Schwarmstille in Wimbledon

Nach dem Aufruf des Schiedsrichters («Silence please») halten 14 000 Menschen den Atem an. Ein durchdringendes «Shhhh», wenn jemand spricht oder flüstert. Man hört den Ball auftupfen vor dem Aufschlag und vernimmt das Stöhnen (das einen bei manchen Spielerinnen und Spielern so unangenehm berührt wie Sex im Hotelzimmer nebenan).

Ilija Trojanow

Online-Reportage

«Wahre Fans», sagt Jussi, «stehen früh auf.»

Clara widerspricht: «Wahre Fans gehen gar nicht schlafen.»

Was Zhou Lin sagen würde, kann keiner von uns erahnen, denn sie spricht kein Wort Englisch. Abgesehen von den Namen der Spieler, die sie bewundert, ihr universeller Grundwortschatz: Nadal, Djoković, Federer. 

Wir sitzen auf einer Decke in einem parkähnlichen Gelände, um uns herum ein idyllischer See, eine Baumreihe, eine Hecke, Vogelgezwitscher, ein flanierender Mann mit seinem quirligen Hund. England pur. Abgesehen von den Fans, die seit Stunden warten – die stammen aus allen Ländern der Welt. Chinesen, Inder, Japaner. Auch Europäer jeglicher Couleur. Alte Fans, junge Fans. Familien mit Babys. 

Sogar Engländerinnen. Zwei befreundete ältere Damen. 

«Ich könnte mit dir spielen.»

«Ach, meine Liebe, ich kann doch nicht mehr, weisst du …»

Die zweite Dame macht eine Rückhandbewegung und verzieht das Gesicht. Eine kleine Lebenstragödie, das Ende der eigenen Tennislaufbahn. 

«Ich kann mich nur noch mit mir selbst messen, mit niemandem sonst.»

Das Alter der Fans kann man an den Namen erahnen, die in den Gesprächen fallen. Es gibt die Sampras/Becker-Generation, die McEnroe/Borg-Generation, und einmal wird sogar Rod Laver erwähnt, aber das ist historisches Wissen, das kann unmöglich selbst erlebt worden sein. Alltagsgespräche, durchwoben von Fachsimpeleien, und als Schibboleth die Frage: Bei welchen Turnieren waren Sie schon?

Wir alle, die wir später als fünf Uhr in der Früh erschienen sind, haben von den freiwilligen Ordnungshütern, die freundlichen Mitgliedern eines lustigen Pensionistenchors ähneln und jederzeit ansprechbar sind, einen Zettel mit einer vierstelligen Nummer in die Hand gedrückt bekommen. Die mit den niedrigen Nummern, die waschen sich gerade, ihre Zelte in Reih und Glied neben der Hecke.

Der Grundton des Wartens auf weiter grüner Flur ist Ruhe. Gelegentlich sogar Stille. Keine Lautsprecher. Kein Geschrei. Eine fast meditative Stimmung. 

Bald wird es sieben Uhr schlagen. Die ersten Zelte sind schon abgebaut, zusammengelegt. Die an Pfählen hängenden blauen Müllsäcke plustern sich allmählich auf. Ein Kleinkind wird gewickelt. Der Tag wärmt sich auf, ein jeder hat seinen Sitzplatz gefunden, auf Matten, Taschen, Decken, Planen, orangefarbenen Sainsbury-Tüten. 

Zeit, sich die Beine zu vertreten. 

Ein Mann spricht mich an:

«What's your number?»

«Oh, I'm way back. What's yours?»

«516.»

«Sounds good.»

«Yeah, that's a promising number.»

Ein typisches Queue-Gespräch. 

Reguläre Tickets besitzen nur jene, die Geld oder Glück haben (die Minderheit, die bei der Ticket-Tombola nicht leer ausgeht). Alle anderen müssen sich anstellen. Trotz Globalisierung und Millionengeschäft, der All England Club besteht darauf, täglich (bis einschliesslich Mittwoch in der zweiten Woche, nicht an den letzten vier Tagen, um die Nachbarn nicht zu stören) ein gewisses Kontingent an Eintrittskarten in den freien Verkauf zu geben: 500 für den Centre Court, 500 für Court 1 und 500 weitere für Court 2. Ein jeder kann sich seine Chancen anhand der Nummer leicht ausrechnen.

