Sozialismus tiefgekühlt

Die Sowjetunion ist untergegangen. Doch im sibirischen Dorf Dikson lebt sie einfach weiter.

Urs Mannhart

Mit zerknittertem Gesicht öffnet Ljoscha die Holztür, betritt die düstere, nach Diesel, altem Öl, Gummi und grauer Gewohnheit stinkende Garage und schaut sich um mit kleinwinzigen Augen: halb leer ist die Halle, angenehm ruhig, leider aber steht der Uas, der mausgraue, museal anmutende Kleinbus, mit dem sich Ljoscha bereits vergangene Woche abzumühen genötigt fühlte, immer noch da, hängt immer noch wie ein Vorwurf mitten in der Werkstatt und begrüsst jeden, der eintritt, mit erhobenem Hintern. Ljoscha klopft sich den Schnee von den Schuhen, setzt sich auf einen Schemel, zündet sich eine an und sieht, wie er raucht, wie er blickt, aus wie der kleine Bruder Sylvester Stallones nach einem harten Drehtag. Es ist Montag, es ist Morgen, keine gute Zeit für Helden, die gerne spät zu Bett gehen. Viele Autos sind derzeit nicht in Reparatur, auch mit den Panzern des öffentlichen Verkehrs ist alles in Ordnung, aber Ljoscha ahnt, dass der verkrüppelte Uas dennoch an ihm hängen bleiben wird, dass alle anderen wieder so tun werden, als seien sie beschäftigt, obwohl jeder sieht, dass es nichts zu tun gibt

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Was Ljoschas Arbeit erschwert, ist eine kleine, am Rücken des Bremszylinders hockende Schraubenmutter. Es handelt sich um genau jene rostzerfressene, steinalte und beinahe kantenlose Schraubenmutter, die schon vorige Woche verhockt war, um genau jene, die Ljoscha mit Gewalt zu lösen keinen Bock hat, weil er, falls er sie vermurkst, nicht mehr weiterwissen wird. Deswegen bleibt der 37-jährige Stallone mit dem schmalen Gesicht und den hart in die Haut geschnittenen Marlboro-Falten auf dem Schemel hocken, zieht an der Zigarette und verflucht den Morgen, der sich nicht anstrengt, ein bisschen schneller in den Vormittag hinüberzurollen.
Auf geht die Tür und es betritt, eine Flut blendend hellen Tageslichts im Rücken, ein kräftig gebauter Mann die Garage: Vitia Kulik. Mit Ende zwanzig ist Vitia einer der jüngsten im Team, trägt an seiner Linken nur zwei Finger, im Gesicht ein Grinsen, ist handwerklich versiert. Mit einer nicht ganz verzweiflungsfreien Stimme fragt ihn Ljoscha nach der rostlösenden Flüssigkeit. Vitia schenkt ihm einen Blick, der nicht verheimlicht, wie wenig ihn diese Frage begeistert. Die Flüssigkeit, von der leider schon zu viele im Dorf wissen, dass er sie besitzt, gehört ihm selbst, und weil Vitia weder die Mittel hat, Geschenke zu machen, noch die Lust verspürt, dem Betrieb mit privatem Werkzeug auszuhelfen, lehnt er ab. 
Während die vier mageren, ölpfützenschwarzen Katzen, die in der Garage leben, kläglich um Futter betteln, verarbeitet Ljoscha die psychologischen Konsequenzen dieser Absage mit einer weiteren Zigarette. Hinter ihm, im kaum erhellten Bereich der Garage, wo die geräucherten Fische hängen, türmen sich verbeulte, verbogene, zerschliffene, zerschweisste, verdreckte und verrostete Ersatzteile.
Nach einer Weile tauchen Gennadij und Nikolaj auf, gehen auffallend geschäftig mit einem Gruss an Ljoscha vorbei, öffnen das grosse Tor, setzen sich in einen mächtigen Bulldozer und lärmen mit ihm aus der Halle und hinein in den schönen Frühlingstag: Mitte Mai ist’s, es spannt sich über der Garage ein fast wolkenloser Himmel, der Schnee ist angenehm trocken bei minus 14 Grad.
Ljoscha bleibt sitzen, denkt nach und versucht, wach zu werden. Hinter seinem Rücken ist ein Schild mit rot-weissem Nichtraucher-Symbol zu sehen; etwas vom Neuesten in dieser Garage. Zu neu noch, um Gültigkeit zu haben, denn in Dikson, jenem Dorf, in dessen Zentrum jene Garage steht, benötigt alles ein bisschen länger, bis es ankommt.
Es hat dies vor allem mit Geografie zu tun. Denn Dikson – benannt nach dem englischen Geldgeber des Polarforschers Adolf Erik Nordenskiöld – Dikson liegt nicht bloss tief im tiefsten Sibirien, nein, Dikson ist das nördlichste Dorf Russlands und eine der entlegensten, am schwierigsten zu erreichenden Siedlungen der Welt: Siebenhundert baumlose, schnee- und eisüberzogene Kilometer trennen es vom Nachbardorf. Der klimatischen Bedingungen und des Permafrostbodens wegen wäre der Versuch, in jener Eiswüste eine Strasse oder Eisenbahnlinie zu bauen, der ideale Dauerauftrag für Sisyphos. Eine schüchterne Verbindung zum Rest der Welt unterhält dieses arktische, nur von 649 Menschen bewohnte Dorf, alleine mit jenem Propellerflugzeug, das sich einmal die Woche herbemüht aus dem schadstoffverseuchten, ebenfalls nicht im gemütlichen Teil der Welt domizilierten Industriekaff Norilsk. Bei schlechtem Wetter fliegt die Maschine nicht, und schlechtes Wetter ist häufig.
