Reality

Die polnische Hausfrau Janina Turek notierte 57 Jahre lang jeden Tag, was sie tat.

Mariusz Szczcygiel

Janina Turek, Mutter von drei Kindern, ass am 1.10.1996 zu Mittag eine Pilzsuppe mit Nudeln, Gulasch mit Kartoffeln und rote Rüben und zum Nachtisch Trauben. Vierzig Jahre zuvor, am 19.2.1956, hatte sie ebenfalls ein normales und nahrhaftes Mittagessen zu sich genommen: heisse Wurst mit Kremsersenf, Brot, Apfelkompott, Kakaokuchen und Bischofsbrot. Am 21.3.1973 nahm sie zweimal das Telefon ab, ohne dass sich jemand meldete. Am 21.6.1976 fand sie auf der Strasse neue elastische Kinderstrümpfe. Am 15.8.1981 trat sie ihrem Sohn Fleischkarten ab. Am 2.1.1982 brachte ihre Tochter ihr ein paar Äpfel mit. Am 7.12.1983 brachte ihr geschiedener Mann ihr zwei gelesene Zeitungen mit. Am 3.2.1985 klopfte ein Unbekannter bei ihr, er hatte die Wohnungstür verwechselt. Am 3.1.1997 ass sie bei einer Freundin Chips. Am 1.2.1998 schaute sie aus dem Fenster und sah, wie ihre Nachbarin, Urszula Krzywoń, aus dem Taxi stieg.

In der Alltäglichkeit geschieht ständig etwas. Wir vollbringen zahllose kleine Handlungen, ohne zu hoffen, dass unser Gedächtnis diese festhält, vom Gedächtnis anderer ganz zu schweigen. Diese Handlungen werden jedoch nicht um der Erinnerung willen unternommen, sondern aus Notwendigkeit. Mit der Zeit geraten alle Bemühungen unseres täglichen Treibens in Vergessenheit.

Janina Turek, eine Hausfrau, machte über ein halbes Jahrhundert lang eben das, was alltäglich ist und daher unbeachtet bleibt, zum Objekt ihrer Beobachtungen. Als Erste erfuhr davon ihre Tochter. Nach dem Tod der Mutter im Herbst 2000 öffnete Ewa Janeczek einen Schrank und sah einen Stoss Hefte. (Später stellte sich heraus, dass es 728 Hefte waren.) Es zeigte sich, dass ihre Mama alles aufgeschrieben hatte, was sie getan hatte. Ununterbrochen, Tag für Tag, vom Jahr 1943 bis zum Jahr 2000, hatte sie notiert: wie oft sie zu Hause das Telefon abgenommen und wer angerufen hatte (38 196-mal); wie oft sie jemanden angerufen hatte (6257-mal); wo und wen sie zufällig getroffen und wem sie «Guten Tag» gesagt hatte (23 397-mal); wie viele vereinbarte Begegnungen sie gehabt hatte (1922); wie viele Geschenke sie wem gemacht hatte und welche (5817); wie viele Geschenke sie erhalten hatte (10 868); wie oft sie Bridge gespielt hatte (1500-mal); wie oft Domino (19-mal); wie oft sie im Theater gewesen war (110-mal); wie viele Sendungen sie im Fernsehen gesehen hatte (70 042); und so weiter.

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57 Jahre hindurch notierte und zählte sie alle Feiern, Ausflüge, Tanzveranstaltungen, gefundenen Gegenstände, Briefe, Lektüren, Kinogänge, Nächtigungen ausser Haus, empfangenen Besuche, abgestatteten Besuche, Frühstücke, Mittagessen, Abendessen. Anfangs führte sie ein Heft für alle Bereiche des Lebens, dann bekam jeder Bereich sein eigenes Heft. Sie notierte nicht jede einzelne Mahlzeit, sondern verwendete ein bestimmtes System: In einem Jahr notierte sie jedes Frühstück, im nächsten die Mittagessen, wieder im nächsten die Abendessen. Nach drei Jahren wieder jedes Frühstück. Daher kennen wir 4463 Frühstücke Janina Tureks, 5387 Mittagessen und 5936 Abendessen. Sie notierte sogar die im Fernsehen gesehene Werbung. Sie vermerkte, ob das Programm schwarz-weiss war oder in Farbe und auf welchem Kanal sie es gesehen hatte.  