The queue (dieses Phänomen sollte man eigentlich in Grossbuchstaben schreiben) ist perfekt organisiert, natürlich auf einem lawn, ein Wort, das sich zwar leicht übersetzen lässt (Rasen), das aber so viel mehr bedeutet als nur eine kurz geschnittene Grasfläche. Tennis heisst eigentlich lawn tennis, und wer in Wimbledon frühmorgens auf dem grünsten Gras ausharrt, meint schon, das Gras des Centre Court riechen zu können, das laut Andre Agassi anders riecht als sonst wo, der Duft einer beachtlichen und hoch geachteten Tradition. Deswegen werden die Fans wie Rennhengste entlang eines Geländers zum Warterasen geleitet, deswegen ist alles in Grün gehalten. Selbst das Anstehen wird hier als Zeremonie zelebriert.

Anhand der Nummer erhält man ein Bändchen, anhand des Bändchens eine Eintrittskarte, davor noch Ausblicke auf einen Golfplatz, einen Parkplatz und eine Lavazza-Werbung für eco cups (100% compostable, 100% taste). Kurz nach zehn Uhr hat der geduldige Fan sein Nirwana erreicht. Weitaus früher als die Reichen und Glücklichen, denn die Matchs beginnen erst um elf Uhr (um fünf Minuten nach, genau genommen). Weswegen der Fan, der mitten in der Nacht aufgestanden ist, Zeit hat, mit zittrigen Beinen und der Wachsamkeit aller Sinne das heilige Areal zu erkunden und auf Court 11 Novak Djoković zu bewundern. Der wärmt sich vor 50 Zuschauern auf. In welcher anderen Sportart kann man aus wenigen Metern Entfernung zusehen, wie der beste Spieler der Welt trainiert, mit seinem Coach und einem Sparringpartner und einem Balljungen, der knapp vor der Midlife-Krise steht. Scheinbar mühelos (aber wie? Aber wie?) gelingt es Djoković, bei jedem Schlag den Ball zu beschleunigen, so dass der Spieler auf der anderen Seite des Netzes immer wieder überfordert ist. Er entschuldigt sich bei jedem Schlag, der daneben geht, so als erwarte man von ihm, jeden der harten, präzisen Schläge ins Feld zu retournieren. Djoković scheint keine Schwächen zu haben, bis er mit dem Finger nach oben zeigt und sogleich einen hohen Lob von guter Länge zugespielt bekommt. Er streckt sich (Zeitlupe: Er muss einige Schritte nach hinten laufen, er muss nach oben schauen, nachdem sein Blick längere Zeit nach vorn gerichtet war, er muss im richtigen Moment hochspringen und im perfekten Augenblick den Ball in einem bestimmten Winkel treffen, um ihn zu platzieren). 

Er verschlägt.

 

Ich bin ein lebenslanger Fan des weissen Sports.

Im britischen Internat in Kenya, wo ich das Tennisspielen gelernt habe, wo ich einmal das wichtigste Jugendturnier in meiner Altersklasse gewann, durften wir an einem Sonntag das Endspiel zwischen Arthur Ashe und Jimmy Connors anschauen – mit monatelanger Verspätung. Der elegante Ashe gegen den Strassenkämpfer Connors. Maniküre trifft auf Krallen – und gewinnt. Seitdem habe ich davon geträumt, nach Wimbledon zu fahren, dort zu stehen, wo ich nun stehe, inmitten des allgegenwärtigen Grüns, das nicht nur von der Natur vorgegeben ist – selbst die Puschel der Mikrofone auf den Plätzen sind grün. Durchbrochen wird das Grün von elegant arrangierten lilafarbenen Petunien und weissen Hortensien – die Vereinsfarben tauchen überall auf, begrüssen den Zuschauer bereits, wenn er aus der tube steigt am Bahnsteig der Station Southfields, gestaltet wie ein Tennisplatz, die Sitzbänke in den Farben Grün-Lila-Weiss. 

