Russische Amazonen

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In Juscha fehlen die Männer. Wie schlägt frau sich durch in der weiblichsten Stadt Russlands?

Ksenia Leonowa

Als der Stadtälteste starb, goss es in Juscha in Strömen. Man sagte, es seien die Tränen der Frauen, die der Tote zurücklasse. Die Bretter sämtlicher Bestatter der Stadt wurden feucht. Nur bei Mamlena gab es noch trockene. Zu ihr brachte man den Verstorbenen. Mamlena hatte noch nie einen Toten gesehen, obwohl sie manchmal Grabkränze für Begräbnisse steckte: «Es war schrecklich, ihn so hinzulegen und anzuschauen.» Ihr Mann, rotwangig und zwei Meter gross, stand hinter ihr und sagte: «Lena, stell dich nicht so an!» Mamlena dachte an die Fabrik, in der sie arbeiteten und die kurz vor der Schliessung stand, sie dachte an die Kinder, denen man etwas zu essen geben musste. Also holte sie die Bretter. 

Seit diesem Tag vor 20 Jahren hämmert sie Särge zusammen und polstert sie aus. Ihr gehört die grösste Bestattungsfirma in ganz Juscha. Mamlena verrät keinem, dass sie die Nägel selbst einschlägt und ihr Mann nur die Leichen zu den Begräbnissen in die Nachbarstadt fährt. Das ist typisch für Juscha. 

Juscha ist eine der weiblichsten Städte Russlands, weniger als ein Drittel der Bewohner ist männlich. Die Stadt erscheint dörflich verschlafen: Zwischen den Holzzäunen picken Hühner, entlang der Hausmauern sonnen sich die Katzen, Autos kämpfen sich durch riesige Regenpfützen. Doch die Frauen dieser Stadt hasten die ganze Zeit herum, sie holen die Kinder vom Kindergarten ab, eilen zur Arbeit, gehen einkaufen und zur Maniküre. Die wenigen jungen Männer in Juscha trifft man in den Schnapsabteilungen der Supermärkte, mit fahlen, unrasierten Gesichtern, in der neuen Nationaltracht der Männer von Juscha oder überhaupt aller Männer Russlands: im Tarnanzug.

Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat leben in Juscha zwar nur 56 Prozent Frauen, doch diese Statistik zählt die Wanderarbeiter mit – Männer, die für Saisonarbeit wegfahren und damit den grössten Teil des Jahres nicht zu Hause sind. In der städtischen Administration besetzten Frauen 40 von 50 Posten – deshalb werden sie in der Verwaltung des Gouvernements das «Tantenkommando aus Juscha» genannt. Frauen leiten hier die grössten Fabriken, Apotheken, Taxiunternehmen, Ikonenwerkstätten, Feriendörfer und Hotels. Ganz wohl ist ihnen dabei trotzdem nicht.

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