Das hätte der Philosophin Jolanta Brach-Czaina gefallen, die die metaphysische Dimension der Alltäglichkeit beschrieben hat. Die Grundlage unserer Existenz ist die unbewusste Betriebsamkeit. «Man kann sich nicht mit der Rolle eines unbewussten Handlangers existenzieller Tätigkeiten abfinden. Auch aus Selbstschutz muss man dem Sinn der All­täglichkeit nachjagen wie einem Verbrecher», schrieb sie.
Janina Turek, Bewohnerin von Krakau, lauerte der Alltäglichkeit auf. Obwohl sie 3517 Bücher las, war keines von Jolanta Brach-Czaina darunter. Sie beschloss jedoch aus eigenem Antrieb, intuitiv, ihre Betriebsamkeit zu adeln. Jede noch so banale Tätigkeit ihres Lebens erhielt im Tagebuch eine eigene Nummer. Bei Filmen achtete sie darauf, auch den Namen des Kinos zu vermerken. Als Stalin starb, sah Janina Turek den Film Fanfan, der Husar. Sie ging noch zu Lebzeiten Stalins ins Kino Wanda und verliess es nach seinem Tod. Die Tochter begann das alles vor einem halben Jahr zu lesen und hat die Lektüre bis heute nicht beendet.
Am 13.12.1981 ass Janina Turek ein einfaches Omelett mit Zwieback (Pos. 2124). Sie bekam Besuch von ihrer Tochter mit deren Mann und den Kindern («angekündigte Besuche», Pos. 3605, Heft 237/II). Sie brachten ihr Holzkisten von Hefeverpackungen und Sperrholz zum Unterzünden («erhaltene Geschenke», Pos. 5184). Als die Kinder und Enkel gegangen waren, klopfte jemand unerwartet («unangemeldete Besuche», Pos. 3606): «Ich weiss nicht, wer der Besucher war, weil ich die Tür nicht öffnete.» Im Fernsehen sah sie Wenn uns Polen befiehlt – ein Recital von Adam Zwierz (Pos. 11 986). Sie war in der Kirche, wo sie sechzehn Personen sah («Im Vorbeigehen gesehene Personen», Pos. 58 213–58 229). Am Abend beendete sie die Lektüre von Zelda von Nancy Mitford (Pos. 2435). Am nächsten Tag begann sie das Buch Das Skalpell ist zweischneidig zu lesen. Am zehnten Jahrestag des Kriegsrechts, 13.12.1991, ass sie zu Mittag: «ein Kotelett mit Kartoffeln und gebratenen Zwiebeln, Selleriesalat und französischen Kuchen» und trank anschliessend «Mineralwasser aus Krynica mit dem Saft von Orangen und Kiwis – ausländische Früchte». Seit dem Krieg wohnte sie ohne Unterbrechung im selben zweistöckigen Haus aus dem 19. Jahrhundert in Krakau, in der Parkowa 6. Zuerst mit ihrem Mann und den Kindern, dann mit ihrem Mann, darauf dreissig Jahre lang allein. Im Parterre hatte sie drei auf die Strasse gehende Fenster. Wenn sie sich hinauslehnte, sah sie links den Rynek Podgörski mit der Kirche und rechts einen Park. Das war ihr Mikrokosmos. Wichtig waren die Menschen, die ihr Blickfeld passierten.
«Im Vorbeigehen gesehene Personen», das waren solche, die sie persönlich oder vom Sehen her kannte und auf der Strasse sah, mit denen sie jedoch nie ein Wort wechselte. Man darf sie nicht verwechseln mit «Zufällig getroffenen Personen». Für diese Gruppe qualifizierte sie alle, mit denen sie ein paar Worte wechselte oder die sie grüsste. Insgesamt sah sie im Vorbeigehen in der Umgebung ihres Hauses 84 523 bekannte Personen. 7713 – Parkowa – die grosse, dicke Blondine, die im Lebensmittelladen in der Limanowskiego gearbeitet hat; 7685 – Parkowa – eine Dame, die ein wenig aussieht wie ein Frosch; 7756 – Parkowa – Aniela Ryszkowa (früher irrtümlich als Nowakowa notiert); 7908 – Parkowa – ein hübscher Junge; 17 110 – Parkowa – Ewa (Ewunia) und Jacek (Jacuś) Rodaków mit Töchterchen (früher «Säugling» genannt); 19 539 – Rynek Podgórski – die Frau des jungen Ehepaares, das drei Wolfshunde besitzt, mit einem von ihnen; 19 945 – Parkowa – ein modernistisches Ehepaar; 69 869 – Parkowa – ein Mädchen, das Grecja Colmenares (einer argentinischen Schauspielerin aus der Serie Maria und Manuel) verblüffend ähnlich sieht; 80 825 – Parkowa – Frau Sulichowa mit ihrem Hund Misiek (früher «Hündchen» genannt); 18.9.1998, am Morgen sassen in Wysockis Wagen, der auf der Strasse geparkt war, Wysocki mit einer Frau, die nicht die Wysocka war. Janina Turek wusste viel, doch sie war diskret. Sie gestattete sich keine freizügige Interpretation der Fakten. Sie deutete nie an, dass jemand nachts mit seiner Geliebten spazieren ging. Eventuell: «mit einer Dame, von deren Existenz die Ehefrau vermutlich noch nichts weiss».
