Rocío Puntas Bernet im Gespräch

Rocío Puntas Bernet, Autorin von Sushi aus dem Käfig, im Gespräch

Esther Göbel

Reportagen: Warum diese Geschichte?

Rocío Puntas Bernet: Als ich vor Jahren in den USA ein Sushi-Restaurant betrat, musste ich gleich wieder kehrtmachen: Ich konnte den Geruch nicht ausstehen. Später stellte ich fest, dass Sushi in Europa zum neuen Foodtrend wurde, was ich nicht recht verstehen konnte. Alle fanden Thunfisch plötzlich so lecker und so cool – bloss fragte niemand nach den Konsequenzen. Das hat mich aufgeregt, und so ging es los. Ich bin selbst in Tarifa, ganz im Süden Andalusiens, aufgewachsen, und wurde vom traditionellen Thunfischfang, der Almadraba, geprägt. Das Wort Sushi kannte in meinem Dorf aber praktisch niemand; der ganze Hype rund um Sushi war wie ein Aufwachen für uns. Wir hatten das Feine, die Exklusivität dieses Tieres nie richtig geschätzt; der Thunfisch war zwar immer da, aber nie als ein Luxusgut.

 

Assoziierst du mit dem Thunfisch ein Stück Heimat?

Ich denke, es ist eher das Meer, an das der Fisch mich erinnert. Das Meer ist Heimat für mich. Ich vermisse es, immer, weil ich seit langer Zeit schon mit meiner Familie in der Schweiz lebe. Als junge Frau zog ich von Tarifa zunächst nach Cádiz, einer Stadt, die ja auch am Wasser liegt. Aber als ich zum Studieren nach Córdoba zog, wo ich geboren war, verspürte ich zum ersten Mal Heimweh nach dem Meer. Ohne dass ich damals verstanden hätte, was überhaupt los war. Ich konnte mir nicht erklären, wieso ich mich so unvollständig fühlte; ich war an meinem Geburtsort, ich war immer noch in Andalusien, aber etwas fehlte. Erst hier in der Schweiz wurde mir bewusst, wie sehr ich das Meer vermisse. Bei einem meiner Besuche in Tarifa bin ich trotz der kalten Wintertemperaturen schwimmen gegangen und habe sogar Meerwasser getrunken! Meine Mutter dachte, ich sei verrückt geworden! Aber ich hatte mich auffüllen wollen mit dem Meer. Danach war ich ruhiger. Ich glaube, aus diesem Vermissen heraus kommt mein Gefühl, es schützen zu wollen.

War dann die Recherche nicht sehr emotional für dich?

Schon vor der Recherche habe ich einmal erlebt, wie kleine Haie gehäutet wurden. Wie sich die Tiere gewunden haben und schrien, war kaum auszuhalten. Dieses Erlebnis war mit ein Grund für diese Reportage. Während der Recherche war ich dagegen glücklich, obwohl ich seekrank geworden bin. Ich habe das alles sehr genossen: den Wind, das Meer, das Gefühl von Freiheit, sogar einen Finnwal habe ich gesehen. Ich glaube, ich habe die ganze Zeit gelächelt.

 

Du thematisierst in deinem Text aber nicht nur das Meer und den Thunfisch selbst, sondern auch das Geschäft mit ihm, unter anderem das illegale. Allerdings reisst du die Thunfisch-Mafia nur kurz an in deinem Stück. Warum?

Man bekommt kaum Informationen, wenn es um den illegalen Markt geht. Niemand will wirklich mit einem reden. Greenpeace hat nun zusammen mit anderen Organisationen eine Klage gegen ein Netz von Thunfisch-Unternehmen erhoben, unter anderem wegen illegaler Fischerei, krimineller Organisation und Verletzung der öffentlichen Gesundheit. Gerade läuft ein Gerichtsverfahren, aber sogar Greenpeace ist sehr vorsichtig und nennt keine Namen der beteiligten Unternehmen.

 

Für mich war die Thematik komplett neu. Ich wusste nicht, dass die Mafia ins Thunfisch-Geschäft involviert ist.

Mafia ist ein grosses Wort; ich würde eher sagen, dass die Unternehmen und Fischer, die illegal beifangen, sehr gut organisiert sind. Es läuft etwa so: Ein Unternehmen fängt ganz legal Thunfisch – aber darüber hinaus eine Menge, die die erlaubte Quote übersteigt. Oder andere Thunfische werden als Blauflossenthunfisch deklariert und teurer verkauft. Das läuft dann illegal, im Dunkeln. Innerhalb des Unternehmens ist eine Person für die Papiere zuständig, die andere kümmert sich um die nötigen Kontakte für die Distribution, die dritte um den Verkauf. Jede Person hat innerhalb dieses Systems ihr Spezialgebiet.

 

Dieses System beschreibst du als ein Netz. Konntest du mit einem Akteur aus diesem Netz sprechen? Oder kommt man an die einfach nicht heran?

Ich habe mit der Recherche für diese Geschichte vor über zwei Jahren begonnen. Anfang 2020 nahm ich mit einem Gross-unternehmen Kontakt auf, das zu diesem Netzwerk gehören soll. Nach mehreren Anläufen hatte ich die Firma endlich so weit, dass ich sie im vergangenen Juni besuchen konnte, so war es vereinbart. Aber dann kam Corona dazwischen – und mit der Corona-Krise hatten sie dann den perfekten Vorwand, mich erneut abzuwimmeln.

 

Hat dich das überrascht? Oder wusstest du, worauf du dich einlassen würdest bei dem Thema Thunfisch?

