Russische Amazonen

In Juscha fehlen die Männer. Wie schlägt frau sich durch in der weiblichsten Stadt Russlands?

Ksenia Leonowa

Als der Stadtälteste starb, goss es in Juscha in Strömen. Man sagte, es seien die Tränen der Frauen, die der Tote zurücklasse. Die Bretter sämtlicher Bestatter der Stadt wurden feucht. Nur bei Mamlena gab es noch trockene. Zu ihr brachte man den Verstorbenen. Mamlena hatte noch nie einen Toten gesehen, obwohl sie manchmal Grabkränze für Begräbnisse steckte: «Es war schrecklich, ihn so hinzulegen und anzuschauen.» Ihr Mann, rotwangig und zwei Meter gross, stand hinter ihr und sagte: «Lena, stell dich nicht so an!» Mamlena dachte an die Fabrik, in der sie arbeiteten und die kurz vor der Schliessung stand, sie dachte an die Kinder, denen man etwas zu essen geben musste. Also holte sie die Bretter. 

Seit diesem Tag vor 20 Jahren hämmert sie Särge zusammen und polstert sie aus. Ihr gehört die grösste Bestattungsfirma in ganz Juscha. Mamlena verrät keinem, dass sie die Nägel selbst einschlägt und ihr Mann nur die Leichen zu den Begräbnissen in die Nachbarstadt fährt. Das ist typisch für Juscha. 

Juscha ist eine der weiblichsten Städte Russlands, weniger als ein Drittel der Bewohner ist männlich. Die Stadt erscheint dörflich verschlafen: Zwischen den Holzzäunen picken Hühner, entlang der Hausmauern sonnen sich die Katzen, Autos kämpfen sich durch riesige Regenpfützen. Doch die Frauen dieser Stadt hasten die ganze Zeit herum, sie holen die Kinder vom Kindergarten ab, eilen zur Arbeit, gehen einkaufen und zur Maniküre. Die wenigen jungen Männer in Juscha trifft man in den Schnapsabteilungen der Supermärkte, mit fahlen, unrasierten Gesichtern, in der neuen Nationaltracht der Männer von Juscha oder überhaupt aller Männer Russlands: im Tarnanzug.

Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat leben in Juscha zwar nur 56 Prozent Frauen, doch diese Statistik zählt die Wanderarbeiter mit – Männer, die für Saisonarbeit wegfahren und damit den grössten Teil des Jahres nicht zu Hause sind. In der städtischen Administration besetzten Frauen 40 von 50 Posten – deshalb werden sie in der Verwaltung des Gouvernements das «Tantenkommando aus Juscha» genannt. Frauen leiten hier die grössten Fabriken, Apotheken, Taxiunternehmen, Ikonenwerkstätten, Feriendörfer und Hotels. Ganz wohl ist ihnen dabei trotzdem nicht.

Noch mehr Reportagen.
Hol dir dein kostenloses Probeexemplar.

Jetzt bestellen

Juscha, rund 320 Kilometer nordöstlich von Moskau, ist eine der ärmsten Städte in Iwanowo, einem der ärmsten Bezirke Russlands. Juscha bedeutet Sand statt Asphalt, Sümpfe statt Flüsse, im alten Zentrum Gebäude aus Ziegelstein, einige hölzerne Einfamilienhäuser am Stadtrand, Dickicht von Moosbeeren im Wald und überall Schwaden von Mücken. Es ist eine seltsame Stadt, in der das wichtigste Gebäude nicht das Stadthaus, sondern eine Webereimanufaktur aus vorrevolutionärer Zeit ist. Zu Sowjetzeiten war sie eine der grössten des Landes, doch in den neunziger Jahren fiel sie einem unfähigen Geschäftsmann aus der Hauptstadt in die Hände und ging langsam bankrott. Dafür blühte das Unternehmertum auf – das die Frauen aufgebaut haben. 

Wie in den meisten Regionen Russlands besorgten auch in diesem Gebiet, in dem die Böden nicht sehr ertragreich sind, im 19. Jahrhundert die Frauen den Haushalt, während die Männer Gelegenheitsarbeiten nachgingen: Sie arbeiteten als Tischler, malten Ikonen oder handelten auf Jahrmärkten; nach Hause kamen sie nur zum Pflügen und Heuen. Doch als in Juscha die Weberei eröffnet wurde, wurden auch die Männer sesshaft. Den Frauen verbot man, in der Fabrik zu arbeiten. «Zu denjenigen, die nicht gehorchten, kam ein Priester, verteilte Weihrauch und ermahnte sie, nach Hause zu gehen», erinnert sich der Juschaer Heimatkundler Jewgeni Smetanin.