Manchmal verärgerte sie ihre heranwachsenden Kinder, später die heranwachsenden Enkel. Sie war nicht aufdringlich, liebte es jedoch, die Fakten festzustellen. «Wenn Grossmutter zu uns kam und eine neue Person sah, fragte sie sofort nach ihrem Weggehen, welche Freundin bei mir gewesen war und wie sie hiess», sagte Enkelin Luiza. «‹Was interessiert dich das, Oma?›, fragte ich sie dann; ich konnte mich nicht genug wundern, dass sie die Namen von Menschen wissen wollte, die sie höchstens eine Minute gesehen hatte.» – «Wir ärgerten uns oft, wenn sie diskret, aber bestimmt zu verstehen gab, dass sie die Namen unserer Freunde wissen wollte», erzählt Ewa. «Dann regte sie sich auf und sagte, unsere Generation sei wirklich unerhört: Wir brächten es zuwege, mit jemandem im Restaurant an einem Tisch zu sitzen, ohne seinen Namen zu kennen.»
Janina, mit Mädchennamen Gürtler, träumte davon, Pharmazie zu studieren. Als der Krieg ausbrach, war sie achtzehn und konnte die Matura nicht mehr ablegen. Ihre Mama war Hausfrau, der Vater Beamter im E-Werk und Zeichenlehrer in einem Kunstgymnasium. Janina kopierte das Leben ihrer Mutter: Sie war Hausfrau. Allerdings mit Ambitionen – so absolvierte sie einen Englischkurs für Fortgeschrittene. Czeslaw Turek war Ingenieur, er baute Strassen und Brücken, bekam Auszeichnungen. Er sah gut aus und hatte Erfolg bei den Frauen. Sie heirateten 1941 und liessen sich 1958 scheiden. Nach der Scheidung blieb sie mit ihrem Mann befreundet; unter «erhaltene Geschenke» notierte sie ein ums andere Mal von ihm mitgebrachte Zeitschriften. Er starb 1988. Sie hatten drei Kinder: die Tochter Ewa und zwei Söhne, Leslaw, ein Maschinensetzer, und Jurek, ein Ingenieur, der sich in Österreich niederliess.
In der Parkowa erinnern sich alle an Janina Turek: Sie war freundlich und liess sich nicht anmerken, dass ihre Eltern zu Hause ein Dienstmädchen gehabt hatten. Sie organisierte Tanzveranstaltungen, Ausflüge und Bridgeabende. Sie arbeitete als Sekretärin. Sie liess sich auch nicht anmerken, dass sie sich nach ihrem Mann sehnte. Ewa sagt, nach der Trennung vom Vater habe Mama nie mehr einen fremden Mann nach Hause gebracht. Im Jahre 1946 überreichte sie ihrem Mann zum Nikolaus: «1. amerikanische Zigaretten der Marke Chelsea; 2. Zigaretten Baltyk; 3. einen hl. Nikolaus aus Zucker. Das alles in einem essbaren Säckchen aus Gelatine, oben geschmückt mit einer silbernen Rosette und einer hellrosa Schleife, an die ein Päckchen amerikanische Zigaretten der Marke Raleigh gebunden war.»
