in dieser Weise auf sie, in einer flüchtigen Empfindung – nicht unangenehm, weil sie mit der durchweg klimatisierten Luft kontrastierte und daran erinnerte, dass man in einer geschlossenen Blase lebte. 
In Dallas war alles klimatisiert – Hotels, Geschäfte, Wohnhäuser, Autos. Das Kongresszentrum war überklimatisiert; bei annähernd zwanzig Grad unter der Aussentemperatur herrschte eine regelrechte Kühle. Dieses klimatisierte Dallas erschien mir als erstaunliche Leistung, als Produkt einer grossen Vision und im besten und menschlichsten Sinn amerikanisch: Geld und angewandte Wissenschaft hatten an einem Ort, wo das Leben früher· bestialisch gewesen war, eine elegante Stadt geschaffen. 
Doch in dieser Stadt, die sich einer auf höchstem Stand operierenden Wissenschaft verdankte, predigte Criswell vom Höllenfeuer und genoss öffentliches Ansehen. Und die Botschaft des einwöchigen Parteitags lautete, dass dies keinerlei Widerspruch darstelle, dass in Amerikas Glauben und Frömmigkeit Raum für Amerikas Fortschritt und Erfolg sei. Karl Marx und die Homosexuellen gehörten zu den Gegnern der alten amerikanischen Frömmigkeit und konnten problemlos in einen Topf geworfen werden.

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Der von den Republikanern kultivierte Fundamentalismus reichte über die Religion hinaus. Er vereinfachte die gesamte Welt; er packte viele verschiedenartige Ängste zusammen – Studenten, Drogen, Rassen, Schwule und Russland, um nur einige zu nennen; und er offerierte die einfachste, die unbestimmteste Lösung: «Amerikanismus». Alles Praktische stand im Parteiprogramm, und dort blieb es auch, wohl verschlossen. Abgesehen von Jeanne Kirkpatricks aussenpolitischer Rede hatte es so gut wie keine rein politische Debatte gegeben. Amerikanismus, das war das Thema des Parteitags: mal im herausfordernden, mal im gefühlsseligen Ton, wie etwa in Reagans oben erwähnter Rede. Fundamentalismus galt den Republikanern – in der politischen Bedeutung, die sie ihm verliehen nicht einfach als verbissene Pflichterfüllung; nein, er war so beschwingt wie Ronald Reagan persönlich. Die Republikaner waren «für das Leben». Das hiess eigentlich – gegen die Abtreibung; aber im Laufe des Parteikongresses erhielt das Wort einen zusätzlichen, übertragenen Sinn. Für das Leben zu sein bedeutete jetzt: vital, fröhlich und optimistisch zu sein; sich abzukehren von der Düsternis und Trübsal der Gegner, die nur über Probleme und Steuern redeten. 
Nicht alle auf dem Parteitag versammelten Republikaner waren Christen. Es gab auch eine Gruppe Asiaten. In der Region um Dallas und Fort Worth sollen zwanzigtausend Inder leben; die Parteitagsbroschüre für Amerikaner asiatischer Herkunft enthielt eine hinduistische Interpretation des Amerikaner- und Republikanerseins, die ebenso viel Licht auf die Einwanderer wie auf die Gastgeber warf. 
Inder, so die Broschüre, immigrieren in die Vereinigten Staaten, um ihren Traum zu verwirklichen: in diesem Land der Chancen all ihre Potentiale auszuschöpfen. Sie kommen, weil sie nach der Erfüllung ihrer Wünsche und nach Glück streben, weil sie Ausserordentliches erreichen wollen … In den letzten Jahren sind aus den meisten Besitzern einer Greencard amerikanische Staatsbürger, vollberechtigte Teilnehmer am sozioökonomischen und politischen Geschehen geworden. Aus freien Stücken haben sie die USA gewählt: als ihr karmabhumi, als das Land des Karma oder der Tat. 
Texas, Schauplatz des Karmas – was hätte Trammell Crow wohl damit anfangen sollen? Aber eigentlich war es doch nur die hinduistische Version von Criswells Fundamentalismus, und in dieser Version liessen sich manche Dinge mit ganz neuen Augen betrachten. Die persönliche ökonomische Chance und die günstige Gelegenheit zu ergreifen: Das war hier mehr als ein politischer Akt; es war zugleich ein religiöser Akt, das Ja zum eigenen Karma. In diesem Rahmen konnte Religion, als politische Haltung begriffen, eine Form der Selbstliebe sein und Applaus ernten. 
Einer der Tausende von Reportern sagte zu mir: «Ein Parteitag ist wie ein skandinavisches Büfett.» Vieles fand ausserhalb der Kongresshalle statt. Das Pressebüro brachte täglich einen Veranstaltungskalender heraus, der auf vier Seiten etwa fünfzig Events nannte: Pressekonferenzen, Delegiertentreffen, Frühstück oder Mittagessen, Partys, Berühmtheiten oder Leute, die gerade «in» waren, wunderliche Organisationen, Interessengruppen – alle wetteiferten um unsere Aufmerksamkeit. Was zum Beispiel sollte man am ersten Vormittag tun? Gab es da nicht diese von einer Zeitschrift gesponserte Besichtigungstour durch besonders elegante Häuser der Stadt? Oder sollte man sich lieber im Kongresszentrum durch die Sicherheitskontrollen quälen, weil dort Miss Texas die Nationalhymne sang und der gestresste Trammell Crow eine Begrüssungsansprache hielt? Oder wie wär's mit etwas, das direkt in meinem Hotel stattfand: «11.00 Uhr. Pressekonferenz Richard Viguerie und Howard Phillips von der Populist Conservative Tax Coalition. Thema: ‹Sind Liberale zu weich gegenüber dem Kommunismus?› Gastredner: Eldridge Cleaver, ehemaliger Black Panther.»
 Eldridge Cleaver! Einer der Berühmtesten aus den späten sechziger Jahren: der Mann, der nach eigenem Eingeständnis weisse Frauen vergewaltigt und jahrelang im Gefangnis gesessen hatte, der Black Muslim, der 1968 Soul On Ice (Seele auf Eis) publizierte, nicht eigentlich ein Buch, sondern gesammelte Aufzeichnungen, aber ein Werk von ausserordentlicher Aggressivität, ganz dem damaligen Zeitgeist entsprechend. Als ich 1969 einige Wochen in den Vereinigten Staaten verbrachte, hiess es dort immer, eines Tages werde Cleaver in einem Schusswechsel von FBI-Beamten umgebracht werden. Doch dazu kam es nicht. Cleaver erhielt Asyl in Algerien und später in Frankreich; von Heimweh gepackt, kehrte er als wiedergeborener Christ in die Vereinigten Staaten zurück. 
In der ersten Hälfte dieses Jahres lernte ich in Paris einen Mann kennen, der in den Revolutionstagen der späten sechziger Jahre einen wichtigen Film über Cleaver gedreht hatte. Mittlerweile betrachtete der Regisseur die damalige Zeit trotz ihrer Ruhmestitel als Zeit der Verblendung. Und nun auch noch Cleaver mit seinem Auftritt in einer – wie es mir vorkam – Nebenveranstaltung des republikanischen Parteitags! Es schien, als sei er tief gesunken. Aber noch trauriger war ich, als ich bei der Ankunft im Veranstaltungsraum sah, dass nur wenige Menschen dort waren und Cleaver gar nicht im Mittelpunkt stand, sondern am äussersten rechten Ende der zweiten Reihe sass; manche der Anwesenden schienen nicht einmal zu wissen, wer er war, und die wenigen Journalisten, die Interviews machten, interessierten sich mehr für die anderen Mitglieder der Populist Conservative Tax Coalition. Da sass er nun, so normal, so ungefährdet, dieser Schwarze, dem man den tollkühnen Tod eines Revolutionärs vorausgesagt hatte. Ich kannte ihn nur von Fotos, die ihn als jüngeren Mann zeigten. Er war jetzt neunundvierzig und fast kahlköpfig; was ihm an Haaren blieb, war grau. Seine Augen und Wangenknochen hatten etwas Chinesisches, Gelassenes; er sah sehr geduldig aus. Seine Augenbrauen waren schmale, wie mit der Feder gezogene Bögen, und seine zusammengekniffenen Augen blickten ruhig. 