Das alles änderte sich nach der Revolution. Die Bolschewiki zwangen die Frauen nun zu arbeiten, der Staat baute dafür Kommunen zum Wohnen, Kindergärten, Tagesstätten, Wäschereien und Gemeinschaftsküchen. Im Zweiten Weltkrieg wurde mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung an die Front geschickt. Ein Drittel der Männer kehrte nicht heim. 

«Wer aus dem Krieg zurückkam, starb in der Regel bald», erinnert sich die 70-jährige Walentina Sysujewa. «Um 1950 lebten im Nachbardorf zwei Männer, in unserem drei. Einer von ihnen war mein Vater. Natürlich behüteten wir ihn. Wir übernahmen das Pflügen und Heuen. Obwohl das vor dem Krieg Männerarbeit gewesen war. Die letzten Fleischstückchen sparten wir für ihn auf und backten ihm Piroggen. Meine Mama muckste nicht auf. Eine andere Wahl hatte sie nicht. Die anderen Mädchen machten rum mit diesen paar Männern, die überlebt hatten. Kriegten Kinder. Aber keiner verliess die Familie – man wurde begrabscht, und dabei blieb es. So lebten die Frauen allein und lebten für ihre Kinder.»

In den siebziger Jahren zogen Weber aus dem ganzen Land in die Region. Juscha wurde für beide Geschlechter zum Heiratsparadies. Die Fabrik gab der halben Stadt Arbeit. Doch 1992 mussten die Maschinen für einige Monate anhalten, weil keine Baumwolle geliefert wurde. Als die Fabrik auch noch mit den Lohnzahlungen in Rückstand geriet, erinnerten sich die Männer an den Brauch ihrer Vorfahren, zogen weg und wurden wieder zu Gelegenheitsarbeitern. Die Frauen mussten es fortan richten.

 

Anna Leonidowna, Fabrikdirektorin

An dem Tag, als sie ihrem Sohn keine Kekse kaufen konnte, entschied Anna Leonidowna, dass ihr Kleiner einmal alles haben solle. Sie war damals schon dick, rund und glatt wie der Buchstabe O, den man in Juscha gern betont. Leonidowna selbst betonte das O nie, dafür hatte sie schon immer runde Schultern und Grübchen in den Wangen. Sie war damals 32 Jahre alt, und ihr Ljonetschka, «den ich nur für mich zur Welt gebracht habe, von einem Verheirateten zwar, aber nur für mich», war gerade einmal sieben Monate alt. 

Die Kekse, die tags zuvor noch 100 Rubel gekosteten hatten, kosteten jetzt 120. Es war das Jahr 1993. Leonidowna hatte kein Geld, keinen Mann und keine Arbeit – sie hatte nur die Tränen, die sie in dieser Nacht vergossen hatte. Am folgenden Tag rief sie in der Fabrik an und sagte, dass sie wieder arbeiten wolle. Leonidowna wusste damals noch nicht, dass sie die wichtigste Industrielle der Stadt werden sollte und dass in der Kirche des Ortes auf der Liste zur Seligsprechung der Frauen von Juscha ihr Name aufgeführt sein würde, weil sie der Stadt ihre Männer zurückbringen und ihnen Arbeit geben würde. 

«Der Bezirksarzt hat mir damals gesagt: ‹Du bist eine Rabenmutter, du hast keine Zeit, am Krankenbett zu sitzen, aber dein Ljona hat Grippe. Gib ihn tagsüber in die Klinik, dort kann er inhalieren und kriegt Medizin.›» Zu Beginn passten Freundinnen auf ihn auf, dann, da war er noch kein Jahr alt, gab sie ihn in die Kita. Ljonetschka nahm weder Fläschchen noch Schnuller, er schrie, so dass Leonidowna zweimal am Tag zu ihm ging und ihn stillte: einen halben Kilometer hin, einen halben Kilometer zurück – Juscha ist zum Glück eine kleine Stadt. 