Als eine Unbekannte ihr bei einer Zugfahrt eine Mandarine aufwartete, vermerkte Janina die Mandarine unter «erhaltene Geschenke». Als Geschenk bezeichnete sie auch ein Porzellanservice für zwölf Personen und einen Strauss Feldblumen von ihrer Enkelin, Trinkgeld für den Briefträger oder Schinkenreste («Geschenk für den Hund Dzokus»). Die Genauigkeit, mit der sie die Geschenke notierte, ist jedoch kein Hinweis darauf, dass Janina Turek einen uner­träglichen Charakter gehabt hätte, wie zum Beispiel Thomas Mann. Seine Tagebucheintragungen verraten die extreme Egozentrik des Autors. Mann notierte den Besuch beim Zahnarzt, alle «hartnäckigen Obstruktionen», «Blutschläge im Kopf», Besuche beim Friseur, Trinkgelder fürs Dienstpersonal, Preise getrunkener Weine usw. Aus Janinas Notizen kann man schliessen, dass sie gesellig war und die Menschen liebte. Sie feierte und schenkte gern. Wenn sie in der Fussgängerzone von Rabka Zdrój eine Portion Schlagobers ass, notierte sie das unter «gesellschaftliche Ereignisse». Das Ereignis bekam eine Nummer und war in der Summe genauso wichtig wie die Fahrt Fidel Castros durch die Stadt, die sie von einem erhöhten Blumenbeet aus beobachtet hatte.
Janina Turek objektivierte ihre eigene Alltäglichkeit. Sie beobachtete sich von aussen wie ihre eigene Buchhalterin. Als sie im Jahr 1960 im Vorbeigehen ihren Sohn Leszek mit einem Freund sah, notierte sie das Ereignis objektiv: «Im Vorbeigehen, Pos. 36 364 – Leslaw (Lesiu) Turek und Bogdan Zaleski». Kein Wort darüber, dass es sich um ihren ältesten Sohn handelte. Diese Sachlichkeit schockierte die Tochter. Ihr Papa war in zwei Konzentrationslagern gewesen. Das erste Datum, das Ewa in den Heften der Mutter suchte, war die Rückkehr des Vaters aus dem Lager. Es stellte sich heraus, dass Janina nichts geschrieben hatte, was man hätte erwarten können, wie zum Beispiel: Rückkehr meines geliebten Mannes, um den ich mir solche Sorgen gemacht habe, von Auschwitz. Janina Turek notierte bloss: «Besuch von Czeslaw Turek (Slawek)». In der Rubrik «Nicht angekündigte Besuche». Auch über sich selber schrieb sie in der dritten Person: 23.3.1974 – «Bridge bei Janina (Aćka) Turek in der Parkowastrasse.» In Wahrheit schrieb sie nie über sich selber. Wenn sie notierte, was sie ass, schrieb sie das Essen auf und nicht, wie es geschmeckt hatte. Wenn sie niederschrieb, welchen Gegenstand sie zufällig gefunden hatte, notierte sie den Gegenstand und nicht, ob ihr der Fund besondere Freude bereitet hatte.
Ich überlege mit ihrer Tochter, warum Janina Turek auf den Gedanken gekommen war, über alle Ereignisse Buch zu führen. «Vielleicht war es ein Trauma», sagt Ewa Janeczek. «Vor dem Krieg, im Jahre 1938, führte Mama als Teenager ein Tagebuch. Dieses wurde von der Grossmutter gefunden, die es las. Das Tagebuch verschwand auf Nimmerwiedersehen. Es gab darin Fragmente über eine Orgie, an der Mama mit Freunden teilgenommen hatte. Nur dass die ganze Orgie daraus bestand, dass sie auf einem Tisch getanzt hatten. Oma machte ihr in Anwesenheit eines Jungen einen Skandal. Mama schrieb später, der Gebrauch eines unpassenden Wortes habe sie ins Unglück gestürzt. ‹Orgie bedeutet wohl etwas anderes.›» Nach der Schändung des intimen Tagebuchs fühlte sich die sechzehnjährige Aćka wie «eine Hexe, auf die der Scheiterhaufen wartet». «Als wäre mir das Blut in den Kopf geströmt», schrieb sie. Seit damals hörte sie auf, sich dem Papier anzuvertrauen. Janina Tureks Geheimnisse mussten sich in Beschweigen verbergen.