Der Redner, der am Pult stand, kam gerade zum Schluss seiner Erläuterungen über das Thema, wie Liberale sich gegenüber dem Kommunismus verhalten. «Sie sind nicht zu weich … Er macht sie weich.» Der da sprach, war ein grosser Mann im dunkelblauen Anzug; unterhalb der Taille ahnte man schlaffes Fleisch. Auf dem Pult stand in geprägten Buchstaben «Sheraton-Dallas Hotel & Towers» – für den Fall, dass ein Foto gemacht würde; schliesslich hatte jeder etwas zu verkaufen. Zur Rechten des Redners hing eine US-Flagge an einer senkrechten Stange; daneben stand eine tragbare Filmleinwand. 
Dann erbat der Redner einige Worte von einem Kollegen; es war ein klein gewachsener ehemaliger CIA-Mann, der mehr oder weniger wiederholte, was schon gesagt worden war. Und schliesslich auch von «Eldridge». Cleaver stand auf. Neben dem CIA-Mann war er gross. Er hatte jetzt einen Bauch, sogar einen leichten Hängebauch. Er trug ein blaues Hemd mit weissem Kragen und eine dunkelrote, sehr lange Krawatte. Dieser Hauch von Eleganz wirkte Vertrauen einflössend. 
Jemand fragte nach seinen politischen Ambitionen. Er sagte, er werde versuchen, einen Sitz im Stadtrat von Berkeley zu bekommen. Dann wurde er, wie nicht anders zu erwarten, nach seiner Einstellung zum Wohlfahrtssystem gefragt. Seine Antwort klang müde; man hatte den Eindruck, als hätte er diese Worte schon unzählige Male gesagt. «Ich bin entschieden gegen das Wohlfahrtssystem, es hat die Menschen zu abhängigen Schmarotzern des Staates gemacht … Ich will, dass die Schwarzen den Anschluss ans Wirtschaftsleben finden … Ein Wohlfahrtssystem führt nur zum Sozialismus, denn es bringt den Menschen bei, dass ihre Probleme von der Regierung gelöst werden.» 
Und das war auch schon alles. Mehr verlangte man offenbar nicht von «Eldridge», gerade mal dieses Statement zu Sozialismus und Wohlfahrtssystem. Und nur kurze Zeit später wurde die Veranstaltung für beendet erklärt. Dann bereitete man die Wiederholung vor. Wie beim Jahrmarkt wurden die Darbietungen ständig wiederholt, und in den Pausen tätigte man Geschäfte. 

Auf der Leinwand neben der Flagge begann von neuem der Film Whose Side Are You On? (Auf wessen Seite stehst du?). Er handelte von Niedergang und Chaos im Nachkriegsamerika; ein heutiger Sprecher kommentierte alte Wochenschaustreifen aus dem Jahr 1945: MacArthur, Aussenminister Shigemitsu, die Kapitulation Japans. Weit weg von der dunklen Ecke lehnte der grauhaarige Cleaver gelassen an einer Wand. Zwei oder drei Journalisten traten auf ihn zu. Aber da dieser Vorführmann so einfach gestrickt schien, stellten sie ihm nur oberflächliche Fragen, all jene, die man ihm immer schon gestellt hatte. 
Dort stand jedoch eine vielschichtige Persönlichkeit. Mit ein paar simplen Fragen am Rand einer öffentlichen Versammlung liess sich dieser Mensch nicht enträtseln. Auf die Spur kam man ihm erst bei der Lektüre seines Buches von 1968: Seele auf Eis. Und dort – in einem Buch, das anrührender und gehaltvoller war, als ich es in Erinnerung hatte – fand man den vielschichtigen Menschen: mit seinem nie nachlassenden Gefühl für Religion und seinem Interesse an Erlösung (zuerst als Katholik, dann als Black Muslim, dann als Revolutionär); mit seinem Gemeinschaftsbedürfnis, das ihn immer wieder zu einfachen Lösungen greifen liess, seinem Wissen um das eigene, veränderliche Ich und seinem politischen Scharfsinn. 
«Den Eldridge, der ins Gefängnis kam, kannte ich sehr gut, jenen Eldridge aber gibt es nicht mehr. Und der, der ich jetzt bin, ist in vieler Hinsicht ein Unbekannter für mich. Vielleicht ist es nicht einfach für dich, dies zu verstehen, aber für einen Gefängnisinsassen ist es sehr leicht, sein Selbstbewusstsein loszuwerden. Und wenn er alle Arten extremer, verworrener und wilder Veränderungen erfahren hat, ist es nur folgerichtig, dass er nicht mehr weiss, wer er ist. ( … ) In diesem Land der Dichotomien und der unvereinbaren Gegensätze hatten diejenigen, die wirklich um das Wiedererstehen schwarzer Amerikaner bemüht sind, ewig mit schwarzen Intellektuellen zu tun, die ihre eigenen Widersprüche geworden waren ( … ) In einer Hinsicht sind beide, neue Linke und neue Rechte, aus der Revolution der Neger hervorgegangen. Über dem Bürgerrechtskampf entwickelte sich ein allgemeiner nationaler Konsensus, der den Geist und den moralischen Mut hatte, die Rechtsradikalen zu verabscheuen. Dieser Konsensus, der zwischen einer gewalttätigen Nation und dem Chaos steht, ist Amerikas kostbarster Besitz. Aber da sind die, die ihn verachten. Fieberhaft hat sich die neue Rechte der Aufgabe gewidmet, diesen Konsensus zu zerfressen und zu zerstören, was durchaus eine konkrete Möglichkeit ist, da die genauen Sachverhalte und Bedingungen, durch die der Konsensus entstand, nicht länger bestehen.» Aus der «neuen Rechten» von 1968 war die neue Rechte von 1984 geworden, zu der Cleaver nun selbst gehörte. Von dieser neuen Rechten wusste ich nichts, bis ich nach Dallas kam; und was ich da erfuhr, war verwirrend. Es schien, als sei die neue Rechte nicht minder ein Geschöpf moderner Technologie als das klimatisierte Dallas; und als sei ihr Schöpfer, Richard Viguerie, ein ebenso erstaunlicher, mit einer grossen Vision ausgestatteter Texaner wie Trammell Crow. 
Viguerie verdiente Geld damit, dass er Leute anschrieb und um Spenden bat. Er hatte mehrere konservative Kunden, unter anderem: «Conservative Books for Christian Leaders», «No Amnesty for Deserters» und die «National Rifle Association» (diese Kostprobe gibt Frances FitzGerald in der New York Review vom 19. November 1981). Dann verfiel er auf die Idee, dass man all jene, die nur ein begrenztes oder gar abseitiges konservatives Projekt unterstützten, durchaus dazu bewegen könnte, noch weitere konservative Ziele zu unterstützen, was ihnen doch schliesslich zu einem umfassenderen, lohnenderen konservativen Engagement verhelfen würde. Mit Hilfe von Adresslisten, Computer und feiner Witterung spürte er das konservative Kernstück seines Landes auf, und der Computer speicherte die Namen. Und wie Erdöl, das auf Befehl aus den winzigen Poren des Felses oder gar des schweren grünen texanischen Marmors hervorschiesst, schoss nun auf Vigueries Bitten das Geld aus dem Urgestein des konservativen Amerika hervor. Er brachte mehrere Millionen Dollar zusammen. Er war ein gefragter Mann, um den Politiker werben mussten. 
Dieser Viguerie war der Star der Pressekonferenz («Sind Liberale zu weich gegenüber dem Kommunismus?») im Sheraton-Dallas. Ihn – und nicht Cleaver – wollten die Journalisten sehen und hören. Aber ich wusste nichts von seinem Ruhm. Ich kam mit nichts als meinem Cleaver-Bild im Kopf und einer Nummer des Conservative Digest vom Juni 1984. Es war Vigueries Zeitschrift. Ich fand sie inhaltslos. Sie erinnerte an ein Missionarsmagazin; endlos wiederholte sie denselben Gedanken, weswegen sie nicht nur langweilig, sondern auch peinlich war, wenn man ihr intellektuelles Niveau bedachte. In diesem Blatt schien der Name Viguerie mindestens ebenso wichtig zu sein wie die konservative Botschaft. Es war kaum möglich, dem Namen auszuweichen. Er war der des Herausgebers; die Zeitschrift wurde «publiziert von Viguerie Communications, einer Abteilung der Viguerie Company, geleitet von Generaldirektor Richard A. Viguerie». Auf der Rückseite des Titelblatts wurde, Foto inklusive, für einen «täglichen Rundfunkkommentar mit Richard A.Viguerie» geworben, und sein Name war sieben mal in der Anzeige vertreten. Im redaktionellen Teil des Blattes fand man einen zweiseitigen Artikel von Richard Viguerie und einen zweiseitigen Brief des Herausgebers Richard Viguerie, auf der letzten Umschlagseite schliesslich die Anzeige für ein Buch von Richard Viguerie, in dem er eine Revolution gegen das «elitäre Establishment» und die Geburt einer neuen «populistischen» Partei prophezeite. Laut Anzeige behandelte das Buch The Establishment vs. the PeopIe unter anderem das Thema «Wie man liberale Rhetorik mit konservativen Ideen verschmilzt». An diesem Punkt, denke ich, kam Eldridge ins Spiel.
Über fast alles, was den Parteitag betraf, konnte man eine Pressemappe mit mindestens einem fix und fertig geschriebenen Artikel bekommen: über die Mobilfunkanlagen von Southwestern Bell; über die Aktivitäten von AT&T («mehr als 100 Kilometer Kabel und mehr als 5000 Telefonapparate auf den mehr als 20 000 Quadratmetern des Kongresszentrums, um dem Kommunikations- und Informationsbedürfnis der 4470 Delegierten und ihrer Stellvertreter, der 10 000 bis 15 000 Gäste und 13 000 Journalisten zu entsprechen»); und sogar über die Firma Morrow's Nut House («seit 1866»), die den Delegierten eine «Shuttle-Mischung» aus Nüssen und Trockenobst anbot – Shuttle-Mischung, weil sie zuvor an die Astronauten des Spaceshuttle, der Raumfahre, geliefert worden war. 
Am Samstag vor der Eröffnung des Parteitags erschien niemand Geringeres als Carol Morrow, stellvertretende Direktorin von Morrow's Nut House («mit landesweit mehr als 260 Geschäften»), am Presseeingang, einen Einkaufswagen mit der Shuttle-Mischung (und den Pressemappen) vor sich herschiebend. Es war unglaublich: ein so beiläufiges Zusammentreffen mit einer so grossen Dame. Es war, als stünde man urplötzlich vor dem Besitzer von Dunkin' Donuts (sofern es einen gibt), der Probierpäckchen mit seinen Krapfen anbietet. 
Der Mann, der mir die Akkreditierungskarten gab (man sollte sie um den Hals hängen; im Kongresssaal und in den Presseräumen hatten alle irgendetwas um den Hals hängen), sagte auf meine Frage: «Oben gibt es mehr Informationsmaterial, als Sie schleppen können.» Und tatsächlich lagen im Pressebüro auf schmalen langen Tischen Tonnen von Papier: Biographien über jeden, der jemand war; Zeitungsartikel über Gott und die Welt; und von Montag an auch Kopien der noch nicht gehaltenen Parteitagsreden. Auf den Fernsehschirmen sah man, was gerade im Saal geschah: Man brauchte gar nicht wirklich dabei zu sein. Ein eifriger Reporter konnte, angesichts der fix und fertig geschriebenen Information und der vielen AT&T-Telefonapparate, seiner Zeitung den lieben langen Tag Artikel durchgeben. 