Die riesige Fabrik ist aus rotem Ziegelstein gebaut und hat die Form eines L. Zu Beginn der neunziger Jahre kamen die Löhne zwar immer wieder verspätet, aber noch kämpfte man, aus den Schornsteinen rauchte es, und die Fabrikleitung – natürlich nur Frauen, denn die Männer tranken – machte sich noch Hoffnungen, das Unternehmen zu retten. Hier wurden Stoffe hergestellt, und im benachbarten Unternehmen wurde daraus Kleidung genäht. Dort liefen die Geschäfte schlecht. Man nähte nur Bademäntel, die man nicht loswurde. Die leitenden Frauen der grossen Spinnerei und Weberei hatten die Idee, den benachbarten Kleiderproduzenten aufzukaufen. Leonidowna schien wie geschaffen für die Aufgabe. Sie hatte schon mit 15 als Weberin gearbeitet und sich bis zur Gewerkschaftsleitung hochgeschuftet. Sie kannte sich mit Stoffen aus und konnte gut mit Menschen umgehen. 

Leonidowna wurde zur Direktorin der Kleiderfabrik gewählt und begann, die Produktion neu aufzugleisen. Sie brachte in Erfahrung, wie die Werkbänke funktionierten, suchte neue Auftraggeber, bat um Fristverlängerung für Elektrizität, Löhne und Kredite. Letztere hatte ihr Vorgänger gerne aufgenommen: «Er hat sich zwar aufge­plustert, aber nicht viel erreicht. Möge Gott ihm Gesundheit schenken.» Um die Schulden bezahlen zu können, musste man so schnell wie möglich mit der grossen Fabrik fusionieren. Doch nach eineinhalb Jahren wechselte dort der Eigentümer. Schnell wurde klar, dass die geplante Fusion nunmehr eine Phantasie blieb.

 Ein Mann hätte in diesem Moment wohl angefangen zu trinken, doch Leonidowna zuckte nur mit ihren runden Schultern, zog sich ein Kleid an und machte sich auf zu ihrem wichtigsten Kunden, ihrem «Wohltäter», um zu verkaufen. Es war Oleg Martschenko. Ihm gehörten ungefähr 20 Fabriken in ganz Russland, die Armeeuniformen nähten. Der Wohltäter gab Geld, und Leonidowna drehte auf: «Sie denken vielleicht, hier sitzt ein Mütterchen aus dem Dorf, runder als ein Eimer, das nichts auf der Welt gesehen hat, aber ich bin anders.» Sie kaufte chinesische Werkbänke und brachte den Leuten bei, Kordeln, Borten und Bänder, die früher in Weissrussland bestellt worden waren, selbst herzustellen. Sie kaufte das Gebäude einer ehemaligen Geflügelfarm und vergrösserte die Produktion von zwei auf 60 Werkbänke oder, in Arbeitsplätzen ausgedrückt, von 80 auf 300 Mitarbeiter. Viele Männer kehrten ihren Gelegenheitsarbeiten in Moskau den Rücken und liessen sich von Leonidowna einstellen. 

Ihr Unternehmen macht jetzt etwa 50 Millionen Rubel Umsatz im Jahr, rund 730 000 Euro. Ihr Wohltäter-Investor berät sie noch immer, er vertraut ihr. «Mein Söhnchen, meinen kleinen Ljona», hat Leonidowna nach Moskau geschickt. «Als er studierte, brachte er lauter Tussis nach Hause. Was haben die mich genervt! Ich habe immer gesagt: ‹Wenn eine dieser Schlampen zu weit geht, werde ich sie mir vorknöpfen.› Aber dann kam er einmal zu Besuch und brachte ein Mädchen aus Juscha mit. Sie war erst 17, eine Waise. Wir schneiden die Tomaten gleich, wir denken gleich, er lebt mit ihr, sie kümmert sich um ihn, streichelt ihn, sie liebt ihn, das ist das Wichtigste, sie liebt meinen Ljona. Ich habe damals zum Jahresabschluss einen schönen Bonus erhalten, habe mir einen Nerzmantel gekauft und ihr auch. Sie probierte ihn an, meinte aber, die Leute würden sie beschimpfen. Da sagte ich ihr: ‹Schick diese Leute nur zu mir, ich habe dir ja den Mantel gekauft.›»

 