Es herrschen in Dikson aber nicht nur aufgrund der nordpolähnlichen Witterung, der aussergewöhnlichen Abgeschiedenheit und der hin und wieder durchs Dorf spazierenden Eisbären etwas eigenartige Lebensumstände. Denn fast alle, die in Dikson arbeiten, sind Angestellte des Staates: 93 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Und deswegen lebt es sich in Dikson, einmal abgesehen davon, dass sich manch einer eine Hand, die Nase oder einen Fuss hat absägen lassen müssen, weil er, überrascht von einem Schneesturm, die Haustür nicht mehr rechtzeitig gefunden hat, fast so bequem wie einst in der sozialistischen Union, die oft allerlei Rücksicht nahm auf jene, denen das Arbeiten etwas schwerer fiel, fast so bequem wie damals, als der Staat die Menschen vor nichts so sehr schützte wie vor der Kündigung.
Während also der staatliche Garagist Ljoscha, dessen Vater von einem Eisbären gefressen wurde, dessen Bruder im Eismeer ersoffen ist und dessen Leber Tag für Tag erstaunliche Leistungen vollbringt, nicht besonders in Eile ist, in der staatlichen Garage dem staatlichen Uas neue Bremsklötze zu montieren, neigen auch die anderen Bewohnerinnen und Bewohner dieses tiefgekühlten, U-Boot-ähnlichen Dorfes nicht dazu, viele Risiken einzugehen, bald einmal mit einem burn-out aus dem Arbeitsalltag auszuscheiden.
Auf dem lokalen Flughafen beispielsweise, wo ein kleiner Turm am Rand einer eisigen Piste steht, sitzen die Staatsangestellten Jura und Wolodja in einem gut beheizten Bürozimmer und achten darauf, dass die Funksprüche der Piloten korrekt aufgezeichnet werden. Weil der Funkverkehr automatisch aufgezeichnet und das nächste Flugzeug erst mittwochs erwartet wird, drängt sich montags nicht allzu viel Arbeit auf. Folglich erfreuen sich Jura und Wolodja an den ziemlich laut aus einer Stereoanlage erschallenden Kompositionen Pink Floyds und leeren dazu Glas um Glas jene Flasche, die sonntags aus unerfindlichen Gründen nicht geleert worden ist, während im Nebenzimmer eine wortkarge, diesem Treiben strikt abgeneigte, aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragende Frau zwanzig Minuten lang mit einem spitzen Bleistift und der weltsorgfältigsten Handschrift allerlei Zahlen von verschiedenen Tabellen und Digitalanzeigen in verschiedene dünne und dicke Bücher überträgt, um sich hernach zu einem umfangreichen Gebet und einer noch umfangreicheren Kontemplation auf ein besonntes Sofa zu setzen. Gebete – so viel darf man zur Würdigung ihrer Arbeit sagen – Gebete haben sich noch selten negativ auf die Sicherheit der Luftfahrt ausgewirkt.
Ähnlich hektisch geht es in der Wetterstation zu und her: Auf die Minute genau alle drei Stunden setzt sich die schlanke, gross gewachsene Marina Cherkaschina in einem von Kletterpflanzen begrünten Arbeitszimmer an eine wandschrankgrosse Apparatur, aus welcher pünktlich eine kleine Serie von Morse-Zeichen ertönt. Marina notiert sich diese, nimmt per Funk Kontakt auf mit einer dreihundert Kilometer entfernten, auf einer Polarstation arbeitenden Frau, deren Stimme im Rauschen klingt, als hätte sie einen Packen Papiertaschentücher im Mund. Die Informationen, die bei diesen Vorgängen zusammenkommen, leitet Marina ins Nachbarzimmer weiter – und beginnt dann mit einer Pause, die zwei Stunden und siebenundfünfzig Minuten dauert. Es wäre Marinas 100-Prozent-Job vielleicht tatsächlich attraktiv, müsste sie diese Signale nicht drei Tage lang rund um die Uhr alle drei Stunden empfangen. Und es wäre dies weniger bemühend, läge die Wetterstation nicht ausserhalb des Dorfes auf einer Insel, die es ihr verunmöglicht, in einer drei Stunden dauernden Pause kurz nach Hause zu gehen; ein paar weniger Morse-Piepser und eines Funkspruchs wegen wohnt und lebt Marina während zweiundsiebzig Stunden die Woche im Büro.
Dass auch Polizei, Grenzwacht und Geheimdienst unter akutem Arbeitsmangel leiden, zeigt sich zehn Minuten nach dem Besuch am Flughafen: In einem horrenden Tempo donnert ein Polizeipanzer heran und bremst im letzten Moment direkt vor unseren Füssen. Eine kleine Kompanie grimmigster Polizisten und andere, vor allem im Tragen der Uniform geübte Beamten klettern aus dem lediglich einen Liter Diesel pro Kilometer verpuffenden Gefährt, blähen ihre Brust, rücken die Pelzmützen zurecht und stauchen Wladimir, den liebenswürdigen, kulturinteressierten Flughafen-Mitarbeiter, erst einmal tüchtig zusammen. Sie behaupten, sein Verbrechen, ungefragt westliche Ausländer ins Flughafengebäude eingelassen zu haben, bedeute eine grobe Gefährdung des russischen Luftraumes, bedeute eine Gefährdung Russlands überhaupt, und er könne so gut wie sicher sein, dass ihn diese grenzenlose Fahrlässigkeit die Stelle kosten werde. Wir, der Fotograf Beat Schweizer, die Übersetzerin Jelena Ilinowa und ich, stehen ungläubig daneben, moralisch gefasst, verhaftet zu werden. Gezwungen, in den Panzer einzusteigen, wird allerdings nur Wladimir.
Auf den Posten wird er geführt und verhört, während ich in den Schneespuren des fünf Tonnen schweren Polizeipanzers marschiere und nachdenke über die nachdrücklich geäusserte Bitte des uns persönlich betreuenden Geheimdienst-Agenten: die Bitte, unbedingt positiv über Russland, postitiv über Dikson zu berichten. Soll ich nun herausstreichen, wie toll es ist, dass in Sibirien auch ein zugeschneiter Provinzflughafen das Privileg höchster Sicherheitszonen geniesst? 
 Das Verhör, dem sich Wladimir unterziehen muss, ist jedenfalls unangenehm: Wiederholt wird er gefragt, wieso er sicher sei, dass es sich bei den Journalisten aus der Schweiz nicht um westliche Spione handle, und die Geheimdienstmitarbeiter wollen wissen, für was genau sich die Schweizer denn interessiert haben. Weil die Nachricht vom Fall des Eisernen Vorhangs noch nicht ganz alle bürokratischen Dienststellen Russlands erreicht hat, kann Wladimir das offensichtlichste Argument nicht erwähnen. Auch die Frage, ob es diesem kurz vor der allgemeinen Erlahmung stehenden, mit musealer Technik bestückten Kleinstflughafen nicht ein wenig an Spionagewürdigkeiten mangle, wagt er nicht zu äussern. Aber die Geheimdienstler, die Polizisten und die Grenzwächter können ihm schliesslich nicht viel mehr als grundlose Freundlichkeit gegenüber unbekannten Ausländern vorwerfen, und deswegen wird er nach zwei Stunden straflos entlassen.
«Sie haben mir dringend empfohlen, den Kontakt mit euch verderblichen Ausländern zu vermeiden», sagt er lachend, als Wladimir uns in seiner Wohnung Schwarztee und Gebäck serviert. «Die waren froh, hatten sie endlich etwas zu tun», lautet der Kommentar im Dorf. Tatsächlich ist schwer ersichtlich, was diese Grenzwächter tun, wenn der Tag lang ist.
Dieses Thema ist Irina Dudina, der Gemeindevorsteherin Diksons, nicht unbekannt. «Es kommt immer wieder vor, dass ich gefragt werde: Was zum Henker machst du eigentlich dort oben?», sagt sie in ihrem modernen Büro. «Dann sage ich stolz: Ich helfe mit, die Grenzen unseres Mutterlandes zu beschützen.» Dazu blickt sie aus dem Fenster, als deute sie auf die Grenze. Zu sehen sind aber nur Schnee, Eis und ein paar unschöne Plattenbauten. Man kann es nicht deutlich genug sagen: In dieser Eiswüste wirken die paar Holz-, Blech- und Betonwürfel, die so tun, als seien sie ein Dorf, wie ein besoffener Witz. Auch ein Blick auf die Karte Russlands zeigt hier oben wenig nationale Grenzen: Dikson liegt zwar an der Küste und damit am Rand des russischen Festlandes, andere Länder liegen aber fern: circa 2200 Kilometer südlich liegt Kasachstan; circa 1800 Kilometer westlich das nördlichste Norwegen, im Osten und Westen finden sich 2000 eisig-unwegsamste Kilometer entfernt Grönland und Kanada.
Obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass hier oben jemand illegal einwandert, ähnlich unter null liegt wie die Temperaturen Mitte Mai, scheint der russische Staat ein mehr oder weniger vitales Interesse daran zu haben, dieses Dorf am Leben zu erhalten. Denn Dikson ist keine historische Siedlung – wer wäre freiwillig in dieses Gefängnis gezogen? – und in Dikson wird nichts produziert, es werden keine Rohstoffe abgebaut und es wird, abgesehen vom Alkoholismus, nichts gefördert. Der Staat bezahlt jenen, die sich für ein Leben in Dikson entscheiden, grosse Löhne, und jenen, die nach fünf Jahren die Schnauze noch immer nicht voll haben, bezahlt der Staat noch mehr – bis zum Zweieinhalbfachen jenes Lohnes, der in Moskau bezahlt wird. Damit ist klar: Es handelt sich bei Dikson um den Dorf gewordenen Willen Russlands, allen zu zeigen, dass auch dieses Eis hier mit zum grossen Imperium gehört. Und was zu Russland gehört, gehört bewacht.
