Selektion am Zaun

An Spaniens Grenze zu Afrika scheitern nicht nur Migranten. 

Daniel Puntas Bernet

Du, Diego aus Ceuta, stehst vor dem Zaun und denkst: Jetzt ja keinen Fehler machen. Die von der marokkanischen Polizei infiltrierten Spitzel reden von einem Massenansturm, die Nachtsichtkameras bestätigen Gruppenbewegungen von Menschen wenige Kilometer vom Zaun entfernt. Es ist zwei Uhr morgens, das Meer aufgewühlt, und der Levante, der raue und kalte Ostwind beidseits der Meerenge Gibraltars, bläst in diesen ersten Märztagen heftig. Du gruppierst dich zusammen mit deinen Kollegen der Guardia Civil und Schulter an Schulter mit den Marokkanern, die erstmals enge Kooperation zugesichert haben, zu einer lebendigen Schutzwand vor dem Zaun, der Afrika von Europa trennt, jeder von euch mit Helm und Schild ausgerüstet, mit Knüppeln und Handschellen sowie einer Pistole, aber die musstest du, Diego, Truppenführer, 57 Jahre alt, geschieden, Vater von drei Töchtern, in den fünfunddreissig Jahren, in denen du bei der Guardia Civil arbeitest, zum Glück noch nie einsetzen. Die Gummischrotgewehre hat man euch nach den Ereignissen vom 6. Februar 2014 hier in Ceuta auf Druck der linken Politiker in Madrid und Brüssel weggenommen. Was für eine Idiotie, denkst du jetzt, an diesem anbrechenden 4. März, während die Scheinwerfer vom Kontrollturm am Grenzübergang in dieser mondlosen Nacht die Hügel absuchen und die Nervosität steigt. Dein Job ist es, die Grenze zwischen Europa und Afrika zu bewachen, keinen einzigen der Tausenden papierlosen Schwarzen aus den Ländern südlich der Sahara, die im Norden Marokkos nur zwei bis drei Kilometer von der Küste entfernt auf eine Gelegenheit dazu warten, ins vermeintliche Paradies hereinzulassen. Aber eine Ladung Gummischrot darfst du ihnen, wenn sie schreiend, ausgehungert, einige von ihnen Steine werfend und zu allem entschlossen dir entgegenstürmen, nicht verpassen

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Etwa zur gleichen Zeit stehst du, David aus Kamerun, 21 Jahre alt, der Älteste von fünf Geschwistern und seit knapp drei Jahren weg von zu Hause, zusammen mit 50 Landsleuten und weiteren Brüdern aus Mali, Senegal, Guinea, Burkina Faso, Lesotho und Zentralafrika, um eine Feuerstelle und wärmst dich, so gut es geht. Ihr singt ein Lied und klatscht dazu rhythmisch in die Hände. Dann betet ihr und einige wärmen sich wie Sportler vor einem Wettkampf auf. Heute wollt ihr es erneut versuchen, heute muss es klappen, es soll endlich die ersehnte Nacht der Nächte werden. Seit dem 6. Februar schaut Europa ausnahmsweise vermehrt in eure Richtung und die NGOs den Polizisten und Militärs besonders auf die Finger. Vergangene Woche haben wir es in Melilla geschafft, 200 Brüder sind drin, erzählst du nicht ohne Stolz. Du sagst «wir», obschon du nicht dabei warst. Aber jetzt kommt deine Gelegenheit. Die Guardia Civil ist ohne ihre Gewehre geschwächt und ihr plant den grössten Massenansturm auf Europas Grenze, den Ceuta je gesehen hat. Zwischen 1200 und 1500 afrikanische Flüchtlinge haben sich in den letzten Tagen in den Talsenken des bergigen Hinterlandes von Marokkos Küste zusammengefunden. Euer Ziel: In drei bis vier Gruppen an verschiedenen Stellen auf den Zaun losrennen, die marokkanische Polizei und die Guardia Civil gleichermassen überrollen, unter dem Grenzübergang dem ausgetrockneten Flussbett entlang kriechen, die Ebbe ausnutzen und ins Meer springen, noch um einen vielleicht zehn Meter langen Steinwall herumwaten – und schliesslich spanischen Boden berühren. Dann kann dir nichts mehr passieren, du kannst deinen Freudensalto springen. Weil das Auftreten mit dem Fuss auf dem Sand von Tarajal, dem Strand von Ceuta gleich hinter dem Zaun, gleichbedeutend ist mit dem Eintritt nach Europa. So jedenfalls, hat man dir gesagt, will es das Gesetz, und nur deswegen bist du hier, seit Monaten versteckt in den Wäldern der steilen Flanken und Ausläufern des Atlasgebirges, von wo man eine phantastische Aussicht auf Ceuta hat, diese spanische Enklave auf afrikanischem Boden, und man bei gutem Wetter sogar bis hinüber zum britischen Felsen Gibraltar auf dem Festlandspanien sieht. 