Walentina Sysujewa, Stadtpräsidentin

Als die anderen Weiber kamen und Sysujewa baten, das Amt der Stadtpräsidentin anzunehmen, machte sie sich vor allem wegen ihrer Waschmaschine Sorgen. Die Waschmaschine konnte das Wasser nicht selbständig erhitzen, und weil die Stadt noch nicht ans Gasnetz angeschlossen war, musste man das Wasser zum Waschen in einem Kocher von Hand erhitzen – von fünf Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags. Während sieben Stunden musste man die Maschine bemuttern wie ein kleines Kind und durfte das Haus nicht verlassen. Man schrieb das Jahr 1996, die Männer, die nicht nach Moskau gefahren waren, tranken wie eh und je, nur gerade 50 waren in der Nähe geblieben, Hilfe konnte man von ihnen also keine erwarten. 

Sysujewa wohnt wohl hinter dem höchsten Zaun von Juscha. Das Tor öffnet ihr Mann – in Stiefeln und, natürlich, mit einem fahlen, unrasierten Gesicht. Er versucht, hinter uns ins Haus zu schlüpfen, doch Sysujewa schickt ihn wieder hinaus: «Geh und füttere die Hühner!» Sie führt mich in die Küche, auf dem Tisch stehen Pelmeni, mit Schweinefleisch gefüllte Teigtaschen, dazu Rindfleisch und Pilze. Sysujewa ist rundlich, aber nicht dick. Ihr Hals versinkt zwischen den Schultern, die wegen der Daueranspannung hochgezogen sind. 

Sie ist in einem Dorf zur Welt gekommen, studierte Agrarwissenschaften, heiratete, brachte eine Tochter zur Welt, bekam eine Wohnung zugeteilt, ertappte ihren Mann mit einer Liebhaberin, machte einen Aufstand, gab nach. Schliesslich gab sie nach, doch vergeben, das konnte sie nicht. So wurde sie zur wichtigsten Feministin in der Gegend – und damit nahm alles seinen Anfang.

«Warum hielten in anderen Familien Frauen normalerweise ihre untauglichen Männer aus? Weil es so üblich war – eine Frau käme ohne Mann nicht zurecht, hiess es.» Doch Sysujewa kam zurecht. Nach der Scheidung floh sie vor dem Geschwätz ans andere Ende des Bezirks, wo sie als Agronomin anheuerte. Mit ihren 25 Jahren war Sysujewa hübsch: Sie hatte die Figur einer Eva, kaufte die Kleidung, ohne sie anzuprobieren, trug stets hohe Absätze. Viele Blicke im Dorf folgten ihr, man sprach «dieses und jenes» über sie. 

Die einzige Möglichkeit, das Geschwätz zu beenden: gute Arbeit leisten. Schon nach zwei Jahren waren die Ernteerträge die höchsten in der ganzen Region, und man wählte Sysujewa zur Vorsitzenden der Kolchose. Damit wurde sie mit 27 Jahren zur jüngsten weiblichen Vorsitzenden im Bezirk. Danach zog sie nach Juscha, weil sie ins Komitee für Agrarressourcen befördert wurde, und übernahm kurz darauf die Leitung. 

Sysujewa heiratete ein zweites Mal, einen Förster. Sie verdiente stets mehr als er, und trotzdem konnte sie ihm nicht verzeihen, dass er sich faktisch geweigert hatte, ihr in den neunziger Jahren zu helfen. «Wenn ich sagte: ‹Sascha, unser Geld reicht für dies und jenes nicht›, antwortete er: ‹Alle leben, auch du wirst überleben.› Er würde schon seinen Lohn nach Hause bringen, sagte er zu mir. Bloss: Sein Lohn wurde nicht ausbezahlt. Männer regt so was nicht auf. Dabei muss man doch täglich essen, die Kinder in die Schule schicken. Die Männer haben nach dem Krieg aufgehört, daran zu denken.»