Die Menschen schreiben aus verschiedenen Gründen Tagebücher. Lechoń notierte die Ereignisse des Tages zum Zweck der Autotherapie. Thomas Mann, weil er es liebte, den «fliehenden Tag festzuhalten». Fernando Pessoa, weil er «sein eigenes Leben zum Besitz der ganzen Menschheit machen wollte», und sein Held, der Buchhalter Soares: weil «es besser ist, zu schreiben, als das Leben zu wagen». Gombrowicz schrieb ein Tagebuch, um «sein grösstes Problem zu lösen: das Ich». Tyrmand wollte sich mithilfe des Tagebuches «bewähren, was das klassische Verlangen derjenigen ist, die das Leben an den Rand geworfen hat». Für Pascal hingegen stellten die peniblen Aufzeichnungen der alltäglichen Ereignisse «den Stil dar, in dem langsam die Vergangenheit abstirbt». Den Grund, warum Janina Turek schrieb, kennen wir nicht. 
Für einen Psychotherapeuten wäre er klar: eine Zwangsneurose. Für die Familie Janina Tureks ist das nicht so klar. Wenn es so wäre, dann hätte auch Claude Monet, der einundzwanzig Jahre lang immer dieselben Seerosen malte, an einer Zwangsneurose gelitten. Ewa schaut immer noch die Papiere, Bilder und Hefte durch. Janina Turek schrieb im Geheimen. Sie wollte nicht, dass jemand von der Existenz ihrer Tagebücher erfuhr. Wenn sie von zu Hause wegfuhr, notierte sie unterwegs abends etwas auf ein Stück Papier. Sie schrieb keine Ansichten nieder. Die nummerierten Ereignisse versah sie nie mit Reflexionen. Vielleicht verschaffte ihr die Einteilung des Lebens in Rubriken und das tägliche Hinzufügen von Positionen in jede dieser Rubriken eine Beruhigung? Die klassischen intimen Tagebücher, die Damen aus bürgerlichen Kreisen nach der Französischen Revolution zu führen begannen, hatten nach Ansicht der Forscher eine therapeutische, beruhigende, dämpfende Wirkung. Die täglichen Aufzeichnungen sollten den Frauen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Obwohl die Mode, über sich selber zu schreiben, im 19. Jahrhundert weit um sich griff, schrieben die Frauen im Verborgenen. Wandte sich Janina Turek wieder ihren alten Aufzeichnungen zu, weil sie das Bedürfnis verspürte, noch einmal dasselbe zu erleben? «Ich weiss es nicht», sagt die Tochter. «Ich weiss es nicht», sagt die Enkelin. «Wir wissen nichts», sagt der Schwiegersohn.
Als sie das Tagebuch ihres Lebens zu schreiben begann, war sie noch keine zweiundzwanzig. Krakau war die Hauptstadt des Generalgouvernements, und der Ringplatz hiess Adolf-Hitler-Platz. Sie begann die Notizen gleich nach der Verhaftung ihres Mannes durch die Gestapo. Vermutlich hatte ihn jemand wegen seiner Tätigkeit im Untergrund denunziert. Sie war mit ihrem ältesten Sohn im fünften Monat schwanger. Sie wohnte bei den Eltern in der Sloneczna 4, in einer der wenigen Krakauer Vorkriegswohnungen, die ein eigenes Badezimmer besassen. Die Deutschen besetzten das Haus und siedelten die Bewohner in die Parkowa nahe dem Rynek Podgórski um. Podgórze war ein armes Viertel am rechten Ufer der Weichsel. Adolf Nowaczyński schrieb: «Podgórze sehen und sterben.» Es gab dort nur ein paar Häuser mit Kanalisation und Gas. Nicht einmal gepflasterte Strassen gab es. Janina Turek klagte bis zum Jahr 2000 über die kalte Wohnung. Sie fühlte sich durch das Viertel degradiert. In der Nähe ihres Hauses stand eines der vier Tore zum Ghetto.
Im Herbst 1943 brachte sie Leslaw zur Welt. Die Deutschen verlangten für die Entlassung ihres Mannes Geld. Sie sammelte es unter Familienangehörigen und Freunden. Als sie die ganze Summe beisammen hatte, ging sie zur Gestapo, doch es stellte sich heraus, dass Czeslaw Turek nicht mehr im Gefängnis in Montelupi war. Er war nach Auschwitz gebracht worden, und man konnte nichts mehr für ihn tun. Alle zweieinhalb Tage las sie ein Buch aus. Im Jahr 1943 las sie insgesamt 148 Bücher.