Wie aber lässt sich eine Grenze bewachen, die keine ist? Nach nicht zu bestätigenden Angaben arbeiten rund dreissig Grenzwächter in Dikson. Gewiss offeriert diesen Männern das Schicksal nicht jeden Tag die Gelegenheit, jemanden zum kurzweiligen Verhör abzuschleppen. Weil sie aber zu den Marionetten des russischen Geheimdienstes FSB gehören und weil Dikson eine geschlossene Siedlung ist, zu der niemand, nicht einmal russische Staatsbürger, ohne Bewilligung Zutritt hat, bleibt die Frage, wie dreissig Soldaten weit ausserhalb der zivilisierten Welt eine nicht existierende, von niemandem je überschrittene Grenze bewachen, wohl auch künftig ein gut gehütetes Staatsgeheimnis. Das heisst nicht, dass im Dorf nicht allerlei Geschichten kursieren, in welchen die Grenzwächter die Hauptrolle spielen: Sie fahren, so heisst es, mit einem Panzer in die Tundra, um dort, nicht anders als die meisten Dorfbewohner, ohne Lizenz zu fischen, nach Rentieren und Polarfüchsen zu jagen und zu trinken.
Es ist tatsächlich die Jagd, mit der sich die Menschen in Dikson die Langeweile und den Hunger vertreiben, und die Jagd ist es, von der Garagist Ljoscha gerne erzählt. Zum Beispiel von der erstaunlichen Technik, die er anwendet, um einen Beluga-Wal an Land zu bringen: Wenn sich so einer im Netz verheddert, wird er erst mitgeschleift, damit er dort unten an Sauerstoffmangel stirbt. Dann muss man ihn anheben, nah zur Wasseroberfläche bringen, und einer muss hinaus, um ihm einen Schlauch in den Hintern zu stecken – das erzählt Ljoscha mit einer grossen, schwungvollen Geste. Durch diesen Schlauch werden Darm und Magen des Wals so lange mit Luft aufgepumpt, bis sich das Tier ballonartig bläht und nicht mehr absinkt – so lässt sich ein Beluga an Land holen, ohne das ungefähr fünf- oder sechshundert Kilogramm schwere Tier ins Boot holen zu müssen.
Wahrscheinlich stört es ihn, dass Ljoscha wieder vom Fischen spricht, statt sich an die Arbeit zu machen, jedenfalls kümmert sich Vitia nun hinter dem Rücken Ljoschas um die verbockte Schraubenmutter. Weil die daumennagelkleine Mutter derart abgeschwurbelt ist, dass sie sich unmöglich mit einem Schraubenschlüssel packen lässt, greift Vitia zur Zange, mit der sich aber, weil dessen Raster kaputt ist, kein Druck aufbauen lässt. Also muss es mit dem Rost, dem Öl und den Druckverhältnissen stimmen, es muss die Klemmzange genau dann von der noch knapp vorhandenen Schraubenkante abrutschen, wenn der Druck am grössten ist. So ist es immer in dieser Garage, so ist es immer in diesem Dorf: Fehlendes Werkzeug und fehlende oder unpassende Ersatzteile werden ersetzt durch Improvisation, Murks und Fluchsalven.
Als Ljoscha dem murksenden und unter seiner Wollmütze schwitzenden Vitia zu Hilfe eilt, indem er sich neben ihn hinstellt und genau schaut, was er macht, löst sich mit einem Mal die Mutter. Wie durch ein Wunder geht nichts zu Bruch, alles bleibt, wie es sein soll, und Ljoscha holt sich, wie er rasch die alten Bremsbacken löst, doch noch schwarze Finger. Nach diesem Erfolg, der ein kleines bisschen auch dank der Mithilfe Vitias zustande kam, gönnt sich Ljoscha erst einmal eine Pause.
Im Pausenraum hängt über einem dicken, kotbraunen Heizungsrohr staubig, erbarmungswürdig und umgeben von allerlei glänzenden Weihnachtskugeln ein erschöpfter Weihnachtsbaum. Bis zur nächsten Weihnacht dauert es zwar noch eine Weile, da es sich im vorigen Jahr aber bewährt hat, den Baum nicht neu aufstellen zu müssen, wird sich niemand die Mühe machen, ihn nun, nur siebeneinhalb Monate vor Weihnachten, wieder zu entfernen. Gegenüber der weihnachtlich ausgeschmückten Ecke locken von herausgetrennten Zeitschriftenseiten allerlei barbusige Damen, akkompagniert von etwas weniger farbigen Hinweisen, was Trunkenheit sowohl bei der Arbeit wie auch im Privatleben alles anrichten kann.
Akustisch wird dieser Pausenraum erfüllt von Anatolij, Sascha, Walodja und dem sich dazusetzenden Ljoscha, vom halben Team der Improvisationsgaragisten; sie sitzen versammelt auf den Bänken und knallen abgegriffene Spielsteine auf den Holztisch; ein ruppiges, zackiges Domino wird hier ausgetragen, die erzielten Punkte werden Spiel für Spiel in einem Heft festgehalten – ein beruflicher Ehrgeiz offenbart sich in diesem Dominospiel, wie er in Dikson selten ist.