Dein Kommandant ruft dich, Diego, zu einer Manöverabsprache in den Kontrollturm und zeigt dir die gelben Flecken auf den fünf Überwachungsmonitoren. Sie sind noch klein und du kannst sehen, wie sie sich langsam zu einer kompakten Masse formieren. «So viele kamen noch nie. Höchste Konzentration und Entschlossenheit! Aber trotzdem: Es darf keinen weiteren 6-F geben! Kein Gummischrot, keine Rauchpetarden!», lautet der Befehl, den du in den letzten Tagen schon unzählige Male gehört hast. Die Angst des Kommandanten ist spürbar, die Nervosität steigt. Es ist jetzt 4 Uhr 30 und du fügst dich wieder in die Reihe zu deinen Leuten. Praktisch an jedem Wochenende schiesst die Polizei in Spanien an irgendeinem Fussballspiel mit Gummigeschossen auf randalierende Fans, denkst du jetzt verärgert, eine menschliche Lawine Afrikaner hingegen sollst du mit Samthandschuhen stoppen. Da haben es die Kollegen aus Marokko bedeutend einfacher. Die Brutalität, mit welcher die «Force auxiliaire» mit ihren Knüppeln auf die papierlosen Schwarzafrikaner nicht nur zur Abwehr, sondern proaktiv eindrischt, hat sich beidseits der Grenze längst herumgesprochen. «Marokko ist eben Afrika», pflegt man in Ceuta achselzuckend zu sagen. Das Königreich weise mehr Züge einer Diktatur als einer Demokratie auf, und somit gelangen beispielsweise Informationen zur Situation der Menschenrechte kaum nach Europa. Was durchaus seine Vorteile hat, denkst du ohne schlechtes Gewissen, denn von den marokkanischen Einsätzen gibt es keine kompromittierenden Videoaufnahmen, die zeigen, was an der Grenze alles abgeht. Ganz im Gegensatz zu Spanien. 

Vor knapp einem Monat, in den Morgenstunden des 6. Februars, versuchten 500 Afrikaner die Grenze zu passieren, etwa 200 von ihnen kamen bis an den Strand und stürzten sich, obwohl die wenigsten von ihnen schwimmen konnten, noch auf der marokkanischen Seite ins Meer. Der Rest der Gruppe versuchte, das Menschengewühl mit dem Eintreffen der Ersten der vielen marokkanischen Träger, die Tag für Tag in den gleich hinter dem Zaun sich befindlichen spanischen Lagerhallen zollfreie Ware schultern und für ein paar Dirham über die Grenze zurückführen, für sich auszunutzen. Was ihnen zwar misslang, aber immerhin beschäftigten sie dadurch einen Grossteil der Beamten und erschwerten die Koordination des Grenzschutzes. Die meisten der Flüchtlinge im Meer konnten von marokkanischen Polizeibooten noch zurückgedrängt werden, einer Gruppe gelang es jedoch, strampelnd und schwimmend Richtung Spanien vorzustossen. 30 Beamte der spanischen Guardia Civil schossen daraufhin mit Gummischrotgewehren ins Wasser. Die Geschosse trafen die Köpfe der Schwimmer oder zerstörten deren Schwimmwesten, erzählten später jene, die überlebt haben. Die Behörden beharren hingegen darauf, dass lediglich auf die imaginäre Was- sergrenze zwischen den beiden Ländern und mit dem einzigen Zweck, die illegalen Eindringlinge abzuschrecken, geschossen wurde. Wie auch immer: In Kombination mit den ebenfalls eingesetzten Rauchpetarden, welche die ohnehin erschöpften Afrikaner zusätzlich benebelten und ihnen im Wasser die Kraft nahmen, führte der kurze, maximal fünf Minuten dauernde Einsatz, bei dem 400 Schüsse Munition abgegeben wurden, zum Tod von mindestens 15 Menschen. Es war das erste Mal, dass Europas Grenzwächter mit Gewehren in die Richtung von schwimmenden afrikanischen Migranten zielten.