In Tarifa passiert es schon mal, dass jemand zu Hause vorbeikommt und so etwas sagt wie: «Du, mein Cousin hat gerade einen frischen Fisch mitgebracht, willst du ein Kilo?» Das ist nicht erlaubt. Aber diese Leute haben kein anderes Einkommen, und wenn sie einen Thunfisch direkt vor der Nase haben, ist es schwierig, zu widerstehen. Mir war jedoch nicht klar, wie gross das illegale Netz ist, das ist ein ganz anderes Niveau.

 

Du schreibst in deinem Text, dass der Markt sich nicht mehr bremsen lasse. Würdest du sagen, das ist jetzt, nach knapp einem Jahr Corona-Krise, immer noch so?

In Restaurants hat der Konsum natürlich nachgelassen; wenn keine Restaurants offen sind, können die Kunden dort nicht konsumieren. Aber die Unternehmen haben andere Wege gefunden, den Fisch zu verkaufen – oder die Kunden einen anderen, weiter zu konsumieren, je nachdem von welcher Seite man es betrachtet. Man bestellt direkt bei den jeweiligen Unternehmen. Telefonisch oder online, über eigens dafür eingerichtete Shops im Netz. Wer zum Beispiel Lust hat, mit Freunden selbst Sushi zuzubereiten, geht einfach auf eine Website, dort finden sich Dutzende von Rezepten, und man wird sogar beraten: «Dieser Teil des Blauflossenthunfischs eignet sich für dieses Gericht, jener ist am besten für Sushi», und so weiter. Dann bestellt man sich so viel Thunfisch, wie man braucht – und 24 Stunden später wird er einem nach Hause geliefert. Ein Luxus, der eher weiter zu- als abnehmen wird, schätze ich.

 

Bedeutet dies, dass sich auch die mafiösen Strukturen weiter verstärken werden?

Ich denke, die Konsumenten könnten das auch beeinflussen. Sie schauen nur nicht richtig hin.

 

Aber wie soll ich als Kundin erkennen, ob ich gerade illegal gefangenen Fisch kaufe, wenn ich bei einem legalen Unternehmen bestelle?

Jedes Stück Thunfisch sollte ein Etikett tragen, das eine nachvollziehbare Herstellungskette und die Frische belegt. Wenn die Konsumenten das stärker einfordern würden, also wenn sie sich wirklich dafür interessieren würden, wo der Fisch herkommt, könnte man diese illegalen Strukturen stoppen. Denn wenn alle nur noch zertifizierten Thunfisch kaufen würden, hätten die Kriminellen keine Chance mehr, weil sie ihr Produkt auf dem Markt nicht mehr platzieren könnten.

 

Wieso gibt es das nicht längst, eine solche Zertifizierung? Hechelt die Politik hinterher?

Wir machen immer gern die Politik für alles verantwortlich. Aber das ist auch ein Mittel, um sich als Konsument die Hände reinzuwaschen. Wenn alle gemeinsam einen Wandel einfordern würden, wäre die Politik gezwungen, zu handeln. So ähnlich wie beim Klima. Ich habe für meine Recherche viele Leute aus meinem Umfeld, von denen ich wusste, dass sie gern Sushi essen, gefragt: «Woher kommt denn dieser Fisch?» Niemand wusste es. Oft nicht einmal der Koch eines spezialisierten Restaurants. Weil es niemanden interessiert.

 

Anders als bei Fleisch und Eiern, bei denen ich beispielsweise sehr stark darauf achte, wo die Produkte herkommen und wie die Tiere gehalten wurden, fehlt mir beim Thunfisch irgendwie das kritische Bewusstsein.

Die Frage muss lauten: Wieso sind wir kritisch, wenn es um Fleisch, Eier oder auch Spargel und Erdbeeren geht? Aber beim Thunfisch nicht? Ich denke, wir sind extrem unsensibel, wenn es um Fische geht. Die meisten Leute denken: «Ach Quatsch, die leiden nicht!» Aber ich habe gesehen, wie sie leiden. Das ist mir im Kopf geblieben, auch im Herzen. Dazu kommt vielleicht: Wir sehen die Schweine, auch die Kühe; wir wissen, dass es ungerecht ist, was wir ihnen antun. Wir kümmern uns vermehrt um die Auslaufflächen von Nutztieren, die wir bei uns halten, aber ignorieren, dass der Blauflossenthunfisch, ein Tier von fast drei Metern Länge und einem Körpergewicht von bis zu 600 Kilogramm, das Spitzengeschwindigkeiten von 70 km/h erreicht, in vergleichsweisen kleinen Unterwasserkäfigen zusammen mit Hunderten Artgenossen auskommen muss. Fische sind eben noch weiter von uns weg als andere Tiere, genauso wie das Meer immer auch etwas Mysteriöses hat, für Ferne steht. Es gibt diese Sympathie für Fische nicht, die wir eher gegenüber Kühen oder Schweinen empfinden. In manchen Restaurants werden die Fische etwa vor den Augen der Kunden zerlegt und filetiert. Sowas würden wir doch bei einer Kuh oder einem Schwein niemals machen!

 

Wenn dieser Schmerz, wie du es sagst, dir aber im Kopf und im Herzen geblieben ist, isst du dann jetzt noch Fisch?

Ja. Ich bin auch keine Vegetarierin. Ich brauche eine vielseitige und ausgewogene Ernährung und kann nicht auf Rind, Fisch oder Schwein verzichten. Trotz der Erkenntnisse aus dieser Recherche werde ich beim nächsten Besuch in Tarifa ein Stück gegrillten Thunfisch essen – denn ich weiss, woher er kommt.

 

 

Interview: Esther Göbel