Sysujewa gab dem Drängen der Weiber schliesslich nach und willigte ein. Die folgenden 20 Jahre führte sie die Stadt – zuerst als erste weibliche Stadtpräsidentin, dann als Vize. Nachdem sie ihr Amt angetreten hatte, rief Sysujewa als Erstes die nationale Nachrichtenagentur an. Darauf kamen CNN und Iswestija, eine führende russische Tageszeitung, und Sysujewa erzählte, dass, oh je!, Juscha unter den 950 Städten Russlands in puncto Arbeitslosigkeit führend sei. Dass, oh je!, die Fabrik stillstehe und 39 Prozent der Bevölkerung zu Hause herumsässen, oh je! Auch gebe es in der Stadt kein Gas. Und, um Himmels Willen!, die Sterblichkeit sei dreimal so hoch wie die Geburtenrate.

Danach hatten Moskauer Beamte ein Auge auf die kleine Stadt und tilgten die Lohnschulden. Bis 2001 konnte Sysujewa 1330 Wohnungen ans Gasnetz anschliessen. Sysujewa besetzte alle Schlüsselposten mit Frauen, in der städtischen Administration blieb auf neun Frauen nur ein Mann übrig. «Männer ziehen einen Anzug an und tun wichtig, doch das hilft niemandem. Frauen aber sind in der Fabrik, im Büro oder in der Kolchose gleichermassen zu Hause.»

Da in Juscha die Ämter der Stadt- und Regionsvorsteherin zusammenfallen, musste sie sich auch noch um die benachbarten Dörfer kümmern. Bestärkt durch ihre Erfolge, brach Sysujewa zur Betteltour nach Moskau auf. Um die Gasleitung nach Talitsy auszubauen, wo es zwei kleine Siedlungen gab, schickte Sysujewa einen Lastwagen voll Schach- und Damespiele, die von Gefängnisinsassen geschnitzt worden waren, ins Finanzministerium. Als Künstler aus Choluj, einer benachbarten Siedlung, davon hörten, halfen auch sie. Choluj war berühmt für seine Malerei. Die Männer des Ortes packten für Sysujewa ein ganzes Auto voll mit russischen Schkatulkas – schwarze Lackschatullen, verziert mit Märchenbildern, Prinzen und Feuervögeln. Dank ihnen konnten die Gasleitungen fertiggestellt werden.

Ist Sysujewa stolz auf ihre Errungenschaften? Sie schiebt den Teller mit den Pelmeni von sich – und dann legt sie los. «Meinen Sie eigentlich, ich wollte Karriere machen? Eine solche Last auf mich nehmen, wie ich sie jetzt trage? Ich würde viel lieber zu Hause sitzen und mich um die Kinder kümmern! Die Gleichberechtigung wurde eingeführt, und die Männer haben es sich bequem gemacht! Die Weiber sollen sich ab­strampeln, und sie sitzen derweil zu Hause!»

 

Elena Ignatitschewa, «Sargbauer»

Das Geräusch, mit dem die Nagelpistole Nägel in den Sarg einschlägt, gleicht dem Klicken eines verdrehten Schlosses. Klick. Dann nochmals klick. Klick, klick, klick, klick. Nichts darf vorstehen – klick – alles muss perfekt aussehen – klick, klick – Mamlena spannt den dunkel­blauen Stoff über den Sargdeckel – klick, klick, klick – zieht nochmals glatt, damit es keine Falten gibt – klick, klick. Mamlena kleidet die Särge selbst aus und schleppt sie herum, wenn sie klein genug sind. Bei grösseren um einen Meter neunzig bittet sie um Hilfe. Mamlenas rechter Unterarm ist etwas breiter als der linke. Sie ist um die 40, trägt eine schwarze Lederjacke und einen gewobenen Schal mit Leopardenmuster, ihre Stimme spricht gedämpft. Mamlena heisst eigentlich Elena Ignatitschewa. Als «Mama Lena» ist sie im Telefonbuch des Friedhofsvorstehers eingetragen.

Am meisten fürchtet Mamlena ihre eigene Grossmutter, Claudia Leonidowna. «Sie hat mich streng erzogen. Es kam vor, dass sie mir abends um acht befahl, schlafen zu gehen. Du schaust aus dem Fenster, siehst draussen die Kinder deines Hofes spielen, du weinst ein bisschen in dein Kissen, und damit hat es sich.» 