«Wir haben kein richtiges Werkzeug, keine richtigen Ersatzteile», klagt Vitia, der im Schwarztee rührt, ohne am Dominospiel teilzunehmen. «Es zeigt sich an unserem Dorf die typisch russische Mentalität: Etwas muss erst ganz vor die Hunde gehen, ehe sich jemand daran macht, für teures Geld alles von Grund auf neu aufzubauen.» Auch Wolodja ärgert sich über die desolaten Zustände: «Würden hier Japaner arbeiten, sie hätten alle längst Selbstmord begangen.» Der bald 60-Jährige träumt davon, einmal im Leben einen ausländischen Autofriedhof besuchen zu können, um dort alle interessanten Teile zu demontieren.
Konzentriert und knallhart spielen die Männer Domino, Geschenke gibt’s keine, und vor der Mittagspause, so will es der Berufsstolz, darf keiner aufstehen. «Nachmittags müssen wir dann vier Stunden hier sitzen, dann sind wir wieder frei», sagt Wolodja und hebt sich aus der Sitzbank.
Während die meisten Männer kurz nach Hause gehen, um zu essen, geht Ljoscha auf die Bank. Missvergnügt begrüsst die Dame am Schalter den vielleicht etwas barsch auftretenden Ljoscha; seine schmutzigen Hände gefallen ihr nicht. Ihm ist’s egal, die Kreditkarte überreicht er ihr und bittet sie, den Code einzutippen. 
«Ich bitte Sie, den Code müssen Sie wissen!», sagt die Dame. 
«Den weiss ich nicht. Der muss irgendwo auf der Karte draufstehen», sagt Ljoscha. 
Entgeistert bemüht sich die Dame darum, kann den Code aber nicht erkennen und verliert die Geduld: «Mit diesen schmutzigen Händen kommen Sie auf die Bank!»
«Wir haben kein fliessendes Wasser am Arbeitsplatz», erwidert Ljoscha, der keine Lust hat, sich beleidigen zu lassen. 
«Aber Sie können sich doch die Hände waschen!», beharrt die Beamtin. 
Gewiss kennt sie die Garage nicht, allerdings hat sie nicht unrecht, wenn sie Ljoschas Aussage bezweifelt. Denn es gibt fliessendes Wasser in der Garage. Aber die Abwasserleitung ist zugefroren, der Plastikkübel, der an ihrer statt unter der Spüle steht, seit Tagen voll – weil ihn niemand leert, kann niemand den Hahn aufdrehen, und deswegen kann sich niemand die Hände waschen.
Ljoscha mag ihr das nicht erklären, zu kompliziert ist das, auch mag er nun nicht nach dem dummen Code suchen. Er wendet sich ab und spaziert, die zerknitterten Rubel-Noten in Händen, die er zufällig in seiner Jackentasche findet, in den benachbarten Lebensmittelladen und holt sich dort eine kleine Flasche. Er versteckt sie in einer Innentasche, setzt sich jene verspiegelte Pilotensonnenbrille auf, mit der sein Gesicht volle Filmreife annimmt, und marschiert, obwohl er seiner Frau versprochen hat, kurz nach Hause zu kommen, zurück zur Garage. Gewiss hätte ihn seine Frau gut umsorgt, hätte ihm Fleisch, Brot, Käse und Tee aufgetischt, ihm auf die Schulter geklopft. Aber das braucht er jetzt nicht. «Ich habe drei Tage nichts gegessen», sagt er. Das ist Russisch. Übertragen ins Deutsche heisst das: Ich will auch am vierten Tag trinken.
In der dämmrigen Garderobe, wo Platz ist für private Nischen in der Arbeitswelt, wo Platz ist im Spind für eine kleine Flasche, nimmt er die flüssige Mahlzeit ein. Nach dem dritten Glas wird aus dem müden, mürrischen Ljoscha ein aufgeweckter, ein Charme sprühender Mitarbeiter, ein Verzweiflungs- und Improvisationsmechaniker, der sogar motiviert ist, diesem vermaledeiten Uas endlich neue Bremsbacken zu montieren. Egal, ob die Kiste dabei auseinanderfällt oder nicht.
Nicht allen gelingt es, am richtigen Tag zur richtigen Stunde wieder zu einem wodkaklaren Kopf zu kommen. Der 34-jährige Andrej Berdnikow zum Beispiel, ein sympathisch dicker Mann mit kugelrundem Kopf und herzerwärmenden Knopfaugen, angestellt bei der staatlichen Firma, die sich mehr oder weniger intensiv mit den dörflichen Telefonverbindungen beschäftigt, lässt heute einen Arbeitstag ausfallen. Allzu deutlich fühlt er, was sich gestern in seiner aus einem Tisch, einem Kühlschrank, einem gelblichen, bullaugenförmigen Fenster und einer Gitarre bestehenden Küche zugetragen hat.
