Shooting im Exzess

Sex, Drogen, Abgründe: Der Magnum-Fotograf Antoine D'Agata auf der Suche nach dem ultimativen Bild in Kambodscha.

David Signer

Als ich Antoine D’Agata 2005 in Jamaica bei einer gemeinsamen Reportage über die brodelnde Dancehall-Szene von Kingston kennenlernte, hatte er gerade «Butterfly Stories» von William T. Vollmann gelesen. Das Buch handelt von einem Fotografen und einem Journalisten, die von einem Magazin Geld bekommen, um sich quer durch Asien zu vögeln. Am Ende hat sich der Journalist mit Aids infiziert und irrt durch das kriegsversehrte Kambodscha, auf der Suche nach seinem Todesengel, der wunderschönen Frau aus der Hinterstrassenbar in Phnom Penh, die er nicht vergessen kann.
Der Roman gab Antoine den Ausschlag, nach Kambodscha zu gehen. Er liess seine palästinensisch-iranische Frau und die jüngste seiner Töchter in Frankreich zurück und ist seither der berühmteste Obdachlose der Welt. «Das Entscheidende war für mich das Thema der Ansteckung. Contamination. Das ist sehr wichtig, auch für die künstlerische Arbeit. Man darf nicht einfach von aussen zusehen. Man muss sich packen, verwickeln, infizieren lassen. Sich selber aufs Spiel setzen.»

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Mit diesem Credo wurde Antoine D’Agata zu einem der aufregendsten Fotografen der Gegenwart. Auf dem besten Weg, eine Kultfigur zu werden. Der 51-jährige Franzose, seit 2008 bei der legendären Fotoagentur Magnum, ist berühmt für seine düster-faszinierenden Bilder aus den abgründigen Grenzwelten von Ekstase, Sex und Drogen – aber auch für seinen rückhaltlosen Lebensstil. D’Agata lebt ohne festen Wohnsitz zwischen Mexiko, Kuba, New York, Paris, Kambodscha und Japan, unter Prostituierten, Süchtigen und andern Randständigen. Seine Fotos aus den dunkelsten Ecken der Welt sind untrennbar verbunden mit seiner eigenen prekären Existenz – eine fortlaufende und immer extremere Dokumentation eines zentrifugalen Lebens.
D’Agata hasst Schnappschüsse und Reportagefotografie. In seiner Arbeit verewigt er mit seiner Kamera in radikaler Nacktheit Menschen, die ihm nahe sind, mit denen er verflochten ist. Dafür quartiert er sich auch einmal ein paar Wochen oder Monate in einem heruntergekommenen Bordell irgendwo am Ende der Welt ein. Sein Werk ist ein «journal intime», wobei die Inhalte – Entgrenzung, Exzess, Ekstase – so umgesetzt sind, dass die Bilder weit übers Dokumentarische hinausgehen und eine Anthropologie umreissen, in der die Essenz des Menschen gerade in seinem Ausser-sich-Sein erahnbar wird.

Antoine

Antoine stammt aus einer Metzgerfamilie in Marseille. Als Jugendlicher half er seinem Vater, die Fleischbrocken herumzuwuchten und fachgerecht zu zerlegen, später lernte er Maurer. Einmal zerriss er als Jugendlicher vor den Augen seines Vaters eine Banknote. Eine Schlüsselszene. «Nie hatte ich ihn so zornig gesehen», erinnert er sich. «Meine Mutter musste ihn festhalten. Als einer aus der Unterschicht, der sein ganzes Leben hart arbeitete für seine Familie, sich für das Fortkommen seiner Kinder aufopferte, jeden Sou zweimal umdrehte.» 
Mit 22 verliess Antoine Frankreich, lebte als Punk in besetzten Häusern in England und verlor in einer Schlägerei ein Auge. Die Innenseiten seiner Unterarme sind von Narben übersät – von Schnittwunden, die er sich selber beibrachte. 1990 landete er in New York, wo ihn seine spät erwachte Liebe zur Fotografie in die Kurse von Nan Goldin und Larry Clark trieb. Er wurde «entdeckt». Dennoch kehrte er 1993 nach Frankreich zurück und rührte vier Jahre lang keine Kamera an. Erst 1998 publizierte er seine ersten Bücher «De Mala Muerte» und «Mala Noche», die ihn zum Underground-Star machten, zur «lebenden Legende». Antoine bereut, nicht früher mit der Fotografie angefangen zu haben. «Ich lebte einfach in dieser totalen Verweigerung gegenüber der Gesellschaft. Wir hatten einen Kollegen, der begann, irgendwann in einer Band zu spielen und aufzutreten. Wir empfanden ihn als Verräter. Er machte Kompromisse, indem er sich auf die Regeln einliess.»
D’Agata unterhält einen gefährlichen Flirt mit harten Drogen, schaffte es aber immer wieder, den Magnetfeldern der Sucht zu entkommen. Als ich ihn Anfang 2009 an der Zürcher Langstrasse traf, sah er erschöpft und um Jahre gealtert aus. Er war vor kurzem aus Phnom Penh zurückgekehrt, schwerst abhängig von Ice (Crystal Meth, Methamphetamin), einer der zerstörerischsten Drogen. Sechs Monate hatte er mit der Prostituierten Ka in einem kleinen Zimmer gehaust, tagein, tagaus zugedröhnt, mit Sex bis zur Bewusstlosigkeit. 
Im Sommer 2008 kam es zum Showdown. Sein Körper zerfiel, er war völlig paranoid geworden und wurde von mehreren Seiten massiv bedroht. «Es brauchte Stunden und vier Leute, bis ich den Mut hatte, die Strasse zu überqueren.» Mit letzter Kraft schaffte er es endlich, Kambodscha zu verlassen und sich in Paris zu entgiften. Ende desselben Jahres hatte er versucht, nach Phnom Penh zurückzukehren. Resultat: Notfallmässige Hospitalisation. Nun überlegte er sich, ob er der Einladung, im kambodschanischen Siem Reap einen internationalen Workshop zu geben, folgen sollte, oder ob das Risiko eines Rückfalls zu gross wäre. Ich schlug ihm vor, mit ihm zu reisen, und er stimmte zu. D’Agata kam aus Costa Rica und Kuba über Paris und Bangkok, ich aus der Schweiz. Wir verabredeten uns im November 2009 im «Prohm Roth Guesthouse» in Siem Reap, unweit der Tempelruinen von Angkor Wat.

Arei

Montag 
Als ich an Antoines Zimmertür in Siem Reap klopfe, ist zuerst lange nur ein Knarren und Ächzen zu hören, wobei nicht ganz klar ist, ob es sein Bett oder er selbst ist. Als er schliesslich öffnet, sieht er ziemlich zertrümmert aus mit seinem kahlrasierten Schädel, dem starren Blick und den Furchen in seinem Gesicht, die seit unserm letzten Treffen noch tiefer geworden sind. «Ich habe geschlafen», sagt er. «Als du mich am Morgen angerufen hast, lag ich gerade mit drei Frauen im Bett. Eine grauenhafte Nacht. Aber komm rein.»
Ich habe ihm Geld mitgebracht. «Zum Glück», sagt er. «Ich bin total pleite.» Er sei paranoid drauf, warnt er mich, habe Yaba geraucht, das Arme-Leute-Aufputschmittel aus Thailand. Er ist erstaunt, wie rasch er diesmal, im Vergleich zur ersten Yaba-Phase, schon nach wenigen Malen Konsum voll drauf ist, mit Entzugssymptomen und allem. 
Wir gehen in ein Restaurant. Er hat seit 24 Stunden nichts gegessen. Die zwei Pouletflügel verdrückt er nicht aus Appetit, sondern damit er nicht zusammenklappt. «Als ich kürzlich von Spanien nach Frankreich fuhr, hatte ich aus Versehen drei verschiedene Drogen im Gepäck. Ich hatte sie dort vergessen, aber zum Glück wurde ich nicht kontrolliert. Vor drei Wochen kam ich aus Kuba und Costa Rica nach Frankreich zurück. Dieses Mal hatte ich nichts dabei. Aber mein Körper war so voll von Crack, dass die Hunde am Zoll sofort auf mich zurannten und mich von allen Seiten beschnupperten. Ich wurde eine Stunde lang gefilzt, aber sie fanden nichts.»
Im Gegensatz zu früher, als sein Konsum eher noch Experimentiercharakter hatte, ist er jetzt nonstop auf irgendwas drauf. «Es gibt nichts zu beschönigen», sagt er, «es geht mir dreckig. Vor meiner Abreise habe ich einer Freundin mein Testament diktiert. Vor allem, was meine Bilder und meine vier Töchter angeht.»
Was ihn schier zerreisst: Er wünscht sich nichts sehnlicher, als Ka in Phnom Penh wiederzusehen. Aber offenbar ist die Situation kurz vor seinem überstürzten Abgang dermassen eskaliert, dass es lebensgefährlich für ihn wäre, dort aufzukreuzen. Wie es scheint, hat er Ka einem grossen Dealer ausgespannt, dann ging es um gefährliche Insider-Informationen, Namen, man fürchtete, er würde plaudern. «Nun bin ich hier in Kambodscha, aber kann nicht an den einzigen Ort gehen, der mich auf dieser Welt wirklich interessiert. Ich fühle mich wie ein Verbannter, im Exil.»
Die letzte Nacht hat Antoine mit Arei, Srej Oun und Lea verbracht. Arei lerne ich am Abend in der «Zanzybar» kennen, einer billigen Kneipe, deren Besitzer letztes Jahr bei der Abrechnung zusammengeklappt und nicht mehr aufgestanden ist. 
Arei sieht, trotz ihrem jungen, jungenhaften Körper, noch ausgeglühter als Antoine aus. «Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich, sie sei ein Junge», sagt Antoine. «Ich kenne sie, seit ich vor vier Jahren erstmals hierherkam, aber ich habe sie bisher noch nie fotografiert. Ihr Körper ist völlig entstellt. Ihre Mutter hat sie aus Wut mit heissem Wasser übergossen, als sie noch ein Kind war. Alles ist verbrüht, sogar ihr Geschlechtsteil. Sie ist Prostituierte, aber sie versucht, ihren Körper zu verstecken, indem sie, im Zimmer angekommen, gleich das Licht löscht oder sich unterm Laken versteckt. Meist merken es die Kunden natürlich doch, denn man spürt die Schrunden und Narben auf ihrer Haut, selbst wenn man sie nicht sieht. Ihr Leben ist sehr schwierig.»
Pathétique ist das Wort, das mir beim Anblick von Arei und anderer Freundinnen Antoines (und auch seiner Bilder von ihnen) oft durch den Kopf geht. Pathétique: Bewegend, ergreifend, schmerzlich zu Herzen gehend. 
Um Mitternacht gibt er ihr Geld, um Yaba zu kaufen. Als sie nach einer halben Stunde noch nicht zurück ist, sagt er: «Vielleicht ist sie wütend. Gestern kam sie mit einer Freundin auf mein Zimmer, und dann habe ich vor ihren Augen die Freundin gevögelt. Und dann kam noch eine dritte. Sie ist nicht eifersüchtig, aber dieses Mal hab ich den Bogen überspannt.» Einmal fand Antoine einen Pariser in Areis Vagina. Gestern hatte er kein Kondom im Zimmer. Er fand ein gebrauchtes im Bad, das er auswusch und benutzte. Aber es kam auch schon vor, dass sie keines benutzten. «Die Droge hat eine solche Wucht, alles andere wird gleichgültig. Es macht mir Angst, dass ich so fatalistisch werde.»