Im Jahr 1917 begannen in Russland die Grossmütter, die Kinder zu erziehen. Der Mutterschaftsurlaub umfasste damals nur 112 Tage. Diese Verordnung galt bis ins Jahr 1989 – und so wurden alle Generationen, die bis zu diesem Jahr geboren wurden, von Grossmüttern erzogen, die den Krieg überlebt hatten. Als der Mann in den Krieg gezogen war, hob Claudia Leonidowna Schützengräben aus, arbeitete als Setzerin in einer Druckerei, führte den Haushalt. Nach dem Krieg war sie für das Familienbudget zuständig: «Bei der Grossmutter trug man als Frau für alles die Verantwortung.» 

Die Losung der Vorkriegsgeneration – «Wenn man muss, muss man» – half Claudia Leonidowna, den Krieg zu überleben – und Mamlena, die neunziger Jahre zu überstehen. 

Ihre ganze Familie hat in der Fabrik gearbeitet. Sie war von klein auf gewohnt, der Mutter zu helfen und etwa Kreppblumen für die 1.-Mai-­Demonstrationen auszuschneiden. Manchmal fragten die Nachbarn nach einem Kranz für ein Begräbnis. Bis in die achtziger Jahre nahm sie kein Geld dafür. Mamlena hatte «eine Handvoll Tränen in der rechten Hand und eine Handvoll Tränen in der linken Hand». Dann nahm sie, was man ihr gab: «Aus diesen Samen ist alles andere gewachsen.» Zu Beginn der neunziger Jahre, als die Fabrik die Löhne nicht mehr zahlte, wurden die Grabkränze für Mamlena zur Haupteinnahmequelle. «Mein Mann hat auch geholfen. Bis drei Uhr in der Nacht. Gegen vier Uhr wurden die bestellten Kränze abgeholt. Sogar die Trauerbänder beschrifteten wir. Oft bin ich dabei fast eingeschlafen, doch am Ende hatte ich immer alle Inschriften angebracht. Wenn man muss, muss man.» 

Nach dem Tod des Stadtobersten stieg Mamlena in das Geschäft mit den Särgen ein. Ihre männlichen Konkurrenten erkannten sie lange nicht an und witzelten hinter ihrem Rücken. Als sie sich schliesslich mit ihr als weiblicher Konkurrenz abgefunden hatten, gaben sie ihr den Spitznamen «Ebenistin», von Ebenholz. Und als Zeichen höchster Anerkennung nannten sie sie einfach «Sargbauer» – ohne Herabsetzung durch eine weibliche Endung. Die Sanitäter, die die Toten brachten, amüsierten sich auf ihre Weise: «Mamlena, du baust die Särge besser zusammen als jeder Mann.»

2002 liess Mamlena sich als Einzelunternehmerin registrieren. Sie beklebte ihr Büro mit einer Rosentapete, kaufte ein Blumengeschäft. Bei grossen Begräbnissen von Beamten oder am Tag der Frau lief das Geschäft gut. Doch ihr Bestattungsunternehmen «Engel» brachte noch mehr Einnahmen. Es ist inzwischen das grösste in der Stadt, obwohl Mamlena diesen Teil ihrer Dienstleistungen nicht bewirbt und auch nicht gerne darüber spricht. «Meine Grossmutter sagte mir: ‹Mit deinem Hintergrund solltest du nicht hier arbeiten.› Wir Frauen reagieren auf alle Tränen, teilen jeden menschlichen Kummer», sagt Mamlena und greift wieder zur Nagelpistole. Die Grossmutter denkt immer noch, Mamlenas Mann sei im Begräbnis-Business tätig. Dabei arbeitet der als Fahrer bei der Feuerwehr – Mamlena schmeisst das Business allein.

 

Anna Kondakowa, Apothekerin

In der Stadt mochte man sie nicht, das war klar. Absatzschuhe, Rock oberhalb der Knie, lackierte Nägel mit Glitzersteinchen, 30 Jahre alt. Der Pferdeschwanz schwang beim Gehen wie ein Pendel hin und her. Man konnte die Augen nicht von ihr abwenden. Sie lacht laut, auch heute noch. Solange sie zurückdenken kann, gefiel Anna der Geruch in Apotheken: Kampfer, Baldrian, Salben. Sie träumte davon, später selbst einen weissen Kittel zu tragen und als Ärztin zu arbeiten, doch auf Drängen der Mutter landete sie im Verkauf – einem praktischen Beruf. Ihre Mutter, eine strenge Frau, leitete zu Sowjetzeiten eine Firma in Iwanowo und handelte mit Textilien. Seit den neunziger Jahren führte sie die Buchhaltung des Forstbetriebs, dem ihr Mann vorstand. Die Mutter verdiente mehr als der Vater. Die Grossmutter, die Anna erzog, kümmerte sich seit dem Krieg um die Haushaltsfinanzen. 