Doch weder Fotos noch Fernsehschirm vermittelten einen Eindruck von der Kongresshalle selbst. Die Dimensionen waren umwerfend. Die tief herabhängenden, kreuz und quer verstrebten Stahlträger der Decke erinnerten mich an die Eisenkonstruktionen der Londoner Bahnhöfe Paddington und Waterloo (irgendwo in Dallas wurde neben einem Highway gerade ein Nachbau des Kristallpalastes von 1851 errichtet). Aber alles war überdimensioniert: Ich hatte kein Gefühl für die Grösse mehr. 
Die Gestalt auf dem Rednerpodium war klein. Doch oberhalb des Podiums an der Rückwand des Saals hing eine grosse Leinwand; auf ihr sah man ein partielles, knapp unter den Schultern abgeschittenes Bild der Gestalt auf dem Podium, um ein Vielfaches grösser als die Wirklichkeit. Kleinere Bildschirme, die an den Deckenträgern hingen, zeigten immer wieder dieselbe Gestalt; Lautsprecher verstärkten die Stimme. Wer den Saal zum ersten Mal betrat, spürte, wie sein Wirklichkeitsgefühl durcheinander geriet; er stand mitten in einem Geschehen, das sich selbst kopierte, vergrösserte und mit Wichtigkeit auflud: als sei hier die Zeit, der flüchtige Augenblick, dehnbar geworden. 
Das Bittgebet wurde von einem Rabbi gesprochen; und die Frömmigkeit schien untadelig. Über der Veranstaltung mit ihrer Vergrösserung des Menschen lag etwas wie Religion. Religion nicht als stille Betrachtung oder persönliches Erleben des Göttlichen; sondern Religion als die Quintessenz einer Kultur, als das verbindliche, über die Brüderlichkeit hinausgehende konkrete Bedürfnis. Nur deswegen, und nicht wegen politischer Debatten, waren die Menschen nach Dallas gekommen. Dimensionen, Stimmung und surreale Umgebung erinnerten mich an eine der muslimischen Missionsidee gewidmete Versammlung, die ich im pakistanischen Pandschab auf einem riesigen, mit Zelttuch überspannten Gelände, in einem Konstrukt aus Bambusstangen und Baumwollbahnen gesehen hatte. In Dallas hätte ich es kaum überraschend gefunden, wenn überall geschäftige, gottesfürchtige Helfer umhergelaufen wären, um Süssigkeiten oder heilige Symbolspeisen zu verteilen. 
Der Fernsehschirm gab die Veranstaltung nicht lebensecht wieder. Im Saal hingegen war man gezwungen, sich sozusagen die Kinoversion anzuschauen, denn ein Teil des Geschehens spielte sich nur auf der Leinwand ab. Bevor Jeanne Kirkpatrick sprach, lief ein kurzer Film über Jeanne Kirkpatrick. Darin wurde sie von Reagan persönlich als Frau vom Format einer Golda Meir oder Margret Thatcher vorgestellt. Und diese feministische Perspektive kam nicht überraschend; die Presse hatte pflichtschuldigst berichtet, für den Abend hätten die Republikaner einen Beitrag zur «Kluft zwischen den Geschlechtern» geplant. 

Der Film war zu Ende; die Band spielte; die Delegierten brüllten durcheinander und applaudierten. Der Applaus war rhythmisch und ekstatisch, wie bei der Massenpredigt eines Evangelisten. Die Plakate – WIR WOLLEN JEANNE, WIR LIEBEN JEANNE –, die freiwillige Helfer gemalt und andere auf den Fussboden unterhalb der Delegiertenplätze gestellt hatten, wurden für die Fernsehkameras hoch gehalten und geschwenkt: eine Fortsetzung des verwirrenden Wechselspiels zwischen Kino und Wirklichkeit, zwischen dem miterlebten realen Ereignis und seiner vergrösserten Filmaufnahme. 