Reth

Dienstag
Das Sich-selbst-aufs-Spiel-Setzen ist auch sein Leitfaden mit den Workshop-Studenten, die quer aus ganz Asien angereist sind. Die Filipina Julie hat ihm das Bild eines Kirchturms mit einem übergestülpten Präservativ geschickt, in der Hoffnung, in seinem Kurs zu landen. Als sie ihn zum ersten Mal sieht, berührt sie ehrfürchtig seine Brust mit dem Finger und sagt: «Bist du es wirklich?»
Einige Studenten stören sich daran, dass er keine Antworten gibt, sondern vor allem Fragen stellt, um die jungen Fotografen näher an ihre wirklichen Interessen zu führen. «Fokus» ist sein häufigstes Wort: «Fokussiere auf das, was dir wirklich wichtig ist.» Trotz seinem Zustand wirkt er in der Arbeit mit den Teilnehmern extrem konzentriert und präsent, wenn er versucht, sie zum Punkt der Intensität, zum Glutkern zu führen. Schaut man aber genauer hin, wird erkennbar, wie es in ihm rumort, brütet, zuckt. Kaum ist der Workshop zu Ende, wirkt er erschöpft, abwesend. Konversation nervt ihn, er driftet ab. Oft entfallen ihm auch Dinge. «Ich bin vergesslich geworden. Alles zerfällt. Kürzlich begrüsste mich eine Frau. Ich sagte: Kennen wir uns? Es stellte sich heraus, dass es eine Exfreundin war, mit der ich zwei Jahre zusammenwohnte.»
Antoine ist seit Jahren in einem Projekt engagiert, in dem Strassenkinder fotografieren lernen. Die Bilder werden dann als Postkarten verkauft. Die Kinder können ihre Sujets selber wählen. Oft gehen sie in die Aidsabteilung des Spitals ihre Verwandten fotografieren. Einmal knipsten sie Touristen. Das war ein Gaudi, die Touristen wurden dermassen verlegen. Wir treffen Srej Reth, eines der Mädchen, das Antoine damals gewinnen konnte mitzumachen, an einer Ausstellung im «Foreign Correspondent’s Club». Inzwischen ist sie etwa 19.
Er mochte sie sofort, gab ihren Eltern einen Sack Reis, damit sie sie mitmachen liessen. Als er ein Jahr später nach Siem Reap zurückkehrte, war sie verschwunden. Er hörte sich um, und man sagte ihm, dass die Mutter das Mädchen für 250 Dollar an eine Karaoke-Bar am Stadtrand verkauft hatte, als Billighure. Am Tag, an dem Srej Reth den Betrag zurückbezahlt hätte, wäre sie frei. Doch mit dem minimalen Lohn, den überhöhten Zinsen und all dem Geld, das für Drinks draufging, hätte sie sich auch nach Tausenden von Freiern nicht freikaufen können. Antoine klapperte die Karaoke-Schuppen in der Stadt ab und fand sie schliesslich. Beinahe hätte er sie nicht wiedererkannt, dermassen hatte sie infolge des aufgezwungenen Bierkonsums zugenommen. Er kaufte sie frei und konnte sie bei einer NGO unterbringen, wo sie sich um andere Strassenkinder kümmerte.
Am zweiten Abend meiner Ankunft ist Antoine deprimiert. Sein ganzer Körper schmerzt. «Willst du ein Dafalgan?», frage ich. «Das Einzige, was hilft, ist Yaba», antwortet er.
Obwohl er immer analog fotografierte, hat er nun nicht genug Geld für die Filme und das Entwickeln. Also fotografiert er mit einer Digitalkamera, wenn auch ziemlich lustlos. Wir sprechen über Veränderungen in seiner Arbeit. «Ich verfolge eigentlich immer dasselbe», sagt er. «Bloss dass die Nacht immer dunkler wird, der Sex immer perverser, die Mädchen immer freakiger und die Drogen immer gefährlicher.» Seine Fotografie nähert sich zunehmend dem Nichts. Dazu gehört auch, dass er immer weniger Bilder macht. Letztes Jahr hat er einmal monatelang nicht fotografiert. «Ein langsamer Tod.» Sein letztes Bild wird eine einzige schwarze Fläche sein. 
Gegen Mitternacht fahren wir mit einem Tuk-Tuk, einer Motorradrikscha, zur Karaoke-Bar, in der Antoine Srej Reth wiederfand. Eine unbeleuchtete, ungeteerte Strasse ohne Namen an der Peripherie. Unverputzte, halbfertige Gebäude. Hie und da ein rotes Licht in der Dunkelheit. Die stark geschminkten Mädchen in ihren Mini-Jupes und Hotpants sind höchstens 14, 15 Jahre alt. «Wenn du sie tagsüber siehst, wie sie in den Strassen spielen, schäkern, rumalbern», sagt Antoine, «würdest du sagen, sie sind ganz normale Kinder.»
Einer der Räume wird hergerichtet: Zerschlissene Kunstledersofas, ein Tischchen, ein Bildschirm, riesige Boxen. Eines der Mädchen macht eine zweideutige Geste: Sie deutet an, dass sie gerne ein Mikrofon in den Händen hält; aber es könnte auch etwas anderes sein. Das Licht wird gedimmt, die Mädchen nennen dem DJ ihre Wünsche, ein Zwanzigerpack Bierdosen wird gebracht, Eis in die Gläser geschüttet, die Musik knallt aus den Boxen, und los geht’s. Hingebungsvoll und falsch singen die Mädchen die kambodschanischen Popsongs vom Bildschirm ab, vor jedem Schluck Bier prostet man sich zu, nach jedem Schluck wird nachgefüllt. Nach einer halben Stunde schon die Frage: «Massage, boum boum?»

Srej Oun

Srej Oun («Srej» heisst «Mädchen») ist mit uns gekommen. Sie ist etwa 23 und seit vier Jahren Antoines «Verlobte», seine «offizielle Freundin». Von einer geheimnisvollen, verschwiegenen Schönheit, erinnert sie mich an die Protagonistin in «L’amant», dem Film nach dem berühmten Buch von Marguerite Duras. Bei den meisten kambodschanischen Bildern, auf denen Antoine selbst (alleine oder mit einer Frau) zu sehen ist, stand Srej Oun hinter der Kamera. «Es gibt ja viele Freier, die ihre Frauen fotografieren», sagt sie. «Aber dass die Frau den Kunden fotografiert und der dann 10 000 Dollar für das Bild einheimst, ist doch etwas Spezielles.» Sie war neben Arei die Zweite im berüchtigten Vierer der ersten Nacht. Anders als Arei raucht sie kein Yaba oder Ice, sie ist ein good girl. 
Als Antoine sie kennenlernte, hatte sie gerade wenige Wochen zuvor ein Kind auf die Welt gebracht. Mit Klienten schlafen konnte sie noch nicht, trotzdem verbrachte sie ihre Abende in der «Zanzybar» mit ihren Freundinnen. Sie begann bei Antoine zu übernachten. Vorerst machten sie zwar keine Liebe, aber eine Woche lang trank er ihre Milch. Sie stillte ihn.
Gegen vier fahren wir zurück in die Stadt und nehmen noch ein «night cap» in der «Temple Bar». Arei schläft am Tresen, den Kopf in ihrer Armbeuge vergraben. «Sie hat seit vier Tagen nicht geschlafen», sagt Antoine. Er leiht sich von einem seiner Studenten am Billardtisch eine Kamera aus und fotografiert sie. Trotz dem Blitz erwacht sie nicht. Es ist sein erstes Bild seit seiner Ankunft. 

Mittwoch
Als ich am Mittag an Antoines Türe klopfe, öffnet er und blickt misstrauisch durch den Spalt, die Sicherheitskette lässt er vorsichtshalber dran. 
«Als ich in Phnom Penh war», erzählt er, während er sorgfältig alle Utensilien der vergangenen Drogennacht in einer Plastiktüte verschwinden lässt, die er dann draussen auf der Strasse in einen Müllcontainer wirft, «geriet ich immer in Panik, wenn jemand anklopfte. In Kambodscha stecken Polizei und Mafia unter einer Decke, und ihre typische Methode, dich fertigzumachen: Sie klopfen an deine Türe, und sobald du öffnest, schubsen sie einen nackten Knaben in deine Arme und fotografieren dich. Dann klagen sie dich wegen Pädophilie an, zugleich schicken sie das Bild an Zeitungen in deinem Herkunftsland. Keine Chance.»
Er erzählt von einem Markt bei Phnom Penh, wo Kinder vermietet und verkauft wurden. «Der Preis variiert je nach Altersklasse. Hat der Kunde dann ein Mädchen oder einen Jungen ausgewählt, geht es darum, was er genau will. Entjungfern? Vermieten für einen Fick, für eine Nacht, eine Woche, einen Monat? Oder ganz kaufen?»
Offenbar zahlen insbesondere die Chinesen bis zu 3000 Dollar für eine Defloration. Sie sagen, das sei gut fürs Chi, die Lebenskraft. «Im Zusammenhang mit Sextourismus und Pädophilie spricht man immer von den Europäern», sagt Antoine. «Aber die Asiaten sind viel extremer. Bloss sieht man die nie. Die steigen in diskret gelegenen Hotels ab, die genau für diesen Zweck konzipiert wurden. Es gibt spezialisierte chinesische Organisationen, die mit diesen Hotels zusammenarbeiten. Der Kunde ruft an, ein Mitarbeiter fährt mit dem Kind in die Tiefgarage, begleitet es im Extralift direkt zum Zimmer des Kunden und holt es eine Stunde später wieder ab. An der Reception sieht man nichts von der ganzen Aktion.»
Antoine hat in Japan zum ersten Mal Ice geraucht. «Monatelang kam mir diese Nacht immer wieder in den Sinn. Ich dachte, es sei wegen der besonderen Leute und des ausgefallenen Orts gewesen. Erst als ich dann zum zweiten Mal Ice nahm, in Phnom Penh, merkte ich, dass ich beim ersten Mal bereits süchtig geworden war. Es hatte sich mir ins Hirn gebrannt. Alles, was du auf Ice tust, wird lustvoll. Ich kannte einen, der konnte stundenlang eine Serviette auseinanderzupfen. Ich selbst war jeweils die halbe Nacht damit beschäftigt, am Nagel meiner grossen Zehe herumzugrübeln. Oft sagt man, Drogen böten den Armen eine Fluchtmöglichkeit. Aber Drogen wie Yaba oder Ice beduseln dich nicht. Im Gegenteil: Sie machen dich völlig präsent. Du siehst die Realität – messerscharf.»
Beim Mittagessen sprechen wir davon, dass seine Fotografie gegen null tendiert. Antoine ist deprimiert, dass er immer weniger fotografiert. «Ich habe begonnen zu fotografieren, um all diese aussergewöhnlichen Orte und Leute, die ich kennengelernt habe, festzuhalten. Nun ist es so: Je extremer es wird, umso weniger mache ich draus. Ich habe Angst, dass ich keine Rechenschaft mehr davon geben kann. Ich kann nicht sagen: Ich tu’s dann in fünf Jahren. Entweder lebe ich bis dann nicht mehr oder dann nicht mehr in diesen Welten.»
Am Abend nimmt Antoine seine ungeliebte Digitalkamera mit in die «Zanzybar». Er benutzt sie zum ersten Mal heute. Arei ist da, fiebrig, fahrig, flackernd, seit Tagen auf den Beinen. Nach einem chaotischen Poolspiel setzen sie sich draussen im Dunkeln nebeneinander in die Korbstühle, und er fotografiert sie. Er hat ein Scheinwerferchen dabei, das er aus einer Fahrradlampe gebastelt hat. Das Personal der «Temple Bar» erzählt heute noch davon, wie Antoine vor drei Jahren mit einer Stirnlampe auftauchte. Wie ein Chirurg oder ein Höhlenforscher suchte er seinen Weg durchs Dunkel. Das ist er ja auch, in gewisser Weise. Zärtlich und langsam streicht, streichelt er mit dem diffusen Lichtstrahl über Areis Gesicht und hebt mal diese, mal jene Partie hervor. Manchmal scheint alles an Antoine auseinanderzudriften; aber wenn er fotografiert, ist er von einer geradezu buddhistischen Konzentration und Selbstvergessenheit. 

Donnerstag
Antoine entscheidet sich trotz allen Warnungen, in den nächsten Tagen nach Phnom Penh zu gehen. «Ich glaube, solange ich gewisse Quartiere meide, geht es.» Erstmals wird konkreter, was vor einem Jahr vorgefallen ist. Im Dezember 2007 lernte er, von Japan nach Paris unterwegs, bei einem Stop-over in Phnom Penh die vietnamesische Prostituierte Ka kennen, rauchte mit ihr Ice, schlief mit ihr und flog nächstentags weiter. Eine Woche später war er wieder bei ihr. Er mietete ein Zimmer, das voller Hundekot war, als sie einzogen. Dort verbrachten sie die nächsten sechs Monate, rauchend, vögelnd. Verschwanden im Bermudadreieck zwischen der nahe gelegenen «White Cobra Bar», dem in ganz Südostasien berühmt-berüchtigen Klub «Martini» und ihrem Zimmer, in dem sich die Drogenutensilien von Monaten türmten, weil sie nie aufräumten. 
Ka hatte eine Glatze, nur zum Anschaffen zog sie eine Perücke an. Über das linke Auge legte sich seit ihrer Geburt ein riesiger, dunkler Fleck. Eigentlich war sie die Freundin eines Grossdealers. «Ich machte den Fehler, zu viele Fragen zu stellen, und sie vertraute mir zu viel an. Mit der Zeit fanden manche Leute, ich sei ein Sicherheitsrisiko.» Die Ice-Szene ist paranoid drauf, und die Leute waren verwirrt, als «Clochard» Antoine plötzlich für eine Woche nach Frankreich flog. Und plötzlich ein Filmteam auftauchte. Der italienische Regisseur Tommaso Lusena wollte schon lange einen Film über Antoine drehen. «Lusena kam mit einer ganzen Liste, was er alles filmen wollte. So hatte er etwa ein ganzes Bordell für ein Interview reservieren lassen. Ich ging die Liste durch und sagte: Nein. Nein. Nein. Eigentlich wollte ich gar nicht raus aus unserm Zimmer. Er führte dann das Interview dort. Ich blickte ihn mit grossen Augen an, schwitzte und sagte nichts.» 
Immer wenn Antoine geraucht hatte, pulte er mit einem kleinen Metallgegenstand in seiner wunden Zehe herum. Irgendwann liess der Filmemacher das Ding verschwinden. Weil er zur Abwechslung einmal eine andere Einstellung wolle, erklärte ihm der Regisseur. Der Film kam 2009 unter dem Titel «The Cambodian Room. Situations with Antoine d’Agata» heraus. Und wurde, wie schon Antoines eigener Film aus Tokio, «Aka Ana», äusserst kontrovers aufgenommen. Blogs mit Hunderten von Einträgen zeugen davon. Zwei Jahre zuvor hatte sich die Regisseurin Danielle Arbid für Antoine interessiert. «Un homme perdu», der auf d’Agatas Leben beruht, kam 2007 in die Kinos.

