Studenten als Sklaven

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Menschenhändler in Bangladesh und Malaysia machen Geld mit den Hoffnungen junger Menschen.

Shanjeev Reddy, Samantha Chow, Elroi Yee und Ian Yee

Die Verzweiflung ist allgegenwärtig in Bangladesh. In Dhaka herrscht rund um die Uhr Stau. Die Busse sind so überfüllt, dass die Passagiere auch das Dach besetzen. Autorikschas versuchen, sich an den anderen Fahrzeugen vorbeizuschlängeln. Alle hupen ständig, in der Hoffnung, wenigstens ein paar Zentimeter vom Fleck zu kommen. In diesem Chaos verbrachten wir die meiste Zeit unserer Recherche: Wir sassen in einem unscheinbaren Kleinbus am Rande verstopfter Strassen und belauschten die Gespräche, die unser mit einem versteckten Mikrofon ausgerüsteter Kollege in der Nähe führte. Er gab sich als angehender Collegestudent aus, als junger Mann, der einen Studienplatz im Ausland sucht. Die Leute, an die er sich wandte, waren als «Studienvermittler» getarnte Menschenhändler: Sie locken junge Bangalen mit der Aussicht auf ein Collegestudium in Malaysia an, das ihnen eine Karriere in der Hauptstadt Kuala Lumpur – «im asiatischen Europa», wie sie es nennen – ermöglicht. Damit, so behaupten sie, werde sich das Schicksal ihrer Familien zum Positiven wenden.

Wenn die jungen Opfer der «Studienvermittler» in Kuala Lumpur eintreffen, finden sie dort kein echtes College vor, sondern meist nur leere Unterrichtsräume. Die Ausbeutung junger Männer und Frauen, die verzweifelt auf der Suche nach einem Studienplatz sind, ist ein Millionengeschäft, das weit über Malaysia und Bangladesh hinausreicht. Es gibt Fälle von Studenten aus Indien, Nepal, Bhutan, Nigeria und China, die bis nach Grossbritannien geschickt wurden. Alarmierend jedoch sind die Zahlen in Bangladesh: 2015 und 2016 reisten beinahe 40 000 Bangalen mit einem Studentenvisum nach Malaysia. Damit sind die Bangalen mit Abstand die grösste Gruppe aller internationalen Studenten in Malaysia. Und die meisten von ihnen sind Opfer des Menschenhandels oder einer anderen Art von Ausbeutung.

Die meisten Vermittler behaupten, es sei ausländischen Studenten in Malaysia erlaubt, Teilzeitarbeit zu verrichten. Das überzeugt viele Interessierte.

Dutzende von Studenten, mit denen wir in Malaysia sprachen, berichteten, dass ihre Familien ihre gesamten Ersparnisse hergegeben, Land verkauft und sogar Geld ausgeliehen hätten, um die Mittelsmänner zu bezahlen – im festen Glauben daran, dass sie die Kosten mit Teilzeitarbeit wieder hereinholen würden.

Doch dieses Versprechen ist eine Lüge: In Malaysia gelten strenge Regeln für internationale Studenten, die neben dem Studium arbeiten möchten. Und deshalb erhalten die wenigsten einen permanenten Job. Schliesslich bleibt diesen hochverschuldeten «Studenten» eines «Pseudo-Colleges» keine andere Wahl, als sich illegal als billige Arbeitskraft zu verdingen – nicht selten auf gefährlichen Baustellen – und so im Ausbeutungssystem gefangen zu bleiben.

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