Anna lernte mit 19 Jahren ihren weiblichen Einfluss zu nutzen. «Papuletschka», ihr Väterchen, erkrankte, und die Waldparzellen im Bezirk Iwanowo standen ohne Aufsicht da. Als Anna vorschlug, selbst loszufahren und die Holzfäller zu kontrollieren, kriegte ihr Vater einen Hustenanfall und sagte zu Anna: «Du bist verrückt geworden, das ist Männersache, man wird dich erst gar nicht beachten.» Doch Anna war es gewohnt, dass Frauen Männeraufgaben übernahmen, und so fuhr sie los. Mit ihrem wendigen weissen Oka, einem sowjetischen Kleinwagen, den sie von den Eltern geschenkt bekommen hatte, fuhr sie von der Universität aus direkt zu den Waldparzellen – im Minirock und auf hohen Absätzen. Die Förster waren befangen, die Streife, die den Holz­transporter anhielt, wollte nicht glauben, dass die junge Schönheit im Kleinwagen ihn begleitet. «Bitte, junges Fräulein», sagten die Milizleute, «fahren Sie weiter.» Die Holzfäller versuchten sie zum Trinken zu überreden. Nach zwei, drei Monaten hatten sie sich damit abgefunden: «Oka» trinkt nicht. Lacht aber so, dass Widerstand zwecklos ist. 

Als letzte Widerstandsbastion erwies sich die Buchhaltung des Forstbetriebs von Iwanowo. Dort sassen lauter alte Mütterchen und hassten Anna aus tiefstem Herzen. Zur Geschäftsleitung liessen sie Anna nicht vor und verlangten von ihr, jedes Dokument Hunderte Male zu unterschreiben. Da brachte Anna zum Frauentag eine grosse Torte mit, erzählte von ihrem Papa und erweichte damit die Herzen der Buchhalterinnen. Als ihr Vater wieder gesund war, teilten sie die Arbeit untereinander auf. 

Nach einem Jahr heiratete Anna Hals über Kopf. Ihr Mann war Ermittler der Staatsanwaltschaft und ständig zwischen den verschiedenen Städten des Bezirks unterwegs. Anna zog ihm hinterher. Aus Iwanowo nach Putschesch, aus Putschesch nach Juscha – und überall, wo sie auch waren, knüpfte sie Kontakte und übernahm neue Waldparzellen. Sogar als ihr Kind zur Welt kam, hörte sie nicht auf zu arbeiten. Ihr Mann war eifersüchtig, wollte aber auf die Nebeneinkünfte durch die Waldarbeit nicht verzichten. 

Lange konnte es so jedenfalls nicht weitergehen zwischen Anna und dem Staatsanwalt, und so liessen sie sich scheiden. Ihre Mutter war natürlich dagegen, sie war seit 40 Jahren verheiratet und ihre Grossmutter seit 50. Doch Anna verteidigte ihr Recht auf die Scheidung: «Die Institution Familie ist in unseren Zeiten leicht gestört, weil niemand sich für den anderen zurücknehmen möchte. Schliesslich sind wir inzwischen alle emanzipiert. Und man heiratet hier früh. Dann lässt man sich scheiden und heiratet nochmal – so mit 30 etwa.» Nachdem sie einige Zeit bei den Eltern in Iwanowo gelebt hatte, kehrte Anna nach Juscha zurück, um ihren Traum zu verwirklichen: Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, eine Apotheke zu eröffnen. In Iwanowo brauchte man dazu ein Startkapital von einer Million Rubel, in Juscha nur die Hälfte. «Meine Mutter hat mir geholfen, da gibt es nichts zu verbergen. Dafür übernahm sie die Kontrolle über die Finanzen.»

Die Apotheke machte Gewinne, und so eröffnete Anna eine zweite – in der Nähe der Siedlungen südlich von Juscha. Ein Jahr später mietete sie einen Raum in der alten Badeanstalt und machte ein Restaurant mit Sushi und Pizza auf – so etwas hatte man in Juscha noch nie gesehen. Die drei kleinen Tische waren zumeist leer, die Bestellungen nahm Anna persönlich entgegen. Ihre Mutter kam einmal pro Woche vorbei, kontrollierte die Einnahmen und Ausgaben und nahm Annas neuen Freund genau unter die Lupe. «Ohne Mamas Kontrolle wäre es schwierig geworden.»

