Steven war Neonazi, jetzt ist er Sozialarbeiter

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Die Geschichte einer radikalen Wandlung.

Dmitrij Gawrisch

Es gibt Dinge, Steven, die du noch immer nicht tun kannst. Im Hochsommer zum Beispiel, wenn Wiens Gassen und Plätze in der Sonne glühen, kannst du nicht wie alle anderen zur Donauinsel radeln, aus den Kleidern steigen und in den Fluss springen, ohne wie ein Aussätziger gemieden oder bedroht zu werden. Du kannst spätabends in einer verrauchten Kneipe keine Frau kennenlernen und nach einigen Bieren mit zu ihr gehen, ohne ihr erst deine Lebensgeschichte gebeichtet zu haben. Und wenn du im «Gagarin» eine Limo bestellen willst, musst du damit rechnen, dass der Kellner des linken Cafés im neunten Bezirk dich bittet, zu gehen, weil ein Gast dich erkannt hat und sich vor dir fürchtet.

Deinen ZuhörerInnen – ja, du genderst konsequent – ergeht es zum Glück anders. Als du mit ausladenden Schritten den engen Lehrsaal in der Wiener Fachhochschule betrittst und dich entspannt lächelnd auf den für dich reservierten Stuhl setzt, atmen sie erleichtert auf. Sie sehen sofort: Mit deinem ausfransenden Bart, den Lippenpiercings, deinem Gemütlichkeitsbäuchlein, das in ausgebeulten, unter den Achseln gerissenen Klamotten verpackt ist, bist du nicht der stramme Neonazi, den sie sich vorgestellt haben, sondern einer von ihnen. Ein angehender Sozialarbeiter. Im Seminar lernen sie den Umgang mit Jugendlichen, die sich radikalisieren. Du, Steven, warst ein solcher Jugendlicher, nun bist du hier, um deine Geschichte zu erzählen.

1987, zwei Jahre vor der Wende, kommst du zur Welt. Deine Kindheit und Jugend verbringst du in Kühndorf, Thüringen, neunzig Kilometer südwestlich von Erfurt, im Dreieck zwischen Meiningen, Zella-Mehlis und Suhl gelegen. Kein trostloses Kaff, wie man vorurteilsbeladen denken könnte, sondern ein eigentlich paradiesisches Fleckchen: mittelalterliche Johanniterburg, viel Fachwerk, Wiesen und Felder, so weit das Auge reicht, damals etwas mehr als tausend Einwohner. Behütet wächst du als Mitglied der jüngsten Generation in einem Viergenerationenhaus auf. Besonders zu deinen Urgrosseltern, den Bauern, hast du ein enges Verhältnis, du hilfst im Stall mit und in der Küche, dein Urgrossvater bringt dir Traktor fahren bei, als du zehn Jahre alt bist. Aber auch deine Eltern nehmen sich Zeit für dich, obwohl sie sich gerade mit einer Fleischerei selbständig machen.

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