Schwarz, weiss und Diandra

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Diandra Forrest ist als Albino-Model in einem Geschäft zur Marke geworden, das den Makel eigentlich verabscheut.

Johannes Musial

Alles fing schon mit gehöriger Verwunderung an. Es war ein sonniger Morgen im Oktober 1989, kaum eine Wolke verdeckte den Himmel. Ein schwacher Wind blies über den endlosen New Yorker Betonwald. Janet Jackson stand seit Wochen an der Spitze der amerikanischen Charts, und im Football-Stadion hatten am Vortag die Bulldogs der Yale University die heimischen Columbia Lions mit 23:0 vom Platz gefegt. 

In einem Zimmer im Erdgeschoss des Allen-Krankenhauses am nördlichsten Zipfel Manhattans waren sie auf einmal da, diese goldenen Locken. Von einem fahlen Körper ragten sie in die Welt wie eine zottelige Krone. Draussen, vor den Fenstern, trieben Blätter in ihrem Todestanz zu Boden. Drinnen, zwischen nackten Wänden und dem beissenden Geruch von Desinfektionsmittel, begann für Diandra Forrest das Leben. Kompliziert sollte es werden, voller Zweifel. Wegen ihrer Hautfarbe.

Sieben Stunden hatte ihre Mutter Sharon an jenem Sonntag im Herbst in den Wehen gelegen, als die Hebamme sie fragte: «Wissen Sie, was Albinismus ist?» Sharon war zwanzig und arbeitete am Schalter einer Postfiliale, ihr sechs Jahre älterer Mann Hassan fuhr Krankenwagen. Beide hatten dunkle Haut und dunkle Haare, wie auch ihre zwei anderen Kinder. Von Albinismus hatten sie noch nie zuvor gehört. Keiner sonst in ihrer Familie hatte blondes Haar. Die Hebamme musterte Vater und Mutter. Sie prüfte, so schien es, wie die Eltern auf eine Tochter reagieren würden, die ganz anders war als sie selbst. Nicht selten werden solche Kinder verstossen, fortgegeben oder misshandelt. Doch Hassans Gesicht zog sich zu einem breiten Grinsen, als er Diandra zum ersten Mal sah. Später achtete er penibel darauf, dass das Klinikpersonal ihren Namen auf Formularen und Namensschildern richtig schrieb. Dass dort nicht etwa Deandra stand oder Diandre.

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