Als sie im Herbst ihr erstes Heft mit den Rubriken «Kino», «Lektüre», «Ausflüge», «Revuen» füllte, führte der in Krakau residierende Gouverneur Hans Frank den Kriegszustand ein. Ab diesem Zeitpunkt konnte jeder Polizist nach eigenem Gutdünken Menschen umbringen. «Ich zögerte nicht, dem Führer zu versichern, dass für einen Deutschen hundert Polen erschossen werden», schrieb Frank in sein Tagebuch. «Die Niedergeschlagenheit ist kaum zu beschreiben», notierte am 18.10.1943 der in Warschau lebende Ludwik Landau; Janina Turek am selben Tag: Sie habe im Kino Sztuka den Film Walzer der Liebe gesehen. Zwei Tage später führten die Deutschen in der Wielickastrasse eine Massenerschiessung durch. Die Razzien verstärkten sich. Janina las seit zwei Abenden die Tagebücher von Katherine Mansfield. Die britische Autorin war jung gestorben. Den Grossteil ihres Lebens hatte sie ans Bett gefesselt verbracht, am Rand der Ereignisse lebend. «Wenn mir gestattet würde», schrieb Mansfield, «einen Schrei zu Gott zu tun, würde ich rufen: ‹Ich möchte wirklich sein!›» Janina Turek muss diesen Satz mehrmals gelesen haben, denn das Buch schlägt sich noch heute von selber auf dieser Seite auf.
Die Deutschen taten so, als liefe das Leben ganz normal weiter. Im Oktober änderten sie die Sommerzeit in die Nor­malzeit, sie eröffneten in Krakau eine Fischereischule, organisierten eine Ausstellung von Webereierzeugnissen und eine Chopin-Ausstellung, die beweisen sollte, dass Chopin ein Deutscher gewesen war. Janina war fünfmal im Kino und besuchte zweimal Namenstagsfeiern. Sie schenkte Blumen. Das Geld ging zu Ende, also trank sie mit ihren Eltern Tee, den sie aus geröstetem Zucker brauten, der jedoch nichts mit wirklichem Tee gemein hatte. Man röstete den Zucker in der Pfanne, bis er braun war, und löste ihn nach dem Erkalten in Wasser auf. Es gab Tage, an denen Weichselmarmelade dominierte. Das ganze Mittagessen bestand daraus: Wasser mit Weichselmarmelade, Brot mit Weichselmarmelade.
Vielleicht glaubte Janina, sie würde ihrem Mann nach seiner Rückkehr die Aufzeichnung all der Dinge zeigen, die sich in ihrem Leben ohne ihn ereignet hatten? Vielleicht meinte sie, Czeslaw würde am Leben bleiben, solange sie etwas niederschrieb? Aber warum schrieb sie dann alles auf, als ihr Mann bei ihr war?
Am Tag der Befreiung Krakaus, dem 18.1.1945, ass sie Schwarzbrot und trank dazu schwarzen Kaffee. In der Nacht las sie Hermann Hesse. Am nächsten Morgen zeichnete sie eine Querlinie in ihr Heft. Darunter schrieb sie: «POLEN, früher – Generalgouvernement», und dann, dass sie ein Bonbon aus Milch und Malz gegessen hatte. 
Nach Janinas Tod wurden die Hefte ins Haus ihrer Tochter gebracht. Die riesige Villa grenzt an eine in der ganzen Ge­gend bekannte Bäckerei, die der Schwiegersohn führt. Die Familie räumte ein Zimmer im ersten Stock, die Tagebücher liegen auf Regalen und auf dem Boden. In Stössen, geordnet nach den Bereichen des Lebens. Ewa Janeczek (eine echte Dame, genau wie Janina, sagen die Nachbarn) macht in Handschuhen in der Wohnung ihrer Mutter Ordnung. Sie bereitet Material für das Guinness-Buch der Rekorde vor – es gibt eine Chance in der Kategorie «das am längsten geführte Tagebuch».
Die Tochter entdeckt neue Geheimnisse. «Es gibt sie! Es gibt Ansichtskarten, die Mama geschrieben hat!», sagt sie mir am Telefon. «Sie hat sie allerdings nie an jemanden abgeschickt», sagt sie nach einer Weile verwundert. Es stellt sich heraus, dass es Ansichtskarten gibt, die Mama offenbar nur für sich selber schrieb. Aus diesen Karten spricht Janina Turek endlich mit ihrer eigenen Stimme.
