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Herr X, 39 Jahre alt, Diagnose: hirntot. Geplanter Eingriff: Multiorganexplantation.

Christian Wittmann

Der Chirurg setzt das Skalpell unterhalb des Kehlkopfes an, schneidet nur wenige Millimeter tief in die Haut und lässt die Klinge über den Brustkorb, den Bauch bis hinunter zum Schambein gleiten. Das ist der längste Schnitt, den es in der Chirurgie gibt – und der letzte. Die Operation dient nicht der Lebensverlängerung oder der Heilung des Menschen, der hier vor dem Chirurgen auf dem Tisch liegt. Sie dient anderen Menschen, deren Organe zu versagen drohen. Dies ist die Multiorganexplantation eines verunfallten, hirntoten 39-jährigen Mannes, der – wie ich – Organspender ist.

An diesem Tag, im Januar 2019, habe ich Nachtdienst. Ich arbeite seit sieben Jahren als Lagerungspfleger im OP. Man kann sagen, ich habe so ziemlich alles gesehen, auch Transplantationen dieser Art. Auch tote Kinder. Was mich aber in den folgenden Stunden erwartet, wird mich noch Wochen darüber hinaus beschäftigen.

Diese Nacht ist anders, weil ich ganz bewusst entscheide, die Situation an mich heranzulassen. Woher dieser Impuls kommt, kann ich nicht sagen. Ich hatte schon immer einen Hang, mich mit den grossen Fragen des Lebens zu befassen. Fragen nach dem möglichen Sinn und dem Ende. Wahrscheinlich bin ich auch deshalb in der Medizin gelandet – arbeiten am Puls des Lebens. In sieben Jahren Operationssaal war ich mit völlig unterschiedlichen menschlichen Zuständen und Emotionen konfrontiert: die täglichen, zur Routine gewordenen, teilweise extrem verängstigten Patienten um sieben Uhr morgens, Eltern, die zusammenbrechen, während ich ihre Tochter zur Herzoperation fahre, demente Greise, Säuglinge mit offenem Rücken, Suizidopfer. Nicht hinsehen – das geht hier nicht. Auch all das ist Leben. Nur eben die unschönen Hinterzimmer unserer Existenz.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich diesmal spontan entscheide: kein «professioneller Abstand» zum Schutze der eigenen Emotionen, sondern vollständiges Daraufeinlassen. Nicht aus Schaulust, sondern zur bewussten Auseinandersetzung mit einem Thema, das wir alle gerne verdrängen: unsere Sterblichkeit, unser Wissen darum – und die Frage, was wir aus diesem Wissen für unser Leben ziehen können.

Die Schicht hat gerade begonnen. Es ist 22.00 Uhr. Die Lichter in der OP-Schleuse, dem Eingangsbereich des OP-Traktes, sind gedimmt. Ein Blick auf den Computerbildschirm verrät mir: «Herr X, 39 Jahre alt, Diagnose: hirntot; geplanter Eingriff: Multiorganexplantation». Sofort bin ich hellwach. Implantationen sind eine reguläre Sache. Die Organe kommen meist aus anderen Kliniken. Selbst innerfamiliäre Organspenden, wenn zum Beispiel der Vater dem Sohn eine Niere oder Teile der Leber spendet, erregen wegen ihrer Häufigkeit keine besondere Aufmerksamkeit mehr.

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