Lea

Freitag
Am Abend in der «Zanzybar». Srej Lea ist da. Sie war, neben Arei und Srej Oun, die dritte Frau in jener ersten Nacht, als bei Antoine alles drunter und drüber ging. Srej Lea ist 22 und seit fast zehn Jahren auf Yaba. Sie hat Aids. Noch vor wenigen Jahren ging es ihr so schlecht, dass sie nicht mehr anschaffen konnte. Jetzt geht es ihr dank Gratismedikamenten viel besser, und wie viele Prostituierte kann sie wieder arbeiten – was nicht ganz unproblematisch ist, da sie es mit Kondomen nicht so genau nimmt. Sie hat Flecken am ganzen Körper. Deshalb könne er nur unter Yaba mit ihr schlafen, sagt Antoine. 
Nach Mitternacht können sie bei einem Ladyboy Stoff auftreiben. Sie gehen in den nahe gelegenen «Convenience Shop» und kaufen dort eine kleine Flasche Wasser und Kaugummi. Zurück im Zimmer präpariert Srej Lea die Pfeife. Sie leert das Wasser in der Flasche zur Hälfte aus, dann brennt sie mit dem Feuerzeug zwei Löcher in den Plastikverschluss. Dort kommen zwei Strohhalme rein, die Ränder werden mit den Kaugummis abgedichtet. Anschliessend werden die drei Thaipillen auf der Alufolie, in die der Kaugummi eingepackt war, erhitzt. Den Rauch inhaliert man durch die beiden Strohhalme. Wie bei einer arabischen Wasserpfeife geht der Rauch durch das Wasser und wird dadurch angenehm kühl. Antoine stellt den Fernseher ein, damit man das Blubbern nicht hört, und legt ein zusammengerolltes Frottiertuch vor den Türspalt, damit man auf dem Flur nichts riecht.
Srej Lea hustet schwer, immer wieder verschwindet sie auf der Toilette, wo sie ausspuckt, würgt und erbricht. «Hast du deine Medikamente genommen?», fragt Antoine. Wir reden über Drogen, gesundheitliche Probleme, Entzugssymptome, Sucht. «Alles hat seinen Preis», sagt Antoine. Das gilt auch für seine Bilder. Die macht man nicht einfach so nebenher. Entsprechend nervt er sich über Fotografen, die leichthin und kostenlos seinen Stil kopieren wollen. 
Antoine merkt, dass er aus Versehen diverse Drogen nach Kambodscha eingeführt hat. Vorsichtshalber hatte er sie zuvor in Medikamentenkapseln verschlossen, vielleicht wurden sie darum nicht entdeckt. Er weiss gar nicht mehr recht, was er alles mitgenommen hat, öffnet alle Kapseln und leert den Inhalt sorgsam auf das Cover von Vollmanns «Whores for Gloria». MDMA, Speed, Rohopium. Weil es ja unvorsichtig wäre, all diese wertvollen Ingredienzien einfach so rumliegen zu lassen, werden sie ohne Verzug geschluckt, geraucht und gesnifft. Solcherart geht es dann, ganz und gar nicht mehr müde, wieder raus und rein in die verheissungsvolle Nacht. 

Samstag
Wie immer tagsüber mehr oder weniger geschlafen, am Abend in der «Zanzybar». Sprechen über Literatur. Antoine ist ein leidenschaftlicher Leser, darüber geben auch seine Textbeiträge in seinem Buch «Manifeste» und die Gespräche Aufschluss, die er mit Christine Delory-Momberger führte und die unter dem Titel «Le désir du monde» als Buch erschienen sind. Burroughs, Lowry, Bataille, Artaud und Céline gehören zu seinen Fixsternen. Von Selbys «Last Exit to Brooklyn», das er mit 17 las, sagt er: «Das ist keine Geschichte, das ist ein Loch.» 
Schon in Jamaica hatte er ein Mäppchen dabei, in das seine Lieblingsseiten wanderten, die er aus den gelesenen Büchern riss. Den Rest warf er fort. Inzwischen, vom Halbsesshaften zum endgültigen Nomaden ohne jede Vertäuung geworden, hat sich das Minimum noch radikalisiert. Er reist mit immer weniger Gepäck. Er zeigt mir ein Etui mit Papierfetzen, Dokumenten, Kärtchen. «Das ist mein Büro.» Als wir in ein Internetcafé gehen, erschrickt er über die unzähligen E-Mails, die seit dem letzten Mal eingegangen sind. Er schickt eine Pauschalantwort an alle Adressaten: «Tut mir leid, kann im Moment nicht antworten.» Handy-Anrufe liegen meist nicht drin, weil er keinen Kredit mehr hat, und wenn man ihn anruft, ertönt häufig bloss die automatische Stimme, die sagt: «Power off.» Als ich ihn darauf anspreche, meint er, das wäre doch ein passender Titel für sein nächstes Buch.
Er spricht davon, dass seine Fotografie immer eingeschränkter werde. Intensiv statt extensiv. Tiefenbohrungen. Praktisch nur noch Frauen und Paare, kaum mehr Landschaften, Häuser, Szenerien. Und immer abstrakter. In Phnom Penh fotografierte er nur in diesem kleinen Zimmer, nur Ka, während Monaten. «Einmal brauchte ich vier Tage, um alles für ein Bild herzurichten. Wir stellen die Lampe besser hierher; die Matte sollten wir umdrehen; am Ende zertrümmerte ich das ganze Zimmer.» Die extreme Reizbarkeit ist die Kehrseite von Ice. 
«Too much, but not enough» – «Zu viel, aber nicht genug.» Kas Lieblingssatz während der Monate, in denen sie mit Antoine im «Cambodian Room» abtauchte. 
In ein paar Tagen beginnt das Festival «Photo Phnom Penh». Antoine ist mehrfach eingeladen. Mal sagt er: «Sie wollen mich nur benutzen, meinen Namen verwenden. Ich habe keine Lust auf diesen Vernissagen-Smalltalk.» Dann wieder: «Ich sollte hingehen. Unter all diesen Leuten wäre ich sicher.» Dann: «Ich glaube nicht, dass ich mehrere Tage dort sein könnte, ohne ins Quartier zu gehen.» Er erkundigt sich nach dem Preis für einen Bodyguard. 350 Dollar pro Woche. Jemanden töten lassen kostet 300 Dollar.

Sonntag
Gegen Ende seines Phnom-Penh-Aufenthaltes, als sich die Schlinge zusehends zusammenzog, sass Antoine wieder einmal in der «White Cobra Bar», als plötzlich Blitze durch sein Blickfeld schossen. Dann nichts mehr. Bis er auf dem Bett in einem Hotelzimmer aufwachte. Die 300 Dollar, die er gut versteckt auf sich getragen hatte, waren weg. Jemand hatte Gift in seinen Drink gemischt. Er ging nicht mehr ins Zimmer zurück, sondern wechselte jede Nacht das Hotel. «Aber das Phnom Penh der Dealer, Prostituierten und Tuk-Tuk-Fahrer ist ein Dorf, ein feinmaschiges Netz. Als ich noch mit Ka zusammen war, fand ich das grossartig. Kaum fuhr ich zum Zimmer, wurde ihr das mitgeteilt, und wenig später stand sie vor der Tür. Jetzt wurde es mir zum Verhängnis. Eines Abends in einer Bar kam einer der Dealer auf mich zu, machte eine Bemerkung und ging weiter. Ich wusste, dass ich gehen musste, aber schaffte es nicht.» 
Sucht und Sehnsucht, nach Ice und nach Ka, waren untrennbar. Schwierig zu sagen, welche gefährlicher war. Vieles verschweigt Antoine vermutlich, und manches erzählt er unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Seine Panikattacken waren nicht nur Ice-Paranoia. Ka bewegte sich in einem hochgefährlichen Milieu von Pädophilie und Drogenhandel, und auch sie selber war unberechenbar, undurchschaubar und gewalttätig. Es wäre nicht der erste dubiose Todesfall in ihrem Umfeld gewesen. 
Die Immoralität faszinierte Antoine. «Ich wollte mein Bewusstsein ausschalten», sagt er, «wollte bis zum Ende gehen.»

