Sinjar im Kreuzfeuer

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In der nordirakischen Stadt bekämpfen sich IS und PKK. Dazwischen bäckt Agir den besten Kuchen Kurdistans.

Carsten Stormer

Es ist zehn Uhr morgens, als die Alliierten fast ihre Verbündeten töten. Bis jetzt war es ein ruhiger Vormittag, wir trinken Tee, und ich schaue Agir dabei zu, wie er zum dritten Mal hintereinander gegen seinen Kumpel Adnan beim Schach verliert. Die beiden spielen in einer zerschossenen Ruine und kichern wie Schuljungen. Agir schlägt sich mit seiner Pranke auf seine Schenkel, weil er gerade seine Dame eingebüsst hat. Zwanzig Meter nebenan, getrennt durch eine Häuserzeile, liegt eine Stellung der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis).

Agir ist ein 25-jähriger Kurde, ein Riese mit dem Händedruck eines Kirmesboxers und dem Gemüt eines Hamsters. Alles an ihm wirkt ein bisschen zu gross geraten; der beeindruckende Brustkorb, die riesige Nase, der massige Bizeps, der gewaltige Schnurrbart. Um seinen Kopf hat er ein grün-schwarzes Tuch gewickelt. Er raucht. Plötzlich donnert ein US-Kampfflugzeug über Agirs Stellung hinweg und klinkt eine Bombe aus, die viel zu nahe neben uns explodiert. Die Erde bebt. Die Druckwelle lässt die Wände wackeln, und Putz bröckelt von der Decke. Eine Staub- und Rauchwolke steigt neben uns hoch. Agir und Adnan werfen sich auf den Boden. Ich schütte mir vor Schreck Tee über meine Hose und krabbele zu den beiden, lege schützend die Hände über meinen Kopf. Adnan flucht. «Die Amerikaner können nicht zielen. Die sollen Isis treffen, nicht uns.» 

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