Vielleicht liegt es an der dominanten Farbe, dass eine Picknick-Atmosphäre vorherrscht. Vor dem Centre Court swingt ein leibhaftig schwitzendes Jugendjazzorchester (es ist ein heisser Tag), Champagnerflaschen werden Richtung Court 2 getragen. Vor jedem Verkaufsstand zieht sich eine ordentliche Schlange (Queue Lite), die längste dort, wo die legendären strawberries and cream angeboten werden (jährlich werden 150 000 Portionen konsumiert, ebenso wie 200 000 Sandwiches und 150 000 Gläser Pimm's). Quantität übertrumpft Qualität, die Erdbeeren schmecken wie aus einem 3-D-Drucker, mit einer additiven Schicht roter Farbe versehen, einer Farbe, die in den einschlägigen Katalogen «Palast der Winde» oder «Tanz der Sehnsucht» heisst. Vor dem ewigen Wachstum der Legende muss auch der gute Geschmack gelegentlich weichen.

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Wer Tickets hat, der steht natürlich nicht an, für den gibt es eine Lounge, ein Restaurant, ein Café mit Blick auf einige Nebenplätze – wo die Rollstuhlspielerinnen ihre Matchs austragen, neben den Junioren. Weiter hinten und später am Tag treten die Champions von einst gegeneinander an, die sogenannten legends: Gladiatorenkämpfe neben Clubmatchs, 20 000 Zuschauer neben 20, die Zukunft neben der Vergangenheit. Wer nur Platzkarten besitzt, der macht es sich auf den Aorangi-Terrassen hinter dem Centre Court gemütlich und schaut sich das Geschehen auf einer riesigen Leinwand an, mit Hunderten anderen und einem Blick über die ganze Anlage. 

Ich sitze in der siebten Reihe auf Höhe des Netzes auf Court 2, ich sitze in der 20. Reihe hinter dem Platz auf Court 1. Einmal habe ich einen waagerechten Blick, einmal einen senkrechten. Einmal bin ich nahe dran, einmal weit entfernt. Zwei unterschiedliche Perspektiven. Von der Gegentribüne aus spürt man die Dynamik, von hinten erkennt man die Strategie. Einerseits Rasanz, andererseits Spielintelligenz. Und von einer erhöhten Position aus kann man die geometrischen Strukturen des Spiels erkennen, die Dreiecke, aus denen ein Ballwechsel besteht, Wirkung/Gegenwirkung/Druck/Zwang/Angriff/Verteidigung, Schlagsequenz auf Schlagsequenz. Aus einer gewissen Entfernung betrachtet, erscheint Tennis als intellektuelles Spiel.

Auf Court 2 spielen zwei Tschechinnen um den Einzug ins Doppel-Halbfinale. Auf der Tribüne sitzen vier Tschechinnen, die sich intim mit Tennis auskennen. Sie sind gelegentlich lautstark, aber nie aggressiv. Eher Gesang denn Schlachtruf. In Wimbledon ist wenig Fanatismus anzutreffen. Ein Afroamerikaner trägt ein «I Love Djokovic»-T-Shirt, ein junger Mann hat sich «Rafa» in seinen Stoppelschnitt rasieren lassen. Eine einzige Schweizer Fahne, um den Körper geschwungen wie ein Kaftan. Ansonsten keine Fahnen, keine Wimpel, keine Tröten.

Reine Wertschätzung des Spiels. 

Nicht bei allen. Auf Court 2 unterhält sich ein australisches Pärchen hinter mir über alles, nur nicht über Tennis. Auf Court 1 betrachtet der missmutige Engländer neben mir, dessen Frau ihn wohl nach Wimbledon geschleppt hat, das Halbfinale des Cricket-Weltcups auf seinem Handy. Ohne Ton. Weswegen er das elegante Rund dieser neuen Arena keines Blickes würdigt. Kurz nach ein Uhr mittags ist Court 1 schon voll besetzt, bis auf das Areal für die Sponsoren, dort herrscht gähnende Leere. Erstaunlich die Abwesenheit von Werbung, abgesehen vom Rolex-Logo auf der Anzeigetafel und dem Slazenger-Aufkleber auf dem Stuhl des Schiedsrichters. Das Turnier hat sich bislang erfolgreich einem direkten Sponsor verweigert. Dies hier ist nicht der «Allianz Court» und auch nicht die «HSBC Championship». Dies ist und bleibt einfach nur «Wimbledon» (was natürlich Merchandising nicht ausschliesst, in kleinen und grossen Läden wird jedes mögliche Objekt mit dem Corporate Design von Wimbledon veredelt, verkauft werden vor allem Schlüsselanhänger mit kleinen Tennisbällen sowie Handtücher). 

Wenn das Geschehen auf dem grünen Rasen Theater ist, sollte man die Kostüme besonders hervorheben: Die Spielerinnen tragen weiterhin Weiss (wir erinnern uns noch an Andre Agassis Stossseufzer: «Warum muss ich Weiss tragen? Ich will kein Weiss tragen. Warum sollte es für diese Leute wichtig sein, was ich trage?»), die Linienrichterinnen elegante Uniformen – einst wurde in solchen Outfits Tennis gespielt. Auf jeden Aspekt der Inszenierung wird geachtet: Wenn ein Ball einen weiten Weg zu bewältigen hat, wird er von den Ballkindern gerollt, nicht athletisch oder gar tollpatschig geworfen. Wenn die Bälle ausgetauscht werden müssen, werden zwei Schachteln nebeneinander in einer geraden Linie geleert, während einer der Balljungen daneben mit den Händen an der imaginären Naht Wache schiebt, dann werden jeweils drei Bälle in schnellen, zuckenden Bewegungen präzise zu zwei der anderen Balljungen bzw. -mädchen gerollt, die danach ihre übliche rigide Position einnehmen, mit erhobenem Arm, um anzuzeigen: The game can go on. 

Wenn ich die Augen schliesse, fühle ich mich als Teil einer verschworenen Gemeinschaft. Das liegt an der vorherrschenden Schwarmstille – 14 000 begeisterte Menschen halten den Atem an. Ein durchdringendes «Shhhh», wenn jemand spricht oder flüstert. Ich höre den Wind flüstern, die Bälle auftupfen vor dem Aufschlag, vernehme das Stöhnen (das einen bei manchen Spielerinnen und Spielern so unangenehm berührt wie Sex im Hotelzimmer nebenan). Bis ein Schlag den Ballwechsel besiegelt, worauf die Stille in heftiges Klatschen explodiert, das schon bald verebbt. Nach besonders spektakulären Punkten tost ein Katarakt der Begeisterung aufs Spielfeld hinab, der nach und nach ausdünnt und spätestens beim Aufruf des Schiedsrichter («Silence please») sich der neuerlichen Stille ergibt. Zumal der umpire auf Court 1 das Ergebnis mit ruhiger, tiefer Stimme verkündet, als rezitiere er Shakespeare. Das ist nicht so weit hergeholt, wie es zunächst klingen mag. Tennis benutzt die Sprache des Lebens, in jedem game (Spiel) geht es um love (Liebe, oder nichts), deuce (Teufel, oder zwei) oder advantage (Vorteil), in jedem Match um den Punkt, der den Satz abschliesst (set point), um den Punkt, der das Drama beendet (match point). Tennis verwendet beim Zählen eine existentielle Sprache, denn jedes Match ist Leben im konzentrierten Format.

 

Ich habe als Jugendlicher viel Tennis gespielt, als Erwachsener oft Tennis geschaut. Meist im Fernsehen, selten live. Man kann danach süchtig werden. Es ist wie eine Oper, die man in- und auswendig kennt, aber da sie immer wieder neu inszeniert und interpretiert, von unbekannten Stimmen vorgetragen wird, klingt sie jedes Mal anders, aufregend neu, unendlich spannend. Auf dem Platz entstehen zwischen Rivalen eigentümliche Beziehungen: Steffi Graf gegen Monica Seles, Martina Hingis gegen Serena Williams, Andre Agassi gegen Boris Becker, Roger Federer gegen Rafael Nadal – psychoanalytische Séancen bei einer rasanten Achterbahnfahrt. Rauf und runter. Wie Wellen im Sturm. Daraus besteht die Dynamik und Dramaturgie von Tennis, aus konzentrischen Kreisen im breiten Strom des Matchs, jeder Punkt eine Kräuselung, das Spiel eine Windung oder Wendung, der Satz ein Hoch oder ein Tief, nach dem es wieder von vorn beginnt, der nächste Punkt, das nächste Spiel, der nächste Satz. Nie ist die Lage hoffnungslos, bis man sich am Netz die Hand schüttelt, weil der Rhythmus einen jederzeit, schon nach einigen wenigen gewonnenen Punkten, wieder nach oben tragen kann, während der Gegner, die Gegnerin fällt. Im Tennis entscheiden Kleinigkeiten, minimale Fehler, über Sieg und Niederlage, und anders als im richtigen Leben kann der Stärkere auf einmal ausrutschen und der vermeintlich Schwächere, der zwischenzeitlich Unterlegene, im Nu die Oberhand gewinnen.  