«Guardia Civil, Mörder!», skandierten entsetzte Bürgerbewegungen und NGOs in ganz Spanien. «Die Guardia Civil hat einen ausgezeichneten Job geleistet», entgegnet dem Jorge Fernández, Spaniens Innenminister, der die Schüsse zuerst dementierte, von Tod aufgrund physischer Erschöpfung redete, aber wegen einiger publik gewordener privater Videoaufnahmen den geschilderten Vorfall später zugab. So weit jedenfalls der heutige Ermittlungsstand, welcher zwar juristisch noch nicht abgeschlossen ist, den aber der regierende Partido Popular als abgeschlossen betrachtet. Eine von der Oppositionspartei Partido Socialista Obrero Español (PSOE) geforderte Untersuchung wurde mit der Begründung abgelehnt, beim letzten dramatischen Vorfall vor neun Jahren, als der PSOE an der Macht war, habe der Partido Popular schliesslich auch keine Untersuchung gefordert. 
Natürlich wurde an diesem 6. Februar kein expliziter Schiessbefehl erteilt, sagst du, Diego, heute rückblickend auf die Ereignisse und mit deiner langjährigen Polizeierfahrung, aber es gibt viele mögliche Formen, den Befehl, die Grenze unbedingt zu schützen, zu formulieren und interpretieren. Und genau das ist passiert.

Du, David aus Kamerun, kennst dich nicht aus mit politischen Ränkespielen und Polizeigesetzen in Europa, sondern weisst nur, dass die Menschenrechte in deinem Land nicht geachtet werden. Deshalb träumst du von Europa. Nicht bloss aus wirtschaftlicher Not, wie es immer heisst, oder wegen tobender Bürgerkriege, wie derzeit jener in der Zentralafrikanischen Republik. Du bist hier, weil du als Mensch geschätzt werden willst. Menschenrechte mag für euch Europäer ein selbstverständliches, mittlerweile abgegriffenes Wort sein, erklärst du in eloquentem Französisch, für uns ist es la raison d’être, der Antrieb, weiterzumachen und nicht umzukehren. Du kennst die Tarife der Schlepper für die verschiedenen Grenzübertritte auswendig: 1000 Euro für das eingebaute Versteck in einer Kühlerhaube eines Kleintransporters nach Ceuta, 1500 Euro für die Bootsfahrt vom nahen Algerien nach Marseille, 2000 Euro, wenn du gut verhandelst, für einen Platz in einem Container im Hafen von Tanger. Wer 3000 Euro aufwerfen kann, versucht es mit einem Boot von Marokkos Nordküste auf der direkten Route über die Meerenge nach Spanien, welche mitunter sogar am helllichten Tag ablegen, weil den marokkanischen Polizisten der Küstenwache zuvor etwas zugesteckt wurde. Doch deine Taschen sind leer, deshalb versuchst du es hier, am Zaun von Ceuta. Du denkst an den 6/2 und kannst immer noch nicht fassen, was da passiert ist. Als du sahst, dass die Guardia Civil, diese ehrenwerten Beamten deines erträumten Paradieses Europa, mit Gewehren auf deine Brüder schossen, stiegen dir Tränen in die Augen. Die Wut hat euch gepackt und dann habt ihr etwas getan, was euer selbstauferlegter Kodex bisher verbat: Ihr habt Steine geworfen. Du bereust es, nicht nur, weil du anderen Verletzungen zugefügt hast; diese Bilder dienen nun den Behörden als Rechtfertigung für ihr Tun. Seht her, sagen die Videoaufnahmen auf der Website der Guardia Civil, gegen diese Bestien muss man sich verteidigen können. Was dich aber fast noch mehr in Rage bringt: Deine Brüder, die es wider alle Umstände an den Strand und auf spanischen Boden geschafft haben, wurden von der Guardia Civil gleich wieder zurückgeführt. «Heisse Abschiebung», nennen diese Praxis die Politiker und rechtfertigen sie damit, dass, solange die Füsse der Migranten sich noch im Wasser befinden, dies noch als Aufenthalt in internationalem Gewässer zu betrachten und somit Spanien noch nicht erreicht sei. Du verstehst die Welt nicht mehr. Jetzt marschiert ihr in Einerreihe Richtung Tarajal, gegen den Grenzübergang, wobei marschieren nicht ganz zutrifft. Der Weg ist ein ständiges steiles Auf und Nieder, über Geröllhalden und durch dornige Büsche, entlang von Pinienwäldchen, welche die spanischen Wärmekameras weniger gut abdecken. Ein paar von euch tragen Badelatschen. Es werden immer mehr, denn die selbsternannten Anführer der «attack», so nennt ihr den Versuch, haben über Facebook schon Tage zuvor dazu aufgerufen. Jetzt habt ihr die Handys zwar ausgeschaltet, damit sie euch nicht verraten, aber längst wissen die Grenzwächter von eurem Vorhaben.