Lan

Montag
Antoine hat in der «Temple Bar» eine neue Dealerin, Lan, aufgegabelt und mit ihr die Nacht verbracht. Am Morgen begleiten wir sie nach Hause. Ein längliches Holzhaus, im Vorraum wird gekocht, Kleinkinder kriechen herum. Wir verziehen uns mit Lan in ihr Zimmer. Ein Doppelbett, an einer quer durch den Raum gespannten Schnur hängen Bügel mit ihren paar Kleidern. Die Wände sind mit farbigen Seiten aus Magazinen tapeziert, durch den Spalt zwischen Dach und Wand wächst Blattwerk hinein. Erst nach einer Weile merken wir, dass es sich um ein Bordell handelt. Lan sagt, sie wohne nicht wirklich hier, komme nur hie und da her. Sex mit einem der Mädchen kostet fünf Dollar für einen Einheimischen, zehn für einen Weissen – «die brauchen länger». 
Antoine raucht mit Lan Yaba. Das erste Mal, das er schon am Vormittag beginnt. Er ist frustriert. Am Vorabend hat er in der Karaokebar ein Mädchen gefilmt, den Fokus der Kamera auf «manuell» gestellt, aber dann vergessen, scharf zu stellen. Erst heute Morgen merkte er es. Und im Bett mit Lan war er zwar animalisch scharf, aber es funktionierte nicht. «Früher hatte ich Spass in den Karaokebars», sagt er. «Jetzt tue ich bestenfalls noch so. Ich kann mich auch nicht mehr in Stimmung saufen. Der Körper erträgt den Alkohol nicht mehr. Einfaches Amusement wird immer schwieriger für mich.»
Lan fährt nach Poipeit an der Grenze zu Thailand. Yaba-Gross-einkauf. Sie fragt Antoine, ob er sich mit einer Investition von 200 Dollar beteiligen wolle. Aber er ist bereits wieder pleite. Er regt sich auf, wenn in Artikeln über ihn das Bild eines reichen, dekadenten und ausbeuterischen Starfotografen gezeichnet wird, der sich für ein paar Stunden voyeuristisch ins Elend begibt, mit ein paar Prostituierten schläft, sie fotografiert und zurück in seine Villa nach Frankreich fährt, wo die Sammler mit Gold und Diamanten auf ihn warten.
Antoine erzählt, dass in Phnom Penh, am Tiefpunkt seiner Existenz, als keine Droge, keine Dosis mehr ausreichte, um die Schmerzen in seinem ganzen Körper zu stillen, ihn Ka einmal in einen Salon von blinden Masseuren führte. «Seeing Hands» stand am Eingang. Schon bei der ersten Berührung merkten die sehenden Hände, dass er voll Yaba, Ice, Heroin, Kokain, Sperma und Blut war. Die Masseure kicherten unaufhörlich, während sie ihn behandelten. 
Am Nachmittag telefoniert Antoine mit seiner Mutter. «Ne couche pas avec tout le monde!», ermahnt sie ihn. Was denkt sie von seinen Bildern? Es sei immer ein bisschen dasselbe. Sie sammelt alle Artikel über ihn, die sie findet. Nur die Passagen über Drogen schneidet sie immer raus. 
Wir treffen uns mit Julie, Antoines philippinischer Studentin. Sie hat für den Workshop eine Prostituierte dafür bezahlt, dass sie es mit einem indonesischen Mitstudenten trieb, und das Ganze fotografiert. Überraschenderweise hat Antoine starke ethische Skrupel dieser Arbeit gegenüber und wollte noch einmal mit Julie darüber reden, obwohl der Workshop zu Ende ist. «Es ist mir wichtig, gerade weil sie mich so bewundert und mich auf oberflächliche Weise nachmacht.» Technisch sei die Bilderserie zwar gut, aber der Status der Arbeit unklar. «Geht es um Dokumentation, Inszenierung, Konzeptkunst, Pornografie?» Fotografische Ethik hat für ihn nichts mit Inhalten zu tun. Ethik heisse: zu wissen, was man tue, Gründe zu haben, sich seiner Gründe bewusst zu sein. Die Prostituierte ist offenbar lesbisch und hat eingewilligt, weil sie in Julie verliebt war. Antoine schlägt Julie vor, die Frau nochmals zu treffen und ihr beispielsweise die Möglichkeit zu geben, auch von ihr, Julie, ein paar Nacktbilder zu schiessen. «Verstecke dich nicht zu sehr hinter deiner Rolle als Beobachterin. Lass dich selbst zum Objekt machen, lass dich auch mal pushen, lass zu, dass die Rollen umgedreht werden, lass dich verführen und involvieren.»
Am Abend in der «Zanzybar» streitet sich Antoine mit Srej Oun. Schliesslich geht sie mit einem andern Mann davon. «Ich bin eifersüchtig», sagt Antoine. «Das ist lächerlich, wenn man Huren als Freundinnen hat. Aber so ist es nun mal.»