Der Text der Rede lag vor; aber die Rede selbst ging erheblich über den Text hinaus. Gehalten wurde sie von einer Person mit Sprachgefühl, und sie war die einzige Parteitagsrede, die trotz ihrer Vereinfachungen einen echten Verstand, einen mehr als politischen Verstand, in Aktion zeigte. Sie befasste sich mit der Notwendigkeit, gegenüber den Russen und ihren Verbündeten hart zu bleiben. Arglistig wurde das Thema verwoben mit einem Spottrefrain über die Amerikaner aus dem anderen politischen Lager: «Doch immer geben sie die Schuld Amerika» – und dieser Refrain gewann durch seine ständige Wiederholung die Durchschlagskraft (und den Rhythmus) von Marc Antons «Doch Brutus ist ein ehrenwerter Mann». Die Rede wurde mit Begeisterungsstürmen aufgenommen; ein fantastisches Foto der New York Times zeigte am nächsten Tag Mrs. Kirkpatrick auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, strahlend und in Hochstimmung. 
Danach lief in der Kongresshalle alles wie von selbst. Ein berühmter schwarzer Footballspieler trat auf und stellte ein paar Olympiasportler vor. Dieser Auftritt war nicht Teil des offiziellen Programms, sondern ein nachträglicher Einfall; angekündigt wurde der Spieler mit Verweis auf seine Grösse (etwa ein Meter neunzig) und sein Gewicht (das ich mir nicht notiert habe). Danach kamen die Politiker, Prominente. Aber trotz Musik und Applaus und Plakaten schienen alle ein und dieselbe Rede zu halten, im selben Ton und mit denselben nichts sagenden Worten. 

Howard Baker. Was hat es uns beschert, das Gespann Carter / Mondale? Eine zweistellige Inflationsrate, einen Zinssatz von 21 Prozent, einen Punchingball anstelle von Aussenpolitik und den Armutsindex. Kathenne Ortega: Wie weit haben wir es schon gebracht, seit den Jahren von Carter und Mondale mit ihrer zweistelligen Inflationsrate, dem Zinssatz von 21 Prozent und der wirtschaftlichen Armut? Margaret Heckler. Wir stehen an einem wichtigen Scheideweg. Wir haben die Wahl zwischen Stagnation und Wachstum, die Wahl zwischen leeren Versprechungen und reeller Leistung. Baker. Amerika wählt in diesem Jahr nicht nur zwischen Ronald Reagan und Walter Mondale. Es wählt zwischen einem Team, das nachweislich Erfolg hat, und einem Team, das nachweislich keinen hat. Heckler. Die Wahl fallt mir nicht schwer. Bei Ronald Reagan finde ich jene spezifisch amerikanische Gottesfürchtigkeit, deretwegen meine irischen Eltern in dieses Land gekommen sind. Ortega: Liebe amerikanische Mitbürger, auf der Dollarmünze der Vereinigten Staaten prangt der Kopf, das Profil, der Freiheitsstatue; ihren hundertsten Geburtstag feiern wir 1986, genau in der Mitte von Ronald Reagans zweiter Amtszeit. 
Vielleicht spielte es, so wie die Veranstaltung angelegt war zelebriert wie eine Stammesreligion –, keine Rolle, was gesagt wurde. (Auch bei den Hindus reicht es, wenn ein heiliger Mann nur darshan darbietet, den Anblick seiner Person). Aber diese unpersönlichen, gleichförmigen Reden gaben für einen Redner kaum etwas her. (Das Englische wird ja, ebenso wie andere lebende Literatursprachen, durch Binnenverweise beständig nuancenreicher. Man kann es kaum sprechen, ohne Anspielungen zu machen, ohne wissentlich oder unwissentlich auf einen Shakespeare-Satz oder die King-James-Bibel oder irgendeinen der vielen Dichter, Komödienautoren, Filmemacher, Historiker oder Staatsmänner zu verweisen. In einer Rede während des Krieges zitierte Churchill eine Verzeile des frühviktorianischen Dichters Clough: «But westward look, the land is bright.» («Nach Westen schau, das Land ist hell») Bald schon war Clough in Churchill aufgegangen; und die mittlerweile berühmten, aber Churchill zugeschriebenen Worte können in vielfältiger (heute vielleicht vor allem ironischer) Weise verwendet oder verdreht werden. Selbst Mrs. Thatcher bringt es zu einem effektvollen Wortspiel, wenn sie den Titel eines Bühnenstücks (von Christopher Fry, der in ihrer Jugendzeit berühmt war) folgendermassen verfremdet: «The lady's not for turning» – statt «for burning» («Die Dame ist nicht fürs Umkehren», statt «fürs Feuer»). 
Nichts davon in der Sprache von Baker, Heckler oder Ortega. Dieselbe Ausdrucksweise (oder fast), derselbe Ton, dieselbe Persönlichkeit (oder Nichtpersönlichkeit), dieselbe Sprache: anspielungsfrei, gesäubert, steril; kraftlos und nichts sagend; Computersprache, hier und da auf Leidenschaftlichkeit programmiert, aber nirgendwo mehr als die Sprachgewandtheit eines Werbetexters – ganz als gäbe es im Innersten dieser riesigen Veranstaltung mit ihrer Menschen-Vergrösserung einen Hohlraum, eine Leere. 

Ich erfuhr noch einiges über den schwarzen Footballspieler, der nach Mrs. Kirkpatrick auf das Podium kam. Er hiess Roosevelt Grier. Er war eine Fernsehgrösse, eine Berühmtheit. Nach dem Football hatte er sich ausgerechnet die Näherei ausgesucht. Aber politisch war er damals noch im anderen Lager. Es hiess, er sei mit Robert Kennedy zusammen gewesen, als dieser ermordet wurde. Daher war sein Auftritt vor den Republikanern eine Sensation; das erklärte, so schien mir, warum er so ungeschickt begonnen hatte. 
Nach den Reden der Politiker wollte ich mir gern noch einmal anschauen, was der Footballspieler gesagt hatte. Ich ging also (da ich, faul geworden durch die vielen Informationsangebote, nichts notiert hatte) ins Pressebüro, als sei es ein Himmel, wo alles aufgezeichnet ist. Lächelnd fragte die junge Frau: «Welche Rede?» Von allen anderen Reden gab es Papierstapel noch und noch (in unterschiedlicher Höhe), nichts jedoch über Grier oder von ihm. Er war nachträglich ins Programm aufgenommen worden. «Dann wird wohl morgen etwas in der Presse stehen», sagte ich. «Das bezweifle ich», erwiderte sie. 
Tatsächlich war nichts zu finden; in einer einzigen Lokalzeitung wurde Grier erwähnt, aber ohne den Wortlaut seiner Rede. Die beflissenen, folgsamen Journalisten wussten, was sie auszulassen hatten. 

