Sackgasse Traumpfad

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Australien scheitert im Umgang mit den Aborigines. Und diese an ihren eigenen Traditionen.

Linus Reichlin

Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass hier etwas nicht stimmte. Australien war neu für mich, ich war grade erst angekommen, zum ersten Mal frühstückte ich in «Oscar's Café» in der Geschäftsstrasse von Alice Springs einen Jalapeño-Bagel, trank dazu eine Cola und freute mich, dass dies mitten in der Wüste möglich war. Am Vortag, auf dem Flug von Sydney hierher, hatte ich beim Blick aus dem Fenster einen Eindruck davon bekommen, was Alice Springs ist: eine winzige bewohnbare Zone inmitten einer staubfarbenen, skelettierten Landschaft, die der Mensch, um ihr wenigstens sprachlich Herr zu werden, in einzelne Abschnitte unterteilt und mit Namen versehen hat, die alle auf desert enden: Sturt Stoney Desert, Simpson Desert, Great Victoria Desert, Gibson Desert. Alice Springs war ein hochentwickeltes Wasserloch unter einer bissigen Sonne, die nicht schien, sondern brannte, es war nicht Licht, es war Feuer. Und es sprang vom Himmel ins verdorrte Buschgras über und auf die Eukalyptusbäume entlang des ausgetrockneten Flussbetts des Todd River: Das sandige Flussbett und die verkohlten Baumruinen gaben mir gleich von Anfang an zu verstehen, in welch glücklicher Lage ich war, hier nicht verdursten zu müssen. Die Gefahr des Verdurstens lag förmlich in der Luft – umso grossartiger war es, ihr entgehen zu können, noch dazu auf genussvolle Weise, durch das Trinken einer eisgekühlten Cola. Das Wort Zivilisation bekam hier eine ganz unschuldige, archaische Bedeutung. Was ich noch nicht wusste: Alice Springs, 24 000 Einwohner. Höchste Mordrate Australiens. Zweithöchste Kriminalitätsrate des Kontinents.

Und während ich also in «Oscar's Café» in der Fussgängerzone Cola trank und den Jalapeño-Bagel ass, zogen an mir die ursprünglichen Besitzer der Wasserstelle vorbei, nach der Alice Springs benannt ist. Ich kannte sie, wenn man so will, von Fotografien, von Dokumentarfilmen, die ich im Verlauf meines Lebens gesehen hatte, und natürlich wusste ich: Bumerang, Didgeridoo, Traumzeit und so weiter. Aber zum ersten Mal sah ich nun, wie unglücklich sie wirkten, verbittert, vor allem die Frauen, die in kleinen Gruppen mit ihren Kindern vorbeizogen. Die Männer waren meist allein, sie gingen hin und her, schienen etwas zu suchen. Einmal fing ich den Blick eines Mannes auf, es war ein verstörender Blick, flackernd und leer zugleich, wütend und traurig.

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