Eine Postkarte vom März 1957, geschrieben im sechsunddreissigsten Lebensjahr, noch vor der Scheidung: «Nicht viel wünschen. Nicht zu viel über sich selber reden.» Eine Ansichtskarte, geschrieben nach Ostern 1976: «Die Feiertage sind vorbei. Ich habe sie recht erfolgreich in Ge­sellschaft der Kinder und ihres Vaters verbracht. Es sind immerhin achtzehneinhalb Jahre der Trennung. Es ist schwer, sich zu beugen.» Im Sommer 1976, mit fünfundfünzig Jahren: «Rabka. Ich habe mir ein Nachthemd gekauft, das ich als Kleid tragen werde. Falls ich den Mut dazu aufbringe.» Ebenfalls im Sommer 1976: «Wir statten unangekündigt einen Besuch ab, was ich nicht ausstehen kann.» Eine Ansichtskarte, geschrieben bei Vollendung des neunundfünfzigsten Lebensjahres: «Woher habe ich so viel Sehnsucht nach etwas, diese Unerfülltheit des Herzens? Ich muss sehr beherrscht sein. Die Bedürfnisse nicht nach aussen tragen.» Im Mai 1981: «Hitze. Ich sehne mich nach etwas, was mir schwerfällt, zu begreifen und zu beschreiben. Ich möchte mit jemandem genauso wie ich weit weg fahren. Doch die Wirklichkeit kennt keine Illusionen. Ich stecke in der Parkowa fest, die im Sommer zum Glück sehr schön ist, anders als andere Strassen.» Juli, Kriegsrecht: «Urlaub. Slawa. Nicht weit von hier ist eine Düsenjägerbasis. Lärm. Wie im Krieg. Ich habe den Krieg ab dem achtzehnten Lebensjahr mitgemacht. Ich mag gar nicht daran denken.» Dann eine Ansichtskarte, geschrieben vor dem einundsechzigsten Geburtstag: «Ich habe eine Gefährtin in meiner Einsamkeit: eine Fliege. Wenn es warm ist im Zimmer und ich esse, fliegt sie herum. So geht es seit ein paar Wochen.» Zwei Jahre später: «Vor allem sonntags bin ich allein. Die Zeit fliesst ruhig dahin, ich will nichts, erwarte nichts. Es wird kommen, wie es kommen muss, ich werde mich nicht mehr auflehnen.» Ein Jahr später: «Wie viele Frauen warten auf einem Nebengeleise? Lebe ich, oder tue ich nur so, als lebte ich? Die Aufzeichnungen, die Statistik, soll das ein Selbstbetrug sein? Wenn ich aufhören würde, etwas zu notieren, müsste ich zu mir selber zurückkehren.» Eine Karte, geschrieben ein Jahr vor ihrem Tod: «Ich stehe an der Grenze zwischen Leben und Tod. Achtundsiebzigeinhalb Jahre, es hat keinen Sinn, sich weiter anzutreiben, man muss eher bremsen. Ich habe viel gelitten im Leben. Die Metaphysik hat mich fast ständig begleitet, manchmal war es schwierig, damit fertig zu werden. Ich wollte lieben, sehnte mich jedoch auch danach, geliebt zu werden. Und dabei begegnete ich grossen Schwierigkeiten. Das Resultat … Einsamkeit!!!» Dreiunddreissig Tage vor dem Tod: «Ich gerate langsam in eine Sackgasse, mein Optimismus versiegt, die Resignation gewinnt die Oberhand. ‹Mein Nachen schwimmt so nahe am Ende des Tages dahin.›» Die letzte Postkarte, zweiunddreissig Tage vor dem Tod: «Gestern fiel mir die Fernbedienung des Fernsehers hinunter. Verzweiflung.»
11.11.2000, Samstag. Der letzte Abend im Leben Janina Tureks ist erfüllt mit Fernsehen. Sie stirbt plötzlich: Am nächsten Tag erleidet sie einen Herzinfarkt, kurz nach Verlassen des Hauses. Passanten rufen die Ambulanz. Am Morgen hat sie noch eine Karte geschrieben: «Ewunia, seit drei Uhr nachts tut mir das Herz weh. Sicher ein Infarkt. Ich habe Tabletten genommen.» Vor drei Uhr sah sie folgende Sendungen: 71 040 – «Panorama»; 71 041 – «Das Wort zum Sonntag»; 71 042 – den Film «Gott spielen».

Aus dem Polnischen von Martin Pollack

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