Am nächsten Tag erschien Gerald Ford, der 38. Präsident der Vereinigten Staaten, auf dem Parteitag. In der Presse wimmelte es von halb bewundernden, halb mürrischen Artikeln über die riesigen Summen, die er mit einundsiebzig Jahren verdiente – zusätzlich zu seiner Präsidentenpension in Höhe von hunderttausend Dollar. Aber Ford war bei der Rechten in Ungnade gefallen, und deshalb hatte (einem weiteren Artikel zufolge) das nationalkonservative politische Aktionskomitee NCPAC im Rahmen seines Projekts «Amerikas Helden für Reagan» ausgerechnet diesen Tag für seine grosse Texas-Gala zur Beschaffung von Geldmitteln gewählt. Das Galadiner, bei dem ein EinzeIgedeck tausend Dollar kostete (die zugelassenen Presseleute wurden allerdings gratis verköstigt), sollte etwa 45 Kilometer ausserhalb von Dallas, auf der Circle T-Ranch von Nelson Bunker Hunt, stattfinden. Bunker Hunt – dieser Name war fast unwiderstehlich. Der Mann, der versucht hatte, den Silbermarkt aufzukaufen; der Mann, der astronomische Summen in Sojabohnen und Rennpferde investierte; der Mann, der von seinem Vater eine Milliarde Erdöldollar geerbt und daraus zwei Milliarden gemacht hatte; der Mann, dessen Reichtum – wie auch der seiner Geschwister – sich eigentlich jeder Vorstellung entzog. 
Andrew, ein junger Schriftsteller aus New Jersey, hatte mich unter seine Fittiche genommen. Nach Dallas war er mit einem alten Auto gekommen, das er für 650 Dollar gekauft hatte; und in diesem – nicht klimatisierten – Auto fuhren wir morgens um etwa halb sieben Uhr aus Dallas, bei annähernd 40 Grad Celsius auf dem Highway, in eine feuerrote Sonne hinein, zusammen mit vielen anderen, die gleichfalls in die vor den Toren der Stadt gelegene Landschaft strebten. Von Landschaft konnte eigentlich gar keine Rede sein. Der Flughafen Dallas-Fort Worth ist einer der grössten der Welt, und immer wieder stiessen die Flugzeuge, schwarze Rauchwolken hinter sich herziehend, eins nach dem andern und vielleicht sogar in zwei Reihen nebeneinander, aus dem heissen ockerfarbenen Himmel in unser Blickfeld hinab, wo dann mit einem Mal ihre Scheinwerfer aufblitzten. Auf dem Highway zischte der Strom der Pendler, um uns herum dröhnte der Himmel. 
In seinem Nordstaatler-Überschwang hatte Andrew gemeint, es gebe eine eigene Ausfahrt zur Ranch. Tatsächlich wäre das grandios gewesen. Aber es traf nicht zu. Man musste lediglich nach links abbiegen, ein Verkehrspolizist stoppte den Gegenverkehr. Das Gras war leuchtend grün, was bei der Hitze verwunderte; das Gatter war weiss gestrichen. Gleich dahinter warteten die ersten Helfer (und die erste Kette der Wachschutzleute): junge Männer in schwarzer Hose und weissem Hemd, manche mit schwarzer oder weisser Baseballmütze. 
In der Ferne stand ein grosses weisses Zelt; wir fuhren darauf zu. Die niedrigen, in regelmässigen Abständen gepflanzten Bäume erinnerten eher an eine Obstfarm als an einen Landschaftspark. Unweit des Zeltes hielten wir an und stiegen aus dem Auto. Bei diesem Galadiner gab es einen «Parkservice» – bei einem Gedeckpreis von tausend Dollar musste man das schon bieten. Junge Männer in schwarzer Hose und weissem Hemd fuhren die Autos der Besucher zum weiter entfernten Parkplatz; dann kamen sie zurückgerannt – ja, gerannt, als gehörte das zu der netten Geste hinzu. 
Wir wurden kontrolliert; wir hängten uns den Presseausweis um den Hals; die jungen NCPAC-Ordner (ihr Autoritäts-Abzeichen war mit einer Art Klebefolie an die Brusttasche ihres Hemdes geheftet) liessen uns nicht aus den Augen. Und die Gala? Ein Cowboy, der auf einem Schimmel thronte, lächelte unverwandt und ziellos ins Publikum hinein und schwang ein kleines Lasso im Kreis auf und ab. Ein Cowgirl sass rittlings auf einem anderen Pferd. Zwischen den Gästen spazierten mehrere Barmädchen und Revolverhelden umher, die an Westernfilme erinnern sollten. Auf einem zahmen Langhornochsen sassen Leute und wurden fotografiert. Aus einem offenen Zelt hörte man Instrumente und Gesang im Stil der Countrymusic. Es gab Stände mit texanischen und mexikanischen Speisen. Im Freien wurde ein grosses Stück Rindfleisch gegrillt, das Fett tropfte in eine lange schwarze Pfanne, die auf dem grünen Gras stand. Mit einer Postkutsche konnte man kleine Fahrten machen; es war eine nachgebaute Kutsche, keine echte, antike. Anderswo hatte man, allerdings ohne Pferd, einen Planwagen abgestellt, der sichtlich alt und echt war. Ausserdem waren unter den Gästen drei oder vier Indianer in vollem Federschmuck, die darauf warteten, fotografiert zu werden. 

Wir waren in Texas, in Temperaturen und einer Landschaft, die Bewunderung für die ersten Siedler weckten. Wie hoch lag das Durchschnittstempo einer Postkutsche? Zehn Kilometer, dreizehn oder vierzehn Kilometer? In den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kam dann die Eisenbahn – fuhr sie fünfundzwanzig Stundenkilometer? Doch der Westen, den diese Gala präsentierte, entbehrte jeder Verherrlichung der Vergangenheit. Er wirkte eher «produziert»; und nach Angaben der vom NCPAC verteilten obligaten Presseinformation war er es tatsächlich: inszeniert nämlich von einer einschlägig spezialisierten und äusserst erfolgreichen Firma (über die auf einem zusätzlichen, randvoll bedruckten Zettel informiert wurde). Kino und Fernsehen hatten die Vergangenheit aufgesogen; die Gala war für Leute da, die vielleicht nicht nur den Western mochten, sondern auch die Vorstellung, dass sie, als Patrioten, den Western mochten. Und nun wurde diese Kinofassung des amerikanischen Westens ihrerseits fürs Fernsehen gefilmt: Show in der Show. Von Zeit zu Zeit wurde ein roter Kran mit einer Fernsehkamera ausgefahren, der sich hoch über uns gegen einen prachtvollen Sonnenuntergang abhob. Am Himmel flogen schwerelose Flugzeuge; jemand meinte, es könnten weitere Galagäste sein. 

Auf der anderen Seite, weit weg von rotem Kran und Fernsehkamera, Gala und weissem Zelt, lag das Wohnhaus der Ranch: auf einer kleinen Bodenerhebung, umstanden von Bäumen. Es wirkte bescheiden. Aus diesem bescheiden wirkenden Haus kam jetzt Nelson Bunker Hunt mit seiner Frau, vor ihnen ein Fernsehteam und mehrere Schaulustige (vielleicht mehr als Galagäste: etwa politische Freunde oder auch Leute, die Zugang zum engeren Kreis hatten). Das Fernsehteam – Kameramann, Tontechniker und Reporter, die sich im Krebsgang rückwärts bewegten – nötigte dem Zug eine gemessene, würdevolle Gangart auf. Als die Galagäste merkten, was sich dort tat, gab es ein unwillkürliches Ah! des Erstaunens, wie beim Auftritt eines Heiligen oder einer königlichen Person. Tatsächlich war Nelson Bunker Hunt dank seiner Familie, seines Reichtums und seiner Abenteuer so etwas wie eine Märchengestalt geworden; in unserer Welt gab es niemanden, der sich so ganz mit ihm vergleichen liess. Und da war er nun selbst, in seiner privaten Umgebung, engagiert für eine Sache, die er gut und gottgefällig fand, und halb unser Gastgeber. 
Was er dem Fernsehreporter sagte, konnte man kaum verstehen. Er sprach mit sanfter Stimme; manche Worte schien er fast zu zerkauen; ich schnappte nur zwei- oder dreimal das Wort «konservativ» auf. Er schien sich erfreut über den Erfolg des Projekts zu äussern. Im «Selbstporträt»-Fragebogen, den er für die Dallas Morning News ausgefüllt hatte, gab er «Überfressen» als seine schlechteste Gewohnheit an (offenbar ass er liebend gern Eiskrem); aber er war erheblich weniger dick als auf den Fotos, die die Londoner Blätter zur Zeit seines Coups auf dem Silbermarkt abgedruckt hatten. Blau hatte er als seine Lieblingsfarbe angegeben, und nun trug er tatsächlich ein hellblaues Hemd mit einer Lederriemenkrawatte, die kaum stärker war als ein Schnürsenkel, und am oberen Hemdknopf sass anstelle des Knotens ein Silberdollar, der irgendwie durch den Riemen gehalten wurde – vielleicht eine scherzhafte Anspielung auf den Silbercoup. Beim Sprechen deutete er ein Lächeln an. Seine Frau, die neben ihm winzig wirkte, lächelte unentwegt; es schien, als lächele sie aus reiner Freude über das festliche Ereignis – die Gala, die Gäste, das politische Projekt. Sie trug eine Hufeisenbrosche aus Diamanten – ein Hauch von Extravaganz, fast ein kleiner Scherz (wie der Silberdollar ihres Ehemannes) –, die zusammen mit ihrem Lächeln so etwas wie ein Geschenk an uns, ihre Gäste, zu sein schien. 
Und so bewegten sie sich, mitsamt ihrem Pressetross, vorwärts – vorbei an den indianischen Kriegern aus Oklahoma mit ihrem leuchtenden Federschmuck (Häuptling Blue Hail samt Anhang) und vorbei an der nachgebauten Postkutsche und dem zahmen Langhornrind: Mr. und Mrs. Bunker Hunt, Leutseligkeit und Gemeinsinn demonstrierend, Repräsentanten von Geld und Glück und Öl und Land und Arbeit und Lohn und Gott und guten alten Sitten, Inkarnation und extrem vereinfachte Form jener vielschichtigen amerikanischen Tugend, die mit Grill und Gala verherrlicht und verteidigt werden sollte. 
Wir wurden zu Tisch gerufen. Mit Glöckchen? Peitschenknallen? Ich weiss es nicht mehr: Aber das Signal war etwas für den Westen Typisches, etwas Ungewöhnliches und Teil des Volkstheaters dieser kostspieligen Veranstaltung. Das riesige Zelt für annähernd zweitausend Personen hatte – kaum zu glauben! – eine Klimaanlage; die fünfhundert Tonnen schweren Gerätschaften stammten von der Firma Mobile Air of Houston, die auch Kühler für Erdölraffinerien lieferte. Im Handumdrehen servierte man die ungefähr 1700 Abendessen («arrangiert von der Speisedesignerin Dorothy Berry aus Dallas»). 