Ein kleiner Rückblick: Am frühen Nachmittag lärmt ein altes Schneemobil vor der Haustür, Anton und Christina kommen zu Besuch. Da der von Liebeskummer geknickte Sascha für ein paar Wochen die Wohnung seines Vaters übernehmen kann, die im gleichen Haus liegt, sitzt bald auch er am Küchentisch. Für Andrej längstens Grund genug, gratiniertes Rentierfleisch, Kabissalat, Fisch, eine Zweiliterflasche Cola, einen Laptop und zwei leere Aschenbecher auf den Tisch zu stellen, eine Flasche zu öffnen und die Gitarre zur Hand zu nehmen.
Gewiss würde auch die charmante, achtzehnjährige Christina mit ihren porzellanfarbenen Wangen mittrinken, aber sie ist schwanger, verzichtet strikt auf Alkohol und belohnt sich dafür mit ein paar Zigaretten. Andrej, der sein schwarzes Ledergilet direkt über dem beeindruckenden, bärenhaft behaarten Bauch trägt, raucht drei Päckchen am Tag, manchmal mehr, und er achtet darauf, einen halben Augenblick nach dem Wodka bereits Cola im Mund zu haben. Er ist, vielleicht auch aufgrund seines umfangreichen Bauchs, für einige im Dorf eine Vaterfigur, ein zuverlässiges Zentrum in rissigen Familienstrukturen. Christina liebt es, wenn Andrej zur Gitarre greift, wenn er sich einverstanden erklärt, mit ihr im Duett zu spielen.
So nimmt dieser Sonntag langsam Fahrt auf. Die Gläser klirren, es wird gescherzt, gelacht, getrunken, Anton erzählt mit Charme von der Waschmaschine, die er, obwohl sie noch tadellos funktionierte, auseinandergeschraubt hat, um zu erfahren, was sich in ihrem Inneren verbirgt. Alle lachen, Christina aber schüttelt den Kopf: «Wahrscheinlich steht die Waschmaschine nun während Monaten zerlegt in der Küche, und wenn du sie endlich zusammenschraubst, merkst du am Schluss, dass ein paar Teile übrig sind.»
«Es ist immer gut, ein paar Ersatzteile vorrätig zu haben», lacht Anton. «Vielleicht kann ich sie für das Schneemobil gebrauchen!» Auf diese Antwort muss angestossen werden, und zwei Stunden und drei Flaschen später bildet diese winzige, dicht verrauchte, von lauten Stimmen und zwei Gitarren verlärmte Küche das Zentrum der Welt. Kein Mensch versteht, wie dies möglich ist, aber Andrej klemmt seine dicken Fingerbeeren stets genau am richtigen Ort auf die Saiten und holt einen umwerfenden Gesang aus den Tiefen seines behaarten Schmerbauchs. Mitten in einem melancholischen Lied bricht er abrupt ab, weil er sich zu unsicher fühlt. Christina, eine unscheinbare, nüchterne Insel im Meer der Trunkenheit, nutzt diese Gelegenheit für eine herzrührende Ballade, während Andrej unverhofft unter dem Tisch eine weitere Flasche findet, sie sofort öffnet und die Stimmung ringsum weiter ankurbelt. So geschieht es, dass Sascha, der im Grunde lange schon aus dem Rennen ausgeschieden war, der während einer vollen Stunde wort- und leblos den tonnenschweren Kopf gegen die Tapete gelehnt hatte, in die Gegenwart zurückfindet, sich in ihr kurz umschaut und alsbald, als hätte er eine göttliche Eingebung erhalten, auf den hellblauen Küchenschemel klettert: Während in seiner Linken der Filter einer vergessenen Zigarette glimmt, hält er die rechte Hand flach auf die Brust und macht ein Gesicht, dem anzusehen ist, dass sich in den kommenden Augenblicken in dieser Küche etwas kristallisieren wird, das sich in der gesamtrussischen Literatur, wie sie in den vergangenen zweihundert Jahren geschrieben und gedacht worden ist, nur selten kristallisiert. Tatsächlich beginnt Sascha, ausgehend von diesem Zustand erhöhter Geistlichkeit, ein Gedicht des Poeten Michail Lermontow zu rezitieren, dessen Kraft und Schönheit ihn nach der siebten Strophe derart mitnimmt, dass er, den Tränen nahe, seinen Vortrag abbricht. Einen nicht unliterarischen, aber doch auch unschönen Moment lang sieht es aus, als stürze er nun metertief durch die nebelverschleierte Küchenatmosphäre in die prosaischen Niederungen des vollgestümmelten Aschenbechers. Anton, der mit Lyrik nichts anzufangen weiss, weil sie keinen Motor, keinen Keilriemen hat, der aber aufmerksam genug ist, das nahende Unheil zu erkennen, stützt ihn, und der literarische Höhenflug endet heil auf der Augenhöhe der Tischkante, dem Basislager dieser ambitionierten Wodka-Expedition.
Das wäre nun ungefähr der Moment, da Anna in der Küchentür erscheinen müsste, Anna, jene zierliche Frau, von der sich Andrej hat scheiden lassen, die ihren ersten Mann bereits zu Grabe getragen hat und vor kurzem, in ihrem einundvierzigsten Lebensjahr, Grossmutter geworden ist; Anna, die sich hin und wieder von Andrej darüber hinwegtrösten lässt, dass sie noch immer keinen Mann gefunden hat und dass es in Dikson unter den knapp dreihundert männlichen Wesen keinen einzigen gibt, der halbwegs in Frage kommt. Anna aber kommt nicht, scheint heute sehnsuchtsfrei oder möchte sich lieber alleine betrinken. Um dies abzuklären, ruft Andrej sie an. 
