Sushi aus dem Käfig

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Im Mittelmeer wird der Rote Thunfisch gemästet – weil die Welt nach den trendigen Häppchen giert.

Rocío Puntas

Dein Einzug in die Küchen der Welt war dein Todesurteil. Nie hätte ich einen solchen Erfolg in der Gastronomie für möglich gehalten; als ich ein kleines Kind war, wart ihr in meinen Augen einfach nur stinkende Riesenviecher. An den Geruch nach Fischresten habt ihr mich erinnert, den der Nordwind von der Fabrik herüberwehte. Und an die Wolke, die meine Nachbarin Rosa hinter sich herzog, wenn sie nach der Arbeit in der Konservenfabrik die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg, und die sie auch durch ihr tägliches Schaumbad kaum loswurde. Wie er mich anekelte, dieser Geruch. Erst später habe ich erfahren, dass er von anderen Fischen stammte. Vom alljährlichen Fang gelangten jeweils nur gerade zwei Exemplare in die Hände der Dorfbewohner. Eines wurde der Virgen de la Luz geopfert, der heiligen Jungfrau des Lichts, das andere teilten die Almadrabreros, die Thunfischfänger, unter sich auf. Euren wahren Wert hat damals keiner gezahlt. Denn dir und den Deinen, der grössten und wertvollsten aller Thunfischarten, dem Thunnus thynnus, dem Roten Thun oder Atlantischen Blauflossen-Thunfisch, war schon damals ein ganz anderes Schicksal bestimmt.

Dein metallisch blauer Rücken steht in starkem Kontrast zu deinem silbrigen Bauch. Muskulös bist du und flink; durch kraftvolle, kurze Schläge der Schwanzflosse bringst du es über kurze Strecken auf annähernd 70 Kilometer pro Stunde. Dein Kopf bleibt dabei beinahe regungslos. Deine Stromlinienförmigkeit ist auch der US-Marine nicht entgangen – es heisst, du hättest ihnen beim Bau ihrer Torpedos Modell gestanden. Im Laufe deines fast 30 Jahre währenden Lebens legst du gewaltige Strecken zurück, nicht zuletzt zur Erhaltung deiner Art. Beim Thema Fortpflanzung bist du ziemlich anspruchsvoll. Zum Laichen kommst du ins Mittelmeer, weil du hier den richtigen Salzgehalt und die perfekte Temperatur findest; deine Eier legst du zwischen zwei und vier Uhr morgens ab.

Als grosser Raubfisch stehst du weit oben in der Nahrungskette, flexibel genug, dich dem wechselnden Speiseangebot der Meere anzupassen – wenn es sein muss, tauchst du bei der Suche nach Nahrung auch mal auf eintausend Meter Tiefe ab. Deine Leibspeisen aber sind Heringe, Makrelen und Sardinen. Mit ihrem hohen Fettgehalt liefern sie die Energie, die du brauchst, um ununterbrochen in Bewegung zu bleiben; Stillstand nämlich wäre dein Tod, denn nur durch Bewegung gelangt genug Sauerstoff durch die Kiemen in deinen Körper. Du hältst Temperaturen zwischen 3 und 30 Grad aus. Wie wir Menschen kannst du deinen Körper nahezu gleich warm halten, dein Blutkreislauf ist für einen Fisch aussergewöhnlich. Aber ausgerechnet dieses Wundernetz aus Gefässen stellt die Industrie, die dir zu deiner Berühmtheit verholfen hat, vor grosse Herausforderungen.

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Daniel Puntas Bernet und Rocío Puntas