Den Segen sprach Jerry Falwell, der fundamentalistische Baptistenprediger, der religiöse Star der Rechten, der am folgenden Tag beim Parteikongress, nach der Vorstellung von Mrs. Reagan, den Segen sprechen sollte. Noch am frühen Abend hatte Falwell rittlings auf dem Langhornrind für die Kameras posiert. Jetzt, auf dem Podium des Zeltes im Licht der Scheinwerfer und vor laufenden Fernsehkameras, drückte er der Gala, auf deren amerikanischen Geist er sich eingelassen hatte, den Stempel seiner Religiosität auf. Er wandte sich direkt an Gott: «Dir, Herr, ist dieser Abend geweiht.» Auf das Amen folgte texanisches Freudengebrüll, das aber keineswegs als Sakrileg gemeint war. Diese Männer stellten sich in echter Demut (nicht der bedeutungslosen Demut des Besiegten, sondern der grossartigen Demut des Siegers) auf die Seite Gottes und geisselten alles Gottlose, alles, was Veranstaltungen wie diese bedrohen könnte. 
Und die Tugend belohnte sich selbst. Der Mann, der Bunker Hunt aufs Podium hinaufhalf, nutzte die Gelegenheit zu der Mitteilung, die Gala habe 1650 zahlende Gäste angelockt und nicht nur die etwa vierhundert, mit denen er und das NCPAC anfangs gerechnet hatten. Nach Abzug der Unkosten hätten die im Zelt versammelten Gäste an diesem Abend mehr als eine Million Dollar für das Projekt «Amerikas Helden für Reagan» gespendet. Die Summe war überwältigend. Ein Fotograf mittleren Alters an unserem Pressetisch wurde ganz aufgeregt. Er war ohne Freund oder Kollegen gekommen und musste unbedingt mit jemandem sprechen. Über den dunklen Tisch hinweg sagte er: «Ich hab ein Foto von Jerry Falwell auf dem Langhornrind. Nie hätte ich gedacht, dass ich so was in den Kasten kriege. Auch von Bunker hab ich eins. Als er übers Gras ging, sah er eine Gabel auf dem Boden liegen und bückte sich. Er bückte sich und hob die Gabel auf, steckte sie in die Tasche und sagte: ‹So spart man Geld.›» Ein flüchtige Begegnung mit dem Grossen Mann, und schon wird die Geschichte zum Märchen. 
In dieser Atmosphäre des Erfolges und der kollektiven Selbstbeglückwünschung flimmerte dann der vom NCPAC produzierte Film «Ronald Reagans Amerika» über die Leinwand. Von unserem Pressetisch aus sahen wir ihn nur von hinten. Man hatte die Leinwand genau vor uns aufgebaut und uns damit von den reichen Eine-Million-Dollar-Pinkeln abgetrennt. 
Der Film begann mit Aufnahmen von John Wayne. Er präsentierte ihn als grosse amerikanische Persönlichkeit, fast als historische Gestalt – während er doch nur ein Schauspieler der Gegenwart war. Die Botschaft lautete, alle Amerikaner, die eine positive Lebenseinstellung mitbrächten, ihre Arbeit machten und ihrem Land dienten, seien Helden, wie Wayne einer war. Unterschwellig aber hiess sie, Wayne sei in Reagan wieder auferstanden. Die Schauspielerkarriere, die in Reagans politischer Anfangszeit vielleicht eher peinlich war, schlug jetzt zu seinen Gunsten aus. Amerikanismus war zum Hauptziel der Konservativen geworden; und die verständlichste, idealste und gefühlsseligste – bei Projekten der Rechten unverzichtbare! Form dieses Amerikanismus waren nun mal die Comics (etwa «The Justice Society of America» mit seinem Team aus bekannten Superhelden) und das Unterhaltungskino. 
So viel Reichtum und Macht, so viel Wissenschaft und Organisation: Selbst für die einmalige Darbietung der Texas-Gala machte man verschwenderischen Gebrauch von ihnen. Und so viel Geglitzer auf dem Rückweg nach Dallas. Aber je grösser der Erfolg und die Verheissung, desto schmerzlicher der Gedanke, dass alles auf irgendeine Weise zu Ende gehen könnte. Über diesen Gedanken der Bedrohung – die Kehrseite der konservativen Gefühlsseligkeit – sprach Ed Jenkins am nächsten Morgen im NCPAC-Raum des Sheraton-Dallas.

Ich war mit Andrew gekommen. Wir sprachen Ed Jenkins an, weil er zu dieser frühen Stunde hier der einzige ranghöhere Parteimann war. Er reagierte herzlich, offen und hilfsbereit. Er verliess seine mit Stapeln voll bepackte Büchertheke und setzte sich mit uns an einen runden Tisch. Auf meine nervöse Bitte hin stellte er sogar «Ronald Reagans Amerika» leiser – offenbar lief dieser Film pausenlos neben dem Rednerpult weiter, vielleicht, um Publikum anzulocken. 
Ed Jenkins war zweiunddreissig Jahre alt. Er arbeitete ganztägig bei der Conservative Alliance, einer der Gruppen innerhalb des NCPAC. Dessen Vorstandsvorsitzender war zugleich Bundesvorsitzender der Conservative Alliance. Die Letztere hatte ein Projekt namens «Nationale Koalition für Amerikas Überleben» gestartet, in dessen Rahmen es ein Sonderprogramm zur Frage der Menschenrechte gab. Mit diesem Programm hatte Ed Jenkins hauptsächlich zu tun; den «Grundgedanken» beschrieb eine Pressemappe so: «Die Regierung der Vereinigten Staaten muss endlich aufhören, den Sowjets und anderen kommunistischen Regierungen die Technologie, die Anerkennung, das Geld und die Sicherheit zu verschaffen, die es ihnen gestatten, weiter Menschenrechte zu verletzen und andere Verbrechen gegen Gott und die Menschheit zu verüben.» 
Über die Conservative Alliance sagte Ed Jenkins: «Unser oberstes Ziel ist es, dem Kommunismus entgegenzutreten. Und ihn rückgängig zu machen. Nach unserer Ansicht darf es ihn nicht geben. Die ganze Welt müsste so frei sein wie wir.» Grosse Sorge bereite ihnen zumal die Lieferung von Hochtechnologie an Russland. Begonnen hatte die Bewegung allerdings auf einfacherem Niveau, eigentlich mit der Innenpolitik. «Vor sieben Jahren wurde sie aus der Taufe gehoben. Damals hiess sie ‹Conservatives Against Liberal Legislation›. In diesem Jahr hat man den Namen geändert. Gegründet wurde sie als Protestbewegung gegen das Durchboxen der liberalen Gesetze.» Mit diesen Gesetzen meinte Jenkins vor allem das so genannte «busing», den Fahrdienst für Schüler, mit dem eine gleichmässigere Rassenverteilung in den Schulen erreicht werden sollte. «Das Volk der Vereinigten Staaten wollte diesen Fahrdienst nicht.» Er habe viele Familien in Nöte gebracht. Ed Jenkins selbst hatte eine Schwester, die – obgleich sie mittlerweile anderthalb Autostunden von der Stadt entfernt wohnte, in der ihr Mann arbeitete noch immer mit Schrecken an das «busing» dachte. 
«Diese Menschen haben sich von ihrer Regierung abgewandt. Ohne es zu wissen, gaben sie den Anstoss zu der ganzen Bewegung. Ich weiss noch, dass ich damals auf eine Privatschule ging, und erinnere mich, wie verzweifelt manche Eltern waren; sie versuchten, davon wegzukommen.» 
Ich glaube nicht, dass Andrew ein Konservativer war. Aber als Ed Jenkins vom «busing» sprach – so weit weg vom Thema Menschenrechte und Überleben der Nation und Russland, doch die Logik der politischen Entwicklung war unübersehbar, zumal für einen Idealisten, der vielleicht weder die rassistische Trommel rühren noch gar rassistische Leidenschaften anerkennen wollte –, als Jenkins sprach, sah ich, dass Andrew, der distanzierte Schriftsteller und ehemalige Universitätsstudent, mit Anteilnahme und Betroffenheit reagierte. Andrew aus New Jersey verstand genau, wovon Ed Jenkins redete. Wegen des «busing», so fuhr dieser fort, hätten die Leute nach und nach ihre Kinder auf kirchliche Schulen geschickt. Durch das «busing» sei der religiöse Fundamentalismus gesellschaftsfähig geworden. 