«Keine Lust heute», sagt sie, die sich aufgrund des Lärms im Hintergrund ein ziemlich genaues Bild Andrejs Küche machen kann. «Christina ist hier, wir spielen zu zweit», versucht es Andrej. «Ich habe jedes Lied schon tausend Mal gehört, und einen neuen Mann lerne ich in deiner Küche auch nicht kennen.» Klar, dass auch diese Absage mit einem Gläschen zertrunken werden muss. Die Liebe: Grosszügig beschenkt der Norden die Menschen mit Einsamkeiten, schwierig ist es, sie zu finden.
Das zeigt sich auch in der Geschichte der kräftigen und bescheidenen Natascha: Geboren im – von Dikson aus gesehen – südlichen Sibirien, entscheidet sich Natascha im Alter von neunzehn Jahren, nach dem Vorbild ihres Vaters Jägerin zu werden. Das gute Lebensgefühl, draussen in der Natur arbeiten zu können, verbandelt sich in ihr bald schon mit der Sehnsucht nach dem wilden und kalten Norden. Da ihre ältere Schwester bereits in Dikson arbeitet, fällt es ihr nicht schwer, einen Ort auszuwählen. Ausserdem ist Natascha selten für halbe Sachen zu haben – wenn sie in den Norden will, dann richtig.
In Dikson angekommen, findet sie Arbeit im Kindergarten, nicht gerade ihr Traumjob. Immerhin aber ist er gut bezahlt und macht es erschwinglich, ein Schneemobil zu kaufen. Das begehrte Objekt erreicht Dikson wie alle grossen Gegenstände, nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Schiff: einmal jährlich, Ende Juli oder im August, wenn der Jenissei eisfrei wird, macht sich von Krasnojarsk aus ein grosses Versorgungsschiff auf den langen Weg nach Dikson. Fernseher, Kochherde, Pfannen, ein neuer Personenpanzer für den öffentlichen Verkehr, Benzin, Mobiliar, Baumaterial, Batterien, Nataschas Schneemobil – alles wird im Hafen unten ausgeladen – als aber das Schiff umkehren will, ist der Jenissei eines frühen Wintereinbruchs wegen schon wieder gefroren. Weil die Schifffahrtsgesellschaft die Matrosen nicht benötigt, solange das Schiff im Eis steckt, bezahlt sie den Matrosen keine Flugtickets, die ganze Mannschaft muss in Dikson überwintern. Unter den festsitzenden Matrosen befindet sich auch Sergej, und Sergej macht das Beste aus seiner langweiligen Situation; er heiratet.
So kommt Natascha zu ihrer Liebe, so findet sie im Alter von siebenundzwanzig Jahren endlich den Mann, den sie lange nicht hat finden können. Sie lieben sich, Natascha bringt eine Tochter zur Welt, mit dem Schneemobil fahren sie hinaus in die zugeschneite Wildnis, gehen fischen, sammeln Pilze, erlegen Rentiere und sind glücklich. Das klingt wie ein Märchen, für kurze Zeit ist es sogar eines. Bis Sergej zu trinken beginnt.
Ehe sie jemanden einstellen, verlangen einige russische Arbeitgeber von künftigen Mitarbeitern, dass sie sich im Spital eine Ampulle einbauen lassen: eine, die dem Körper über Jahre hin ein den Alkoholkonsum verunmöglichendes Medikament abgibt. Die Schifffahrtsgesellschaft verlangt dies nicht, und Sergej schaut regelmässig abgrundtief ins Glas. Als er einsieht, wie übel er sich zurichtet, entscheidet sich Sergej, auf einer Polarstation arbeiten zu gehen. Spätsommers nimmt er Abschied von Frau und Tochter, geht an Bord eines alten Eisbrechers und lässt sich auf mehrtägiger Fahrt zu einer nordpolnahen, vom Rest der Welt abgeschnittenen Blechhütte bringen. Vier, fünf Menschen und mindestens ebenso viele Hunde gehen auf einer derartigen Polarstation ihrer Arbeit nach, sammeln meteorologische, glaziologische Daten – und leben. Wahrscheinlich entscheidet der Charakter, wer einen zwölf oder vierundzwanzig Monate dauernden Aufenthalt in einer derartigen Hütte als grösstmögliche Freiheit oder als Gefängnis erlebt. Jedenfalls vertrödelt Sergej seither nicht mehr viel Zeit, im Supermarkt an der Kasse zu stehen: Kleider und Nahrung für die nächsten zwölf Monate lud der Eisbrecher auch gleich ab. Helikopter fliegen nur, wenn jemand schwer verletzt und das Wetter gut ist. Kommunikation mit der Restwelt ist unmöglich, ausser per Telegramm.
Das klingt nach einem traurigen Schluss einer doch auch romantischen Ehe, aber die beiden sind noch immer ein Paar: Seit fast fünfundzwanzig Jahren arbeitet Sergej nun auf nordrussischen Polarstationen, kommt im Schnitt jedes zweite Jahr für zwei, drei Monate zu Besuch, dann geht er wieder.