Du, Diego, stehst am Zaun, wartest auf den Ansturm und fragst dich, wie es so weit kommen konnte. Vor 2005, als der 8,5 Kilometer lange Grenzübergang zwischen Ceuta und Marokko lediglich aus Überwachungskameras, einem besseren Stacheldraht und ständig patroullierenden Beamten der Guardia Civil bestand, hast du ab und zu einen Schwarzen aufgespürt, ihm aber dann in die Augen geschaut, dir die Bilder seiner Familie zeigen lassen, seine Hand geschüttelt und ihm nahegelegt, er solle mit dem Rüberkommen warten, bis du und dein Dienstkollege verschwunden wärt. Später, beim Sonntagsspaziergang in der Fussgängerzone der Innenstadt – die Immigranten warten im Auffanglager Ceutas in aller Regel mindestens sechs Monate für die Abwicklung des behördlichen Papierkrams und die Abschiebung auf das Festland –, hast du sie wieder getroffen. Aus Dankbarkeit sind sie dir und deinen Töchtern um den Hals gefallen. Als Beamter der Guardia Civil mit dem Auftrag, die Grenze zu bewachen, kannst du nicht immer tun, was du als Mensch gerne tun würdest, erzählst du später, und du erinnerst dich wehmütig an die einzigartigen Nächte an der Grenze vor wenigen Jahren, als aufgrund eines politischen Geplänkels zwischen Spanien und Marokko dreissig Flüchtlinge auf engstem Grenzraum über Wochen festgehalten wurden. Das Rote Kreuz brachte Zelte und Coca-Cola, ihr von der Guardia Civil habt den Rotwein beigesteuert, um das Getränk «Calimocho» zu mixen und bei Grilladen und Musik die Nächte zu zelebrieren.

Auch du, David, freust dich über eine Grillade. Das Leben unter freiem Himmel musstet ihr erst lernen. In Lagos, Abidjan, Yaoundé oder Kinshasa habt ihr studiert und zuvor noch nie mit den Händen gearbeitet, jetzt seid ihr auf einmal Selbstversorger. Zum Glück habt ihr wenigstens eine Höhle gefunden, wo ihr euch für die kalten Nächte und wenn es regnet verkriechen könnt. Auch bringen Rot-Kreuz-Mitarbeiter oder NGOs zwischendurch ein paar Decken oder etwas Verpflegung vorbei. Dir schenkte kürzlich ein Journalist gar ein neues Paar Reebok-Turnschuhe, Grösse 44, die du aber sofort versteckt hast, damit sie nicht den Neid der anderen wecken. Ihr habt gelernt, wie man ein Stück Brot mit Wasser und Zucker mischt, damit es den Hunger eines Tages stillt, oder welche Kräuter die vom Nato-Stacheldrahtzaun verursachten Schnittwunden am besten heilen. Die Handys ladet ihr im «Cyber» eines zwei Stunden entfernten Dorfes alle 14 Tage auf und die endlos langen Tage, die immer nur mit Essensbeschaffung ausgefüllt sind, versüsst ihr euch mit einem Fussballspiel auf einem Stück gerodeten Feldes mitten im Wald. Doch das Beste sind die Fleischspiesse über dem offenen Feuer. Die Gegend ist voller Wildschweine, und während ihr anfangs euch noch wie hungrige Tiere auf die Eingeweide eines Wildschweins, das ein Jäger geschossen und gleich an Ort und Stelle zerlegt und ausgenommen hatte, stürzen musstet, seid ihr mittlerweile selber gute Fallensteller geworden. Die Wildschweine verfangen sich in euren Schlingen und du hast noch am Morgen vor der «attack» eines mit deinen blossen Armen erwürgt. Sogar die Muslime unter euch essen dann Grilliertes, was der Koran goutiert, schliesslich gibt es keine Alternativen.   