Das war, sechzehn Jahre später, eine überraschende Bestätigung der Sätze, die Eldridge Cleaver in Seele auf Eis geschrieben hatte: «Über dem Bürgerrechtskampf entwickelte sich ein allgemeiner nationaler Konsensus. Fieberhaft hat sich die neue Rechte der Aufgabe gewidmet, diesen Konsensus zu zerfressen und zu zerstören, was durchaus eine konkrete Möglichkeit ist, da die genauen Sachverhalte und Bedingungen, durch die der Konsensus entstand, nicht länger bestehen.» 
Ed Jenkins fuhr fort: «Ich muss dazu sagen, dass die Fundamentalisten in den Jahren davor unpolitisch waren. Niemand hielt sie für eine wichtige Kraft in diesem Land. Aber man muss auch sehen, dass die neue Rechte nicht bloss eine fundamentalistische Bewegung ist. Sie steht für das ganze Volk. Die fundamentalistische Bewegung ist ein bedeutender Teil von ihr. Ich bin kein Fundamentalist; doch ich habe grossen Respekt davor. 
Ich komme aus der Episkopalkirche. Sie ist eine der Grosskirchen in den Vereinigten Staaten, aber ich bin ausgetreten. Ich bin ausgetreten, weil ich dort nie was von Religion gehört habe. Ich hörte nur, wie unser Pfarrer gegen die Regierung vom Leder zog und gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft und gegen Vietnam. Er erzählte uns, die Vereinigten Staaten wären eine imperialistische Macht und unsere Soldaten brächten Frauen und Kinder um. Damals hatte ich drei Schwäger in Vietnam – zwei kamen nicht zurück. Die Veränderung war dramatisch und doch unmerklich. Ich glaube, der Liberalismus, dem Amerika in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren huldigte, hat die Machtbasis der heutigen Rechten geschaffen. 
Wie gesagt, aus der Kirche ausgetreten bin ich, weil mein Pfarrer der Meinung war, aus der Religion müsse eine soziale Bewegung werden. Diese Grosskirchen – wie die Episkopalen – wurden damals zu einem Teil der Regierung. Wenn eine fundamentalistische Kirche in irgendetwas Politisches hineingeriet, dann wurde sie als ein Haufen von Schwachköpfen beschimpft. Aber wenn eine Grosskirche – für unser Geld – Geistliche nach Selma in Alabama schickte, die dort in gewalttätige Konflikte hineingerieten, dann war das ein soziales Anliegen und kein politisches.» 
Und nun begann Ed Jenkins, ohne dass Andrew oder ich ihn dazu veranlasst hätten, von seiner Familie zu erzählen. Das lag einerseits an seiner offenen Art. Andererseits war es eine Reaktion auf das Interesse, das wir ihm entgegenbrachten. «Mein Vater war sehr konservativ. Er ist in Akron im Staat Ohio aufgewachsen. Er stammt aus einer sehr armen Familie, Iren und Waliser. Auf der Seite meiner Mutter sind irgendwo deutsche und holländische Vorfahren. Wahrscheinlich war mein Vater der typische Amerikaner. Er kämpfte sich durch Oberschule und Universität durch und hatte fast immer drei Jobs. Er studierte Journalismus, weil er sich Medizin nicht leisten konnte. Aber dann hat er es doch noch getan und ist Arzt geworden. So mit sieben-, acht- oder neunundzwanzig. Er hat mit nichts angefangen. Mit siebenundfünfzig starb er an Überarbeitung. Aber er hatte zwei Sachen geschafft, die er schaffen wollte. Erstens war er nicht nur Arzt geworden, sondern so gut gewesen, wie er irgend konnte. Und zweitens hatte er dafür gesorgt, dass seine Kinder nicht mehr durchmachen mussten, was er durchmachte. Er erzählte mir oft, wenn seine Mutter dabei war, dass sie sich in seiner Kindheit vielleicht einmal pro Woche gesehen hätten – obwohl er Einzelkind war. Weil sie in Armut lebten, war mein Vater – ich würde nicht sagen, unterernährt – aber er kriegte nicht genug Vitamine, nicht die Nährstoffe, die er brauchte, und deshalb war er sein Leben lang schwächlich und sehr klein.» Ed Jenkins war nicht schwächlich; aber von der kleinen Statur hatte er etwas geerbt. 
Andrew, der zum Teil russischer Herkunft war, wollte wissen: «Und Ihr Grossvater?» «Fabrikarbeiter. Wenn er Arbeit bekam. Mein Grossvater spielte in der ersten Footballmannschaft Amerikas. Er starb bettelarm. Die Leute in den frühen Mannschaften kriegten kaum Geld. Meine Grossmutter konnte sich gut erinnern, wie begeistert sie war – noch ganz am Anfang –, weil es ein Meisterschaftsspiel gab und jeder Spieler der Siegermannschaft fünf Dollar bekommen sollte.» 
Einerseits war es eine Geschichte über Entbehrung in einem Land des Überflusses; in vielen Ländern hätte sie Zorn und Wut ausgelöst. Andererseits war es eine Geschichte vom sozialen Aufstieg: Grossvater Fabrikarbeiter, Vater Arzt. Und genauso sah es Ed Jenkins. «Ich hab's mit der Muttermilch eingesogen: Jeder kann schaffen, was immer er will; wenn Wunsch und Wille da sind, kann ihn nichts hindern. Gerade das war ja so schön an Amerika. Ich weiss noch, wie Nachbarskinder irgendwas angestellt hatten und dann verprügelt wurden. Bei uns zu Hause war das Schlimmste, was man tun konnte: es nicht so gut machen, wie wir kiinnen, egal, ob's um Rasenschneiden oder Studieren ging.» 
«Sind Sie dann auch verprügelt worden?», fragte Andrew. «Ja.» 
«Wann ist Ihr Vater gestorben? », fragte ich. 
«1967, kurz bevor ich sechzehn wurde. Mein Vater war gegen das, was die Regierung machte. Nach seiner Ansicht errichtete sie einen Wohlfahrtsstaat, und das war, wie er sagte, nur ein milder Ausdruck für ‹Sozialismus›. Obendrein fand er sie zu nachgiebig gegenüber den Kommunisten. Er war überzeugt, dass die Kommunisten sich die gesamte Welt unterwerfen wollten. Er war Goldwater-Republikaner, bis er zum Parteitag fuhr. Ich fuhr mit ihm hin, damals war ich zwölf.» 
So lernte Ed Jenkins schon früh die offizielle Politik kennen; und nicht nur sie, sondern – gerade weil seine Familie Erfolg hatte – auch den Gedanken der Bedrohung, der Instabilität (weil neue Schrecken die alten ersetzten), den Gedanken, dass einem die Welt, derer man sich gerade bemächtigt hat, gleich wieder genommen wird. «Mir schien, als zerstörte die Regierung das ganze Gebäude Amerikas, alles, was Amerikas Grösse ausmacht.» Aber wann war das, diese gute Zeit, diese Periode der Sicherheit? 