Natascha, die sagt, sie liebe ihren Sergej, habe ihren Sergej immer geliebt, ertrinkt aber nicht in Sehnsucht oder Langeweile, im Gegenteil. Sie ist, im Unterschied zu anderen, die von der Einsamkeit des Nordens mit Logorrhö bestraft worden sind, wortkarg und macht unbeirrt ihr Ding, auch wenn im Winter die Sonne für lange Wochen vollständig verschwindet und viele mit psychischen Problemen kämpfen. Als handwerkliches Mehrfachtalent arbeitet Natascha im staatlichen Geschäft für Wohnungsangelegenheiten, sie malt, bohrt, fräst, hämmert, tapeziert, schleift, klebt und schweisst. An ihrem Ledergurt baumelt stets griffbereit ein gut geschliffenes Messer, das sie nach Gebrauch an Moos, hartem Schnee oder einer alten Zeitung sauber streicht.
Arbeitsfreie Tage verbringt sie am liebsten draussen in der endlosen Tundra, allein mit den streunenden, ihrem Schneemobil hinterher rennenden Hunden oder mit ihrer besten Freundin, der aufgestellten Tatjana, die stets für ein Abenteuer in der Natur zu haben ist. Natascha jagt Rentiere, geht fischen, hantiert mit der Kettensäge und brettert, um einen guten Platz zum Eisfischen zu finden, manchmal auch während fünf Stunden mit dem Schneemobil über das gefrorene Meer. Dafür bleibt sie dann drei, vier Tage. 
An Platz für Ausfahrten fehlt es Natascha nicht, bloss mit dem Benzin muss sie haushälterisch umgehen. Denn in Dikson gibt’s keine Tankstelle, und Benzin kommt, wie alle anderen gewichtigen Dinge, nur einmal im Jahr.
Wenn sich Ende Mai der Frühling ankündigt, sitzt sie gerne, bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, mit offener Jacke während Stunden vor einer Blockhütte, nippt an einem Bier und entfacht ein Feuer. Wenn das kostbare Treibholz, das sie sommers sammelt, auf der Feuerstelle nicht richtig brennen will, hilft sie mit einem Schluck Benzin nach. Später klemmt sie selbst erlegtes Rentierfleisch zwischen zwei Grillgitter und kauert, das Fleisch eigenhändig über die Hitze haltend, beim Feuer. 
Viel uneffizienter liesse sich das nicht bewerkstelligen, aber hier, am Rand der Arktis, ist Zeit eine vernachlässigbare Grösse, bereits Ende April scheint die Sonne während dreiundzwanzig Stunden am Tag, es ist zwecklos, effizient sein zu wollen, denn die Müdigkeit hinkt dem strikt stündlichen Tagesablauf ohnehin hinterher – vor ein Uhr nachts sind nur die wenigsten in Stimmung, sich schlafen zu legen.
Natascha trägt stets ein verschmitztes Grinsen in den Augen, und diese Augen sind ein wenig eingeklemmt über runden Wangen, bilden Augenschlitze, die sich beim Lachen weiter verschmälern. Jetzt legt sie das gebratene Rentierfleisch auf den Teller, setzt sich neben Tatjana vor die Hütte und isst. In ihrem Gesicht, in ihrer ganzen Haltung ruht das Wissen, dass die Dinge so sind, wie sie sind, und dass dumm ist, wer an Unabänderlichem etwas ändern will.
Aber wie geht das, über zweieinhalb Jahrzehnte hin eine Fernbeziehung zu führen, bei der es praktisch unmöglich ist, zu kommunizieren?  
«Das geht», lacht Natascha, und nimmt noch einen Bissen. 
Wann wird dich Sergej wieder besuchen können? 
«Das weiss ich nicht. Letztes Jahr hat er ein Telegramm geschickt: Ich liebe Dich.» 
Und du, was hast du geantwortet? 
«Nichts, das war mir zu romantisch», sagt sie, lacht und hält, wie um nicht weiter sprechen zu müssen, die Öffnung der Bierflasche an ihre Lippen, als wäre damit ein Kuss ersetzt.
Hast du ihm denn nie ein Telegramm zukommen lassen?
«Doch, zu seinem Geburtstag. Happy Birthday habe ich geschrieben.»
Nur diese beiden Worte?
«Ja, das muss reichen. Dass ich ihn liebe, weiss er ja.»

* * * 

Damit findet diese Reportage aus einem staatlich gelenkten, von Arbeitslosigkeit wie auch von beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten befreite Dorf mit ein paar verrussten Happen Rentierfleisch zu einem Ende. Dem ruhigen Schlussbild zum Trotz lärmt aber ein Bulldozer durchs Dorf durch die Strasse; Gennadij und Nikolaj kommen zurück zur Garage, ihre Gesichter sehen ganz zufrieden aus. Kann es sein, dass Arbeit glücklich macht?
«Arbeit?», fragt Gennadij verblüfft.
«Wir sind bloss ein bisschen rumgefahren», sagt Nikolaj, «haben Holz organisiert für eine private Sauna.»
Er nickt zufrieden, ich nicke zurück, wir verstehen uns.

Urs Mannhart unterwegs:
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Urs Mannhart
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