Die hat ein Gast in einer Bar im nahen Ceuta natürlich zuhauf. «Pinchos morunos», «patatas a la brava», «pulpo a la gallega», «pimientos del padrón» und Schinken, nur vom Feinsten: Das ganze iberische Tapas-Programm gibt es bei «El Rincón de la Gorda» («Zur Dicken Wirtin») zum Bier oder einem Glas Wein gereicht. Am Abend nach dem grossen Ansturm sitzen die Gäste am Tresen und unterhalten sich aufgeregt, während gleichzeitig Musik aus den Boxen erklingt und die Nachrichten im Fernseher laufen – mit den Schlagzeilen aus Ceuta. Doch nicht der historisch erstmalige Massenansturm von 1200 Afrikanern, die Stadtgrenze zu überwinden, ist das Gesprächsthema, sondern der Rücktritt des FC-Barcelona-Spielers Jordi Pujol und die Korruptionsaffäre einer andalusischen Lokalpolitikerin. Das sagt einiges über die Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit der meisten der 85 000 Einwohner von Ceuta gegenüber den illegalen Flüchtlingen, welche seit 20 Jahren immer wieder versuchen, auf dieser Route nach Europa zu gelangen. Und vielleicht ist das ja auch normal: Es gab in dieser Zeit schlicht zu viele Migrationsgeschichten und -schlagzeilen. Zwar ist Ceuta nach aussen eine Multikulti-Gesellschaft: 45% christliche Spanier leben neben 45% muslimischen Spaniern sowie je 5% Juden und Indern ohne grössere Probleme gut nebeneinander, im Stadtzentrum sind ebensoviele kopftuchtragende Frauen zu sehen, wie solche, die ihr Haar zeigen. Doch die nur wenige Hundert Meter entfernt in Höhlen hausenden Afrikaner sind den Ceuties genauso weit weg wie den Mittel- und Nordeuropäern, tausend und mehr Kilometer weiter nördlich. 
So hoch die Wellen nach dem 6. Februar auch schlugen, so sehr die Schlagzeilen über die «kaltblütige Abknallerei von Afrikanern in Ceuta» (El País) den Stolz verletzten und so stark die Forderung nach einer Untersuchung aus Brüssel die Gemüter erregte – das Alltagsleben der Stadt haben die Ereignisse nicht tangiert. Schnell wurde hingegen mit Cecilia Malström, Brüssels EU-Kommissarin für Innenpolitik, die nach den Schüssen auf die schwimmenden Afrikaner mit ihrer Kritik an der Guardia Civil eine Welle der Entrüstung unter den spanischen Konservativen auslöste, ein Feindbild geschaffen. «Diese ‹Maastricht› soll doch selber herkommen», sagt ein Rentner im «El Rincón de la Gorda» und meint natürlich Malmström, «sich in ihrem netten Deuxpièces der anrennenden schwarzen Horde entgegenstellen und ihnen erklären, sie dürfen leider nicht nach Europa kommen.» Das Einzige, was die Gesellschaft wirklich umtreibt, ist die Sorge, das saubere Image der Stadt, die neuerdings vermehrt auf Shopping-Tourismus aus Tanger, Rabat und Casablanca setzt und hofft, vermehrt Gäste der Costa del Sol während ihres Sommerurlaubs für einen Abstecher über die Meerenge zu locken, könnte darunter leiden.