«Hin und wieder werde ich gefragt, wer der letzte grosse Präsident gewesen ist. Manche sagen: Kennedy. Ich finde das nicht. Auf die Gefahr hin, borniert zu wirken, sage ich: Teddy Roosevelt. Er war ein Kämpfertyp, unbeugsam. Er hat sozusagen ständig für Amerika geworben. Amerika war das grossartigste Land der Welt, und er wollte alles tun, um das zu beweisen. Er besass genau die Eigenschaft, zu der ich erzogen worden bin: dass man alles macht, so gut man irgend kann, egal, was es ist. Und eines kann man bestimmt sagen von Teddy: Wenn er etwas anpackte, dann tat er es mit Begeisterung, mit Liebe zum Leben. Er liebte das Leben. Und er liebte Amerika.» 
Eigentlich wollte Ed Jenkins nur ein Jahr bei der Conservative Alliance arbeiten; nun waren es schon vier Jahre. Es war ein finanzielles Opfer, aber er hielt es für richtig und notwendig: «Mein Vater hat sich um seine Kinder gesorgt, ich sorge mich um meine.» 
Später sagte Andrew, der von Ed Jenkins stärker beeindruckt war, als er es vorausgeahnt hätte: «Diese Geschichte über Armut und Daseinskampf erzählen viele Leute, die zur Rechten gehören.» Er lag ganz richtig. Am selben Abend ging es in zwei Parteitagsreden um frühe Armut. Senator Domenici erzählte von seinem armen Vater und dessen Lebensmittelladen in New Mexico. Der schwarze Baptistenpfarrer Hill erzählte, wie er 1947 in Dallas im Schweinestall geschlafen hätte. Mit Bitterkeit wurde registriert, dass die Schweinestallrede von den Sendern nicht übernommen wurde. Sie wäre politisch sehr wirkungsvoll gewesen.
Unter den Parteitags-Publikationen war auch eine Liste mit den (aus verschiedenen Quellen zusammengetragenen) Äusserungen, die beide Präsidentschaftskandidaten zu verschiedenen Problemen – Abtreibung, Homosexualität, Frauenrechte, Pädophilie, Pornographie, Atomstopp, Beten in der Schule – angeblich von sich gegeben hatten. Da all diesen Problemen eine «biblische» Dimension zugeschrieben wurde, erwies sich jedes als blosse Facette des einen grossen Problems von Gut und Böse und erforderte lediglich einen bestimmten religiösen Glauben. Auf dieser Liste schnitt Reagan gar nicht so schlecht ab. Bevor er Präsident wurde, hatte ihn einmal ein Reporter gefragt: «Governor, wen haben Sie sich zum Vorbild genommen?» Reagan erwiderte: «Ach, das lässt sich leicht beantworten. Den Mann aus» – nach all den Aufnahmen von John Wayne in «Ronald Reagans Amerika» und nach der Würdigung von Reagans Kinovergangenheit hätte man erwartet: «Den Mann aus Laramie.» Stattdessen sagte er: «Den Mann aus Galiläa.» Und seltsamerweise schien es während des einwöchigen Parteitags, als seien diese Männer einander nicht unähnlich. In der alles beherrschenden Gefühlsseligkeit – altes Amerika, alter Glaube, der Westen (oder der Western), alte Filme, alte Stars – waren sich beide Ideen nahe gekommen, fast ohne dass es blasphemisch wurde. Reagan spielte seine drei Rollen – Schauspieler, Politiker, altmodischer Christ – und war damit zu einer wirkungsvollen politischen Persönlichkeit geworden. Er kam vielen Bedürfnissen entgegen; zahlreiche Menschen innerhalb der vielfältigen Rechten konnten ihre Träume in ihm wiederfinden. Er war einfach Schauspieler: Der braucht nur wenig zu sagen und kann doch vieles darstellen. 
Am Mittwoch zeigte das Kongresszentrum nach der (im typisch baptistischen, einschüchternden Ton vorgetragenen) Schweinestallrede einen Film über Mrs. Reagan. Darin sah man, wie sie eine Gedenktafel für ihren Vater, einen Chirurgen, enthüllte und dabei zu weinen schien. Ausserdem wurde über ihre Karriere als Schauspielerin berichtet. Frank Sinatra sang seinen Song über Nancy. Mr. Reagan sagte gerührt: «Ich weiss nicht, was ich ohne sie täte.» Und am Schluss gingen beide einen Hang hinunter und verschwanden in einem Wald. 
Es wurde wieder hell, und man applaudierte. Dann kam die Überraschung. Der Film war kein Ersatz für die wirkliche Mrs. Reagan. Während er lief, hatte jemand sie in den Saal gebracht; nun stand sie auf dem Podium, in Weiss. Und noch eine Überraschung: Auf der grossen Leinwand an der Rückseite des Saales sah man nicht das vergrösserte Bild von Mrs. Reagan, sondern eine Live-Aufnahme, die Mr. Reagan in seinem Zimmer in dem von Trammell Crow betriebenen Hotel Anatole zeigte. Mrs. Reagan winkte der grossen Leinwand zu. Für einen Moment schien Reagan verwirrt, dann winkte er zurück. Es war ein grosser Augenblick mit Familientheater – und genügte vollkommen. Es war das, was die Delegierten brauchten. Nun fehlte nur noch Reagans leibhaftige Gegenwart. Und die bescherte uns der letzte Tag. 
Im politischen Teil seiner Rede wiederholte er, was schon andere gesagt hatten. Der poetische Schlussteil, über den «Frühling der Hoffnung», war weniger eine Rede, weniger etwas, das mit Poesie und Sprache zu tun hatte, als vielmehr das Drehbuch zu einem kurzen Dokumentarfilm über das Amerika der vielen Rassen und der vielen Landschaften. Auf dem Höhepunkt der ganzen Veranstaltung gab es, ebenso wie im Zentrum der meisten politischen Reden, schlichtweg nichts. Es schien, als hätte die ganze Gefühlsseligkeit – Religion und Amerikanismus nichts weiter offenbart als eine geistige Leere; als hätte die Computersprache des Parteitags nur den Fantasiemangel dieser Politikerexistenzen zutage gefördert. Es schien, «als wäre» – trotz aller Bittgebete und Segenssprüche (den letzten sollte Criswell sprechen) –, «als wäre die Inspiration versiegt, als gäbe es keine umfassende Hoffnung, keine Religion, keinen Jubelgesang, keine Weisheit und keine Analogien mehr». 
Die Worte stammen von Emerson; sie galten England. Das 1856 erschienene Buch English Traits erzählt von den zwei Besuchen, die Emerson dem Land 1833 und 1847 abstattete; damals spürte er, dass sich die Macht Englands, so einschüchternd und unangefochten sie immer noch war, einem Wendepunkt näherte und das englische Geistesleben unter dem gewaltigen Bewusstsein, im Besitz von Macht, Geld und gerechter Sache zu sein, erstickt wurde. «Jedes Talent üben sie nur noch aus einem tiefer liegenden Beweggrund aus», heisst es bei Emerson. «Sie leben und handeln gleichsam im Unterbewusstsein.» Etwas davon empfand ich in der Glitzerwelt von Dallas. Macht war das Thema des Parteitags, und diese Macht schien ein Kinderspiel – die Macht der Nation, des Einzelnen, der neuen Rechten. In der Kongresshalle von Dallas hatte ich – nicht anders als Emerson in England – den Eindruck, «auf einem Marmorboden zu gehen, auf dem nichts wachsen wird».

V. S. Naipaul unterwegs:
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