Sprachlos in Sevilla

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Staatliche Korruption, Faulheit und eine verbaute Zukunft: Das Leben der jungen Analphabeten aus Andalusien.

Rocío Puntas

Sie schaut auf ein Blatt Papier und bewegt ihren Kopf hin und her. Ihr rechtes Bein wippt auf und ab, als hätte sie einen Tick. Sie schnalzt mit der Zunge und reibt die Finger an den Handinnenflächen. Der ganze Körper: ein einziges nervöses Kribbeln. Ihre Augen fixieren das Blatt vor ihr auf dem Tisch. Endlich sagt sie halblaut: «‹M› und ‹A›, ‹MA›. ‹M› und ‹A›, ‹MA›.» Und nach einer kurzen Pause, unsicher: «MAMA.»

Chelo sitzt auf dem Sessel im Wohnzimmer ihres Hauses. Heute hat sie keine Schule. Nachdem sie sich im Fernsehen zuerst die Drei-Uhr-Nachrichten und anschliessend ihre Lieblingsserie angesehen hat, setzt sie sich ihre Lesebrille auf die Nasenspitze und beginnt mit langsamen Bewegungen, das Wort aufzuschreiben, das sie gerade gelesen hat. Mama. Sie fährt fort mit Papa, Haus, Tisch. Ein Wort nach dem anderen spricht sie zuerst langsam laut aus, als ob es sich so direkt ins Gedächtnis stempeln liesse. Dann erst schreibt sie es auf. Gefällt ihr das Ergebnis nicht, schüttelt sie den Kopf über ihre Unbeholfenheit, greift zum Radiergummi und beginnt von vorn. So geht das Nachmittag für Nachmittag, bis es Zeit wird fürs Abendessen.

Chelo, 73 Jahre alt, lernt lesen. Noch vor ihrer Geburt stand eines Tages die Guardia Civil vor der Haustüre und fragte nach den Männern des Hauses. Alles geschah sehr schnell, grundlos, unerwartet. Die Beamten versicherten der Mutter, dass ihr Mann bald zurückkehren würde, sie hätten ja nur ein paar Fragen, die sie ihm auf der Wache stellen würden. Aber er kehrte nie zurück. Auch der Bruder und der Vater nicht. Chelos Mutter blieb allein im Haus zurück, zusammen mit drei Kindern und dem vierten unterwegs: Chelo. Wie Zehntausende Spanierinnen in ihrem Alter war Chelo als Kind gezwungen, zu arbeiten. Sie erinnert sich, wie die Familie ständig an einem anderen Ort übernachtete, unter Brücken, unter Bäumen, auf dem Boden, alle fünf zusammengerückt, um der Kälte zu trotzen. Mit sieben pflückte sie Oliven, trug Wasserkrüge auf dem Kopf, die schwerer waren als sie selbst. Sie wusch so lange Wäsche im Bach, bis ihre Hände bluteten und man sie dazu anhielt, aufzuhören. Der Magen war immer leer, das Betteln um ein Stück Brot Alltag. Im franquistischen Spanien der Nachkriegszeit hatten die Kinder der Armen weder die Zeit noch die Möglichkeit, in die Schule zu gehen. Und arme Mädchen sowieso nicht.

Als Abonnent steigen Sie bei Reportagen wegbereitend ein und können diesen und alle weiteren Artikel hier auf der Website lesen. Ausserdem ermöglichen Sie ganz direkt, dass unsere Autorinnen und Autoren, abseits der ausgetretenen Pfade spannende Geschichten aufspüren können.
Rocío Puntas unterwegs:
AutorIn
Themen
Region
Daniel Puntas Bernet und Rocío Puntas