Ka

Dienstag
Antoine hat gestern Abend nichts auftreiben können. Er ist schlecht drauf, zermartert seine Fingernägel. Wir suchen Lans Haus, irren in der Mittagshitze durch die staubtrockenen Strassen. Als wir das Haus endlich finden, ist sie nicht da. 
In einer Seitenstrasse essen wir Fischcurry, da taucht eine Frau auf, die Antoine überschwänglich begrüsst. Sie hat zu der Zeit, als Ka und Antoine im «White Cobra» verkehrten, dort gearbeitet. Sie erzählt, dass sich Ka vor sechs Monaten aus dem dritten Stock eines Hauses in Phnom Penh gestürzt habe. Sie überlebte und wurde in ein Spital in Vietnam in der Nähe ihrer Familie gebracht. Nach einer Woche, während des Entzugs, versuchte sie sich die Adern aufzuschlitzen, konnte jedoch abermals gerettet werden. 
Antoine ist perplex. «Ka wurde am Ende des Vietnamkriegs, während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer geboren», sagt er. «Es muss etwas sehr Schwerwiegendes passiert sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr etwas zustossen kann, was ihr nicht schon vorher zugestossen ist.» Antoine glaubt, dass er unter diesen Umständen nach Phnom Penh gehen könne. «Der Typ ist zwar immer noch da, aber die Frau, um die gekämpft wurde, ist weg.»
Ka hatte nie eine Schule besucht, hatte nicht einmal eine richtige Muttersprache, denn infolge ihrer zerrissenen Kindheit sprach sie weder richtig Vietnamesisch noch Khmer. Noch ein halbes Kind, landete sie in der Prostitution. Ihre Mutter war mit ihr aus Vietnam gekommen, um sie in Phnom Penh zu verkaufen. Sie wurde übers Ohr gehauen und kehrte weder mit Geld noch mit Tochter nach Hause zurück. Mit 18 hatte Ka genug Geld, um ein Motorrad zu kaufen. Sie fuhr damit in ihr Heimatdorf. Es war das erste Mal, dass die Leute dort ein Motorrad sahen. Nachher ging’s mit ihr bergab. 
Einmal hatten Antoine und Ka Streit. Er suchte sich ein anderes Zimmer, etwa hundert Meter die Strasse runter, immer noch in Sichtkontakt mit ihrem Fenster. Er war mit den Nerven so am Ende, dass er jemanden mit zehn Dollar zu Ka schickte, um etwas Heroin zu besorgen, zur Beruhigung. Der Junge kam zurück, mit unglaublich schlechtem Stoff. Also stand Antoine auf, ging zu ihrem Zimmer zurück und fragte: «Warum tust du das?» «So machen wir das mit Scheisskunden», antwortete sie und knallte ihm den Zehndollarschein wieder hin. Er zerriss die Note vor ihren Augen in kleine Stücke. Da rastete sie völlig aus und ging mit den Fäusten auf ihn los.
«Von da an wusste ich, wie ich sie zur Weissglut treiben konnte.» Er zerriss immer grössere Noten, bis er bei einem Dealer angelangt war, der 500 Dollar von ihm erpresste. Antoine ging zu ihm, zeigte ihm die fünf Scheine, zerriss sie sorgfältig in winzige Fetzchen und überreichte ihm das Geld – in Form einer Handvoll Konfetti. 
«Das konnte man nicht mehr toppen. Von da an machte es keinen Spass mehr, Noten zu zerreissen, und ich hörte damit auf.»
Wollte sich Ka umbringen, weil sie Aids hatte? Bis zu Antoines Abreise war sie negativ gewesen. «Manchmal benutzte sie Kondome, manchmal nicht. Sie vertraute auf Buddha. Manchmal wollte sie, dass ich es ohne Kondome mit ihr trieb – als Geschenk, als Vertrauens- und Liebesbeweis. Bedingungslose Nähe. Jeden Tag richtete sie liebevoll zwei Altäre mit Blumen her. Das ist meine schönste Erinnerung an sie.»
Antoines Kreditkarte ist gesperrt, sein Konto überzogen. Er ruft bei Magnum an, sie sollen ihm Geld überweisen. Aber das dauert ein paar Tage. Arei ist verschwunden. Sie ist mit einem Kunden aufs Zimmer gegangen; als er ihre zerstörte Haut sah, hat er sie schreiend rausgeworfen. Sie schämt sich und ist abgetaucht. 
In der «Zanzybar» versucht er, ein paar Bilder zu machen. «Don’t smile!», sagt er dem Mädchen, sein häufigster Satz beim Fotografieren. Tatsächlich sieht man auf seinen Bildern kaum je jemanden lächeln, und auch er selbst lächelt selten. Er erhebt sich brüsk. «On y va», sagt er. «Ich weiss zwar nicht wohin, aber gehen wir.» Auch ein guter Titel für sein nächstes Buch. 
In der «Temple Bar» ist eine Frau aufgetaucht, die Antoine hier nie zuvor gesehen hat. Sie sieht edel und teuer aus. Tatsächlich, 100 Dollar. Sie ist bestens unterrichtet, dass Antoine die Frauen im Bett fotografiert. «Ich könnte dich verpfeifen», sagt sie. In Kambodscha ist Pornografie verboten, Antoine wäre eine leichte Beute, die Bilder auf seiner Digitalkamera sprechen für sich. Er erzählt, dass in Thailand die Mädchen 100 Dollar von der Polizei kriegen, wenn sie einen wegen Yaba denunzieren. Man muss nicht einmal in flagranti ertappt werden. «Ein Urintest, dann wanderst du für Monate oder Jahre in den Knast – für eine einzige Pfeife.» Antoine steigt in Bangkok jeweils in einem Hotel ab, das regelmässig hohe Beträge an die Polizei zahlt und auch von Polizisten frequentiert wird. 

Mittwoch
Es ist Antoine wichtig, wenn man über Prostituierte spricht, sie nicht nur als passive Opfer zu sehen. «Ice zum Beispiel, als Aphrodisiakum, ist für sie eine Möglichkeit, das Begehren, den Orgasmus zu retten, weiterhin Lust zu empfinden, eine aktive, geniessende Rolle im Sex zu behalten, und es nicht nur einfach über sich ergehen zu lassen.» Diese verzweifelten Versuche, sich als eigenständiges Subjekt, das wählt, zu behaupten, auch wenn die Bandbreite der Möglichkeiten noch so schmal sein mag, als Individuum mit spontanen Wünschen und Eigenheiten gegen alle Widerstände – das kommt auch in seinen Bildern zum Ausdruck. 
Antoine läuft jetzt immer mit seiner Kamera herum, aber macht keine Bilder. Seit gestern tut es ihm höllisch weh beim Urinieren. Im «Blue Pumpkin» reden wir lange über Geschlechtskrankheiten. «Da kannst du ruhig darüber schreiben», sagt er. «Die Fotos, die ich mache, das ist nicht nur Eros, Lust und Ästhetik. Der Dreck, das Risiko, Ausschläge, Eiter, Schmerzen – das gehört auch dazu, zum Preis, den ich zahle.» Antoine sinniert, dass er früher Prostituierte, Junkies und andere Menschen fotografierte, die er bewunderte, weil sie so wild und verrückt waren. «Inzwischen ist es umgekehrt. Meine Modelle betrachten mich als durchgeknallt, und ich empfinde sie oft als sehr jung und naiv. Ich habe sie alle überholt. Ausser Ka.»
Seit er die Neuigkeiten über sie gehört hat, ist alles anders geworden. «Das Bild von ihr als böse, allmächtige, gefährliche, unwiderstehliche Göttin löst sich auf. Ein Phantasma. Sie wird zu einem zwar abgründigen und leidenden, aber doch menschlichen Wesen.» Er überlegt sich, nach Vietnam zu reisen. Aber er hat keine Ahnung, wie sie reagieren würde.
Erst wollen wir den Bus um 18 Uhr nehmen, entscheiden uns dann aber für jenen um 20 Uhr nach Phnom Penh. Fahren ab, ohne jemandem auf Wiedersehen zu sagen, weder Srej Oun, seiner Verlobten, noch Arei mit dem vernarbten Körper noch der aidskranken Srej Lea noch Srej Lan mit ihrer Yaba-Connection noch Srej Reth, seinem Schützling. Antoine verabschiedet sich nie. Verschwindet und taucht irgendwann wieder auf, in einer Woche, in einem Jahr, in zehn Jahren.
Lange nach Mitternacht kommen wir an. Vorsichtshalber steigen wir in keinem der Hotels ab, wo man ihn kennt. Dann fahren wir zur «White Cobra Bar». François, der Besitzer aus Lausanne, ist offensichtlich nicht besonders erfreut, ihn wiederzusehen. Er hat jahrelang auf den Philippinen gelebt. Die Wände seiner Bar sind dekoriert mit Aufnahmen von ihm zusammen mit Kobras, Pythons, Mambas, Klapperschlangen. Antoine hat zwei Freunde aus Phnom Penh in den Klub bestellt, falls er plötzlich Verstärkung brauchen würde. Und dann kommt ein Mädchen, auch eine alte Bekannte, auf ihn zu und teilt ihm mit, Ka sei vor einer Viertelstunde hier gewesen. Sie ist gerade aus Vietnam angekommen, wo sie ausgerissen ist.
«Hätten wir den Bus um sechs genommen …», sagt Antoine. Und dann sitzt er stundenlang auf dem Barhocker vor dem Lokal, starrt auf die Strasse, die Augen noch weiter aufgerissen als sonst schon, nippt an seinem Wodka, sagt nichts und wartet, wartet, wartet. Irgendwann holt er eine Nudelsuppe, sagt «Zurück zum Start» und schweigt weiter.

