Reise zu den Ahnen

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Vier Mädchen aus den USA suchen nach ihren Wurzeln in Afrika.

Paul Hertzberg und Sophia Bogner

An ihrem ersten Abend in Afrika gibt es für Myla, Taleyha, Jamara und Tatiana: Burger! Die sehen ganz normal aus, genau so, wie die Mädchen sie aus Amerika kennen. Aber für die vier Teenager sind sie nicht normal. «Dieser fucking Burger verändert gerade mein Leben», sagt Myla. Taleyha kichert, Jamara lacht, Tatiana schweigt. Die vier sitzen im «Oak Plaza», einem Hotelklotz am Flughafen von Accra. Draussen blasen alte Auspuffe Abgase in die Luft. Hinter Dieselwolken verkaufen Frauen Ananas, Lotterielose und Kochbananen-Chips. Drinnen im Speise­saal läuft die Klimaanlage auf 18 Grad, und ein Plasmabildschirm leuchtet stumm. Zum Burger gibt es Sprite und Fritten – ein typisches amerikanisches Abendessen. Aber die USA sind 8300 Kilometer weit weg. «Ein echter afrikanischer Burger», sagt Myla. Die Mädchen lachen über den Witz. Der Burger ist wie sie: ein Amerikaner in Afrika, vielleicht auch amerikanisch und afrikanisch zugleich. Sie kommen aus Washington D. C. und Baltimore. Drei von ihnen haben die USA noch nie verlassen. Sie wollen herausfinden, wohin sie gehören – auf einer zehntägigen Tour durch Ghana. Denn hier, in Ghana, hat vor 400 Jahren alles begonnen.

Im August 1619 legt ein Schiff im Hafen von Point Comfort, Virginia, an. Es ist die «White Lion», das erste Sklavenschiff, das, von Afrika kommend, Nordamerika anläuft. Wie viele Gefangene es genau transportierte, weiss niemand mehr. Über die Ladung notierte der Kolonist John Rolfe nur: «Nichts als Neger, 20 oder so.» Ihre Namen verloren die Sklaven mit ihrer Heimat, als sie verschleppt, in Ketten gelegt und verschifft wurden. In Amerika gab man ihnen neue. Es folgten Millionen weitere Sklaven, Plantagenarbeit, Lynchmorde, Bürgerkrieg, Rassentrennung, Martin Luther King, Polizeigewalt, Barack Obama und Black Lives Matter. Tatiana, Jamara, Myla und Taleyha sind die Erben dieser Geschichte. Sie sind die Nachfahren von Sklaven.

Immer mehr von diesen Nachfahren kommen heute zurück nach Afrika – als Touristen. Daraus hat sich eine ganze Reiseindustrie entwickelt: Roots Tourism, eine Mischung aus Pauschalreise und Sinnsuche. Ein Trip nach Afrika mit Strandpartys, Bootsfahrten, Bongotrommeln und den ganz grossen Fragen: Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Die ghanesische Regierung fördert diesen Tourismus. Es gibt eine eigene Botschafterin für Afroamerikaner und ein Ministerium für die «afrikanische Diaspora». Sein Direktor, Akwasi Ababio, hat eine Botschaft für alle Schwarzen der Welt: «Kommt zurück nach Afrika! Hier könnt ihr Könige und Königinnen sein.»

Im «Oak Plaza» wird die Nachspeise serviert. Alle sind erschöpft, der erste Tag begann direkt mit einem Museumsbesuch, bei dem sie von Kwame Nkrumah hörten, dem ghanesischen Staatsgründer, und W. E. B. Dubois, einem wichtigen amerikanischen Bürgerrechtler, der nach Ghana auswanderte. Die Mädchen sitzen auf der einen Seite des Tisches, auf der anderen der Rest der Reisegruppe, die «Erwachsenen». Da ist Ada Brown, klein und gut gelaunt, die Reiseleiterin und Mylas Mutter. Da ist Wanda Lockridge, Adas Freundin mit blond gefärbtem Afro. Da ist Ysaye Barnham, die berühmte Sängerin aus D. C., alt und weise, welche die Mädchen wegen ihrer Glatze und der extravaganten Riesenbrille nur Ninja Turtle nennen. Da ist eine Mitt-Fünfziger-Anwältin, eine Journalistin mit Rastazöpfen, ein Pärchen aus der Vorstadt. Ihre Namen werden sich die vier bis zum Ende nicht merken. Sie alle sind schwarz, sie alle suchen in Ghana nach ihren Wurzeln – und im Gegensatz zu den Teenagern finden sie den ersten Tag der Reise ziemlich gelungen. «Wir wären lieber schwimmen gegangen», sagt Jamara, «all das Gelerne, mit W. E. B. Whatever, das war so laaangweilig.» Tatiana zieht die Augenbrauen hoch, ihr Blick huscht zu Wanda. Denn wegen der Frau mit dem gelben Afro sind die Mädchen hier, in diesem Hotel und in Afrika.

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