Viele sind es müde, über das Thema Migration zu sprechen, doch ein Besuch in einer Schulklasse mit 11-Jährigen (die Aufteilung zwischen Christen und Muslimen entspricht auch hier genau der städtischen Demografie) gibt Einblick, was an den Familientischen zu den Afrikanern mitunter so alles gesagt wird. «Sie nehmen uns die Arbeit weg.» – «Sie bringen nur Krankheiten zu uns.» – «Sie kommen, weil sie im Fernseher sehen, dass wir es gut haben.» – «Sie stehlen Handys.» – «Man muss den Zaun höher machen.» – «Wir geben ihnen manchmal die Reste von unserem Couscous.» – «Angst vor ihnen habe ich nicht, es sind arme Menschen.» – «Die Krise haben wir ihretwegen.» – «Wir sollten den Gehsteig wechseln, wenn wir ihnen begegnen, sagt Mama.» – «Beim letzten Dreikönigsumzug hat ein Afrikaner den Melchior gespielt.» – «Sie beissen die Polizisten und stecken sie mit Aids an.» – «Man sollte den Zaun wegnehmen und ihnen ein Schiff geben, denn sie wollen nicht zu uns, sondern nach Europa.»
Die vielen Pressesprecher der Stadt (von der Guardia Civil, dem regierenden Stadtpräsidenten, der Lokalpolizei, dem Delegierten der Madrider Regierung) sind weniger direkt als die Kinder. Sie verweisen auf die Illegalität der Einwanderer, den grossen Effort, den die Stadt mit dem Auffanglager leistet, und die grösste Einkommensschere an einer Grenze weltweit: Weil Ceuta und die zweite spanische Enklave Melilla von der EU hoch subventioniert werden und die Löhne der vielen Beamten (mehr als die Hälfte der arbeitstätigen Bevölkerung) höher sind als auf dem Festland, verdient ein Guardia-Civil-Beamter rund zehnmal mehr als sein Kollege auf der marokkanischen Seite; ausserdem hat er 12 freie Tage pro Monat, der Marokkaner lediglich vier. Auf die Frage nach konkreten Zahlen zu den Flüchtlingen zücken die Medienbeamten ihr Handy, laden eine App und leiern die Statistik der letzten Jahre herunter: 575 illegale Grenzübertritte im Jahr 2010, doppelt so viele ein Jahr darauf, als der Grenzübertritt von Marokko auf die Kanarischen Inseln stärker überwacht wurde, 618 im Jahr 2012, 1846 im letzten Jahr und 150 seit Jahresanfang. Ausserdem hat die Guardia Civil alleine 2013 insgesamt 3457 Leben gerettet, indem sie in Seenot geratene Flüchtlingsboote auf offenem Meer aufgegriffen hat. Das dürfe man angesichts der 15 Toten vom 6. Februar bitte nicht ausser Acht lassen.
Für moralische Unterstützung nach der medialen Empörung sorgt am Tag nach dem Massenansturm auf Ceuta der Besuch des spanischen Innenministers Jorge Fernández. Auf seinem Rundgang durch die Stadt studierte er zuerst an der Seite vom Chef der Guardia Civil, zwei Dutzend Lokalpolitikern und einer knappen Hundertschaft von Bodyguards, Stabsangestellten und Presseleuten aufmerksam die Beschaffenheit des Zauns. Anschliessend schüttelte er symbolträchtig, stets in die vielen Kameras blickend und zeitlich koordiniert noch vor den spanischen Drei-Uhr-Hauptnachrichten der Reihe nach die Hand des leitenden marokkanischen Grenzkommandanten, jene eines nigerianischen Migranten im städtischen Auffanglager und schenkte schliesslich seinen Händedruck den 30 Guardia-Civil-Beamten, die durch ihren Schiesseinsatz vom 6. Februar ins Kreuzfeuer der Kritik geraten sind. «Wir danken dir, lieber Minister, dass du unserer Stadt in diesen schweren Stunden mit deiner Aufwartung so viel Kraft schenkst», sprach im prunkvollen Regierungssaal ein aufgewühlter Stadtpräsident in die Mikrofone. «Du beweist Mut, indem du den Demagogen in unserem Land und Europa erklärst, dass die wahren Schuldigen dieser Tragödie nicht unter uns zu finden sind; es sind die Schleppermafias auf der anderen Zaunseite.» Der Minister verdankt die präsidialen Worte mit einem «herzhaften und persönlichen Gruss an die tapferen Bürger Ceutas» von König Juan Carlos, mit dem er morgens noch gefrühstückt habe – sowie einem neuen Überwachungshelikopter, 20 Mann einer Spezialkampfeinheit und Investitionen in Millionenhöhe, um den Zaun noch eine Spur undurchlässiger zu machen. Fragen zur Legalität der «Heissen Rückführung» oder zur Tatsache, dass der Minister immer noch abstreitet, dass auf schwimmende Menschen geschossen wurde, bleiben aus, die spanische Presse lässt Jorge Fernández weiterziehen nach Melilla, auch dort gilt es die Moral der Truppen zu stärken.
