Shitstorm in Beirut

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In Libanon schwappt die verdrängte Vergangenheit an die Oberfläche.

Lina Mounzer

Vor langer Zeit, etwa ein Jahrzehnt nach dem Ende des Krieges in Beirut, lebte ich in einem riesigen zerfallenden Haus am Meer. Jeder Ausflug ins Herz der Stadt – zur Arbeit, zum Supermarkt, in die Cafés an der Hamra Street – bedeutete einen mühseligen Weg bergan. Ein Anstieg, nicht ganz so steil wie in, sagen wir, Lissabon oder Istanbul, aber steil genug, um zu überprüfen, ob du noch gut in Form bist. Eines frühen Morgens, es hatte stark geregnet, ging ich den Hügel hinauf, als ich den hinter einem steckengebliebenen Auto in einer Schlange gestauten Verkehr sah und die Leute wie wahnsinnig herumschreien hörte.

Und dann traf es mich wie ein Schlag. Dieser Es-haut-dich-auf-der-Stelle-um-Gestank nach Scheisse. Einer der Abflusskanäle war übergelaufen, hatte dabei den Kanaldeckel weggesprengt, und ein gleissend brauner Wasserfall stürzte den Hügel hinunter. Ich brauchte eine Minute, um zu verstehen, was hier los war: wie das alles mit dem steckengebliebenen Auto zusammenhing, warum etwa fünfzehn Männer wild herumgestikulierten, wobei die Hälfte von ihnen den armen havarierten Fahrer anschrie: «Vorwärts! Vorwärts!», während die andere Hälfte den Hügel hinunterrannte und die anderen Autos warnte: «Zurück! Zurück!».

Die Autoreifen konnten nämlich wegen des schleimigen Ausflusses auf dem Asphalt nicht greifen. Unter gequältem Heulen drehten sie sich wieder und wieder auf der Stelle und stiessen dabei kotige Substanzen von sich, während die Männer schrien und Frauen ihre Köpfe über die Fenstersimse und Balkongeländer reckten, um ihr Entsetzen hinauszurufen und gute Ratschläge noch obendrauf zu geben. Immer wieder ging eine Litanei von Flüchen los, als einer der Männer zu nah kam und angespritzt wurde, vielleicht mit den Überresten der Mahlzeit, die er beim Essen am Abend zuvor zu sich genommen und dann an diesem Morgen die Toilette hinuntergespült hatte. Das Private wurde auf spektakuläre Weise öffentlich. Es war entsetzlich. Es war urkomisch. Nachdem ich eine Weile aus sicherer Entfernung zugeschaut hatte, nahm ich einen Umweg über einen anderen Hügel, grinsend. 

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