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Die polnische Hausfrau Janina Turek notierte 57 Jahre lang jeden Tag, was sie tat.

Mariusz Szczcygiel

Janina Turek, Mutter von drei Kindern, ass am 1.10.1996 zu Mittag eine Pilzsuppe mit Nudeln, Gulasch mit Kartoffeln und rote Rüben und zum Nachtisch Trauben. Vierzig Jahre zuvor, am 19.2.1956, hatte sie ebenfalls ein normales und nahrhaftes Mittagessen zu sich genommen: heisse Wurst mit Kremsersenf, Brot, Apfelkompott, Kakaokuchen und Bischofsbrot. Am 21.3.1973 nahm sie zweimal das Telefon ab, ohne dass sich jemand meldete. Am 21.6.1976 fand sie auf der Strasse neue elastische Kinderstrümpfe. Am 15.8.1981 trat sie ihrem Sohn Fleischkarten ab. Am 2.1.1982 brachte ihre Tochter ihr ein paar Äpfel mit. Am 7.12.1983 brachte ihr geschiedener Mann ihr zwei gelesene Zeitungen mit. Am 3.2.1985 klopfte ein Unbekannter bei ihr, er hatte die Wohnungstür verwechselt. Am 3.1.1997 ass sie bei einer Freundin Chips. Am 1.2.1998 schaute sie aus dem Fenster und sah, wie ihre Nachbarin, Urszula Krzywoń, aus dem Taxi stieg.

In der Alltäglichkeit geschieht ständig etwas. Wir vollbringen zahllose kleine Handlungen, ohne zu hoffen, dass unser Gedächtnis diese festhält, vom Gedächtnis anderer ganz zu schweigen. Diese Handlungen werden jedoch nicht um der Erinnerung willen unternommen, sondern aus Notwendigkeit. Mit der Zeit geraten alle Bemühungen unseres täglichen Treibens in Vergessenheit.

Janina Turek, eine Hausfrau, machte über ein halbes Jahrhundert lang eben das, was alltäglich ist und daher unbeachtet bleibt, zum Objekt ihrer Beobachtungen. Als Erste erfuhr davon ihre Tochter. Nach dem Tod der Mutter im Herbst 2000 öffnete Ewa Janeczek einen Schrank und sah einen Stoss Hefte. (Später stellte sich heraus, dass es 728 Hefte waren.) Es zeigte sich, dass ihre Mama alles aufgeschrieben hatte, was sie getan hatte. Ununterbrochen, Tag für Tag, vom Jahr 1943 bis zum Jahr 2000, hatte sie notiert: wie oft sie zu Hause das Telefon abgenommen und wer angerufen hatte (38 196-mal); wie oft sie jemanden angerufen hatte (6257-mal); wo und wen sie zufällig getroffen und wem sie «Guten Tag» gesagt hatte (23 397-mal); wie viele vereinbarte Begegnungen sie gehabt hatte (1922); wie viele Geschenke sie wem gemacht hatte und welche (5817); wie viele Geschenke sie erhalten hatte (10 868); wie oft sie Bridge gespielt hatte (1500-mal); wie oft Domino (19-mal); wie oft sie im Theater gewesen war (110-mal); wie viele Sendungen sie im Fernsehen gesehen hatte (70 042); und so weiter.

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