Schweizer im Rotlicht

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Sie wollen schmusen, heiraten oder retten. Wieso es Freiern oft nur am Rande um Sex geht.

Christian Schmidt

Robert ist 43, als ihn ein Kollege zum Puffbesuch überredet. Für ihn ist es das erste Mal, und er ist sich nicht sicher, ob er mitgehen soll. Als er seine Bedenken thematisiert, lacht ihn der Kollege aus. Robert willigt ein, jedoch ohne feste Absicht. Er will nur mal schauen, und wohl ist’s ihm nicht wirklich; im Bordell kriegt man eine andere Einstellung zu Frauen, da ist er sich sicher. Sie fahren mit dem Auto in ein Etablissement am Stadtrand. Bald kommt eine zu ihm, eine Blonde, Osteuropa. Sie reden ein bisschen, und er sagt ihr, dass es für ihn das erste Mal im Puff sei und es deswegen etwas Geduld brauche, bis er das Ganze aktiviert hat, quasi. Das interessiert sie nicht besonders, für Worte hat sie keine Zeit. Der Versuch scheitert denn auch. Ja, das war das erste Mal. Nicht so toll.

Robert wohnt in einem Aussenquartier einer grösseren Stadt, allein, Blockwohnung der neunziger Jahre, obere Preisklasse. Er ist 55, gut genährt, trägt in der Freizeit Jogginghose und Kapuzenpulli. Die langen Haare streicht er sich alle paar Minuten aus dem Gesicht, dann wirft er sie mit einer zackigen Kopfbewegung nach hinten. Er versucht so schnell zu sprechen, wie er denkt, was aber misslingt, weshalb seine Sätze mal hierhin, mal dorthin springen. In einem der Pokale in seinem Wohnzimmer, gewonnen bei Autorennen, verstauben künstliche Rosen, aus einem anderen lugt ein Plüschpinguin mit Kulleraugen. Im Hintergrund stehen eine Sofa-Liegelandschaft und ein grosser Fernseher, geschmückt mit kleinen Schweizer Lampions: roter Grundton, kleine weisse Kreuze.

Er sei nicht Brad Pitt, sagt Robert. Aber irgendwie mögen ihn die Meitli. Die erste Freundin hat er mit neun, inklusive Knutschen und Petting. Dass er danach gleich sechs entjungfert, bevor er richtig in die Pubertät kommt, macht ihn absolut nicht stolz. Er kann sich auch nicht wirklich daran erinnern. Ist er ein guter Liebhaber, fragt er sich. Er glaubt es nicht und hat eine andere Erklärung für seine Erfolge: Männer sind generell blinde Tölpel, was Frauen angeht; er ist einfach der einzige, der wenigstens einäugig ist.

Nach der Pubertät wird es schwieriger. Er macht eine Lehre, bildet sich weiter zum Ingenieur und erhält eine tolle Stelle in einem Weltkonzern. Dort trifft er sich mit den Leuten auch nach Feierabend, was aber nicht seine Welt ist: Kokain, Alkohol, Gruppensex. Zudem haben die Kolleginnen alle Riesenprobleme: Sie haben den Sohn verloren. Sie wurden vergewaltigt. Sie haben Krebs. Auf so etwas lässt er sich nicht ein. Diese Sorgen sind ihm zu gross; er hat schon mit sich allein genug Stress. Robert bezeichnet sich als nervösen, hektischen Typ, der den ganzen Tag aufpassen muss, dass nichts schiefläuft. Weshalb er ausschliesslich Autos mit Automat fährt. Gas geben, bremsen, fertig.

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