Als Tage später Ramón Caudevilla, Chef der Policía Nacional in Ceuta und seit 16 Jahren zuständig für den Kampf an der Grenze, in einem Interview die Aufrüstung des Zauns kritisiert («Jede noch so technisch versierte Massnahme wird in diesem ewigen Katz-und-Maus-Spiel von der Gegenseite 24 Stunden später mit einer neuen Überwindungsstrategie erwidert») und zudem die vom Innenministerium in Umlauf gebrachten Zahlen der angeblich sich im Hinterland befindlichen Schwarzafrikaner stark nach unten korrigiert, wird er umgehend nach Madrid zitiert – und von seinem Amt enthoben.
Nur 24 Stunden nach der Abreise des Innenministers treffen sich knapp über hundert Bürger von Ceuta am Stadtrand und marschieren zum Gedenken der verstorbenen Flüchtlinge nach Tarajal, an den Sandstrand der Grenze, wo sich das Drama des 6. Februars ereignet hat. Es ist eine stille Prozession von jungen NGO-Mitarbeitern, Rot-Kreuz-Helfern und Studenten. Am Strand wird für jeden der Ertrunkenen ein Plakat in den Sand gelegt, acht davon mit Foto und Namen, sieben mit einem Fragezeichen versehen. Die meisten der 85 000 Einwohner nehmen, trotz öffentlichem Aufruf am Gedenkakt mitzumachen, keine Notiz davon; zu sehr stecken sie in den letzten Vorbereitungen für den bald beginnenden Karneval.

Du, Diego, hast schon am Strand gestanden, hast deine Jacke ausgezogen, die Pistole in den Sand geschmissen und dich ins Meer gestürzt, um Afrikaner vor dem Ertrinken zu bewahren. Oder bist den Zaun auf deiner Seite hinaufgeklettert, um einen Flüchtling, der sich in dem mit scharfen Messern versetzten Abwehrzaun verheddert hat, zu befreien. Wobei du gemäss Gesetz ihn, sofern er nur leicht verletzt ist, auf die marokkanische Seite zurückbringen musst, wenn er hingegen schwerere Verletzungen aufweist, ihn zur medizinischen Untersuchung auf die spanische Seite zu bringen hast. Womit er sein Ziel erreicht hat. Eine Regelung, die dazu führt, dass viele von ihnen sich vor dem Aufstieg am Zaun selber Verletzungen zuführen, um dir die Entscheidung abzunehmen. Doch die Jahre haben auch dich müde gemacht, du hast nach deiner Scheidung eigene Sorgen und dazu kommt, dass die Arbeitsmarktkrise auch dein näheres Umfeld betrifft. Anfang Jahr hat die belgische Regierung die Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung von 300 Spaniern, darunter einem deiner Cousins, nicht mehr erneuert, sie müssen das Land verlassen. Und jetzt sollst du also im Gegenzug Tür und Tor öffnen, damit die Subsaharianer nach Europa gelangen können, um unsere Jobs wegzunehmen? Ausserdem hast du beobachtet, wie im Laufe der Jahre die Agressivität der Afrikaner zugenommen hat. Waren es in deinen Augen früher notleidende und hungernde Menschen, die dir das Herz brachen, regt es dich jetzt auf, wenn einer von ihnen, kaum hat er spanischen Boden berührt, seinen Eintritt nach Europa ähnlich provozierend feiert wie Balotelli sein Tor gegen Deutschland an der letzten Europameisterschaft. 
Wie aber konnte es so weit kommen, dass ihr auf schwimmende Menschen geschossen habt? Hektik, Nervosität, Chaos und eine überforderte Einsatzleitung hätten dazu geführt, antwortest du. Was ging dir durch den Kopf, als du sahst, wie einige von ihnen ertranken? Du wolltest das nicht, aber du hast schliesslich nur deine Pflicht getan, ihr Militärs seid erzogen worden, zu gehorchen. Was überwiegt bei deiner Arbeit: der Drang, einem Menschen in seiner Not zu helfen, oder die Aufgabe, die Grenze zu schützen? Beides sei deine Pflicht, sagst du, aber du fragst dich selber, wie man das Zweite tun kann, ohne das Erste zu unterlassen. Was denkst du, wenn du Bilder siehst (weil du, wie praktisch alle Ceuties, ja noch nie dort warst), wie die Subsaharianer einen Katzensprung vom Zentrum Ceutas entfernt wie Höhlenmenschen hausen; kaum zu essen haben, dem Wetter wie Tiere ausgesetzt? Du redest davon, dass die Welt halt nicht gerecht sei, von globalen Zusammenhängen, von der Machtlosigkeit des Einzelnen. Immerhin würdest du, der du eigentlich gerne hilfst, vermehrt karitativ tätig sein. Und nach einer Pause fügst du an: Soziale Ungerechtigkeit gibt es überall auf der Welt und sie findet gleichzeitig statt. Hier in Ceuta verhält es sich nicht anders, ausser dass sie zusätzlich auch noch räumlich vorhanden ist und dadurch physisch erfahrbar wird. Doch auch daran gewöhnt man sich.

Es ist jetzt 5 Uhr 20, und du, David, ahnst, was kommen würde. Ihr seid auf dem Weg durch die Nacht einer marokkanischen Polizei-Patrouille begegnet, die eure bereits zersplitterte Gruppe noch mehr auseinandertrieb, und die Scheinwerfer der Guardia Civil, welche die Hügellandschaft vor dem Grenzübergang in ein warmes Licht tauchen, erwarten euch bereits. Doch es gibt kein Zurück. Ihr rennt los, in mehreren Gruppen an unterschiedlichen Stellen, stürmt den Anhang hinunter und übertönt mit euren Schreien die Blaulichtsirenen: Liberté. Liberté. Liberté. «Eine menschliche Lawine von 1200 Afrikanern versucht den grössten je gesehenen Ansturm auf Europa», berichten anderntags die Medien. «Die einmalige, hervorragende Zusammenarbeit der marokkanischen Polizei mit der Guardia Civil hat Ceuta vor einer weiteren Tragödie bewahrt. Insgesamt 900 Subsaharianer wurden in Bussen weggeführt und in der Nähe von Rabat ausgesetzt, der Rest hat sich ins Hinterland zurückgezogen.» Wenn du wüsstest, was Diego, dein Gegenüber von der Guardia Civil, später sagen wird, würdest du dir die Haare raufen: «Hätten die Flüchtlinge als Einheit, als kompakte Gruppe an einem einzigen Ort angegriffen und wären auf uns losgestürmt, wir wären chancenlos gewesen.» 
Am Tag danach, ihr sitzt im Wald, pflegt die Wunden und lamentiert, dass ihr es wieder nicht geschafft habt, schwimmt dein Freund Henry von der Elfenbeinküste zusammen mit 27 weiteren Brüdern am anderen Ende Ceutas um den kurzen Steinwall, der vom Zaun ins Meer führt, und berührt als Einziger der Truppe wenig später spanischen Boden, hat also gesetzeskonform beide Füsse nicht mehr im Wasser, noch bevor die Guardia Civil eingreifen kann. Du erhältst eine SMS von Henry und freust dich für ihn. Henry feiert abends im Auffanglager Ceutas via Skype zu Musik aus der Heimat, solange die Batterien herhalten, und stösst mit einem Glas Milch auf die grosse Freiheit an. 

Am Karneval von Ceuta verkleidet sich einer als Höhlenmensch.   

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