 

Als Hobbyspieler identifiziert man sich innig mit den Weltbesten. Spieler, die mir nahestehen, verkörpern die bestmögliche Form meines eigenen Spiels. Die Eleganz eines Miloslav Mečíř, die wuchtige Vorhand eines Juan Martín del Potro, das strategische Vermögen eines Federer (des Clausewitz des Tennis) – Tagträume eines schlägerschwingenden Fans. Andere Spieler repräsentieren eher ein Negativ meiner Spielauffassung. Ein Mann wie Rafael Nadal etwa, ein obsessiver Wiederholungstäter, der seine Tasche genau so auf den Stuhl stellt, wie er sie immer hinstellt, seine Handtücher genau so platziert wie stets und die Balljungen instruiert, ihm diese zum richtigen Zeitpunkt in der einzig richtigen Weise zu reichen, die er akzeptieren kann, der stets auf gleiche Art zwei Schlucke aus einer der Flaschen auf dem Boden vor seinem Stuhl nimmt, die wie gewohnt aufgereiht sind, genau so, wie er es wünscht (Ordnung ist das ganze Spiel). Wenn er an der Grundlinie steht, lehnt er sich leicht nach vorn, zuckt erst mit der einen Schulter, dann mit der anderen, berührt den einen Nasenflügel, dann den anderen, schiebt sich die Haare nach hinten, zieht an seinen Shorts, bevor er mit einem entschlossenen Blick die komplexe Bewegung des Aufschlags (endlich!) beginnt.

 

Auffällig und im Fernsehen nicht zu sehen sind die zwei Leibwächter, die auf Stühlen neben dem Platz sitzen, im Anzug, mit den obligaten Sonnenbrillen. Es ist lange her, seit ein arbeitsloser Dreher in Hamburg der damals 19-jährigen Monica Seles ein Messer in den Rücken stiess. Das war nicht nur ein brutaler Akt, sondern das Eindringen einer dunklen Realität in die Welt des Spiels. Noch nie zuvor hatte ein Tennis-Fan die eigene Hingabe, ansonsten ausgelebt in Daumendrücken, Schreien, Aufspringen und wutentbranntem Gegen-Tischbeine-Treten, in Gewalt übersetzt und somit eine existentielle Grenze überschritten. «Wenn du mit Sieg und Niederlage umgehen kannst / Und diese beiden Blender gleich behandeln kannst», steht über dem Eingang des Centre Court geschrieben. Dies gilt auch für Fans.

 

Auf Court 3 gibt es spät am Nachmittag ein Doppel zwischen vier Herren mit Bauchansatz und verlangsamtem Reaktionsvermögen: Fabrice Santoro, Patrick McEnroe, Henri Leconte und Greg Rusedski. Tennis in der Manege, Jahrmarkttreiben. Trickspielerei. Spässchen und Witzchen. Der Ball als Narr, das Publikum in einer comedy show, weit entfernt von dem Drama auf Court 1. Santoro flirtet charmant nach jedem Ballwechsel mit einer Dame, die irgendwo hinter mir sitzt. Er spielt so, wie er flirtet. Hier ist Lachen wichtiger als alles andere, viel wichtiger als der Sieg. Für diese Erkenntnis muss man nur in die Jahre kommen. 

Tief beglückt verlasse ich als einer der Letzten das Areal. Ich habe Djoković, Nadal, Serena Williams und Andy Murray gesehen und am Ende begriffen, dass dieses Sportereignis stets bedeutender sein wird als die Spielerinnen, die hier gesiegt haben. Sie haben das Gras gerochen, ich habe das Gras gerochen ‒ der Mythos Wimbledon bleibt grösser als die Summe aller Champions.

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