Die Frauen aus Juscha haben sich ihr Schicksal weder gewünscht noch erkämpft, sie erhielten es vielmehr als Erbe von ihren Urgrossmüttern, Grossmüttern und Müttern. Die russische Geschichte, insbesondere der Zweite Weltkrieg, diktiert den Frauen bis heute die Tagesordnung, zwingt sie, das in die Hände zu nehmen, was die Eltern oder Ehemänner fallengelassen haben. Sie sind keine Feministinnen, sondern Amazonen. Und trotz dem weltweit höchsten Prozentsatz an Frauen in Führungspositionen: Noch immer leben sie nicht für sich und sind von den Ideen der Gleichberechtigung in etwa so weit entfernt wie amerikanische Hausfrauen in den fünfziger Jahren. Sie haben längst gelernt, ohne Männer auszukommen, selbst wenn ein Mann in der Nähe ist. Er steht ja doch nur da mit seinem unrasierten, fahlen Gesicht. Und in einem Tarnanzug.

Aus dem Russischen von Vera Patoka

Reportagen ♥ Das Beste aus anderen Sprachen, erstmals auf Deutsch.


 

Frauen in Führungspositionen

Die Frauen aus Juscha leiten ihre Firmen, schmeissen den Haushalt und betreuen die Kinder. Macht bei uns eine Mutter Karriere, überträgt sie die Heim- und Pflegearbeit oft auf eine andere Frau – die nicht selten aus einem osteuropäischen Land wie Bulgarien oder Rumänien stammt, schwarzarbeitet und in prekären Verhältnissen lebt. Wissenschaftler nennen dieses System «Care-Kette». Die «drei grossen C» – Caring, Cleaning, Cooking – sind vor allem bei Migranten attraktiv. Die internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt, dass weltweit 8,5 Millionen Migrantinnen in haushaltsnahen Dienstleistungen arbeiten.

Die «wilden Neunziger»

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden von 1992 bis 1994 Gutscheine an die Bevölkerung ausgegeben, die diese zu Aktienanteilen ihrer Betriebe umwandeln konnte. Laut dem Webportal Dekoder verkauften viele sie an die Betriebs­leitungen, so dass letztlich die Manager der ehemaligen Staatsbetriebe profitierten. Als der Staat 1995/96 kurz vor dem Bankrott stand, gingen die letzten grossen Staatsbetriebe bei zweifelhaften Auktionen an die aus dem Bankensektor aufstrebenden Oligarchen. Für diese illegalen Privatisierungen bürgerte sich der Begriff prichwatisazija ein (aus «Privatisierung» und «Abstauben»). Durch den Niedergang der sowjetischen Schwerindustrie und die sinkenden Ölpreise ging die Wirtschaftsleistung trotz des Aufblühens des Klein(st)unternehmertums drastisch zurück, und grosse Teile der Bevölkerung stürzten in Armut. Die enormen gesellschaftlichen Spannungen führten dazu, dass die Epoche als die «wilden Neunziger» bezeichnet wurde.

Die Autorin

Ksenia Leonowa ist 30 Jahre alt und ledig. Sie studierte Journalismus an der Lomonossow-Universität in Moskau und arbeitet als Korrespondentin für das Newsportal RBK. Leonowa war schon immer der Ansicht, dass Russland eine besondere Frauengeschichte hat, die es so in keinem anderen Land der Welt gibt. «In der russischen Kultur muss ein Mann sein wie Putin, mit nacktem Oberkörper. Hinter dem Rücken dieser Oben-ohne-­Männer steht jeweils eine Frau, die alle wegweisenden Entscheidungen trifft.» Für Russische Amazonen wurde sie im Dezember 2017 mit dem Preis «Beruf Reporter» von der Organisation Open Russia ausgezeichnet.

Mehr über das Leben in Russland:

Reportagen #28 — Sotschis Soundtrack — von Dmitrij Gawrisch
Reportagen #26 — Moskau 1991 — von Swetlana Alexijewitsch

 

Ksenia Leonowa unterwegs: