Salsa in Kandahar

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Zwischen Töten und Tanzen in Afghanistan: Das Leben der US-Soldaten auf Ihrer Mission Impossible.

Karin Wenger

«He fucked a donkey.» Unteroffizier Orlando, 36, gebürtiger Puerto-Ricaner, hat es gesehen. Schliesslich hat er hier auf einem Aussenposten von Camp Nathan Smith das Kommando und behält den Grossbildschirm im Auge, über den in kurzen Abständen die Bilder der Überwachungskamera flimmern. Die Kamera hängt hoch über Kandahar in einem weissen Ballon, der aussieht wie ein Zeppelin. Ein Zeppelin, der ein Haar auf einem Kopf sehen könnte – oder eben, wie vor ein paar Tagen, diesen Kandahari mit seinem Esel in einem Innenhof. Jetzt, mitten in der Nacht, huschen grüne Schatten über den Bildschirm: Soldaten auf Taliban-Jagd. Nur Taliban sind nirgends zu sehen. «Sind schwer zu unterscheiden von den anderen, den Guten», sagt Orlando und zeigt auf die Fotos der gesuchten Taliban, die neben dem Bildschirm hängen. Bärtige Gesellen mit Turbanen. «Die gleichen sich alle. Da nützt die beste Kamera nichts. Anders bei jenem Kandahari mit seinem Esel. Hat wohl geglaubt, er sei sicher vor den Augen der Nachbarn in seinem Innenhof mit den Lehmmauern, wie sie jedes afghanische Haus hat; die schützen vor neugierigen Blicken, aber nicht vor unserer Kamera», sagt Orlando und lacht, etwas verlegen, weil man das vielleicht doch nicht hätte erzählen sollen, nicht einer Journalistin. Eselficker sehe man ja nicht nur mit der Kamera, fügt er hinzu, fast entschuldigend, manchmal stünden die auch am Strassenrand, schamlos.

Nachdem ich auf dem Hauptstützpunkt gelandet bin, haben sie mich auf Camp Nathan Smith in der Stadt Kandahar geflogen und dann mit einem gepanzerten Fahrzeug auf diesen Aussenposten am Rande der Stadt gebracht. Ich bin eingebettet, eingebettet in die amerikanische Armee. Es ist mein erstes Embedding überhaupt. Eigentlich hatte ich mir geschworen, dass ich so was nie mache. Vereinnahmt werden, jeder Schritt überwacht, nur eine Seite sehen. Was hat das noch mit unabhängigem Journalismus zu tun? Bis ich merkte, dass man sich in Afghanistan kaum mehr bewegen kann ohne Armee. Zu gross ist das Risiko entführt zu werden. Und ich merkte, dass alles, was so afghanisch scheint, die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft, tief von der Nato-Invasion der letzten zehn Jahre und den Amerikanern geprägt ist. Deshalb bin ich gekommen. Um zu verstehen, wie sie ticken. Der Zensor war ein träger Mann, der es bereits nach dem ersten Tag vorzog, in den klimatisierten Räumen zu bleiben, statt mir auf Schritt und Tritt zu folgen.

Rache
Ursprünglich wollte Orlando nach Afghanistan kommen, um sich zu rächen. Denn als Manager von Citibank hatte er 34 Mitarbeiter verloren, als die Flugzeuge am 11. September 2001 in die Zwillingstürme flogen. Auch seine beiden Assistentinnen kamen dabei ums Leben. Er selbst blieb verschont. Zum Zeitpunkt des Anschlags hatte er auf dem New Yorker Flughafen auf den Abflug nach Buenos Aires gewartet. Eine Geschäftsreise, die nie mehr stattfand. Stattdessen flog er nach Puerto Rico, nach Hause zu seiner Familie, und verkündete, dass er zur Armee gehen werde. Er sprach von Vaterland, von Pflicht und von Rache. Dabei war er gar kein Amerikaner, zumindest kein richtiger. Und dann wurde er nach Kolumbien geschickt statt Afghanistan. Nach dem Einsatz in Kolumbien musste er in den Irak. Dann hatte er genug. Seine Frau sagte: «Such dir einen Job.» Sie und die Kinder hatten monatelang ohne Mann und Vater leben müssen. Doch da hatte bereits die Wirtschaftskrise begonnen, Jobs wurden rar, vor allem für einen wie ihn, der so lange in der Armee gewesen war. Nicht mehr erwünscht auf dem freien Markt. Was blieb ihm übrig, als wieder zur Armee zu gehen, die ihn nach Afghanistan schickte, jetzt, da die Rachsucht längst erloschen war. Suck it up and move on, ein Kerl sein, weitermachen, das gelte auch für ihn, nicht nur für seine kriegsmüden Soldaten, die er, der Kleinste und Lauteste von allen, mit scharfen Befehlen über die Staubpiste jagt. Deshalb sei er noch immer hier, auf dem Aussenposten, weil er weitermachen müsse.

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