Sulawesi 1988

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Beim Ritual Ma'Nene' wird getanzt und gesungen, das Blut geschlachteter Büffel spritzt, exhumierte Tote werden neu eingekleidet. Und mittendrin: unser Autor.

Nigel Barley

«Die Strasse ist ein bisschen beschwerlich», gestand Johannis, mein einheimischer Begleiter. Tatsächlich musste man für die Fahrt hinauf ins Gebirge und für den Rückweg von dort unterschiedlich viel bezahlen. Die Strecke war seit Jahren nicht repariert worden, und an den unpassendsten Stellen erwarteten uns bedrohlich aussehende, tiefe Wasserlöcher. Das Hauptproblem stellten die Reifen des Lasters dar, die völlig abgefahren waren. Wo ein normaler Lastwagen mühelos durch den Schlamm gekommen wäre, blieb unserer stecken und rutschte. Bei Steigungen, die ein normaler Lastwagen hinaufgetuckert wäre, grub unserer einfach nur grosse Löcher in die Strasse und verbreitete den Gestank brennenden Gummis. Sooft wir stecken blieben, spielte sich dieselbe Prozedur ab. Erst sassen wir wie die Ölgötzen da und taten so, als hätten wir das Problem nicht bemerkt. «Absteigen und schieben!», schrie dann der Fahrer. Wir kletterten herunter. Die einen sahen zu, während andere schoben. Wenn fast genug Leute schoben, um den Lastwagen wieder flott zu kriegen, beteiligten sich auch die Übrigen  – woraufhin die Hälfte derer, die anfangs geschoben hatten, ihre Mitarbeit einstellte. Wie man einen Lastwagen aus dem Schlamm herausbringt, gehört zu den Dingen, über die jeder seine eigene Theorie hat.

«Bretter!», sagte ein Mann. «Was wir brauchen, sind Bretter.»

«Aber meinen Sie nicht, wenn die Reifen …?»

«Nein. Bretter.»

Manche waren felsenfest davon überzeugt, man müsste vor den Vorderrädern Erde wegschaufeln und sie hinter die Hinterräder schippen; das meiste landete auf denen, die schoben. Einige kehrten Gras und Blätter unter die Räder, nur damit beides von Anhängern einer anderen Schulrichtung wieder entfernt werden konnte. Manche bauten auf Steine, das Einzige, was helfe. Sie gruben die Steine aus der Strasse und schoben sie unter grösster Gefahr mit nackten Füssen vor die durchdrehenden Räder.

Johannis setzte sich hin, rauchte eine Zigarette und scherzte mit den Mädchen. Als ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, schlenderte ein Mann mit einem grossen Büffel vorbei, der von einem winzigen Jungen geführt wurde. Der kleine Junge spannte das Tier vor, und es zog den Lastwagen mit beschämender Leichtigkeit aus dem Dreck. Von hinten erscholl eine Stimme: «Mit Brettern wäre es leichter gegangen.»

«Ich dachte, die Toraja würden keine Büffel für die Zugarbeit einsetzen», sagte ich zu Johannis.

«Das da», erklärte er, «ist ein Sklavenbüffel. Schauen Sie sich seine Farbe an.»

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