Donnerstag
Wir haben uns um zwölf in der Lobby verabredet. Als er nicht dort ist und ich ihn anrufe, sagt er: «Ich kann das Zimmer jetzt nicht verlassen. Wir treffen uns um drei.» Als ich um drei anrufe, nimmt er nicht mehr ab. Als ich es eine halbe Stunde nochmals versuche, stellt er das Telefon ab. 
Ich unternehme einen Spaziergang durch die Stadt. Nicht vorstellbar, dass diese quirlige Grossstadt während zweier Jahre völlig menschenleer war, als die Roten Khmer 1975 einmarschierten und die Bewohner entweder aufs Land evakuierten oder umbrachten. Um 17 Uhr, zurück im Hotel, klopfe ich an Antoines Türe. «Wir treffen uns in einer halben Stunde», ruft er. Aschfahl kommt er schliesslich herunter. 
«Ein Alptraum. Das Mädchen kaufte Yaba und Ice. Ich wollte nicht wieder anfangen mit Ice. Aber nachdem ich Yaba mit ihr rauchte, wurde ich schwach. Wir fuhren zum schwimmenden Dorf, wo sie wohnte. Drogensüchtige sassen am Boden um ein Feuer, nackte Kinder lagen im Müll, voller Ausschläge. Grauenhaft. Wir kauften nochmals Yaba, rauchten, versuchten Sex zu haben. Ich war hypererregt, aber impotent. Sie verlangte mehr Geld und wollte mit einer Freundin wiederkommen. Sie sah meinen pitoyablen Zustand, mein Delirium, und versuchte maximal davon zu profitieren. In den letzten Tagen tat sich langsam eine Perspektive auf, aber nun fällt wieder alles in sich zusammen, alles dreht sich im Kreis, alles wird futile. Ich liebe diese Droge so sehr, sie ist so stark, stärker als Heroin, Kokain, alles.»
Antoine will das Hotel wechseln, obwohl wir für die nächste Nacht bereits bezahlen mussten. Wir machen eine Tour durch die Stadt, aber finden nichts. Schliesslich landen wir wieder am Ausgangspunkt. Ich schlage vor, am Abend ins «Martini» zu gehen, wo Ka jeweils anschaffte. Antoine möchte nicht. «Zu viele Leute dort, die ich nicht einschätzen kann.» Und wenn ich alleine gehe? «Gehe bitte erst morgen. Dann bin ich in einem andern Hotel, und selbst wenn dir jemand folgt, findet er mich nicht.»
Also in die «White Cobra Bar»? Antoine hat keine Kraft mehr, nochmals hinzugehen, nachdem er gestern dort in äusserster Anspannung etwa sechs Stunden gelauert hat. Wir besuchen eine Fotoausstellung mit Party im Rahmen von «Photo Phnom Penh» in den rot beleuchteten, baufälligen Gemäuern des «Bodega», einem zerfallenen Palast in der Nähe des Flusses. Antoine trifft zahlreiche alte Bekannte. Es ist ihm nicht wohl. «Ich bin eifersüchtig auf diese Fotografen, die ein, zwei Wochen hierherkommen, ein paar Bilder schiessen und dann sagen: Ich war da.»
 Plötzlich ruft er: «Komm, wir gehen ins ‹White Cobra›. Ich habe sechs Leute, die mitkommen, das sollte als Schutz reichen.»
Wir zwängen uns in ein Tuk-Tuk. Gleich bei der Ankunft ist klar, dass Ka hier ist. Sie versucht, sich hinter der Theke zu verstecken, Antoine geht auf sie zu. Ich halte die Luft an. 
Sie kommt hervor und sagt: «Fuck you. Ich wollte dich nicht mehr sehen.» Dann lacht sie. Zum ersten Mal seit Jahren hat sie die Haare wachsen lassen. Auf der Schulter trägt sie ein verschwommenes Tattoo, ums Handgelenk einen Verband. Sie sieht gezeichnet aus, «pathétique», aber doch jünger als auf den Bildern, die ich von ihr gesehen habe. Antoine fragt sie nach dem Grund ihres Selbstmordversuches. «Nach unserer Trennung war ich wieder mit dem Dealer zusammen. Ich flog, flog, flog, bis ich fiel.» Die Polizei übte massiven Druck auf sie aus, um sie zur Preisgabe von Namen zu zwingen. Von beiden Seiten wurde sie in die Ecke gedrängt. Schliesslich sah sie nur noch einen Ausweg im Sprung aus dem Fenster. 
Wir gehen mit Ka und ihrer Freundin Yang ins «Martini», aber wir sind zu spät, es ist schon fast leer. Antoine kauft zusammen mit Yang Ice. Yang ist seit sieben Monaten mit einem Mann aus Singapur verheiratet. «Aber mein Herz ist immer noch offen», sagt sie. Ihr Gatte macht sich Sorgen und versucht dauernd, sie anzurufen. Er weiss nicht, dass sie raucht. 
Im Hotelzimmer holt Antoine das Säckchen mit den Kristallen hervor und präpariert die Mineralwasser-Pfeife. Ka hat zu viel getrunken, sie übergibt sich auf der Toilette. Während Antoine zu rauchen beginnt, legt sich Ka auf den Bauch, das Gesicht im Kissen vergraben.
«Fuck you», sagt sie.
«Antoine ist gut», meint Yang zu ihr, «aber nicht für dich.»
Ka raucht nicht mit. 
«Unglaublich», sagt Antoine. 

Freitag
Ich treffe Antoine am Mittag. Ka war ohne Pass und praktisch ohne Geld aus Vietnam hergekommen. Als ob sie gewusst hätte, dass Antoine hier war. Nun ist sie zurückgefahren. Sie wollte ihre Familie nicht enttäuschen. Die ganze Nacht hat sie Pfeifen für Antoine zubereitet, aber selber nicht mitgeraucht. Dafür haben sie es getrieben bis zum Wahnsinn, ohne Kondome. «I’m high», sagte sie. «Ich bin wundgescheuert», sagt Antoine. «Sie erklärte, sie hätte Aids. Ich weiss nicht, ob es ein Witz war.» 
Im Morgengrauen gab sie ihm ihre Adresse in Vietnam, sagte «Ka ist tot» und ging.

David Signer unterwegs: